Seit seinem Roman „Der Schatten des Windes“ zählt er zu den weltweit bekanntesten und erfolgreichsten Autoren Spaniens: Carlos Ruiz Zafón. Nun ist der dritte Teil seines Zyklus über den „Friedhof der vergessenen Bücher“ auf Deutsch erschienen, und wir trafen den Autor beim Fischer Verlag in Frankfurt, wo er mit uns über das Schreiben, die Macht der Worte und seine zwei Heimaten sprach. Text: Natalie Rosini, Foto: Michael Hohmann (Top Magazin Frankfurt)

Einer der erfolgreichsten Autoren unserer Zeit: Carlos Ruiz Zafón (© Top Magazin Frankfurt)
Einer der erfolgreichsten Autoren unserer Zeit: Carlos Ruiz Zafón (© Top Magazin Frankfurt)

In seinen Büchern, auch den Jugendromanen, die er früher schrieb, entführt Carlos Ruiz Zafón den Leser stets in mystische und zum Teil auch gruselige Welten. Seine Charaktere tragen fast immer irgend ein Geheimnis in sich, das es beim Lesen zu ergründen gilt, auch wenn man eigentlich nie zur absoluten Wahrheit vordringt. Ein Universum aus düsteren Schauplätzen, unheimlichen Geschichten und faszinierend gezeichneten Akteuren, das man am liebsten nicht mehr verlassen möchte. Umso glücklicher sind seine Fans in Deutschland, dass nach den Bestsellern „Der Schatten des Windes“ und „Das Spiel des Engels“ nun die Übersetzung des dritten Teils seiner Barcelona-Tetralogie „Der Gefangene des Himmels“ erschienen ist. Und sicher umso betrübter, dass danach nur noch ein Teil erscheinen wird. „Dafür gibt es doch gar keinen Grund“, sagt Carlos Ruiz Zafón. „Es gibt immer dieMöglichkeit, zurückzukehren…“

Labyrinth mit vier Eingängen

Carlos Ruiz Zafón wusste von Anfang an, dass die Welt rund um den „Friedhof der vergessenen Bücher“ eine große Geschichte werden würde. Doch ein riesiger Wälzer hätte seine Pläne durchkreuzt: „Ich wollte keine Saga schreiben, keine lineare Erzählung. Vielmehr wollte ich ein Kaleidoskop schaffen, ein Labyrinth. Der Leser soll selbst wählen, durch welchen Eingang er es betritt. Er hat die Wahl, mit welchem Teil er anfängt, oder ob er nur einen der Romane liest.“ In „Der Schatten des Windes“ wird dieses System vom Protagonisten Daniel Sempere erklärt, als er das „vergessene Buch“ von Julián Carax beschreibt: „Je weiter ich in der Lektüre kam, desto mehr erinnerte mich die Erzählweise an eine dieser russischen Puppen, die immer weitere und kleinere Abbilder ihrer selbst in sich bergen.“ Carlos Ruiz Zafón nimmt den Leser mit auf eine Reise, „und es ist keine, die mit der Ankunft endet. Vielmehr eröffnen sich, je nach Ausgangspunkt, immer wieder neue Perspektiven. Wer mit dem dritten Teil startet und dann den ersten liest, erlebt die Geschichte anders. Insofern ist der letzte Teil kein Abschied: Man kann einfach noch einmal einen anderen Eingang nehmen und entdeckt so vielleicht neue Facetten, überraschende Details, lernt die Protagonisten von einer anderen Seite kennen.“

Es gibt immer ein Wiedersehen

Und wie sieht es mit dem Autor selbst aus? Wird er sich nach dem vierten Teil für immer von Daniel, Fermín und Co. Verabschieden müssen? „Nein. Sie bleiben immer bei mir. Erst kürzlich habe ich ein paar Korrekturen in der englischen Übersetzung des Romans ‚Marina‘ vorgenommen, und obwohl es so viele Jahre her ist, dass ich dieses kleine, sehr persönliche Buch schrieb, waren mir alle Personen vertraut. Wie wenn man alte Freunde wiedertrifft, und es ist, als habe man sich gestern erst gesehen.“ Und wer ist Carlos Ruiz Zafón im Laufe der Zeit besonders ans Herz gewachsen? „Die meisten Parallelen gibt es wohl zwischen mir und Julián Carax. Immerhin ist er der geheimnisvolle Autor des vergessenen Buchs ‚Der Schatten des Windes‘. Am faszinierendsten jedoch finde ich eine Nebenfigur: Nuria Monfort, die Tochter des Friedhofswächters. Sie wird mit ihrem Brief an Daniel zeitweise zur Erzählerin und ist der Schlüssel zum Geheimnis um Carax.“ Doch was ist mit Fermín Romero de Torres, dem Liebling der Leser weltweit? „Der hat ganz schön Karriere gemacht“, lacht Carlos Ruiz Zafón. „Er tauchte wie zufällig im ersten Teil auf und verzauberte die Menschen mit seinem Wortwitz, seiner schelmischen Sicht der Dinge, seinem klassischen kastilischen Charme und nicht zuletzt mit seiner bedingungslosen Loyalität. Und nun in ‚Der Gefangene des Himmels‘ wird klar, dass er eine Schlüsselrolle spielt. Das freut mich für ihn, er hat es verdient.“

Faszination des Unergründlichen

Carlos Ruiz Zafón sieht nicht so aus, wie man sich den Erfinder solch schaurig schöner Geschichten vielleicht vorstellt: Der Film- und Comic-Fan mit dem runden Gesicht und der noch runderen Brille, hinter der kleine, schelmische Augen hervorblitzen, trägt Jeans und ein bunt gestreiftes Polo mit Krokodil-Button. „Tick-Tock Croc, das Krokodil aus Peter Pan, das eine Uhr verschluckt hat. Er ist meine Lieblingsfigur.“ Wir hätten eher auf einen Drachen getippt, schließlich sammelt der Autor diese seit Jahren. „Diese Leidenschaft wurde wahrscheinlich in meiner Kindheit geweckt: Ich wuchs in Barcelona nahe der Sagrada Familia auf. Barcelona ist voller Drachen, die einen von den Fassaden aus anblicken. Ich mag sie, weil sich so viele Legenden um sie ranken, weil sie zum einen als Monster gelten, zum anderen aber auch als Glücksbringer. Sie sind schwer zu ergründen, und das ist etwas, das mir bekanntlich gefällt.“

Vom Schatten ins Licht

Carlos Ruiz Zafón fühlt sich an zwei scheinbar völlig gegensätzlichen Orten zu Hause. „Eigentlich sind sie das gar nicht“, erklärt der Spanier, der in Kalifornien eine Zeit lang als Drehbuchautor arbeitete und heute in Los Angeles und Barcelona lebt. „Los Angeles ist eine missverstandene Stadt. Sie ist die Kulturfabrik des 21. Jahrhunderts, jedoch kein Ort, der sich dem Touristen erschließt. Ganz im Gegensatz zu Barcelona, wo man einfach loslaufen und sich in den Straßen verlieren kann. Und doch stecken beide Städte voller Orte und vor allem Menschen, die man kennenlernen sollte.“ Im Grunde, so der Autor abschließend, sei es ein logischer Weg gewesen vom geschichtsträchtigen Barcelona in die US-Glitzermetropole: „Im Westen von Los Angeles lebten Brecht, Schönberg und Adorno. Sie verließen die Schatten Europas und fanden sich in einem Exil unter Palmen und der Sonne Kaliforniens wieder.

www.carlosruizzafon.com (Offizielle Webseite von Carlos Ruiz Zafón)
www.carlosruizzafon.de