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Igor Ustinovs Stimme klingt sanft, ein wenig nasal, wie die seines Vaters. Sein Gesicht ist schlanker, dennoch kann der 58-Jährige hinter dem Vollbart die Ähnlichkeit nicht verbergen. Mit seinen schmalen, etwas melancholisch blickenden Augen erinnert er an den jungen Peter Ustinov, in der Rolle des Kaisers Nero oder des Sklavenhändlers im Film „Spartakus“. Spätestens in dem Moment, in dem er die Hände hebt und mit dem Ring am linken kleinen Finger gestikuliert, ist das Gespräch beim Vater angelangt, dem Schauspieler, Erzähler, Kabarettisten und Forscher, diesem Rundum-Talent mit sozialem Gewissen und Weltbürger-Status, dessen zehnten Todestag sein Sohn im März beging.

Wie der Vater, so der Sohn

Igor Ustinov
Igor Ustinov

Auch Igor Ustinov ist Künstler, schon als Kind zeichnete er. Weil er auch gut in Mathe und Naturwissenschaften war, studierte er später nicht nur Malerei, sondern parallel dazu Biologie. „Ich wollte wissen, wie die Realität aussieht. Dabei hätte ich nie die Fähigkeit gehabt, Biologe zu werden“, gibt er zu, erzählt aber zugleich, dass er gerne erfinde und mittlerweile einige Patente sein Eigen nennen kann. Später absolvierte er eine klassische Gesangsausbildung und gibt bis heute ab und zu Konzerte. „Das fällt mir leicht, ich liebe das Singen.“ Die Vielseitigkeit scheint bei ihm ebenso ererbt wie sein Aussehen.

Keine Vergleiche, bitte!

Im Hauptberuf ist Igor Ustinov Bildhauer. Sein Vater zeigte sich nie überrascht darüber, dass er künstlerisch tätig war. Erstaunter wäre er gewesen, wenn sein Sohn ein Finanzgenie geworden wäre, sagte er stets. Doch die so naheliegenden Vergleiche mit dem berühmten Erzeuger mag Igor Ustinov nicht mehr gerne hören. „Wir hatten 40 bis 50 Künstler in meiner Familie, es ist nicht nötig, immer Parallelen zu ihm zu suchen“, sagt er, und seine Stimme klingt dabei ein wenig streng. Wie zum Beweis erzählt er von seinem Urgroßvater väterlicherseits, Leonti Benois, der die russische Kapelle auf der Darmstädter Mathildenhöhe entwarf. Und er betont noch einmal, dass er als Künstler unabhängig sei.

Vagabundenleben

Eigene Wege musste Igor Ustinov schon früh gehen. Seinen Vater erlebte er als Kind häufiger auf der Leinwand als zu Hause. Auch seine Mutter Suzanne Cloutier war Schauspielerin und stand mit dem Vater gemeinsam auf der Bühne. „Wir hatten kein Familienleben“, erinnert er sich. Wenn Sir Peter drehte, zog die Familie mit. Geboren in London, aufgewachsen in Los Angeles, Paris und der Schweiz, ausgebildet an 22 verschiedenen Schulen, darunter neun Jahre lang auf Internaten, das klingt nach einem Vagabundenleben. Nur zwei Wochen im Jahr wurde gemeinsam Urlaub gemacht. Dann trafen sich alle auf der eigenen Yacht, die Sir Peter Ende der 50er Jahre gekauft hatte. Den rund zwanzig Meter langen Zweimastsegler nannte er „Nitschewo“, was auf Russisch „nichts“ heißt. Doch für die Kinder Ustinovs bedeutete das Schiff alles. Es sei wie Heimkommen gewesen, erinnerte sich Igors älteste Schwester Pavla einmal. „Nirgendwo waren wir uns so nah wie auf dem Boot“, ergänzt er. Dass Igor Ustinov heute statt mit dem Pinsel lieber mit Bronze arbeitet, verdankt er einer anderen Vaterfigur in seinem Leben. Sein Lehrer an der École Nationale Superieure des Beaux-Arts in Paris schlug ihm das vor. Er war kein Geringerer als der berühmte Bildhauer César. Die Bronze-Skulpturen, die Ustinov heute schafft, erinnern an Alberto Giacomettis Figuren. Der Künstler will mit ihnen aber sehr viel illustrativer Themen wie die Energie des Menschen und sein Streben nach Ewigkeit darstellen. So lässt er in dem Werk „Vivant“, was übersetzt „lebendig“ bedeutet, eine Figur gegen den Wind anrennen, in „Silhouette“ tritt ein Mensch aus dem Schatten ins Licht.

Entertainer-Qualitäten

Aus dem Schatten seines Vaters ist Igor Ustinov damit längst herausgetreten. Auch bei der Peter-Ustinov-Stiftung steht er nun häufiger im Rampenlicht. Oft in Frankfurt, wo die Einrichtung mittlerweile an der Friedberger Anlage ihren Sitz hat. Sie ist eine Stiftung für Kinder, die Sir Peter 1998, sechs Jahre vor seinem Tod, gegründet hatte. „Ich war überrascht, als er mich 2001 bat, mit einzusteigen“, erinnert sich Igor Ustinov. Gemeinsam setzten sie sich vor allem für die Bekämpfung von Vorurteilen ein, ein großes Anliegen des Vaters. Heute sollen mit der Stiftung Kinder in ihrer Entwicklung unterstützt und Integration gefördert werden. So gibt es deutschlandweit bereits acht nach Sir Peter Ustinov benannte Schulen, die sich verpflichtet haben, seine Werte umzusetzen. Geht es nach der Stiftung, könnten weitere folgen, gerne auch in Frankfurt. Wenn Igor Ustinov bei Veranstaltungen, wie kürzlich bei einem Konzert der geförderten Opera School, mit auf der Bühne steht, beweist er, dass auch er Entertainer-Qualitäten besitzt. So ganz ohne den Vergleich mit dem Vater geht es einfach nicht, das ist auch ihm klar. Den Namen zu tragen, sei wie eine lange Nase zu haben, stellt er fest. „Man lebt damit und weiß nicht, wie es wäre, sie nicht zu haben.“