Dr. Philipp Gutbrod ist seit Juli 2011 Ausstellungskurator und Sammlungskonservator am Institut Mathildenhöhe in Darmstadt. Der 40-jährige Kunsthistoriker ist von New York in die hessische Wissenschaftsstadt gekommen, um die herausragenden Museumsschätze innovativ sichtbar zu machen. Im Gespräch erläutert er seine Pläne für die Städtische Kunstsammlung. Text: Dr. Jutta Failing, Foto: Michael Hohmann

Ausstellungskurator und Sammlungskonservator Dr. Philipp Gutbrod
Ausstellungskurator und Sammlungskonservator Dr. Philipp Gutbrod

Die Wohnungssuche in Darmstadt hatte er sich leichter vorgestellt, kam Philipp Gutbrod doch gerade aus Big Apple, wo bekanntlich die Nachfrage nach Wohnraum geradezu astronomisch ist. Mittlerweile hat er mit seiner Familie im charmanten Darmstädter Johannisviertel ein Domizil gefunden, das sogar in Laufweite zu seinem neuen Arbeitsplatz liegt, hoch über der Innenstadt. Wer sich der Mathildenhöhe nähert, spürt schon von weitem: Es ist ein besonderer Ort mit einer fast magischen Anziehungskraft, ein einzigartiges Bauensemble des Jugendstils, das, betritt man die Ausstellungsräume, das kreative wie avantgardistische Schaffen in der damaligen Künstlerkolonie eindrucksvoll dokumentiert.

Ein Ort voll kultureller Energie

Vom herrlichen Foyer des Museums Künstlerkolonie, das 1901 gebaute „Herz der Mathildenhöhe“, geht es ein paar Stufen hinunter in Gutbrods Büro, das mit Bücherbergen den Wissenschaftler ausweist und zugleich den engagierten Neuankömmling. „Möchten Sie Kaffee?“ Spontan entscheidet er, das Gespräch draußen, im Museumscafé fortzusetzen, wo man mit Blick auf die historischen Gebäude den genius loci fast einatmen kann. „Ich genieße die kulturelle Energie, die hier herrscht“, schwärmt er freimütig und erzählt, „die Mathildenhöhe ist mir aus meiner Studienzeit in Heidelberg gut bekannt, und ich habe mich daher besonders über die Berufung nach Darmstadt gefreut.“ Gutbrod ist Deutsch-Amerikaner, in den Staaten geboren, hat zwei Pässe und bringt durch seine Kuratorentätigkeit in der amerikanischen und europäischen Kunstszene viele Kontakte mit, welche die Internationalität des Instituts Mathildenhöhe weiter vorantreiben sollen. Zuletzt war er Geschäftsführer und Repräsentant der New Yorker Dependance des Auktionshauses Villa Grisebach.

Darmstadt goes international

„Darmstädter Ausstellungen, etwa die große Expressionismus- Schau im vergangenen Jahr, strahlen bis nach Amerika“, so Gutbrod auf die Frage, was Kulturinteressierte aus Übersee mit Darmstadt verbinden. Doch es gibt noch viel zu tun: „Amerikaner horchen, wenn es um europäischen Jugendstil geht, vor allem beim Namen Peter Behrens auf, verbinden mit ihm den Begriff der Corporate Identity, wobei wenigen bekannt ist, dass Behrens auf der Mathildenhöhe begonnen und hier 1901 sein erstes Haus gebaut hat.“ Jugendstil ist begehrt: „Zwar erzielen Objekte nicht die Rekordpreise, die man aus der Malerei kennt, aber Sammler suchen verstärkt nach Kunstgewerbe und sind fasziniert vom aktuellen Gedanken des Gesamtkunstwerks.“ Gute Voraussetzungen also, um auch beim breiten Publikum das Interesse an der „Akropolis des Jugendstils“, wie die Mathildenhöhe oft bezeichnet wird, noch weiter zu steigern. „Mit Behrens und anderen in der Städtischen Sammlung vertretenden Künstlern hat Darmstadt ein Pfund, mit dem es international wuchern kann“, ist Gutbrod überzeugt.

Somewhere there‘s music

Was sind seine Pläne? Zuvorderst steht die Einrichtung einer „virtuellen Galerie“, die auch weniger bekannte Schätze der Städtischen Kunstsammlung vorstellt, um so das Institut in die Riege weltweit führender Museen wie dem MoMa und dem Guggenheim-Museum in New York einzureihen, die ihre Sammlungen digitalisiert und online zugänglich gemacht haben. „Die virtuelle Schau kann aber die unmittelbare Betrachtung, dieses Staunen vor dem Original, seinen Farben, nicht ersetzen.“ Die Vernetzung von Kunst, Musik und Rhythmus ist ein weiteres Vorhaben, fest geplant ist bereits ein Konzert von Heiner Goebels im historischen Wasserreservoir. „2012 wird auch das Darmstädter Jazzinstitut mit im Boot sein, im Rahmen der Sonderausstellung Kunst und Musik.“ Als Neuzugang im Erfolgsteam von Direktor Dr. Ralf Beil, der mit fulminanten Ausstellungen die Mathildenhöhe aus einem gemächlichen Schönheitsschlaf holte, hat sich Gutbrod viel vorgenommen. Und die Herausforderungen des Ortes kennt er auch – Stichwort Zankapfel Museum Sander. „Das hat mir imponiert, dass die Darmstädter sich einmischen, sich für ihre Kunst engagieren.“ Privat freut er sich auf das, was die Theater- und Musikbühnen Darmstadts und der Region bieten. Selbst vom berühmten „Datterich“ hat der Amerikaner schon gehört, allein dafür werden ihn die Darmstädter lieben.

www.mathildenhoehe.info