Er ist schön wie ein Engel und spielt Orgel wie ein Teufel: Cameron Carpenter. Wir trafen den unangepassten Musiker einen Tag vor seinem Konzert beim Rheingau Musikfestival in Wiesbaden und sprachen mit ihm über Heimat, Mode, Mythen und seine Pläne, die Orgel von ihren klerikalen Fesseln zu befreien. Text: Natalie Rosini, Foto: Michael Hohmann

Treffpunkt Wiesbaden, Alter Schlachthof. Genau die richtige Kulisse, um jemanden wie Cameron Carpenter zu fotografieren. Denn wenn der exzentrische Musiker etwas liebt, dann das Spiel mit Kontrasten. Und den großen Auftritt. Und den hat er, als er, in abgeschnittenen Jeans, Cowboy-Boots und weißem Tank-Top mit seinem Rollkoffer und einem Bügeleisen in die Kneipe des Wiesbadener Kulturzentrums geht, um an der hintersten Ecke der Theke eins der unzähligen Glitter-Outfits zu bügeln, die er für das Foto- Shooting mitgebracht hat.

Europa trifft Amerika

Cameron Carpenter
Cameron Carpenter
(© Top Magazin Frankfurt)

Da steht er. Stolz und aufrecht. Sein von der Ballettausbildung und dem täglichen Workout gestählter Körper steckt nun in einem Hauch-von-Nichts-Shirt seines New Yorker Lieblingslabels Alice & Olivia und einer schwarzen, paillettenbesetzten Röhrenjeans von Preen. Dazu: silberfarbene Stiefeletten – mit Absatz, versteht sich. Seine milchweiße Haut und das pechschwarze, an den Seiten abrasierte Haar schimmern in der Sonne. Ein androgynes Schneewittchen von zarter und zugleich kraftstrotzender Gestalt, das sich nun für uns vor einer über und über mit Graffiti besprühten Backsteinwand in Pose bringt. Er tanzt, kokettiert, genießt den Augenblick und offenbart dabei sogleich den nächsten Kontrast: Denn so schrill und extravagant er es auch äußerlich mag, so bodenständig und differenziert sind seine Ansichten. „Ich genieße es, hier in Deutschland zu sein. In Berlin, wo ich zurzeit lebe und arbeite. Ein freier Ort, an dem ich meinen eigenen Weg als Künstler gehen kann. Ich genieße es, europäische Kultur auf amerikanische Weise zu leben.“ Die Amerikaner, genauer gesagt die New Yorker – denn für Cameron Carpenter, der zehn Jahre am Big Apple lebte, „ist New York nicht Amerika, und Berlin ist nicht Deutschland“ – seien im Umgang mit Kunst und Künstlern ganz anders als die Deutschen. „Das liegt vor allem daran, dass sie die Dinge geschichtsbefreit sehen. Hier in Deutschland und speziell Berlin ist man stets mit Geschichte konfrontiert. Ich profitiere davon. Meiner Meinung nach muss ein Künstler, der sich mit klassischer Musik befasst, auch ihre Geschichte kennen und entscheiden, inwieweit er diese auf sein Schaffen m Einfluss nehmen lässt, auf seine eigene Interpretation von Stücken. Das kann dann durchaus so sein wie bei mir: nämlich gar nicht.“

Nur ein Instrument

Während des Interviews verschlingt Cameron einen Crêpe mit Unmengen an Schokoladensoße und Schlagsahne, trinkt dazu Roséwein. Das passt nicht wirklich zu dem Bild, das die Feuilletons vom „Bad Boy“ der Klassik zeichnen. „Irgendwo müssen sie mich ja hinstecken“, lacht er. „Und mir wurde eben die Rolle des enfant terrible angedichtet, das Orgeln kaputt spielt und Tag und Nacht trainiert. Doch das ist zu einfach.“ Zwar ist es vor allem sein impulsives Spiel mit vollem Körpereinsatz, sein „Tanzen“ der Bassläufe mit den flinken Füßen sowie sein unkonventioneller Umgang mit Bach, Chopin oder Mahler, der Cameron Carpenter die Kirchen und Konzertsäle mit außergewöhnlich jungem Publikum füllen lässt und ihm als bislang erstem Orgelsolisten eine Grammy-Nominierung für sein Album „Revolutionary“ sowie jüngst den Leonard Bernstein Award einbrachte, doch mit der Haltung eines Flegels, der sich über irgendwelche Regeln hinwegsetzt, habe das nichts zu tun. „Ich sehe mich vielmehr als Getriebenen. Ich spüre den unbändigen Drang, die Stücke so zu spielen, wie ich sie spiele. Ich will, dass die Orgel sexy ist, frei! Sie ist das größte Instrument der Welt, dennoch ist sie eine Gefangene. Nach wie vor sieht man sie in Relation mit Gott, Tod und Religion.“ Eine Personifizierung der Orgel aus dem Munde des Realisten Carpenter? „Nein, ganz im Gegenteil. Vielmehr möchte ich sie von diesem Mythos befreien, der ihr mehr als jedem anderen Musikinstrument anhaftet. Ich mache sie zu dem, was sie ist: ein Instrument. Ein Medium, das ich benutze, das mir gehorchen muss, das ich meinem Spiel unterwerfe. Die Orgel hat keine Aura. Ich bin es, der die Aura verströmt. Ich bin der Protagonist!“

Weg mit den Pfeifen!

Und wie ist das mit der Disziplin? Mit dem täglichen Pflichtprogramm Yoga und Pilates, über das man überall liest? „Ich arbeite täglich hart. Auch an meiner körperlichen Kondition. Das hilft mir, meinen Geist offen zu halten. Allerdings mache ich nur Krafttraining. Yoga halte ich für eine Zweckentfremdung von kultureller und religiöser Tradition.“ Cameron Carpenter, ein offener Geist in gestähltem Körper. Offen auch für Musik jenseits der Klassik. „Nicht auch, sondern vor allem! Als Künstler braucht man Abstand. Ich kann vor allem Musik genießen, die nichts mit dem zu tun hat, was ich tue, bei der nicht einmal die kleinste Möglichkeit bestünde, dass ich sie performen könnte. Hiphop, vor allem Old School, ist so ein Genre, das mich fasziniert. Seit dem Dadaismus hat keine Kunstform, die aus Nicht-Künstler-Kreisen stammt, solche Maßstäbe gesetzt.“ Und welche Maßstäbe will Cameron Carpenter in der Musik setzen? „Mit Maßstäben wäre ich vorsichtig. Mein Ziel ist schlicht und einfach: Freiheit für die Orgel! Auch aus egoistischen Gründen. Denn als Organist kann man sein Instrument nicht einfach überall hin mitnehmen. Man kann keine Beziehung dazu aufbauen. Deshalb arbeite ich zurzeit mit einem New Yorker Hersteller an der Entwicklung meiner eigenen Orgel. Nächstes Jahr werden wir der Welt die erste komplett digitale Orgel präsentieren. Weg mit den Mythen, weg mit den Pfeifen!“ (nr)

www.cameroncarpenter.com