Eine Dunstwolke schwebt über seinem Kopf. Im Schneidersitz thront Scott Matthew neben dem Bühneneingang des Mousonturm und raucht genüsslich eine Zigarette in der Abendsonne. „Sorry, dass Ihr warten musstet, aber der Soundcheck hat ein bisschen länger gedauert“, entschuldigt er sich und springt auf, um uns mit Handschlag zu begrüßen. Der ist aber lässig, denken wir, als er sich die langen schwarzen Haare gekonnt mit einer Handbewegung zum Dutt eindreht und auf einer der Holzbänke niederlässt. Lässig, groß, schlaksig und mit sehr dunklen Augen. Ein bisschen wie ein waldschratiger Hipster. „Ich bin ein wenig müde, muss ich gestehen, letzte Nacht wurde es länger“, beginnt Matthew zu erzählen. Dabei sprechen seine Augenringe Bände. Ob die wohl auch vom Weinen sind, fragen wir uns? Schließlich singt zurzeit keiner so schön von den Qualen des Herzens wie der gebürtige Australier.

Schöner Schluchzen

Scott Matthew
Scott Matthew
Der Singer-Songwriter gilt als der ewig Traurige und macht Melancholie zu Musik wie kein anderer. Für all die Trübsal gibt es aber gar keinen Grund, schließlich wird der Song-Poet derzeit überall für seine kummervolle Stimme und seine sparsam instrumentierten Gänsehaut-Lieder über verflossene Liebe, vergangene Gefühle und tiefsitzenden Schmerz gefeiert. „Dabei hatte ich von Musik so viel Ahnung wie eine Kuh vom Melken. Ich habe weder eine musikalische Ausbildung, noch hatte ich je eine einzige Stunde Musikunterricht. Ich kann nicht mal Noten lesen. Geschweige denn Gitarre spielen, denn ich kann den Mittelfinger an meiner linken Hand nicht mehr bewegen. Deshalb spiele ich Ukulele“, erklärt Matthew. Er bestellt sich ein Mineralwasser, was uns fast ein bisschen enttäuscht. Wäre der sympathische Rauschebart mit dem freundlichen Welpenblick schließlich das perfekte Gegenüber für eine Nacht mit viel Whiskey an der Bar. Doch die Zeiten voller Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll seien vorbei, räumt er Vorurteile beiseite. „Und eine Heulboje bin ich auch nicht. Ich muss den Leuten immer erklären, dass ich nicht konstant am Weinen bin und es mir nicht so schlecht geht, wie ich es in meinen Songs suggeriere. Ich weiß einfach nicht, worüber ich sonst singen sollte“, erklärt er, ein wenig über sich selbst schmunzelnd.

Tränendrüsen-Musik

Auch dass seine Musik traurig sei, hört das aus Queensland stammende Musiktalent nicht gerne: „Mit dem Wort ‚traurig‘ verbinde ich Negatives. Meine Songs sind aber nicht negativ. Ich schreibe Balladen, die sind nun mal berührend, aber nicht depressiv“, stellt der 39-Jährige klar. Er habe kein Problem mit seinen Emotionen, denn in der eigenen Traurigkeit läge eine ehrliche Kraft verborgen. Leiden jedoch mag er nicht. „Ich laufe nicht den ganzen Tag geknickt rum. Ich bin genauso glücklich, wie jeder andere auch. Nur wenn ich Lieder schreibe, kann es vorkommen, dass ich heule wie ein kleines Kind. Musik berührt mich einfach. Schon immer. Sie ist für mich wie Therapie, macht mich stolz und gibt mir Selbstsicherheit“, sagt Matthew, dessen Unterarm ein gebrochenes, angerissenes Herz-Tattoo ziert. Herzzerreißend wird es vor allem bei seinen Konzerten – wahre Feste für alle, die den letzten Liebeskummer noch nicht vergessen haben. Schwermut überwiegt, wenn der bärtige Barde seine tiefgründigen Lieder mit charismatischer Stimme ins Mikro haucht, und es den Zuhörern reihenweise kalte Schauer über den Rücken jagt, sodass die Taschentücher Konjunktur haben.

No Diva

Leise und eindringlich zugleich sind die Melodien. Karg die Arrangements. Oft nur getragen von Cello, Klavier, Gitarre und Matthews unverwechselbarer Stimme. Als er vor kurzem „Into my Arms“ von Landsmann Nick Cave erstmals vor Publikum performte, gab es auch für seine eigenen Tränen kein Halten mehr. „Ich habe Tage gebraucht, um den Song ohne Schluchzen einzustudieren. Leider ohne Erfolg. Letztendlich habe ich doch geheult. Genau wie bei Nina Simons ‚He needs me‘. Dieses Lied wird mich irgendwann noch töten. Es versetzt mir jedes Mal einen Stich ins Herz“, erzählt der sensible Liedermacher. Dass er bei der Musik von Popsternchen Taylor Swift dagegen beschwingt in einen Swimming Pool springen möchte und ihn die Sex Pistols sogar zum Tanzen bringen, glaubt man ihm wiederum sofort, hört man den vermeintlich so Unglücklichen lauthals lachen. Denn Witz und Humor sind ihm absolut nicht fremd. Trotz seiner Tränendrüsen-Stücke ist er ein gewitzter Entertainer. Scheinwerferlicht betritt er aber grundsätzlich nicht: „Ich bin ja keine Diva“, betont er. Und obwohl er selbst ein Konzert sofort verlassen würde, wenn er zum Mitmachen aufgerufen würde, wie er sagt, animiert Scott Matthew gerne seine Zuhörer zum Mitsingen. „Ich liebe sing-alongs“, gesteht er, denn es hätte was Gemeinschaftliches, wenn alle gemeinsam sängen. „Das macht mich glücklich. Und Lachen gehört durchaus zu meinem täglich Brot.“

Keep it special!

Dass er bei seinen Auftritten quasi jedes Mal einen musikalischen Seelen-Striptease vor seinen Fans hinlegt, sich entblättert, ist ihm mittlerweile gleichgültig. „Es gab eine Zeit, da war es mir unendlich peinlich, dass mich die Öffentlichkeit nur als Trauerkloß sieht, dem wieder ein Mann das Herz gebrochen hat und der nun seine deprimierenden Songs über die Trennung schreibt. Aber dann erkannte ich, dass dies wohl meine Bestimmung ist. Also mache ich weiter meine Musik.“ Seit März tourt Matthew, der sich selbst als „quite a noise maker“ beschreibt, nun mit seinem fünften Studioalbum „This Here Defeat“ durch Europa. Amsterdam, Paris, London, Lissabon – auf seinem Tournee-Plan stehen zahlreiche Metropolen. Besonders Lissabon hat es ihm angetan: Schließlich entspricht der dort beheimatete Musikstil Fado, der von Melancholie und Sehnsucht – „saudade“ – handelt, Matthews musikalischen Vorlieben. Aber auch zu Berlin hegt der Meister des Trübsinns eine ganz besondere Beziehung. Neben seinem Management leben auch einige Freunde hier. „Germany ist gut zu mir. Hier mache ich darum ein bisschen länger Halt. Und in Berlin war ich schon oft. Die Gigs machen viel Spaß“, erklärt der Solokünstler. Für ihn aber noch kein Grund, nach Deutschland zu ziehen. „,Keep it special‘ ist meine Devise.“

Last Exit: Landflucht

Großstadtflair zieht den Exil-Australier jedoch magisch an. Vom Country-Life hat Scott Matthew nämlich schon lange die Nase voll. Aufgewachsen im tiefsten Busch, zog es das Landei schon früh in die weite Welt. „Ich bin isoliert auf einer Farm im australischen Outback aufgewachsen. Meine Schwester ist mit dem Pferd zur Schule geritten und ich bin nebenhergelaufen. Mir war die Dorfidylle immer zu spießig und ich wollte einfach nicht mehr der schwule Langhaarige sein“, erklärt Matthew, der aus seiner Homosexualität keinen Hehl macht. „Ich wollte was erleben. Also habe ich überlegt, wo der größte und verhängnisvollste Ort ist, an dem es sich lohnt zu leben. Das war dann New York City. Hier lebe ich seit 18 Jahren in Brooklyn. Für mich repräsentiert diese Stadt Freiheit. Hier muss ich auf nichts verzichten. Ich kann Verzicht nämlich überhaupt nicht leiden, deshalb lebe ich immer ganz bewusst im Hier und Jetzt.“