Udo Kier duzt jeden, natürlich auch uns. Er bestellt ein Glas Weißwein, lehnt sich zurück, um dann höflich die Visitenkarte zu studieren. „Du bist Kunsthistorikerin, das passt ja!“, sagt er. Denn er selbst sehe sich als „Arteholic“, als Kunstsüchtiger, wie auch sein aktueller Film titelt, den er abends im Filmmuseum vorstellen wird. Der Frankfurter Regisseur Hermann Vaske hat den Schauspieler bei dessen Kunststreifzügen durch europäische Museen und Galerien begleitet, auch im Städel Museum wurde gedreht.

Der mit den Augen

Udo Kier
Udo Kier

Kier ist bester Laune, wenige Tage zuvor hat ihn das Internationale Filmfest München mit dem CineMerit-Award geehrt. Darauf angesprochen, untertreibt er. Mal wieder. Das scheint der rote Faden des Kölschen Jung’ zu sein, der in kleinen Verhältnissen aufwuchs und als Kind Messdiener war. Bloß nicht prahlen, und wenn schon, dann mit Ironie. „Es ist mein erster deutscher Preis, und den stelle ich zu den anderen auf meine Gästetoilette, so sieht ihn wenigstens jeder.“ Über 200 Filme hat er seit Mitte der 60er Jahre gedreht, viel Trash ist dabei („Hexen bis aufs Blut gequält“), aber auch etliche Perlen, unter den jüngeren gewiss „Melancholia“ von Regisseur Lars von Trier. Mit unzähligen hochkarätigen Schauspielern und Regisseuren hat er gearbeitet. Kier könnte jetzt mit Namen angeben, was er nicht tut. Schillernd, schräg und auf der Leinwand „der mit den Augen“ sind die Attribute, mit denen man ihn verbindet. Dass er hypnotisch schaue, findet er übrigens nicht. „Allenfalls intensiv“, sagt er. Und der spezielle Kamerablick seiner Bösewichte sei nur Fassade. „Um einen Teufel zu spielen, muss man ein Engel sein. Zu gerne kokettiert er. Im Oktober wird der Schauspieler im Sternzeichen Waage 70 Jahre alt, was man ihm nicht ansieht. Er fühle sich fit, gehe gelassen mit den Dingen um. Meistens jedenfalls. Dass aber morgens am Frankfurter Flughafen zunächst seine Koffer verschwunden schienen, habe ihn ordentlich auf die Palme gebracht. „Aber so richtig.“

Unter Palmen

Die Kaffeemaschine krächzt und spuckt Dampf. Am Bartresen wird es laut. Zu laut für Kier. „Weg hier!“, stöhnt er ungehalten, und für einen kurzen Moment blitzt in ihm die Diva auf. Schnell finden wir eine ruhigere Ecke. Im tiefen Sofa pflegt Kier dann ein bisschen Heimweh: „Mein Haus in Palm Springs ist eine ehemalige Bücherei, viel Glas. Im Garten stehen über einhundert Palmen und Obstbäume. Ich liebe, sie zu pflanzen; sie wachsen und ich werde jedes Jahr einen Millimeter kleiner – die Zeit ist ein Feind.“ Palmen seien für ihn das Symbol der Freiheit, schon seit Kindertagen, als die Tante jedes Jahr Urlaubspostkarten mit Palmen schickte. Seine Kölner Wohnung hat er längst aufgegeben, nur in Thüringen gehört ihm ein ehemaliges Schulhaus. Vor Jahren verliebte er sich bei Dreharbeiten in das Gebäude und kaufte es. Er mag Rituale, das Vertraute. „Wenn ich in Kalifornien mit Freunden koche, wird das zelebriert. Dann schaue ich mir jede Tomate einzeln an, hebe sie hoch, freue mich an ihr und sage ihr auch mal etwas Nettes.“ Vor dem Küchenfenster hat ein Mercedes 190 SL einen festen Platz. „Der Oldtimer wird nicht gefahren, ich erfreue mich nur an seinem Anblick beim Morgenkaffee, auch wenn meine Freunde das nicht verstehen können. Mit 17 wollte ich so einen Wagen, damals fehlte natürlich das Geld.“ Ganze Lager habe er vollgestopft mit Möbeln, Skulpturen und Grafiken. Es sind die Extreme eines Kriegskindes. Am Tag seiner Geburt fielen Bomben auf Köln, mit der Mutter wurde er aus den Trümmern des Krankenhauses geborgen. Vom Vater weiß er wenig.

Sucht kommt von Suchen

Eigentlich wollte Regisseur Hermann Vaske „Arteholic“ mit Dennis Hopper drehen, bis er in Cannes, beim Empfang zu Lars von Triers „Melancholia“ Udo Kier kennenlernte. Fasziniert von Kiers uneitler Kunstbesessenheit, gab es für ihn keinen anderen, der besser passte. Denn bei Kier stimmte einfach alles: Er sammelt wie ein Besessener Kunst, macht Kunst und ist selbst Kunstwerk und Ikone. Mit der Kamera reiste man quer durch Europa, und in jedem Kunsttempel ließ Vaske dem Schauspieler die lange Leine. Der fertige Film zeigt es: Kier tut und lässt, was ihm gerade in den Sinn kommt. Er treibt Schabernack, schweigt und plaudert mit Freunden und Bekannten, in Frankfurt trifft er unter anderem auf den Ausnahmekünstler Tobias Rehberger. Viele Kunstwerke, die ihm im Film begegnen, sind die seiner alten Kumpel. Für uns erinnert sich Kier an die Kölner Szenezeiten: „Meine Begegnung mit Andy Warhol, mit dem ich zu Beginn der siebziger Jahre „Frankenstein“ drehte, öffnete mir auch die Türen zu Künstlern in Deutschland, darunter Blinky Palermo, Paeffgen und Günther Uecker. Bald auch zu Rosemarie Trockel, mit der ich bis heute eng befreundet bin, sie ist Hundenärrin wie ich. Mit dieser Clique besuchte ich große Ausstellungen, etwa Beuys in Paris oder Robert Rauschenberg in Mailand. Ich wurde von ihnen akzeptiert und war einer von ihnen.“ Im Oktober kommt das kluge Portrait, das die Hessische Filmförderung mit 215.000 Euro unterstützte, in die Kinos.

Einmal Schurke, immer Schurke

Kier träumt von Rollen, die ihn mal nicht als Schurken vom Dienst zeigen. „Da ich für ‚Der alte Mann und das Meer‘ noch zu jung bin, würde ich gern den europäischen Freund von Meryl Streep spielen, sie ist eine der großartigsten Schauspielerinnen und überrascht mich immer neu“, verrät er. Doch die Hollywood-Rollenschublade scheint weiter verklemmt. „Ich drehe demnächst in Irland“, erzählt er zum Abschied. Im Liebesdrama spielt er den Bösewicht. Natürlich.