Bruder Michael Wies ist der neue Chef des Kapuzinerklosters Liebfrauen
Bruder Michael Wies ist der neue Chef des Kapuzinerklosters Liebfrauen

Seit Mitte September ist Bruder Michael Wies der neue Chef des Kapuzinerklosters Liebfrauen. Zugleich leitet er den dortigen Franziskustreff, eine Anlaufstelle für Obdachlose und Bedürftige. Der Kapuziner ist dankbar, in einer so spannenden Stadt wie Frankfurt wirken zu können. Und doch weiß er, dass es nur ein Amt auf Zeit ist, das er ausübt. Text: Sabine Börchers, Fotos: Michael Hohmann

Bruder Michael Wies ist der neue Chef des Kapuzinerklosters Liebfrauen
Bruder Michael Wies ist der neue Chef des Kapuzinerklosters Liebfrauen

Mit seiner fast runden Hornbrille, den rötlichen Haaren und in seiner braunen Kutte hat er auf den ersten Blick etwas von einem Lausbub. Michael Wies, im Kapuzinerkloster Liebfrauen für alle nur Bruder Michael, trägt mit seinen 37 Jahren aber große Verantwortung. Auch wenn er der jüngste der insgesamt acht Kapuziner im Kloster ist, seit Mitte September ist er ihr Guardian, also der Chef der Brüdergemeinschaft.

Das kam auch für ihn überraschend. „Mit dieser Anfrage hatte ich nicht gerechnet. Aber dann habe ich gesagt, wenn ich das Vertrauen des Provinzials unseres Ordens habe, und wenn ihr wollt, dass ich die Verantwortung trage, dann mache ich das“, erzählt er. Nun ist er dafür zuständig, dass die Gemeinschaft funktioniert und dass dabei auch die unterschiedlichen Interessen und Wünsche der Brüder berücksichtigt werden.

Seit fünf Jahren lebt Bruder Michael in Liebfrauen, dessen Kirche im geschäftigen Zentrum Frankfurts liegt und zugleich Pilgerstätte für viele nach Seelenruhe Suchende sowie Anlaufpunkt für Bedürftige ist, die im Franziskustreff ein Frühstück, aber auch Zuwendung und Beratung finden können. Der Diplom-Sozialarbeiter und Pädagoge übernahm die Leitung des Treffs im November 2015, kurz nachdem er sein Ordensgelübde abgelegt und sich damit auf „ewig“, wie es darin heißt, an den katholischen Orden gebunden hatte.

Noch einmal gut fünf Jahre zurück liegt seine Entscheidung, überhaupt in den Orden einzutreten. Damals, als Mitte-20-Jähriger, hatte der gebürtige Westfale aus Coesfeld in Wirtschaft und Verwaltung gearbeitet, träumte von einer Familie mit zwei Kindern. Doch sein Weg sollte in eine andere Richtung führen.

2008 trat Bruder Michael Wies in den Kapuzinerorden ein und begann seine Ausbildung unter anderem in der Schweiz
2008 trat Bruder Michael Wies in den Kapuzinerorden ein und begann seine Ausbildung unter anderem in der Schweiz

Beim Pilgern im französischen Burgund traf er auf Franziskaner-Brüder und stellte fest, dass ihn auch nach seiner Heimkehr der Lebensweg des Heiligen Franziskus nicht mehr losließ. Also entschied er sich, für einige Zeit im Kapuzinerkloster in Münster das Ordensleben kennenzulernen. „Ich habe gespürt, dass ich dem mehr Raum geben und es ausprobieren muss.“ 2008 trat er schließlich in den Kapuzinerorden ein und begann seine Ausbildung unter anderem in der Schweiz, in Salzburg und in Liebfrauen in Frankfurt. „Hier habe ich damals ein Praktikum gemacht und auch Bruder Wendelin noch kennengelernt“, erinnert er sich an den mittlerweile verstorbenen Gründer des Franziskustreffs.

Eine prägende Zeit

Nachdem Michael Wies sein Studium der Sozialarbeit in Münster absolviert hatte, ging er im Rahmen der Ordensausbildung für ein Jahr auf die Philippinen und arbeitete dort in unterschiedlichen Sozialprojekten. „Ich kam an, als gerade zwei Taifune dort gewütet hatten, und habe erstmal eine Woche lang Medikamente gepackt.“ Inmitten dieser von den Naturgewalten gebeutelten Welt merkte er, dass er etwas bewirken kann mit seinem Tun. Es sei eine prägende Zeit gewesen, sagt er heute.

„Man fragt sich, bin ich dazu berufen, was macht das mit mir.“ – Bruder Michael Wies

Bei der Frage nach möglichen Zweifeln an seiner Entscheidung für das Ordensleben muss Bruder Michael lächeln. Zu oft ist er vermutlich schon danach gefragt worden. Schließlich erinnert die Kordel, die um seinen Habit gewickelt ist, stets daran, was er Gott geschworen hat. Drei Knoten sind in diese Kordel geflochten, sie stehen für Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit. „Zweifel gehören dazu. Man fragt sich, bin ich dazu berufen, was macht das mit mir“, räumt er ein. Und dann sagt er das, was er vermutlich schon vielen zuvor erklärt hat: Er habe sich in Freiheit dazu entschieden. Der frühere Lebensentwurf sei für ihn unbedeutend geworden. Die lange Ausbildungszeit, in der man sich mit Gottes Plan auseinandersetze, helfe dabei. Es sei ein Reifeprozess.

Und dann wird er doch noch sehr persönlich: „Aber manchmal, wenn ich meinen besten Freund sehe, der gerade eine Tochter bekommen hat …“, setzt er an, und beendet den Satz dann: „Dafür habe ich eine andere Freiheit und ich lebe in der Gemeinschaft.“ Allzu menschliche Gefühle sind auch einem Kapuziner offenbar nicht fremd. „Dass mal eine tolle Frau auftaucht und man denkt wow, das gibt es auch bei mir.“

Bruder Michael Wies möchte nicht nur Ansprechpartner sein, wenn Menschen in Krisen geraten, sondern mit ihnen im Gespräch bleiben
Bruder Michael Wies möchte nicht nur Ansprechpartner sein, wenn Menschen in Krisen geraten, sondern mit ihnen im Gespräch bleiben

Die Versuchung ist bei den Kapuzinern oft gegenwärtig. Anders als andere Ordensbrüder leben sie nicht abgeschieden von der Welt, sondern ausdrücklich „in der Welt und für die Welt“. „Die Welt ist unser Kloster, das ist unser Stachel, aber das ist auch faszinierend.“ Für Bruder Michael bedeutet es, dass er viel in der Frankfurter Stadtgesellschaft unterwegs ist.

Man trifft ihn nicht nur auf der Zeil, in der Oper oder im Museum, sondern auch schon mal auf der Top Lounge im Club „Le Panther“ oder auf anderen Veranstaltungen, bei denen er Kontakte knüpft und in die Gesellschaft hineinwirken möchte. „Wir sind ja nicht für uns da, wir haben eine Botschaft zu verkünden.“ Dabei möchte er nicht nur Ansprechpartner sein, wenn Menschen in Krisen geraten, sondern mit ihnen im Gespräch bleiben.

„Auf Grundsatzfragen danach, woher wir kommen, was der Sinn ist, können wir Antworten geben.“ – Bruder Michael Wies

Glaubhaft vorleben

Die Verbindung zu jungen Menschen ist dem Ordensbruder dabei besonders wichtig. Immer wieder führt er Schulklassen durch das Kloster und den Franziskustreff. Gerade den jungen Leuten versuche er etwas von der Freude des Glaubens zu zeigen und ihnen diesen glaubhaft vorzuleben. „Auf Grundsatzfragen danach, woher wir kommen, was der Sinn ist, können wir Antworten geben.“ Und selbst moderne gesellschaftliche Themen wie etwa den neuen Minimalismus habe der heilige Franziskus längst vorgelebt.

So besagen die Regeln des Bettelordens, dass keiner der Brüder Besitz haben soll. Nun hat die moderne Welt auch vor den Klostermauern nicht Halt gemacht. Auch Bruder Michael nutzt ein Handy und einen Laptop. „Wir bekommen ein Verfügungsgeld und der Orden stellt uns einige Dinge. Der Grundgedanke ist, dass wir kein Haus bauen oder ein Auto kaufen sollen“, erläutert er. Ein Glas mit Muscheln, die er auf seinen Reisen gesammelt hat, darf aber durchaus sein Arbeitszimmer im Franziskustreff schmücken.

Auch das Leben im Liebfrauenkloster ist Regeln unterworfen. Zwischen 5.30 und 6 Uhr morgens steht Bruder Michael auf. Sein erster Weg führt ihn in den Franziskustreff, wo das Frühstück eingedeckt wird. „Um 7.45 Uhr öffnen wir die Tür für die Armen.“ Erst dann geht es zurück zum Morgengebet und anschließend frühstückt er selber.

Das Mittagsgebet um 12 Uhr und das Abendgebet um 19 Uhr sind ebenfalls feste Zeiten, die die Brüder einhalten. Auch der Mittwoch gehört ganz ihnen. Um 9 Uhr bereitet dann einer der Brüder einen geistlichen Impuls vor. „Anschließend besprechen wir unter meiner Leitung alles, was das Kloster angeht.“ Montagsabends treffen sie sich zum Brüderabend, an dem sie sich austauschen können.

Die Welt als Kloster

Auch Kapuziner sind nicht rund um die Uhr im Einsatz. Es gibt Zeiten, in denen Bruder Michael den Habit ablegt, in denen er für sich sein möchte. „Dann kann ich in Ruhe auf der Berger Straße nach einem Buch stöbern oder schwimmen gehen und werde nicht sofort erkannt.“ Und dann gibt es natürlich die stillen Zeiten im Kloster, in denen er ganz für sich sein kann. „Das ist die Möglichkeit für Meditation, um mich neu auszurichten und Gott in den Mittelpunkt zu stellen.“ Auch das ist wichtig, damit er anschließend mit neuer Kraft in die Welt hinausgehen kann.

Da die Welt ihr Kloster ist, sollen die Kapuziner an einem Ort allerdings keine zu starken Wurzeln schlagen. Ihre Ämter bekleiden die Brüder immer nur auf Zeit. In der Regel sei man für drei Jahre Guardian, sagt Bruder Michael. „Wenn der Provinzial sagt, ich brauche Dich woanders, dann muss ich meine Sachen packen und gehen.“ Auch nach Frankfurt habe er eigentlich nicht gewollt, erzählt er. Heute sei er aber dankbar, in dieser spannenden Stadt wirken zu können, ohne den Gedanken aus den Augen zu verlieren, dass es ein Aufenthalt auf Zeit ist. „Unsere Familie ist auf der gesamten Welt so groß, wer weiß, wo mein Weg mich noch hinführt.“

Dass die Kapuziner, die wie die katholische Kirche generell Nachwuchsmangel verzeichnen, ihr Kloster in Frankfurt einmal aufgeben könnten, das kann sich Bruder Michael derzeit nicht vorstellen. „Unser Auftrag hier ist noch nicht erfüllt, es kommen immer mehr Menschen, die uns brauchen.“


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