Die Situation im Buchhandel ist derzeit nicht rosig. Die Branche steht unter Druck: wachsende Marktanteile für E-Books, immer mehr Autoren als Selbstverleger, interaktives Lesen. Dennoch zeigten sich die Verlage auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse optimistisch und hofften auf den Endspurt im Weihnachtsgeschäft. Beim Rundgang durch die Messehallen war der Trend zu hochwertigen, teils luxuriös ausgestatteten Büchern zu bemerken, viele Verlage appellierten dabei an das „haptische Erlebnis“. Der Krise mit Luxus begegnen? Top Magazin fragte auf der weltweit größten Bücherschau Autoren und Performer, was für sie Luxus bedeutet, auf welche Genüsse sie nie verzichten würden und ob es einen typisch deutschen Luxus gibt. Die erstaunlichen Antworten belegen, dass wahrer Luxus eine höchst individuelle Sache ist. Text: Dr. Jutta Failing, Fotos: Michael Hohmann (Top Magazin Frankfurt)

Lizardman: „Ich hasse Schmerz. Aber Schmerz ist kein Grund, etwas nicht zu tun.“
Lizardman: „Ich hasse Schmerz. Aber Schmerz ist kein Grund, etwas nicht zu tun.“
Arnold Schwarzenegger: Der Terminator trägt Prada!
Arnold Schwarzenegger: Der Terminator trägt Prada!

Er hat den größten Auftritt. Blitzlichtgewitter, Hunderte wollen ihn sehen. Und dann tritt er auf, hautnah, der Ex-Sportler, Ex-Terminator, Ex-Gouverneur und wohl bald Ex-Kennedy-Ehemann. Arnold Schwarzenegger, der „österreichische Bub“, der für viele den amerikanischen Traum verkörpert. Jetzt erzählt er in einem Buch seine Lebensgeschichte, mit allen Höhen und Tiefen, auch mit viel pikanter Wäsche. Sein Auftritt auf der Messe ist der eines routinierten Politikers, der meint, alles richtig gemacht zu haben. Beim abendlichen Empfang trägt Schwarzenegger zum Anzug Schuhe mitorangefarbenen Streifen an der Sohle, und sofort wird klar: Der Terminator trägt Prada! Was empfindet wohl so ein luxusverwöhnter Schauspieler als unverzichtbares Highlight in seinem Alltag? Seine Antwort überrascht: „Egal, wo ich in der Welt unterwegs bin, steige ich aufs Fahrrad und erkunde die Gegend, weil man so auch in die Geschäfte und Cafés schauen, Menschen leichter begegnen kann.“ Alles klar, von nun an werden wir in der Frankfurter Goethestraße Radfahrer mit tief ins Gesicht gezogener Mütze aufmerksamer beobachten. Es könnte Arnie sein!

Reinhold Messner: „Mein ganzes Leben ist ein einziger Luxus.“
Reinhold Messner: „Mein ganzes Leben ist ein einziger Luxus.“
Bergsteigerlegende Reinhold Messner interessiert klassischer Luxus überhaupt nicht. „Mein ganzes Leben ist ein einziger Luxus, denn ich kann nach meinen Vorstellungen und Träumen leben, und habe außerdem die Zeit, die Mittel und das Know-how, in der Welt herumzureisen.“ Für sein neues Buch hat er weltweit Bergvölker besucht, „die den Wert Luxus nicht kennen und auch nicht brauchen“. Bei diesen Menschen gehe es, bedingt durch die Höhe und die karge Umwelt, nur ums Überleben, so Messner. „Aber ich bin der letzte, der behauptet, diese einfachen Menschen seien glücklicher.“

Der Engländer Erik Sprague, bekannt als Lizardman, ist nicht zu übersehen. Sein Körper ist eine einzige Performance, komplett mit Tattoos und Implantaten überzogen, die ihn wie eine Eidechse aussehen lassen. Und um diesen Eindruck noch zu verstärken, streckt er die gespaltene Zunge heraus. Auf der Buchmesse präsentiert Sprague die neueste Ausgabe von „Ripley’s – Einfach unglaublich“, die ihn als einen der am extremsten veränderten Menschen weltweit einstuft. Im Gespräch ist von Grusel keine Spur, der Echsenmann ist ein freundlicher Herr, der fast einmal promoviert hätte, wie er uns erzählt. Heute ist der bekennende Freak mehr als 300 Tage im Jahr auf Tour. Sein täglicher Luxus unterwegs seien die Videospiele, die er selbst gestaltet und produziert.

Wahrer Luxus ist einfach

Georg Mascolo: „Für mich bedeutet Luxus Zeit für gute Bücher.“
Georg Mascolo: „Für mich bedeutet Luxus Zeit für gute Bücher.“
Ursula Krechel, lange als Lyrikerin wahrgenommen, erhielt für ihren Roman „Landgericht“ den Deutschen Buchpreis2012. Sie war übrigens die einzige Frau unter den sechs Finalisten. In ihrem Buch erzählt sie die Geschichte eines jüdischen Richters, der nach seiner Flucht aus Nazi- Deutschland zurückkehrt und auf Abwehr stößt. Nach der Verleihung im Kaisersaal, traditionell am Vorabend der Buchmesse, antwortet sie auf die Frage, was für sie wahrer Luxus sei: „Unstörbarkeit. Und natürlich die Tatsache, dass ich als freie Autorin arbeite. Ich setze die Regeln.“ Spiegel Chefredakteur Georg Mascolo, der das Interview mit Arnold Schwarzenegger im Frankfurter Hof führte, bringt auf den Punkt, was viele Journalisten gewiss als Privileg empfinden. „Für mich bedeutet Luxus Zeit für gute Bücher. Ich fiebere dem Tag entgegen, an dem John Grisham seinen neuesten Roman veröffentlicht und ich mir als Journalist den Luxus gönnen kann, vorab ein Rezensionsexemplar bestellen zu können.“

Katja Eichinger: „Ich würde nie auf meinen Porsche verzichten. Mein Mann hatte ihn bei einer Wette gewonnen.“
Katja Eichinger: „Ich würde nie auf meinen Porsche verzichten. Mein Mann hatte ihn bei einer Wette gewonnen.“
Elliott Erwitt: „I love Beluga, and not to be under pressure.“
Elliott Erwitt: „I love Beluga, and not to be under pressure.“

Manchmal sind es die einfachen Dinge, die als Luxus empfunden werden. Kleinigkeiten, die bereits zu Tagesbeginn das Leben versüßen. So wie bei Bestsellerautorin Donna Leon, die ohne einen doppelten Espresso um sechs Uhr früh nicht in den Tag startet. Ähnliches erzählt uns der Schweizer Autor Martin Suter, der in seinem neuen Roman „Die Zeit, die Zeit“ zwei Witwer beschreibt, die bemerken, dass sie vom jeweils anderen beobachtetwerden. Abends, nach getaner Schreibarbeit, sei es für ihn der höchste Genuss, mit seiner Frau einen guten Cava zu trinken. Für Katja Eichinger, die eine gelungene wie hochspannende Biografie ihres verstorbenen Mannes vorgelegt hat, ist es ihr Porsche, wie sie spontan sagt. Nie würde sie auf den schnellen Wagen verzichten, auch da ihr Mann ihn einmal bei einer Wette gewonnen hatte. Am Verlagsstand von TeNeues treffen wir die inzwischen 84jährige Magnum-Legende Elliott Erwitt aus New York, dessen humorvolle Hundefotografien zu den besten der Welt gehören. Dass er uns unter anderem von Beluga-Kaviar vorschwärmt, ist verständlich. Erwitt hat russische Wurzeln.

Antony McCarten: „Luxus ist, Geld für mich auszugeben, denn lange tat ich das für meine Söhne.“
Antony McCarten: „Luxus ist, Geld für mich auszugeben, denn lange tat ich das für meine Söhne.“
Der eine kommt zweimal im Monat nach Deutschland, der Liebe wegen. Der andere besucht das Land zum ersten Mal. Zunächst, Antony McCarten, neuseeländischer Starautor und Filmemacher, hat sich in München verliebt. „Die Liebe macht Flügel“, sagt er lachend und lässt im weiteren Gespräch immer wieder seine neu gewonnenen Deutschkenntnisse einfließen. Die diesjährige Buchmesse sieht McCarten als eine fantastische Plattform für die Schriftsteller seines Heimatlandes. Er selbst lebt in London und Los Angeles, und als Vater von drei Söhnen lag das Thema seines aktuellen Werks „Ganz normale Helden“nahe, ohne jedoch Autobiografisches zu verarbeiten, wie er betont. Ein Vater-Sohn- Konflikt, Internet als Suchtfaktor und eine auseinanderbrechende Familie. „Luxus ist, Geld für mich auszugeben, denn lange tat ich das für meine Söhne.“ Außerdem möge er gutes Essen, guten Wein, toll wäre auch ein eigener Weinberg. Sein deutsches Luxus-Paradies, um zwischendurch aufzutanken, sei das idyllische Hotel Schloss Elmau, 100 Kilometer von München gelegen. „Einfach ein Traum!“

Er schreibt zum Schreien komische Bestseller! Jeff Kinneys pubertierender Comic-Held Greg ist auch in Band 6 („No Panik!“) wieder in großen Schwierigkeiten. Kinney, Jahrgang 1971, ist zum ersten Mal in Deutschland, obgleich seine Bücher hierzulande millionenfach in Teenager- Zimmern zu finden sind. Die Zeitschrift Time führte ihn vor einigen Jahren sogar in ihrer Liste der „100 einflussreichsten Personen der Welt.“ Er erzählt leise und sehr höflich, dass er mit Frau und zwei Söhnen in Massachusetts lebt, und sein jüngster Luxus ein zweites Haus sei, das er in der Nachbarschaft gekauft habe. „Nur zum Schreiben, für Feste und Übernachtungsgäste.“ Wir staunen über so viel Understatement eines reichen Amerikaners, sonst eine vermeintlich europäische Tugend.

Kirchhoff, Kosum und Kicks

Bodo Kirchhoff: „Luxus ist, das schreiben zu können, was man will!“
Bodo Kirchhoff: „Luxus ist, das schreiben zu können, was man will!“
Ingrid Noll: „Ich bin kein Luxus-Mensch.“
Ingrid Noll: „Ich bin kein Luxus-Mensch.“

Die Grand Dame des deutschen Krimis Ingrid Noll, erwartet uns. Auf dem Weg dorthin treffen wir zufällig den Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff, der sich nur widerwillig zum Thema Luxus äußern will. Immerhin: „Luxus ist, das schreiben zu können, was man will!“

Ingrid Noll, die Fleißige. Ihr 11. Roman („Über Bord“) ist nun erschienen, verortet auf einem Kreuzfahrtschiff, das, man ahnt es, inmitten von Luxus und rostigem Glanz, schwankenden Boden für dunkelpsychologische Dramen bietet. „Ich bin kein Luxus-Mensch, fahre ein einfaches Auto, trage keine Juwelen. Ich glaube, ein typisch deutscher Luxus ist das Shoppen. Viele sind doch konsumsüchtig.“ Die Autorin ist überzeugt, „wenn man wie ich über 70 ist, sollte man keinen Besitz mehr anhäufen, sondern eher verschenken, gern kaufe ich meinen Enkeln überteuerte, aber sehr schöne Sachen zum Anziehen. Wenn man finanziell helfen kann, ist das auch Luxus.“ Ob sie auch demnächst auf Lesereise gehe? „Ja, ich hoffe wieder auf einem Kreuzfahrtschiff, obwohl ich eine Landratte bin und leicht seekrank werde, genieße ich den Komfort und Luxus auf den Schiffen doch sehr.“

Katharina Sulzbach: „Zweifellos füllen manche Menschen mit dem Konsum von Luxus eine gewisse innere Leere aus.“
Katharina Sulzbach: „Zweifellos füllen manche Menschen mit dem Konsum von Luxus eine gewisse innere Leere aus.“
Ihr Debüt-Roman „Westendladies“ wurde als „hessisches Sex and The City“ gefeiert. Die gebürtige Wiesbadenerin Katharina Sulzbach schildert darin mit viel Kenntnis die Luxus-Frauen eines Frankfurter Stadtteils, der für seine Affinität zu Champagner, teuren Handtaschen und edlen Altbauwohnungen bekannt ist. Jetzt ist die Fortsetzung „Stutenparade“ da, in der es die Ladies in den feinen Vordertaunus verschlägt. „Meine Romanheldinnen leben und lieben den Luxus. Ihr Kick sind limitierte Editionen, die nicht jeder hat. Für mich ist das kein Kick, ich liebe Mode, aber meine Handtasche muss nicht von Hermès sein.“ Sulzbach lebt selbst im Vordertaunus, weiß also um die dortigen Herausforderungen. „Allein die höhere Dichte teurer Modeläden, etwa in Kronberg, ist auffällig. Der Luxus dort sind auch die kinderreichen Familien, das ist sehr speziell. Unter drei Kindern ist eher selten. Meist macht der Mann Karriere, während die Frau, trotz akademischer Ausbildung, zuhause bleibt und die Kinder coacht, damit sie von einer der begehrten katholischen Privatschulen aufgenommen werden.“ Mit dem professionellen Schreiben begann Sulzbach, als die eigenen Kinder kamen. „In meiner Elternzeit verbrachte ich anfangs mit anderen Müttern viel Zeit auf der Goethestraße. Aber sehr bald sagte ich mir, das kann nicht alles sein.“ Und ihr ganz persönlicher Luxus? „Als klassischen Luxus empfindet man doch oft das, was man nicht hat. Mir fehlt im Moment nichts.

Ich habe die absolut richtige Mischung für mein Leben gefunden. Auch das ist Luxus. Mein Arbeitgeber hat mich beurlaubt und hält mir meine Stelle frei, ich habe drei Kinder, einen Ehemann, frühmorgens kann ich mit meinem Pferd und Hund in den Taunus reiten. Außerdem habe ich den passenden Verlag gefunden und mit den Bucherfolgen kann ich meinen früheren Halbtagsjob als Justiziarin in einem Konzern auffangen.“ Ob sie noch auf Partys eingeladen werde? „Immer öfter sogar. Es gibt Frauen, die förmlich darauf brennen, in meinem Romanen die Plots beizusteuern.“

Gertrud Höhler: „Luxus ist die Freiheit, zu sagen, was man will. Das ist unverzichtbar für eine Demokratie.“
Gertrud Höhler: „Luxus ist die Freiheit, zu sagen, was man will. Das ist unverzichtbar für eine Demokratie.“
„Freizeit, Zeit zu haben, ist Luxus“, weiß Gertrud Höhler, die auf der Buchmesse ihr Buch „Die Patin“ vorstellt, in dem sie auf rund 300 Seiten mit der Politik von Kanzlerin Angela Merkel hart ins Gericht geht. Als Schmuck trägt die Politikberaterin einen auffälligen, kleinen Schädel. Wir erkundigen uns, ob dieser ein Hinweis auf die Vergänglichkeit sei, der wir doch alle unterworfen sind, gemäß dem alten Sprichwort ‚Totenhemd hat keine Taschen‘? „Nein, der Totenkopf ist für mich das alte Symbol der Weisheit, daher trage ich ihn gern.“

Glück wohnt nicht im Tresor

Seit über 30 Jahren beschäftigt sich Dr. Florian Langenscheidt wissenschaftlich mit der Frage nach dem Glück. In seinem Buch „Anleitung zum Glücklichsein“ enthüllt der Verleger und Autor viel Persönliches aus seinem eigenen Leben und berichtet von Menschen, die trotz schwerer Schicksalsschläge wieder glücklich sein konnten. Für ihn steht fest: „Glück ist so individuell wie Luxus.“ Sein eigener „Luxus“ ist, wie oft von einflussreichen oder vermögenden Menschen zu hören, von vergleichsweise bescheidenem Ausmaß. „Luxus ist für mich, Zeit zu haben für meine Kinder, für meine Frau und auch die Zeit, mal gar nichts zu tun. Auch meinen frisch gepressten Grapefruitsaft am Morgen erlebe ich als Luxus. Und manchmal erscheint einem das ganz Einfache als Luxus, etwa nicht erreichbar zu sein, auf einer Insel, à la ‚No news, no shoes‘.“ Um Luxus wie auch das Glück als Wert zu empfinden, sei es wichtig, eine Perspektive von Dankbarkeit zu entwickeln für das, was im Leben geschieht. Und jeder von uns hat Gründe, für etwas im Leben dankbar zu sein.“ Sein Fazit ist bemerkenswert: „Es braucht im Leben auch die dunklen Momente. Aber die trage ich nicht vor mir her. Neugier und Lust am Leben, das ist wichtig. Das erlebe ich auch bei meinem inzwischen 90jährigen Vater, der noch zwei Treppenstufen auf einmal nimmt und fröhlich pfeift.“