Der österreichische Geigenvirtuose Emmanuel Tjeknavorian
Der österreichische Geigenvirtuose Emmanuel Tjeknavorian

Seine Karriere läuft richtig gut, der junge Violinist ist zur Zeit nicht zu bremsen: 2015 sorgte er beim Sibelius-Wettbewerb für Furore, in der Saison 2017/2018 wurde er für den „Rising Stars“-Zyklus ausgewählt. 2017 debütierte er beim Rheingau Musik Festival, auch 2018 war er wieder dabei – diesmal nicht nur als Künstler, sondern auch als Preisträger des Lotto-Förderpreises. Von Malisa Pfeifer

Wenn Emmanuel Tjeknavorian den Bogen hebt, ihn über die Saiten seiner Stradivari streicht und Töne erklingen lässt, ist die Musik voller Emotionen. Was er spielt, geht unter die Haut, mitten ins Herz. Leidenschaftlich, sentimental, mal traurig, mal munter, aber immer mit Gefühl. Zudem technisch so sauber und präzise, jeder Ton ist klar hörbar, fast greifbar – Kritiker geraten in Verzückung. Und das mit gerade mal 23 Jahren. Der junge Wiener mit armenischen Wurzeln ist der aufstrebende Star am Klassik-Himmel, seine Karriere geht seit drei Jahren steil bergauf. Er spielte mit großen Orchestern und gewann Wettbewerbe und Preise.

„Der Förderpreis ist für mich mit am bedeutendsten, weil die Auszeichnung nicht aus einem Wettbewerb resultierte.“ – Emmanuel Tjeknavorian

Nachdem er im vergangenen Jahr sein Debüt gab, wurde der talentierte Geiger beim Rheingau Musik Festival mit dem Lotto-Förderpreis ausgezeichnet. „Der Förderpreis ist für mich mit am bedeutendsten, weil die Auszeichnung nicht aus einem Wettbewerb resultierte. Es war nicht so, dass ich auf die Bühne kam, und da waren sechs Personen in der Jury und haben Punkte vergeben. Ich habe gar nicht damit gerechnet, ich habe nicht mal gewusst, dass ich überhaupt in Frage kam, den Preis zu bekommen. Ich habe vergangenes Jahr die Möglichkeit bekommen, beim Rheingau Musik Festival zu debütieren und da habe ich wirklich ein sehr schönes Konzert spielen können. Und das wurde jetzt mit einem Preis gewürdigt.“

Emmanuel Tjeknavorian beim Rheingau Musik Festival - 2018 wurde er mit dem Lotto Förderpreis ausgezeichnet
Emmanuel Tjeknavorian beim Rheingau Musik Festival – 2018 wurde er mit dem Lotto Förderpreis ausgezeichnet

Grund genug eigentlich, es anderen Wunderknaben gleichzutun und einen auf dicke Hose zu machen. Tjeknavorian (ausgesprochen: „Tscheknaworian“) allerdings ist das genaue Gegenteil. Bodenständig und ohne Allüren, fast schüchtern wirkt er, als wäre ihm der Rummel um seine Person ein wenig unangenehm. Dabei ist er Profi im Medien- und Musikgeschäft durch und durch – im wirklich zarten Alter von sieben Jahren gab er sein erstes öffentliches Konzert, gewann renommierte Preise und spielte mittlerweile mit einigen der größten Orchester der Welt. Ein Wunderkind also, dem die große Karriere in die Wiege gelegt wurde und der von den Eltern von einer Geigenstunde zur nächsten gebracht wurde?

Gegen den Willen der Eltern

Die Voraussetzungen dafür, sein familiärer Hintergrund, lassen fast keinen anderen Schluss zu: 1995 wurde Tjeknavorian in Wien geboren, seine Mutter ist Pianistin, sein Vater Loris Tjeknavorian ein im Nahen Osten berühmter Dirigent. Da kann das Kind doch nur Musiker werden. Ganz im Gegenteil, dass ihr Sohn Violinist wird, war im Zukunftsplan der Eltern nicht vorgesehen. „Als ich fünf war, habe ich meinem Vater gesagt, dass ich Geiger werden möchte. Er hat mich allerdings nicht so wahnsinnig ernst genommen, wollte aber auch nicht ‚Nein‘ sagen, sondern mich glücklich machen und hat mir eine kleine Geige geschenkt. In der Hoffnung, dass ich irgendwann die Lust verliere. Meine Eltern haben gehofft, dass das nur ein Hobby bleibt. Aber meine Leidenschaft war sehr, sehr groß, ich habe in meiner Kindheit nichts anderes gemacht, als klassische Musik zu hören“, erzählt der 23-Jährige.

Tipp

Solo
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  • Sony Classical (Sony Music)
  • Audio CD

Die Leidenschaft und die Toleranz und Unterstützung der Eltern haben ihm zu seiner bemerkenswerten Karriere verholfen. Seit 2011 studiert er bei Gerhard Schulz vom Alban Berg Quartett an der Universität für Musik und darstellende Kunst seiner Heimatstadt Wien. Aber auch in Armenien ließ er sich ausbilden, unter anderem bei Petros Haykazyan. Erfahrungen der Wiener wie auch der Russischen Schule prägten ihn. „Ich sehe mich zwar mittlerweile als Vertreter der westlichen Musiziertradition, aber auch meine armenischen Wurzeln prägen mich. Die Geschichte, die Traditionen, die Religion meiner Vorfahren, das alles interessiert mich und prägt mich als Person und auch mein Spiel“, sagt der Beethoven-Fan.

2015 wurde er beim Jean-Sibelius-Wettbewerb unter anderem für seine Interpretation von Sibelius’ Violinkonzert ausgezeichnet, für die Saison 2017/2018 wurde er für den Rising Stars Zyklus der European Concert Hall Organisation ausgewählt, nominiert durch das Wiener Konzerthaus und den Musikverein Wien.

Emmanuel Tjeknavorian vor seinem Konzert im Gespräch mit Redakteurin Malisa Pfeifer
Emmanuel Tjeknavorian vor seinem Konzert im Gespräch mit Redakteurin Malisa Pfeifer

Offensiver Mittelfeldspieler

Wenn der hoch aufgeschossene junge Mann von Musik spricht, springt die Leidenschaft und Begeisterung schnell über. Doch wie entspannt jemand, der sein Leben mit Musik verbringt, was hört ein Violinist, wie schaltet er ab? „Mit Stille. Ich habe in meiner Wohnung weder WLAN noch einen Fernseher oder ein Radio, ich habe gar nichts, was ich hören könnte. Stille ist für mich die größte Erholung.“

Wer jetzt noch denkt, dass der braun gelockte Twen die typische „Wundergeiger-Kindheit“ verbracht hat und nur sein Geigenspiel geübt hat, der irrt. Tjeknavorian ist so ganz anders, als sein ruhiges und besonnenes Auftreten vermuten lässt: „Ich habe in meiner Kindheit trotzdem auch wie andere Jungs auf dem Bolzplatz gespielt. Meine Eltern haben jeden Tag gesagt, dass ich nach der Schule direkt nach Hause kommen soll und bitte kein Fußball spielen soll, denn es könne ja was passieren, ich könnte mich an den Händen verletzen. Aber wie man als Teenager eben so ist, man hat andere Ideen und Vorstellungen im Kopf als die Eltern.“ Und so spielte der bekennende Real-Madrid-Fan in der Schülermannschaft, Position: offensives Mittelfeld.

Emmanuel Tjeknavorian - Stille ist für mich die größte Erholung
Emmanuel Tjeknavorian – Stille ist für mich die größte Erholung

Auch sonst hat er seine eigenen Vorstellungen, seinen eigenen Kopf. Das ist wichtig für ihn, ist er doch auch von den Eltern so erzogen worden. „Mir wurde gar nichts geschenkt. Ich war schon sehr früh sehr selbstständig, ein Einzelkämpfer. Ich lernte schnell, mich durchzusetzen.“

 

Sein Ding machen, sich selbst finden und wissen, wer man ist und wo man steht, daraus zieht er die Inspiration für sein Spiel. Überhaupt, Inspirationen: die zieht er sich aus allen Situationen raus. „Ich habe wahnsinnig viele Inspirationsquellen. Ich gehe, wenn es möglich ist, in Konzerte meiner Kollegen und lerne dadurch von allen Künstlern verschiedene Sachen. Es ist auch spannend,ganz große Künstler auf der Bühne scheitern zu sehen. Das passiert ja auch. Das Geniale ist dann, wie sie mit dem Scheitern umgehen. Das kann man alles lernen, indem man live vor Ort ist. Da hole ich mir von Hunderten Künstlern die Inspiration.“ Inspirationen hat er, keine Vorbilder. „Vorbilder zu haben ist kompliziert, weil man dann auf eine oder zwei, drei Personen fixiert ist. Da ist dann die Gefahr, das merke ich auch, dass man schnell diese Idole imitiert und gar nicht sein eigenes Ich findet.“

„Alle Beziehungen prägen. Wenn ich zum Beispiel Brahms spiele und ich weiß, dass er diese Stücke geschrieben hat, weil er Liebeskummer oder Herzschmerz hatte, dann weiß ich sehr gut, wie sich das anfühlt.“ – Emmanuel Tjeknavorian

Vom Leben prägen lassen

Angst vor dem Scheitern hat er nicht. „Ich zähle – Gott sei Dank – zu den Künstlern, die sich sehr vor einem Auftritt sehr auf die Begegnung mit dem Publikum freuen. Für mich gibt es nichts Schöneres. Meine Motivation ist es, den Leuten etwas zu erzählen. Wenn sich am Abend der Saal füllt, dann kann ich es kaum erwarten, rauszugehen und zu spielen. Natürlich bin ich vor Auftritten, bei denen ich weiß, dass sie im Fernsehen und im Radio live übertragen werden, aufgeregt. Aber das ist normal und zum Glück habe ich nicht diese krankhafte Aufregung, dass ich vor Konzerten panisch werde.“ Dem Publikum etwas erzählen, Emotionen transportieren, die Menschen bewegen und für klassische Musik begeistern, das ist seine größte Freude. Und das gelingt ihm. Tjeknavorians hochvirtuoses Spiel stillt die Sehnsucht nach dem Besonderen, dem Berührenden.

„Vorbilder zu haben ist kompliziert. Da ist dann die Gefahr, dass man gar nicht sein eigenes Ich findet.“ – Emmanuel Tjeknavorian

Er beherrscht die Gefühlsklaviatur, wie es einem gerade mal 23 Jahre alten Mann kaum zuzutrauen ist. Die Emotionen zieht er aus seinen Erfahrungen, aus seinen Inspirationen. Im Nachhinein könne er da auch seinen Ex-Freundinnen danken, die ihm das Herz gebrochen hätten, sagt er und lacht. „Es ist doch so, es gibt 50-Jährige, die einfach nicht zulassen, dass das Leben sie prägt. Ich habe schon vieles erlebt, trotz meines Alters. Alle Beziehungen prägen. Wenn ich zum Beispiel Brahms spiele und ich weiß, dass er diese Stücke geschrieben hat, weil er Liebeskummer oder Herzschmerz hatte, dann weiß ich sehr gut, wie sich das anfühlt. Natürlich muss man auch immer in der Lage sein als Künstler, auch wenn man mal einen nicht so guten Tag hat oder am Abend vorher Brahms mit Herzschmerz gespielt hat und dann kommt Mozart, dass man sich dann trotzdem in eine gute Stimmung bringen kann.“

Diese Ambivalenz aus einerseits Jugend und Abgeklärtheit, Gefühlen und Professionalität machen einen großen Teil der Faszination Emmanuel Tjeknavorians und seines Geigenspiels. Und haben sicherlich dazu beigetragen, dass seine Karriere den steilen Weg bergauf recht mühelos genommen hat. Und sicherlich noch weiter gehen wird. In dieser Saison ist er wieder auf Tournee. Er spielt unter anderem in der Mailänder Scala, mit den St. Petersburger Philharmonikern unter Juri Temirkanow und auch in Frankfurt wird er zu hören sein, in Begleitung des hr-Sinfonieorchesters.

Konzert – Die vier Temperamente
Donnerstag 21. März 2019 und Freitag 21. März 2019
jeweils 20:00 Uhr im hr-Sendesaal

Das Konzert in hr2-kultur:
Freitag, 22. März 2019, 20.04 Uhr (live)
Dienstag, 2. April 2019, 20.04 Uhr


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