Was ist bloß mit dem Tanz in Frankfurt los? Die einstige Tanzstadt hat reichlich Federn gelassen, die goldenen Zeiten sind vorbei. Junge Tänzer gehen heute lieber nach Berlin, auf den Bühnen klafft die Schere zwischen verlässlichem Mainstream und exzentrischen Positionen. Tanzexperte Dieter Buroch sieht Licht am Horizont. Top Magazin sprach mit dem ehemaligen Leiter des Künstlerhauses Mousonturm und traf Forsythe-Tänzer und Model Yasutake Shimaji zum Lunch. Text: Dr. Jutta Failing, Fotos: Daniel Woeller for Drykorn, Michael Hohmann

Lucky Charm

Tänzer Yasutake Shimaji vor der Frankfurter Skyline (photo by Daniel Woeller for Drykorn)
Tänzer Yasutake Shimaji vor der Frankfurter Skyline (photo by Daniel Woeller for Drykorn)
Dieser Mann kann Karate. Yasutake Shimaji kann qaber noch viel mehr. Seit 2006 ist der Japaner Mitglied der Company von William Forsythe. Tanz ist das Leben des Ausnahmetalents. Wir treffen ihn zum Lunch, viel Zeit hat er nicht, am Abend ist Premiere im Bockenheimer Depot. Shimaji ist 36, sieht aber gut zehn Jahre jünger aus. „In meinem Alter zählen beim Tanz zunehmend Spirit und Ausdruck“, sagt er lachend und zeigt seine schönen Zähne. Unlängst hat er gemodelt, für die aktuelle Kampagne des Modelabels Drykorn setzte ihn der Frankfurter Regisseur und Fotograf Daniel Woeller in Szene. Gedreht wurde im MA in der Stephanstraße, in der 10. Etage mit grandiosem Ausblick auf die Skyline. „Eine wirklich coole Sache, ich tanzte auf dem Dach“, so Shimaji. Er habe ein Faible für Mode, besonders für den lässigen Stilmix. Dieser sei auch bei den eigenen Choreografien eine wichtige Inspiration. Seine Tanzstücke, in die er Elemente aus Rap und Hip Hop einbaut, wurden schon in Japan aufgeführt. Dort lebt auch seine Frau, die ebenfalls professionell tanzt. „Mein Ehering ist so etwas wie mein Glücksbringer“, zeigt er uns auf die Frage nach dem persönlichen „Lucky Charm“. Wir sprechen Englisch, so ist es in der internationalen Company üblich, unter den 17 Tänzern ist kein Deutscher. „Als ich mich entschied, Tänzer zu werden, waren meine Eltern sehr skeptisch. Die geringen Verdienstmöglichkeiten machten ihnen Sorgen“, erinnert sich Shimaji. Seit bald zehn Jahren einen Stammplatz in der renommierten Forsythe Company zu halten, tägliches Training und Gastspiele, das ist harte Arbeit, die auf die Knochen geht, auch wenn dies der sympathische Tänzer nicht zugibt. Er will tanzen, solange der Körper mitmacht. „Frankfurt zu verlassen, ist für mich im Moment keine Option.“ Forsythe hat in der Tanzszene den Ruf von „Upper class“, auch wegen der überdurchschnittlichen Bezahlung seiner Tänzer. Zur aktuellen Situation der Company will Shimaji sich nicht äußern. Alles sei bestens.

Landluft macht Tanz

Einer ging in die Region. Im Bad Homburger Kurhaus treffen wir Dieter Buroch, der Tanz-Networker und Kulturmanager spricht Klartext über „Spitzenleistungen“ und klamme Nischenkultur. „Was den Tanz angeht, war Frankfurt schon immer zu bescheiden“, ist der 63-Jährige überzeugt. Im schlichten 700-Plätze-Kurtheater hat Buroch, der 2011 nach 23 Jahren als Intendant des Künstlerhauses Mousonturm ausschied, eine Spielstätte für seine Projektreihe „Dance RheinMain“ gefunden. Hier präsentiert er zeitgenössischen Tanz auf hohem Niveau und holt dafür einige der weltweit besten Kompanien in die Kurstadt. Zur Fangemeinde gehören auch viele Frankfurter. Nach unserem Gespräch wird das Nederlands Dans Theater 2 auf der Bühne stehen, das bekannte Nachwuchs-Ensemble aus Den Haag besteht aus 16 Tänzern zwischen 17 und 23 Jahren, die alle eine klassische Ballettausbildung absolviert haben. Einer von ihnen ist der US-Amerikaner Chuck Jones, Absolvent der berühmten New Yorker Juilliard School. In einer Kleinstadt aufgewachsen, kam er als Kind zum Tanz. Die Filmszene mit Gene Kelly – „I’m singing in the rain“ – sei für ihn wie ein Erweckungserlebnis gewesen, erzählt er uns. Bald wird er die Company verlassen müssen, er ist zu alt, und dann wartet vielleicht irgendwo ein neues Engagement. „Tolle junge Leute“, sagt Buroch und kommt auf die Vermarktung von Kompanien zu sprechen, „anders als in Deutschland gibt es in den Niederlanden und in Belgien eine größere Zahl guter Tanz-Agenten, die die Präsenz des zeitgenössischen Tanzes vorantreiben.“ Frankfurt habe sein Licht immer unter den Scheffel gestellt, meint Buroch rückblickend. „Die Stadt war eine echte Tanzmetropole, doch sie hat es nie entsprechend kommuniziert. Wohingegen der Nachbar Nordrhein-Westfalen stets von sich behauptet hat, man sei das Land mit der größten ‚Tanzdichte‘. Keiner wusste so richtig, was das bedeutet, aber alle waren mächtig beeindruckt.“ In der Mainstadt ist der Hype vorbei, was vor allem fehlt sind echte Exportschlager und damit wiederum Magneten für den Nachwuchs aus aller Welt. In den 90er Jahren überstrahlte das Frankfurter Ballett unter dem Choreografen William Forsythe alles, daneben gab es das Theater am Turm (TAT) und das S.O.A.P. Dance Theatre, die hauseigene Company des Mousonturms, von Dieter Buroch ins Leben gerufen. Der Anfang vom Ende der „Tanzstadt“ kam, als die Stadt unter wachsendem Sparzwang den Etat für den Mousonturm kürzte, was die Auflösung der Company zur Folge hatte. Im Domino-Effekt ging es weiter: Das TAT schloss 2004. Im selben Jahr war auch das Ballett zur Aufgabe gezwungen. Eine Herausforderung sieht Buroch heute beim Nachwuchs. „Die Frankfurter Hochschule bildet technisch hervorragende Tänzer aus, die nahe Universität Gießen ist eine Kaderschmiede für Choreografen. Doch die meisten Absolventen wandern ab, hauptsächlich nach Berlin, dort gibt es mehr Spielorte, leere Hallen und Fabriken, auch eine Subkultur, also eine experimentelle ‚Garagenkultur‘, die in Frankfurt so nicht existiert. Außerdem sind die Lebenshaltungskosten in Berlin einfach geringer. Um die jungen Leute länger bei uns zu halten, wären in Frankfurt Künstlerhotels oder WGs, von der Stadt subventioniert, keine schlechte Idee.“

Es tut sich was in der Region

Nederlands Dans Theater, B.R.I.S.A. (photo by Rahi Rezvani
Nederlands Dans Theater, B.R.I.S.A. (photo by Rahi Rezvani
Was würde er sich außerdem wünschen? „Zum Beispiel, dass die Jahrhunderthalle wieder mehr in den zeitgenössischen Tanz einsteigt“, sagt Buroch spontan. Gleichzeitig sei das Bockenheimer Depot nur noch für Forsythe-Arbeiten verfügbar. „Forsythe hat eine ganz eigene Entwicklung vollzogen, auf ihn kann Frankfurt stolz sein. Dass er jetzt für ein kleineres Publikum hochspannende Sachen entwickelt, die mögliche Ballett-Positionen nicht mehr bedienen, finde ich gut. Das habe ich von ihm nicht anders erwartet.“ Der saloppen Einschätzung „Frankfurt hat ausgetanzt“ will Buroch sich nicht anschließen. „Sehen Sie nur den Konzepttanz, auf den sich das Künstlerhaus Mousonturm stark konzentriert. Dieser ist ein unverzichtbares Element in der Beschreibung einer Tanzszene. Insgesamt haben wir in Frankfurt zwar an Boden verloren, doch im Moment entwickelt sich wieder sehr viel, auch in der Region. Durch die Fusion der Darmstädter und Wiesbadener Staatstheater-Ensembles zum neuen ‚Hessischen Staatsballett‘ gibt es aktuell große Wechsel, die vielversprechend sind.“ Skepsis ist angebracht. Die Zukunft wird zeigen, ob diese verordnete Koalition auf Dauer schmackhafte Früchte trägt. Denn damit steht der Tanz in Rhein-Main vor der wohl tiefgreifendsten Veränderung seit der Abschaffung des Balletts Frankfurt. Ballette des klassischen Repertoires wird es nicht geben, „kein dekorativer Tanz“. Gastspiele sollen diese Lücke füllen. Die Zusammenlegung habe trotz Stellenstreichung keine wirtschaftlichen Gründe, war aus der Politik zu hören. Tatsache ist aber, dass Fusionen – mit Blick auf die deutsche Theaterlandschaft – bislang so gut wie nie künstlerischen Erfolg gezeigt haben.

Keine Nischenkultur

Dieter Buroch
Dieter Buroch
Maßgeblicher Förderer für den Tanz in der Region ist der Kulturfonds Frankfurt RheinMain. Ohne die Städte-Organisation mit Sitz in Bad Homburg wären die meisten Projekte nicht zu realisieren, auch nicht der Auftritt des gefeierten Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch bei den diesjährigen Wiesbadener Maifestspielen. Auch das Frankfurt LAB in der Schmidtstraße, in dem sich junge Absolventen und Choreografen experimentell ausprobieren können, wird vom Kulturfonds gefördert. Für Buroch liegt die Sache klar auf der Hand: „Die Zeiten von Stadtdenken und Abgrenzen sind vorbei, so muss auch der Tanz geschlossen auftreten und eine kollegiale Abstimmung über eine größere Fläche stattfinden.“ Buroch spürt eine Aufbruchsstimmung und will von Nischenkultur nichts wissen: „Von Seiten des Publikums ist der Tanz das gewiss nicht. Diese Sparte hat bundesweit die größten Publikumszuwächse und jeder kluge Kulturpolitiker würde daher extrem auf sie setzen. Für Frankfurt und die Region ist dringend eine durch die Politik getragene Initiative notwendig, um junge Künstler zu halten. Daneben sind die Veranstalter gefragt, noch mehr Vermittlungsarbeit zu leisten, also zu kommunizieren, was Ballett und Konzepttanz eigentlich umfasst und auch unterscheidet. Sonst erwartet ein Gast grandiose Bewegungen und ist dann enttäuscht, wenn er untänzerische Avantgarde sieht. Der Tanz hat in den letzten 20 Jahren eine unglaubliche Entwicklung genommen und ist sehr viel facettenreicher geworden, auch mit wechselseitigen Einflüssen aus der zeitgenössischen Kunst, das gilt es, zu vermitteln.“ Gemeinsam sind wir Tanz – so lautet die monetär geförderte Zielvorgabe. „Der Tanz in Frankfurt ist nicht vorbei! Der Tanz geht erst richtig los, denn er hält nicht an Altem fest, und die Ressourcen dafür sind in der Region vorhanden“, fasst Kulturfonds-Geschäftsführer Dr. Helmut Müller auf Nachfrage zusammen. Wie Dieter Buroch träumt er von einem großen Rhein-Main-Tanzfestival, „wir brauchen etwas, was unsere Aktivitäten auch außerhalb der Tanz-Community gebündelt sichtbar macht, und wo wir dies zelebrieren können.“ Was zunächst in zwei Jahren kommen wird, ist eine neue Tanzplattform. Alles sei konkret in der Planung. „Das wird ein Hochamt für das Tanztheater in Frankfurt“, verspricht Müller. Sogar attraktive Nachwuchsprojekte will er mehr in Rhein-Main als in Berlin wissen und führt das Frankfurt LAB als Beispiel an. Beim Publikum kommt bislang etwas anderes an: die internationale Elite ist auf der Durchreise, der Tanz im Künstlerhaus Mousonturm fordert mit Exzentrik heraus und der verdiente Publikumsliebling Forsythe verlässt sich auf Wiederaufnahmen. Im September 2015 kommt ein Nachfolger, das ist beschlossene Sache. Die Stadtverordneten haben die öffentlich-private Kooperationsvereinbarung mit der Company bis 2018 verlängert. Was dann der neue Leiter, Tänzer und Choreograf Jacopo Godani, anstrebt, ist noch nicht bekannt. Frankfurter kennen ihn als Solisten des Tanz-Ensembles. William Forsythe wird künstlerischer Berater bleiben, und dessen Repertoirewerk soll gepflegt und aufgeführt werden. Ältere Tänzer wie Yasutake Shimaji profitieren vor diesem Hintergrund von ihrer Vielseitigkeit. Der Tanz in Frankfurt sucht noch seinen Rhythmus.