Flamenco ist keine leichte Kost. Zumindest nicht der wahre „cante“ (Gesang) voller Schmerz, Leid und Sehnsucht, der so gar nichts mit den platten Olé-olé-Darbietungen für Touristen zu tun hat. Einer jedoch hat es geschafft, die Begeisterung für das urspanische Genre weltweit zu entfachen und mit zwei Grammys ausgezeichnet zu werden: Diego el Cigala, einer der bekanntesten Flamenco-Sänger unserer Zeit. Wie, das verriet er uns in einem energiegeladenen Gespräch voller Gesangs-, Klatsch- und Klopfeinlagen. Text: Natalie Rosini, Foto: Michael Hohmann

„Musik kennt keine Grenzen. Sie zu zügeln oder zu bändigen, sie in Schubladen zu stecken, ist nicht möglich.“, Diego el Cigala
„Musik kennt keine Grenzen. Sie zu zügeln oder zu bändigen, sie in Schubladen zu stecken, ist nicht möglich.“, Diego el Cigala

Stillsitzen ist nicht sein Ding. Streng getaktete Interviews oder Pressetermine schon gar nicht. „Ich bin, wie ich bin. Und ich rede, worüber ich Lust habe zu reden. Lasst uns über Fußball sprechen!“, sagt Diego und schwärmt vom letzten Tor durch Cristiano Ronaldo für „seinen Verein“ Real Madrid. Dabei gestikuliert er wild, als würde er die Szene nachstellen, und der viele Goldschmuck um seinen Hals klimpert laut. Seine langen schwarzen Locken sind durchzogen von silbernen Fäden, doch blickt man in seine großen Glutaugen und lässt sich von seinem strahlenden Lächeln einfangen, scheint er irgendwie alterslos. Kaum zu glauben, dass „der Junge von der Straße“, wie er sich selbst bezeichnet, in seinem schwarzen Trainingsanzug und mit der dicken diamantbesetzten Rolex am Arm, der vor uns auf der Couch herumlümmelt und mit seiner positiven Energie nach nur wenigen Augenblicken den gesamten Raum erfüllt – klanglich untermalt vom Bling-Bling seines Geschmeides -, Mitte vierzig ist, dreifacher Vater und sogar schon zweimal Großvater. „Die Liebe zu meiner Familie und zur Musik hält mich jung“, lacht er und fängt an zu singen. Wir lauschen. Das Interview kann warten…

Die Revolution des Flamenco

In der Welt des Flamenco gilt es als Ritterschlag, einen Spitznamen von den Großen des Fachs verliehen zu bekommen. Und diese klingen für Laien nicht unbedingt schmeichelhaft, bedenkt man, dass einer der berühmtesten Flamenco-Gitarristen den Namen Tomatito (kleine Tomate) trägt und die größte Gesangslegende in der Geschichte Spaniens Camarón de la Isla (Garnele von der Insel) hieß. Dem 1968 in Madrid geborenen Diego Ramón Jiménez Salazar wurde diese Ehre schon früh zuteil: Aufgrund seiner zierlichen Gestalt verlieh ihm die Gitarristen-Familie Los Losada im Teenageralter den Künstlernamen El Cigala – der Kaiserhummer. „Die Musik wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Ich glaube, ich habe schon im Bauch meiner Mutter den Rhythmus in mir gespürt“, erzählt er lachend. Schließlich stammt er ja auch aus einer Flamenco-Dynastie, sein Vater José de Córdoba und sein Onkel Rafael Farina sind anerkannte Künstler. Beste Voraussetzungen also für eine Karriere, oder?! „Nicht unbedingt. Bei uns läuft das nicht so, dass der Spross sozusagen das Familienunternehmen weiterführen muss. Das würde ja auch gar nicht funktionieren, wenn der Nachkomme keinerlei Talent hat. Aber es stimmt, dass das Musikerumfeld mich von klein auf geprägt hat und ich das große Glück hatte, durch meinen Vater Legenden wie Antonio Gadés, Paco de Lucía und natürlich Camarón kennenzulernen.“ Mit letzterem wird Diego von Kritikern häufig verglichen, was er selbst nicht gut heißt: „Seine Stimme, sein ganzes Schaffen waren einzigartig, unwiederbringlich. Er war ein Revolutionär, der Ché Guevara des Flamenco. Wenn überhaupt eine Assoziation möglich ist, dann vielleicht die, dass ich versuche, sein Schwimmen gegen den Strom fortzuführen.“ Denn Camarón de la Isla, dessen Tod Anfang der 90er Jahre zur Volkstrauer und Fahnen auf Halbmast in ganz Spanien führte, wagte es mit seinem legendären Album „La leyenda del tiempo“, neue Wege zu beschreiten und den traditionellen Cante mit zeitgenössischer Studiotechnik aufzunehmen und mit untypischen Instrumenten wie Sitar, Keyboard und Synthesizer zusammenzuführen – der Beginn des Flamenco nuevo. „Damals stieß er auf enorme Gegenwehr vonseiten der Zigeuner, die darin einen Verrat der Tradition sahen. Es ging so weit, dass einige in den Laden zurückgingen und die Platte umtauschten. Doch Camarón ging seinen Weg weiter, und heute leben wir Musiker die Freiheit, die er für uns und den Flamenco erstritten hat. Denn der Flamenco, das ist meine feste Überzeugung, ist nichts anderes als Freiheit.“

Interpretation ist alles

„Dos gardenias para tí, con ellas quiero decir te quiero…“. Diego stimmt den Bolero-Klassiker an, der auf seinem Erfolgs-Album „Dos lagrimas“ weltweit hochgelobt wurde, untermalt den Gesang mit rhythmischem Klopfen auf die Tischplatte. Seine Stimme schwankt zwischen fragil-hoffnungsvollem Hauchen und inbrünstig wehmütigem Klagen. „Die Geschichte gibt es vor“, sagt er. Zwei Gardenien stehen als Symbol für zwei Liebende. Ist die Liebe intakt, sind auch die beiden Blumen vollkommen. Sterben die Blumen, heißt das, dass die Liebe verraten wurde. „Die Stimme muss diese wechselnden Emotionen transportieren. Musik ist Gefühl. Deshalb geht es nicht in erster Linie um die Stimme selbst, sondern um die Interpretation. Und ich interpretiere die kubanische Musik oder den argentinischen Tango eben auf meine Weise, so wie ich es fühle, begleitet von großen Musikern wie Bebo Valdés oder Guillermo Rubalcaba, die sich wiederum auf meine Interpretation einlassen.“ Dafür wurde Diego el Cigala mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Latin Grammy. Musikkritiker, selbst Flamenco-Puristen, loben seine gelungenen „Grenzüberschreitungen“, seine nicht gekünstelt wirkenden Fusion-Projekte, die ihn immer wieder nach Lateinamerika führen. „Das ehrt mich natürlich. Doch im Grunde beweisen meine Kollegen und ich damit nur, dass die Musik gar keine Grenzen kennt. Musik ist Magie. Musik ist Leidenschaft. Sie zu zügeln oder zu bändigen, sie in Schubladen zu stecken, ist nicht möglich.“ Welche wird wohl die nächste nicht vorhandene Grenze sein, die Diego el Cigala überschreitet? „Ich plane ein Album mit portugiesischem Fado.“

www.elcigala.com