Ein Mann, ein Saxophon, zehn Kirchen in Frankfurt. Über mehrere Monate spielte Bastian Fiebig musikalische Porträts von Sakralbauten und nutzte deren intensiven Nachhall für neuartige Akkordschichtungen und Improvisationen. Ergebnis ist ein ungewöhnliches CD-Projekt. Im Gespräch treffen wir auf einen Musiker mit dem Blick fürs Wesentliche. Text: Dr. Jutta Failing, Fotos: Michael Hohmann

Bastian Fiebig
Bastian Fiebig

Treffpunkt St. Bonifatius-Kirche, Sachsenhausen. Der 1927 geweihte Backsteinbau begrüßt uns von außen wie ein gewaltiger Monolith, streng und ehrwürdig. Im Innenraum, der mit seinen mächtigen Bögen einen Schiffsbauch zitiert, haben wir uns mit dem Frankfurter Musiker Bastian Fiebig verabredet. Am nächsten Tag wird er hier ein Konzert geben. Wer den passionierten Musiker kennt, weiß, er kommt eigentlich nie ohne – Saxophon.

Der Raum antwortet

„Das Instrument ist ein wesentlicher Teil meines Lebens, es ist meine Stimme“, erklärt Fiebig und macht auf unseren Wunsch hin das Saxophon bereit. Dann spielt er, improvisiert, schickt Klangkaskaden auf den Weg. Und der Raum antwortet. Es seien in dieser Kirche acht Sekunden Hall, wird er uns später erläutern. Wie satte Flipperkugeln breiten sich die tiefen Töne im hohen Raum aus, schlagen Wellen, kommen zurück, verlieren sich. Die Kirche wird zum Klanggefäß. Wohlige Gänsehaut entsteht. „Der Raum spricht mit mir, er reflektiert anders zurück, als du es gibst. Und ich fange an, damit wieder zu spielen, so entsteht eine Kettenreaktion.“ Zehn Frankfurter Kirchen hat der Saxophonist auf diese Weise ihr musikalisches Wesen entlockt, die Improvisationen sind jetzt unter dem Titel „Glaubensräume- Klangräume“ auf einer CD erhältlich. Vergleichbares hat es in Hessen noch nicht gegeben. Jede der Kirchen „antworte“ anders, wobei der Frankfurter Dom mit Abstand das Monströseste liefere, denn dort sei die Nachhallzeit sage und schreibe 12 Sekunden. Die Idee, an unterschiedlichen Orten Klang, Architektur und die Geschichte eines Sakralbaus allein mit dem Saxophon darzustellen, sei „eher zufällig“ nach einem Solo-Konzert entstanden. Schnell wurde klar, „das ist auch für mich eine Reise“. Apropos unterwegs sein, dort, wo sich mittelalterliche Architektur, südliche Landschaft und kulinarischer Genuss aufs Schönste vereinen: Fiebig, der auch als Gastrokritiker und Leiter der Genussakademie Frankfurt tätig ist, findet auf seinen Reisen durch Frankreich und Italien manches Kleinod, ob gastronomischer Geheimtipp oder eine der vielen kleinen romanischen Kirchen im Burgund, in denen er allein spielt und sich auf die Geschichten einlässt, die darin im wahrsten Sinne des Wortes „anklingen“.

Wie schmeckt Saxophon?

„Der Raum spricht mit mir, er reflektiert anders zurück, als du es gibst.“, Bastian Fiebig
„Der Raum spricht mit mir, er reflektiert anders zurück, als du es gibst.“, Bastian Fiebig

Und wenn er sein Instrument mit einem Wein oder einem Gericht vergleichen müsse? Er zögert. „Ich würde sagen, die französische Küche, denn diese Richtung ist eine der Fusionen, sie spielt nicht das eine Produkt in den Vordergrund, sondern schafft aus verschiedenen Produkten etwas Neues. So verstehe ich auch mein Spiel. Ich habe verschiedenste Einflüsse, von Klassik bis Hip Hop, von Jazz bis Hard Rock spiele ich absolut alles.“ Dasaktuelle Projekt verortet er im Klassischen, schätzt die dortige Differenziertheit. „Und echtes Leisespielen gibt es im Jazz nicht“, ergänzt er schmunzelnd. Seit 1986 spielt er das Instrument, und wusste sofort bei der ersten Begegnung, seinerzeit auf der Frankfurter Bettinaschule, das ist „meins“, obgleich man ihm auch eine Gesangskarriere ans Herz legte. Ob das Saxophon nicht eher das Instrument für Einzelgänger sei, fragen wir, wobei wir offenbar einem gängigen Klischee aufsitzen. „Ein Saxophonist ohne Band ist nichts. Zwar beweise ich mit meinem ersten Soloprojekt, dass es auch allein geht, aber das ist nicht die Regel. Grundsätzlich bin ich ein Teamplayer.“ Nicht wenige seiner Schüler hätten anfangs vom Solospiel am Strand geträumt, wie man das oft in Filmen sähe, und seien nach der Umsetzung mehr als enttäuscht gewesen. „Das Meer gibt keine Reflexionsfläche, das Instrument klingt wie eine Schalmei, und außerdem hat man schnell Sand im Mund.“

Das Wesentliche

Wir lauschen noch ein wenig den Klängen zwischen Himmel und Erde. Es ist keine Meditationsmusik, eindeutig. Aber bei dem, der es will, klopft sie ans Innerste. „Meine Musik kann da ein interessanter Botschafter sein, über das Wesentliche im Leben nachzudenken, denn ich spiele hier in einem Raum, der nur dafür gemacht ist: für das Wesentliche.“ Irgendwie liegt es auf der Hand, dass der Künstler, der außerdem einen Verlag für Saxophon-Noten betreibt, schon andere Sakralräume über Frankfurt hinaus in Planung hat. „Wenn ich nicht spiele, spüre ich das schnell, ich brauche das.“ Wir schließen das Gespräch mit der Frage nach dem persönlichen Luxus, was in einer stillen Kirche fast automatisch am Wesentlichen rührt: „Luxus. Das Überflüssige. Es unterscheidet den Menschen vom Affen. Wir bewegen uns weit über das Feld der Selbsterhaltung hinaus und schaffen damit etwas, das wir als menschlich bezeichnen, etwa das Phänomen Nächstenliebe. Und wo Kultur entsteht, entsteht auch scheinbar Überflüssiges. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Da sagt der eine, es sei Luxus, ich sage, da beginnt das Menschsein.“

www.bfiebig.de