documenta 13 ¬ 100 Tage Kunst in Kassel: Viel Wind, Wahlrecht für Erdbeeren und eine verfluchte Badewanne. Text: Dr. Jutta Failing, Fotos: Top Magazin Frankfurt

 

Am Ende sollen es mehr als 750.000 Besucher aus aller Welt sein, so die Planung der Veranstalter. Zum Vergleich: Bei der ersten documenta 1955 waren es 130.000 Gäste. Diesmal hat Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev die Zügel in der Hand, oder besser, die Leine. Denn Hunde liegen der Chefin am Herzen: Sie hat in der Vorbereitungszeit über ein Wahlrecht für Hunde – und Erdbeeren – philosophiert. Schließlich müssten sich in einer „wahren Demokratie“ alle äußern dürfen, auch das Obst. Für Vierbeiner gibt es in der Karlsaue einen eigenen „dogumenta“-Vergnügnungspark und sogar Kunstführungen. Kein Wunder also, dass uns beim Besuch in Kassel auffallend viele Hunde über den Weg laufen, geführt von sichtlich stolzen Besitzern, die ihren Liebling endlich als Kunstkritiker ernstgenommen sehen. „Finden wir großartig, obwohl im Hundepark zwei Stationen dabei sind, an denen sich die Tiere leicht verletzen können“, weiß ein Ehepaar. Hartnäckig hält sich übrigens das Gerücht, einige kunstbanausische Tölen hätten Open-Air- Objekte bewässert. Shit happens! Zugegeben, ein Hund fühlt sich auf dem riesigen Außengelände vielerorts animiert, etwa beim verblüffend lebensecht wirkenden Bronze-Baum des Italieners Guiseppe Penone. Allein auf einer großen Auenwiese stehend, zieht der eindrucksvolle Stamm Tier und Mensch gleichermaßen an, wobei der Kunstkenner den Fake-Giganten eher spontan umarmt als ihn schnöde zu markieren. „Wow, der ist ja innen hohl“, rufen ein paar Klopfspechte und überlegen, wie das „schwere Ding“ wohl transportiert worden ist. Nota bene: Hunde dürfen nichtin die Ausstellungshallen. Wir finden das (euphemistisch) Mist, zumal die Kuratorin kundtat, es gebe absolut keinen Unterschied zwischen menschlicher Kunst und tierischen Erzeugnissen.

Das sagt mir was! Die Ästhetik der Absenz

Was haben eine Kirche, ein Wartezimmer und das Fridericianum gemeinsam? Richtig, es wird leise gesprochen. Und zwar aus Respekt vor ziemlich großen, ernsten Sachen: Gott, Gesundheit und Kunst. Moment mal, wo ist die Kunst überhaupt? Die, die uns im Fridericianum, der traditionellen documenta- Zentrale, empfängt, ist unsichtbar, nur über Hautreize erfahrbar. „Kann bitte jemand Fenster und Türen schließen!“, lautet hier der Running Gag unter den Besuchern. Unsere Hochachtung für die Aufsichten, die das über genau 100 Tage ständig hören müssen, wie Felsen in der Wortbrandung. Kurzum, es zieht aus allen Richtungen wie Hechtsuppe. Ryan Gander heißt der Windmacher, ein britischer Künstler, der im Hinterhof des Museums große Gebläse installieren ließ. „Das hat was!“ schwärmt ein Kunstfreund. Nur was? Keinen hält es lange in den ansonsten leeren Sälen, wer hat schon Lust auf einen steifen Hals am nächsten Morgen?

Sprachlametta und Trauma

Man muss lange anstehen, bis man zum berüchtigten Badehandtuch, der flauschigen Reliquie des Bösen, vorgelassen wird. Hinter uns warten drei Kunsthistoriker (garantiert!) und halten sich gegenseitig eine langatmige Vorlesung über „popkulturelle Umcodierung“ (übersetzt: Das ist aber bunt!), bemüht um größtmögliche Sprachabstraktion. Weiter vorne gackert eine Girlie-Clique aus Hildesheim, man sei „zum Spaß“ nach Kassel gekommen. Dann sind wir drin. Stille. Eine Puderdose, hübsch, wäre sie nur nicht von Eva Braun. Daneben ein blassgelbes Handtuch mit eingestickten Initialen, AH. Die Fotografin und Man Ray-Muse Lee Miller, die 1945 als Kriegsreporterin nach Deutschland kam, hatte diese Utensilien einer scheinbar harmlosen Häuslichkeit in Hitlers Münchner Wohnung entdeckt. Miller nahm sogar ein Bad. Die gestellten Fotos in der Badewanne des Massenmörders hinterließen bei ihr, die auch das Grauen und Elend bei der Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Dachau dokumentierte, bleibende traumatische Spuren. Sie erkrankte an einer Kriegsneurose. Scheu gehen die Besucher an den Fotos und Gegenständen vorbei, bleiben stumm, still schockiert über Hitlers Spießerbad und ein wenig auch über Miller, die so viel körperliche „Nähe“ zum Grauen zuließ Unterwegs treffen wir einen Kenner der documenta-Szene. Er komme aus Kassel, erzählt der Mann freundlich, und verkaufe bei jeder Schau als fliegender Händler selbstgebastelten Schmuck an die Kunst-Touris. Und er gibt uns ein klares Statement: „Ich finde nur Dalí gut, den Rest hier kann man verbrennen“. Sagt es und grinst. Immerhin ist er ehrlich. Vielleicht ist dieser Fatalist aber auch nur eine lebende Installation, ein Avatar oder ein Maschinenmensch, denn Verwirrung gehört zum Konzept dieser documenta. Apropos. Wo bin ich? Ein Paar steht mit Bratwurst und Hund mitten im Kunsttrubel, und weiß offenbar nicht, warum diese vielen Menschen in der Stadt sind. „Wir sind aus Borken, was ist denn hier los?“

Fromme Maschinen

„Hörst du die Motoren beten?“, fragt eine Mutter ihr Kind. Bitte!? Ja, diese dröhnenden Flugzeugmotoren „beten“, sehr leise und gebetsmühlenartig kommen menschliche Stimmen aus versteckten Lautsprechern. Es ist eine Rosenkranzandacht aus dem Kölner Dom, wissen wir. Besucher gehen nahe heran, in der unteren Etage der documenta- Halle brummen Thomas Bayrles Arbeiten wie Stahlbienen im Korb. Unter das babylonische Stimmengewirr der internationalen Gäste mischt sich notorisch „Gegrüßet seist du, Maria“. Den Antrieb einer Moto Guzzi hat der Frankfurter Künstler „Prega per noi“ (Bitte für uns) genannt. Irgendwie haben die blanken Motoren etwas vom Leitmotiv dieser 13. Schau, von Zusammenbruch und Wiederaufbau, Fliegerkrieg und Hoffnung auf Erlösung. Ein junger Holländer findet das „verwirrend“, aber er sei ja erst am Beginn seiner Tour.

Noodle to go

Für die Presse gibt es keinen bevorzugten Einlass, ein echtes Manko. Viel Zeit vergeht so mit Beine in den Bauch stehen. Peinlich: Im treuen Glauben, der Ausstellungskatalog sei, wie allgemein üblich, kostenlos für Schreiblinge, marschiere ich mit dem Buch aus dem Presse-Container. „Haaalt, stehenbleiben!“, schallt es streng hinter mir. „Für Presse nur halbe Preise, nicht gratis!“ Das muss einem doch gesagt werden! Aber die Menge starrt bereits auf mich, wie auf eine Hühnerdiebin. Auf den Schreck brauche ich eine satte Portion „Schippeln“, wie die Nordhessen gebackene Kartoffeln nennen. Zwei Mädchen aus Seattle, keine zehn Jahre alt, die mit uns am Tisch sitzen, erzählen begeistert von der „Noodle“. Klar, die gute deutsche Eiernudel, oder? Wir werden erst stutzig, als sie schildern, sie seien durch diese Nudel gelaufen. Es dämmert uns, sie meinen Kunst, genauer eine begehbare Röhre in der Karlsaue. Das müssen wir sehen, die Röhre ruft!

Make Goodoo, not Voodoo!

Dort angekommen, gucken wir sprichwörtlich in die Röhre. Der gewaltige, halbrunde Koloss macht sich als Regenschutz nützlich. Überhaupt, das Wetter. Schlägt auf die Stimmung. Wie gerufen kommt da das nächste Angebot. Ich weise mich selbst ins „Sanatorium“ des mexikanischen Künstlers Pedro Reyes ein. In dessen utopischer Klinik, de facto eine bessere Gartenhütte, wollen er und sein Team die Menschen von stadttypischen Krankheiten wie Stress, Einsamkeit und Angst heilen. Ich, nun „Patientin“, wähle die Goodoo-Therapie. Ist das am Ende Voodoo, diese fiese Nadel- Zauberei? Fast. Allerdings wird nur Wohltuendes (wörtlich: good do) eingepflanzt. „Denke an den Menschen, den Du liebst“, sagt die „Therapeutin“, eine französische Künstlerin. Ok, ich denke – an einen Mann. Dann liegt er auch schon auf dem Tisch, sein Stellvertreter aus Stoff. Ich darf mir fünf verschiedene Symbole aussuchen, mit denen ich das Mann-Ding magisch auflade. Ein Herz auf „sein“ Herz, ein paar Perlen für ein bisschen Glam, eine Marienfigur für den guten Glauben und so weiter. Babyfläschchen gibt es auch, aber die überlasse ich den ganz Mutigen, schließlich geht es hier um Manipulation. Simsalabim, die Künstlerin und ich führen unsere Finger über der Figur zusammen, und der Goodoo-Zauber geht in die Welt. Eines bewirkt die Therapie sofort, sie lässt mich innerlich lachen und beschwingt das ausmalen, was den Kerl in der Ferne fortan auf Trab hält.

Unter Laien

Wer schaut Kunst in Kassel? Ein Heer von Ü50ern, knallhart vorbereitet auf die Schau, eloquente Schlaumeier und sauertöpfische Schlangensteher. Aber auch Tausende junger Leute, etwa aus Australien, China, Schweden und vielen anderen europäischen Ländern, die erfrischend locker und ernsthaft interessiert auf zeitgenössische Kunst und deren aktuelle Strömungen zugehen. „Fantastic, great, we love the documenta!“, hören wir immer wieder von ihnen. Genauso funktioniert das „Museum der 100 Tage“. Es werden Erinnerungsanker gesetzt, Laien auf sperrige, unbequeme sowie messerscharf assoziative, politische Kunst neugierig gemacht, außerdem bester „Irrsinn“ gepflegt. Diesmal übrigens ganz ohne krachende Starauftritte. Dafür mit etlichen Werken, die wirklich schockieren. So steht in der Karlsaue eine „Hinrichtungsstätte“, man sieht Handy-Videos, deren Besitzer im Moment des Filmens erschossen wurden.

Am Ende des Tages ist man randvoll mit Eindrücken zwischen „Freud und Leid“, noch stärker wissend, wie zerbrechlich Leben und Kulturen sein können. Und wie sehr eine Portion Ironie und Schelmentum mitunter gut tun. Anspruchsvoller lässt sich die Rolle der Kunst eigentlich kaum denken. (jf)

http://d13.documenta.de