Viele bezeichnen ihn als das Paradebeispiel des Dandy, die FAZ betitelte ihn gar als „Millionär im Müßiggang“: Dieter Meier, Künstler, Musiker, Biofarmer, Großaktionär und vieles mehr. Man könnte sagen, was er anfasst, wird zu Gold: Mit seiner Elektropop-Band Yello („The Race“) stürmte er weltweit die Charts, als Performance-Künstler am Big Apple erntete er Anfang der 70er Jahre hohes Lob von der New York Times und nahm über 20 Jahre später die Einladung zur Documenta an, er produziert erfolgreich Bio-Rindfleisch und Bio-Wein in Argentinien und betreibt zwei Szenerestaurants in Zürich. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen. Doch viel spannender ist es, Dieter Meier selbst zu fragen, wie er all die unterschiedlichen „Disziplinen“ meistert, wie er mit Erfolg und Niederlagen umgeht, ob er ein Privilegierter oder einfach nur ein Glückspilz ist, und was die Welt noch von ihm zu erwarten hat. Text: Natalie Rosini, Foto: Michael Hohmann

Dieter Meier (© Top Magazin Frankfurt)
Dieter Meier (© Top Magazin Frankfurt)
Mit welchem Begriff können Sie sich eher anfreunden: Bonvivant oder Dandy?
Ein Bonvivant ist ein bedauerlicher Radikal- Hedonist, der sein eigenes oberflächliches „Gut leben“ über alles andere stellt. Der Dandy versteht sich als lebendes Gedicht, er produziert vor allem sich selbst und kann durchaus ein großer Künstler sein. Keiner dieser Begriffe trifft auf „Meier-ab-dafür“ zu.

Sie sagten selbst einmal, dass Sie stets als Dilettant, wie Sie es nennen, an neue „Disziplinen“ herangetreten sind. Ist das Koketterie? Oder sind Sie tatsächlich ein moderner Schelm?
Sicher ist ein Dilettant nur dann ein moderner Schelm, wenn er vorgibt, keiner zu sein. Ein bekennender Dilettant ist allenfalls einer, der weiß, dass er nichts weiß, weil alles in Bewegung ist, insbesondere sein eigenes Leben.

Welche Ihrer Disziplinen – vom international erfolgreichen Musiker bis zum Biofarmer – macht Ihnen am meisten Freude?
Alles, was mein anarchistisches Bedürfnis, Gegebenheiten in Frage zu stellen und jeden Tag etwas zu lernen, befriedigt, egal, ob ich ein Lied singe oder den Haselnussanbau in Patagonien zu optimieren versuche.

Den Luxus, tun zu können, auf was man gerade Lust hat, muss man sich leisten können. Gibt es etwas, das Sie sich bisher nicht leisten konnten (bzw. etwas, das Sie gerne noch realisieren würden)?
Die Disziplin, in die ich hineingerate, ist meistens zufällig. Aber der aus Distanz schöne Berg, den man besteigen möchte, wird aus der Nähe zur schroffen Wand, und spätestens dann hört jeder Luxus auf, und es kommt die Eigendynamik des Hängens in der Steilwand.

Gibt es Misserfolge, die Sie bis heute beschäftigen?
Aus Misserfolgen lerne ich mehr als aus dem so genannten Erfolg, der oft nur mit der Wirkung nach außen zu tun hat, die just im Artistischen sehr zufällig ist. Im Grunde ist das ganze Leben ein Lernprozess, der sogenannte Misserfolg gehört dazu. Er ist ein wichtiger Teil meiner Erfahrung, beschäftigt mich aber als Einzelereignis nicht mehr.

Und Erfolge, auf die Sie besonders stolz sind?
Da ich mich allenfalls als Rhizom verstehe, dem Pilze aus dem Boden schießen, wenn Feuchtigkeit, Temperatur und die Nähe zu einem symbiotischen Baum stimmen, bin ich auf rein gar nichts stolz, allenfalls glücklich, dass es so geschah.

Was definiert Erfolg? Das Finanzielle, oder die (Verzeihen Sie die Sentimentalität!) Liebe der Menschen?
Erfolgreich bin ich, wenn ich ständig über mein Gastspiel auf der Welt und damit über die Welt selbst etwas lerne, um mich, wenn es den Göttern gefällt, lächelnd und dankbar zu verabschieden.

Sie bezeichneten sich selbst schon als Kapitalismuskritiker, gar als Anarchist. Ist der Kapitalismus tot? Was ist die Alternative? (Vielleicht können Sie uns ja ein paar Tipps geben, wie die Finanz- und Wirtschaftskrise à la Meier überwunden werden kann.)
Dem entfesselten globalen Spätkapitalismus sind wir offensichtlich als Objekte ausgeliefert (Marx sprach von einer „Zweiten Natur“). Das einzige Agens und Regulativ dieses Systems, das keines ist, besteht im bedingungslosen Anspruch des Kapitals per se zur Rendite. Ob sich das ändern wird, wenn wir den Planeten weiter verwüsten, bezweifle ich, und der Mensch wird dann eine mit der Gnade und Strafe der Selbsterkenntnis aus dem Paradies vertriebene Fußnote sein, nach dessen Verschwinden die Welt sich erholen kann.

In dieser Ausgabe des Top Magazin lautet das Leitthema „Luxus“. Allerdings haben wir diesen Terminus gemieden und stattdessen den Claim „Quality Time – Dem Wahren, Schönen, Guten“ gewählt. Wie definieren Sie Luxus?
Der einzige wahre Luxus besteht darin, ein Leben lang unterwegs zu sein. Zu „werden wie ein Kind“.

Wo ist bei Ihnen die Grenze zwischen Luxus und Dekadenz?
Alles, was nicht mit dem oben beschriebenen Weg zu tun hat, ist unwichtig, wobei gute Socken, eine gesunde Suppe und ein schönes Segelboot den Prozess, zu werden wie ein Kind, nicht an sich verunmöglichen.

Auf welchen Luxus können Sie nicht verzichten?
Auf jeden, der im bürgerlichen Bedeutungshof des Begriffs Luxus herumlümmelt, gebe ich keinen Deut.

Zu guter Letzt: Was hat die Welt noch von Dieter Meier zu erwarten?
Vielleicht ein paar Pilze, wenn das Klima dem Rhizom hold ist.

www.dietermeier.com