Die Frankfurter Skyline wächst, zahlreiche neue Hochhäuser werden gebaut, ganze Viertel befinden sich im Wandel: So löst sich derzeit etwa Alt-Sachsenhausen von seinem Party-Image und selbst die New York Times stellte kürzlich die bemerkenswerte Entwicklung des Bahnhofsviertels fest.
Text: Thomas Zorn, Fotos: Michael Hohmann

Hierfür verantwortlich sind nicht zuletzt junge Unternehmer wie die Gebrüder James und David Ardinast oder Steen Rothenberger, die mit innovativen Ideen und neuen Konzepten das Stadtbild der Mainmetropole verändern und alte wie neue Gebäude mit Leben füllen.

Sogar Oberbürgermeister Peter Feldmann verweist auf das boomende Quartier, wenn er PR für Mainhattan macht. Im Bahnhofsviertel zeigt sich, was Frankfurt kann. Soll heißen: Das Finanzzentrum ist nicht nur effizient, sondern auch hip und kreativ. Noch vor gar nicht langer Zeit galt das Areal rund um den Bahnhof als heruntergekommen und hoffnungslos, ein Ort reserviert für Rotlicht und Drogenhandel.

Es hat sich zu einer Ausgehmeile mit coolen Bars und innovativen Restaurants verwandelt. In zehn Jahren verdoppelten sich hier die Immobilienpreise. Was einige negativ unter Gentrifizierung rubrizieren, ist für die allermeisten ein kollektiver Aufbruch aus der Depression. Die Gebrüder James und David Ardinast haben die Entwicklung mitgeprägt. „Natürlich sind nicht alle Probleme des Viertels über Nacht verschwunden“, sagt James, 45, der Ältere der beiden.

James und David Ardinast im Stanley Diamond
James und David Ardinast im Stanley Diamond

Es gebe noch immer Kriminalität und illegale Prostitution. Doch gleichzeitig zeichnet eine neue Vielfalt das Bahnhofsviertel aus. Inzwischen findet sich anspruchsvolle Gastronomie auch in Ecken, in die man sich früher nicht getraut hat. Wir treffen die Ardinasts nördlich vom Bahnhof im „Stanley Diamond“, das sie 2015 in der Ottostraße eröffneten.

„Bei uns gibt es keinen Dresscode.“ – David Ardinast

Come as you are

Das Restaurant überrascht mit einer Mischung aus Eleganz und Bodenständigkeit. Wände und Bar sind mit Marmor verkleidet, der Boden ist ein einfacher Estrich. Klassische Symmetrie dominiert. Auf den Tischen liegen weiße Tischdecken. Doch die strenge Ordnung sprengen die Gäste. Einige erscheinen im Business Qutfit, andere in Sportklamotten. „Bei uns gibt es keinen Dresscode“, erzählt David, 41, der Jüngere. „Jeder kann kommen, wie er will.“

Im „Stanley Diamond“ haben die Zwei die Vorliebe für Kontraste auf die Spitze getrieben. Hausmannskost trifft feine Aromen. Inspiriert von klassischen Rezepten entfaltet sich eine urbane, nicht abgehobene Gourmetküche. Das Küchenteam achtet akribisch auf Frische und Qualität, ob bei Barbarie-Ente, Bretonischem Seeteufel oder gegrilltem Kalbstafelspitz. Dass ein Großteil der Lebensmittel aus der Region stammt, garantiert ein Netzwerk von Produzenten. Auch dem Gastrokritiker der Frankfurter Allgemeinen gefiel das. Er lobte „die anspruchsvolle, zeitgemäße Küche mit bis ins Detail durchdachten Kreationen“.

James Ardinast
James Ardinast

Nach ihrem Innenstadt-Erfolg mit der Ima Multi Bar in der Kleinen Bockenheimer Straße parallel zur Fressgass starteten James und David Ardinast ihre Produktionsküche 2006 in der Ottostraße gegenüber dem heutigen „Stanley Diamond“. Da waren gerade geeignete Räume frei. „Wir sind also nur durch Zufall ins Bahnhofsviertel geraten“, hebt James hervor. Doch dann faszinierte sie das Potenzial dieses sperrigen Kiezes.

Nur ein paar Minuten zu Fuß entfernt entstand 2010 das Chez Ima in der Niddastraße. Es wurde zum lässigen Treffpunkt mit orientalischer Küche, ergänzt durch überlieferte Rezepte aus dem Hause Ardinast. Das Chez Ima übernahm auch die kulinarische Betreuung des Szene-Hotels „25hours“ nebenan.

Delikatessen im Rotlichtviertel

2013 eröffneten die Brüder gemeinsam mit Oskar Melzer das „Maxie Eisen“ in der Münchener Straße. Ab mittags können die internationalen Gäste selbstgemachte Delikatessen wie Matzeball-Soup oder edle Pastrami speisen. Abends geht’s in die Bar. Hinter dem Tresen finden sich versierte Experten, die Leuten in Feierlaune fast jeden Cocktail-Wünsch erfüllen.

Die Ardinasts sind Vertreter einer Gastronomie, die auf Convenience-Produkte verzichtet, „auch wenn nicht alle den von uns betriebenen Aufwand erkennen“. Der Großvater, selbst Wirt, hatte gehofft, dass die Enkel mit etwas anderem als mit Lokalen ihr Geld verdienen würden – am Ende vergeblich. James studierte Hotellerie an der Boston University und ging dann für zehn Jahre in die Werbung.

David studierte in London, jobbte als Barkeeper und Werbekaufmann. Dann trafen sich die beiden zu Anfang des Jahrtausends in Frankfurt wieder, um mit der Ima Multi Bar die City-Szene zu bereichern. Neuerdings bieten sie auch Beratungsleistungen im Gastronomie- und Eventsektor an. Sie profitieren dabei von ihren Erfahrungen als Agenturprofis und Restaurantinhaber.

Das Ufer wechseln

David Ardinast
David Ardinast

Nun haben die Geschwister, die seit jeher beste Freunde sind, zumindest vorübergehend den Sprung auf die andere Main-Seite gewagt. Die Ardinasts wollen helfen, mit Alt-Sachsenhausen ein zweites lange vernachlässigtes Stadtviertel voranzubringen – mit dem Pop-up-Laden „Showmanship“. Seit Ende letzten Jahres werden dort in der Paradiesgasse Natur- und Bioweine angeboten. Die Auswahl besorgt Christian Lebherz aus der Frankfurter Weinhandlung Cool Climate.

„In Old-Sachs kann noch sehr viel passieren.“ – David Ardinast

Das über Jahre leerstehende verwinkelte Gemäuer – ein Architekturgewitter aus Geisterbahn, schwülen mediterranen Träumen und tiefem Mittelalter – wurde innen nur ausgefegt und rosa angestrichen. Der Name ist eine Hommage an die 1987 verstorbene Las-Vegas-Legende Liberace. Nur zweimal in der Woche – donnerstags und mittlerweile auch freitags – ist der originelle Laden mit schöner Terrasse geöffnet.

Das Showmanship in Alt-Sachsenhausen
Das Showmanship in Alt-Sachsenhausen

Am Eingang grüßt ein rosa Schwan. „Der Disneyesque Stilmix, ohne Scheu vor Kitsch, das Spiel mit dem Charme vergangener Zeiten, die Liebe zu gutem Wein und einer gesunden Portion Absurdität haben uns zu dem Konzept geführt“, erklärt James.

Szene-Viertel statt No-Go-Area

Die Hinwendung der Brüder Ardinast zum Süden ist klug. Auch Alt-Sachsenhausen ist dabei aufzuerstehen. Viele Jahre war es für Frankfurter, die etwas auf sich halten, eine No-Go-Area mit Komasaufen und öden Shishabars. Das ändert sich. „In Old-Sachs kann noch sehr viel passieren“, schaut David in die Zukunft. Beim „Showmanship“ arbeiten die Geschwister mit dem Unternehmer Steen Rothenberger zusammen, der das Märchenschlösschen erworben hat.

Rothenberger besitzt eine Idee für die im Moment noch bizarre Feierzone Old-Sachs mit ihren vielen Geschmacklosigkeiten. So preist eine Rummelkneipe einen Likör unter dem Namen „Ficken“ für 1,50 Euro an. Der 38-Jährige will etwas ganz anderes als das niveaulose Treiben mit Junggesellen-Abschieden und Alkohol-Abstürzen. „Gäbe es die Aggressionen und die Randale nicht, dann wäre Alt-Sachsenhausen die perfekte Kulisse, um Kinder großzuziehen.“ Er schlägt vor, wieder „die gesetzliche Nachtruhe ab ein Uhr anzustreben“. Ihre Einhaltung müssten die Ordnungsbehörden dann notfalls regelmäßig überprüfen.

„bottom-up approach“

Ohne das Gegröle und die Exzesse schwer betrunkener Gäste könne Alt-Sachsenhausen zum Wohnen hochattraktiv werden und dennoch ein Amüsierviertel bleiben, glaubt er. Die Kleinteiligkeit der Straßenräume sei ideal für junge Familien. Der nachdenkliche Macher spricht von „bottom-up approach“ und entwirft die Vision einer „bürgerinitiierten Quartiersentwicklung“.

Zunächst will Rothenberger – den Zeitpunkt verrät er noch nicht – das skurrile Objekt an der Paradiesgasse, das momentan das „Showmanship“ beherbergt, zu einem Komplex „für Hotel oder Wohnungen“ umbauen. „Auch eine kleine Gastronomie ist vorgesehen.“ Den zum Teil noch vorhandenen Wehrturm, angeblich aus dem 12. Jahrhundert, will Steen Rothenberger wieder vollständig aufbauen. Im Keller steht überdies noch ein Naturbrunnen. „Das Ganze wird weder historisierend, noch ultramodern“, kündigt er an. Zu viel will er noch nicht verraten.

Der Investor, dem auch das seit kurzem rein vegetarische Ein-Sterne-Restaurant „Seven Swans“ auf der anderen Flußseite neben der Alten Brücke gehört, interessiert sich schon länger für Alt-Sachsenhausen. Eine ganze Menge hat er bereits auf den Weg gebracht. Mit der Location „Der kleine Mann mit dem Blitz“ fing es 2016 in der Kleinen Rittergasse an – eine phantasievolle Kombination aus Bar und Galerie.

Im vorigen Jahr ging sein Vier-Sterne-Boutique-Hotel „Libertine Lindenberg“ in der Frankensteiner Straße an den Start. Jedes der 27 Zimmer in dem gut 100 Jahre alten Haus, das etwas abseits vom Trubel liegt, zeigt ein eigenes Gesicht. Handgefertigte Objekte, individuelle Bilder und geschmeidige Stoffe vermitteln dem Gast das Gefühl, hier keine abstrakte Nummer sein. Alles läuft sehr persönlich. Es wohnen dort „Kurzbleiber“ und „Langbleiber“, die sich im Gastraum zum Erfahrungsaustausch treffen.

Eine Kochlandschaft unter dem Dach steht allen zur Verfügung. Nur müssen sich die Gäste untereinander absprechen, wer gerade den Kochlöffel schwingen möchte. Im Keller wartet sowohl ein Turn- als auch ein Tonstudio. Zu den Musiksessions werden die Hotelgäste und ihre Freunde eingeladen.

Das Team der Bonechina Bar
Das Team der Bonechina Bar

Gegenüber dem „Libertine Lindenberg“ schmiegt sich an die andere Straßenecke Rothenbergers „Bonechina“, das erst vor wenigen Monaten den Betrieb aufgenommen hat. Zuvor befand sich in dem barocken Häuschen ein Dönerladen. Nun ist alles renoviert, grau gestrichen und von familiärer Eleganz. Die wohnzimmergroße Bar in einem Fachwerkbau aus dem 18. Jahrhundert verzichtet auf einen Tresen. Die Barkeeper mischen sich unter die Gäste. Wer rein will, muss klingeln. Die Gäste verteilen sich locker im Raum und bald stellt sich der Eindruck ein, man sei auf einer privaten Veranstaltung.

„Wir wollen andere begeistern, sich hier zu engagieren.“ – Denise Omurca

Teamwork statt One-Man-Show

„Es gibt vorgemixte Getränke. Man kann aber auch den Barkeepern assistieren“, erläutert Denise Omurca das System. Die 32-Jährige mit Sommelier-Ausbildung steuert als Geschäftsführerin Rothenbergers gastronomische Projekte. Auch sie ist von der Mission Old-Sachs überzeugt. „Wir wollen andere begeistern, sich hier zu engagieren.“

Denise Omurca
Denise Omurca

Tatsächlich ist die Wandlung Alt-Sachsenhauses keine One-Man-Show. Immer mehr Akteure wollen etwas verändern. Noch fehle dem einst gemütlichen Apfelweinviertel, das später zum Hotspot für US-Soldaten und dann zu Frankfurts Ballermann wurde, eine „mächtige Lobby“, diagnostiziert Rothenberger. Das wären viele Menschen, die hier wohnen, arbeiten oder studieren.

Für einen „Ankerpunkt“ hält Rothenberger deshalb den Neubau des Paradieshofes mitten im Quartier. Aus ihm soll demnächst die European School of Design werden. Die Liegenschaft hatte die Stadt 2011 gekauft. Nun stehen die Vertragsgespräche mit der Privat-Uni angeblich vor dem Abschluss. Die Hochschule will Räume für die Lehre, Wohnungen für Studenten sowie ein öffentliches Café errichten. 2018 sollen die Bauarbeiten beginnen und 2020 beendet sein. Damit wäre Alt-Sachs akademisch geadelt.

Gastronomie schafft Kultur

„Überall werden Nadelstiche gesetzt, um etwas in Gang zu bringen“, resümiert Steen Rothenberger, der Jüngste von vier Geschwistern. Parallel zu seinem gastronomischen Engagement kümmert er sich um den Maschinenbau-Zweig der Familie und entwickelt Immobilien. Sein Bruder Sven gewann bei Olympischen Spielen Silber und Bronze in der Dressur. Steen studierte wie sein Bruder und die Schwestern Betriebswirtschaft und promovierte. Danach zog es ihn aber erst einmal nach Afrika. Er sieht sich als Mensch, der gern eigene Wege gehen möchte.

Alt-Sachsenhausen hat auf eine strategisch denkende Persönlichkeit wie ihn gewartet. Seit 20 Jahren existieren dort städtebauliche Förderprogramme, doch der Charakter des Viertels als Stätte billigen Vergnügens blieb, auch wenn die Hälfte der Häuser mittlerweile modernisiert ist. Erst jetzt entwickelt sich allmählich Urbanität. Rothenberger mahnt zur Geduld. Bis der Prozess unumkehrbar sei, werde es vielleicht noch fünf bis zehn Jahre dauern.

Wer über das Kopfsteinpflaster wandelt, sucht noch vergeblich nach einem Bäcker oder einer Fleischerei. Immerhin haben jüngst der Alt-Sachsenhäuser Gastronom Jürgen Vieth (unter anderem „Oberbayern“, „Frau Rauscher“ und „Erdnüsschen“) und der Partyveranstalter Uli Schlepper einen Wochenmarkt auf dem Paradiesplatz ins Leben gerufen, auf dem Hungrige sich mit Bio-Wurst oder türkischen Spezialitäten versorgen können.

Tagsüber ist Old-Sachs nicht mehr völlig ausgestorben. Das liegt auch an einem traditionellen Apfelweinlokal wie dem Lorsbacher Tal. Betreiber Frank Winkler hat seit März mittags geöffnet. Der Wirt serviert Fleisch von regionalen Bauern statt Billig-Schnitzel und bietet in seinem Keller Apfelwein-Proben an.

„Gastronomie schafft Kultur“, lautet eine Maxime der Gebrüder Ardinast. So ist es auch hier. Optimismus macht sich allmählich breit. Alt-Sachsenhausen atmet durch und schaut nach vorn.


Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Print-Ausgabe. Sie wollen schneller informiert sein? Hier können Sie ein Abonnement abschließen.