Gildo Zegna verkauft Männerträume. Seit 20 Jahren steht der italienische Gründerenkel an der Spitze des milliardenschweren Modelabels und Stoffproduzenten Ermenegildo Zegna, das sich derzeit neu erfindet. Was er von Innovationen hält, welche Disziplinarmaßnahmen er mit dem Starnberger See verbindet und ob Signore Zegna nach einem langen Tag auf der Couch Jogginghosen trägt, haben wir im persönlichen Gespräch erfahren.
Von Annika John

Es war der 17. Januar 1998, der die italienische Nobelmarke Zegna in den Vereinigten Staaten schlagartig berühmt machte. An diesem Tag konnte Bill Clinton die Affäre mit seiner Praktikantin Monica Lewinsky nicht mehr länger verbergen. Schlecht für Clinton, sollte ihn der politische Skandal fast den Kragen kosten.

Gildo Zegna im Interview mit Top Magazin-Redakteurin Annika John
Gildo Zegna im Interview mit Top Magazin-Redakteurin Annika John

Gut für Zegna, denn die blau-gold-gemusterte Krawatte, die der Präsident von seiner Gespielin zum Geburtstag bekam, trug sein Label. Die italienische Tageszeitung „Corriere della Sera“ widmete dem berühmt gewordenen Modell daraufhin eine ganze Seite und auch sonst war der Fehltritt, pardon, in aller Munde.

Fast 20 Jahre ist das her und an berühmten – mittlerweile freiwilligen – Werbeträgern mangelt es Zegna auch heute nicht. Robert de Niro, Barack Obama und Robert Downey, um nur einige zu nennen, sind dem guten Stoff des Traditionshauses verfallen. Die jährliche Umsatzmarke von einer Milliarde Euro hat das Unternehmen längst geknackt.

From sheep to shop

„Luxus ist die Verbindung von Qualität und Natürlichkeit.“

Ein tailliertes dunkelblaues Sakko mit Einstecktuch, schmal geschnittene Hosen, schwarze Loafer und ein straffer Windsorknoten unter dem gestärkten Hemdkragen.

Gildo Zegna selbst verkörpert, was das Label auszeichnet. „Luxus ist die Verbindung von Qualität und Natürlichkeit“, sagt er bestimmt. Dass dahinter keine Floskel, sondern Überzeugung steckt, davon zeugt nicht nur das Logo auf seiner Krawatte.

Ein eingesticktes goldenes Schaf als Kennzeichen für die australischen Merino-Farmer. „From sheep to shop“ lautet das Credo, das die Produktion der Zegna-Wear auszeichnet. „Wir sind anders als viele Unternehmen“, erklärt Zegna. „Unsere Wolle produzieren wir selbst, in Australien haben wir eine Farm mit vielen tausenden Schafen.“ Nur so könne die Kontrolle über den ganzen Prozess von den Tieren bis zum Laden gewährleistet werden.

Bester Stoff

Auch wenn die weltweit agierende Zegna Group heute 525 Stores und über 7.000 Mitarbeiter zählt, begann die Geschichte im Jahre 1910 ganz unprätentiös im Städtchen Trivero inmitten der italienischen Provinz. Die schönsten Stoffe der Welt herstellen – das war die Vision des Gründers Ermenegildo Zegna, dem Großvater des heute an der Spitze stehenden Gildo Zegna.

Gildo Zegna
Gildo Zegna

Er verfolgte eine ganzheitliche Unternehmensphilosophie, die immer das Wohl der Mitarbeiter und der Umwelt fest im Blick hielt. Zegna Senior ließ tausende Bäume in Triverso pflanzen, er gründete dort ein medizinisches Zentrum und einen Kindergarten und veranlasste den Bau der Panoramica Zegna, einer Straße, die seinen Heimatort mit dem Touristenresort Bielmonte verband.

Anfang der 1980er-Jahre hatte er ein expandierendes, vertikal ausgerichtetes Wollunternehmen geschaffen: In seinem Besitz befand sich die ganze Produktionskette, von der australischen Farm über die italienischen Webereien und Schweizer Schneidereien bis hin zu den internationalen Geschäften, in denen die Stoffe vertrieben wurden.

Das Maß der Dinge

Jede der mittlerweile drei Zegna-Generationen schätze dieses kostbare Erbe. Es zu bewahren und zugleich zeitgemäß weiterzuentwickeln, betrachtet Gildo Zegna als die wichtigste Aufgabe. Sein Kalender ist prall gefüllt. Gestern in China, heute in Frankfurt, morgen in den USA.

Vom Reisen lässt sich der Unternehmer inspirieren, sein neuster Coup: Anzüge und Freizeitklamotten aus Techmerino-Wolle, einem wasserdichten, atmungsaktiven Stoff, der auch die Waschmaschine unbeschadet übersteht. Das Material ist nicht nur bequem. Auch Bügeln ist überflüssig, denn „das Kleidungsstück kann aus der Maschine geholt und angezogen werden“, erklärt der Unternehmer.

„Innovation ist unverzichtbar.“

Auch er selbst lässt einen langen Tag auf der Couch gerne mal in einer Techmerino-Jogginghose ausklingen. Doch nicht nur das Material wird bei Zegna stets neu erfunden, auch Schnitte, Funktionen und Stile erweitern das Portfolio ständig. „Innovation ist unverzichtbar“, weiß Gildo Zegna, „wir wollen auch junge Menschen mit unseren Kreationen erreichen.“ Dafür steht die Zweitlinie Z Zegna, die verstärkt auf Sportswear und moderne Stoffe wie Leder oder Jeans setzt.

Bootcamp: Starnberger See

Gildo Zegna nippt zum ersten Mal an seinem Glas und kräuselt kurz die Lippen. „Ist das Limo?“, fragt er skeptisch und lacht. Er ist Chef eines milliardenschweren Imperiums – doch von Allüren keine Spur. Dass das Unternehmen so erfolgreich ist, ist wohl auch seinem Auftreten zu verdanken. Aufmerksam und zuvorkommend als Gesprächspartner, geradlinig und ehrgeizig als Geschäftsmann.

Disziplin als die Mutter aller Tugenden zu betrachten, hat er sich als Heranwachsender in Deutschland angeeignet. „Mein Vater hatte eine enge Beziehung zum Land der Dichter und Denker. Deshalb habe auch ich Land und Leute kennengelernt. Ich werde nie vergessen, wie ich als Jugendlicher in einem bayrischen Camp unermüdlich Bahnen im kalten Starnberger See ziehen musste“, erinnert sich Zegna in fließendem Deutsch zurück.

Das, was bleibt

Prägende Momente. Um das, was bleibt, geht es auch in der jüngsten Zegna-Kampagne „defining moments“, für die der zweifache Oscarpreisträger Robert De Niro und der französische Choreograph und Tänzer Benjamin Millepied verpflichtet wurden. Welche Erlebnisse, Orte oder Begegnungen brennen sich für immer in unser Gehirn ein? Für De Niro und Millepied sind es die Straßen von New York.

„Ich weiß, dass unsere aufregendsten Momente noch bevorstehen.“

„In dieser Stadt kannst du nur nach oben schauen“, sagt Millepied, „die Menschen kommen hierher, um zu erkennen, wer sie sind“, meint De Niro. Auch für Gildo Zegna begann alles in der Stadt, die niemals schläft. „1982 bin ich in das Unternehmen eingestiegen, um den wachsenden amerikanischen Markt zu betreuen.“

Heute ist das Label auf nahezu allen Kontinenten gefragt. Sich deshalb auf dem Erfolg auszuruhen, liegt Zegna fern. Er ist ein Visionär – das wird spätestens deutlich, wenn man ihn nach seinem persönlichen „defining moment“ fragt: „Meine Augen sind fest auf morgen gerichtet. Ich weiß, dass unsere besten und aufregendsten Momente noch bevorstehen.“


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