Nicht nur wegen seiner Statur zählt der fast zwei Meter große Gregory Porter zu den Schwergewichten der internationalen Jazz-Szene. Der zweifache Grammy-Gewinner gastierte gerade mit dem Orchester Neue Philharmonie Frankfurt in der Alten Oper. Dabei wollte der heute 46-Jährige eigentlich Football-Spieler werden. Kurz vor seinem Auftritt trafen wir ihn zum Interview im Sofitel Frankfurt Opera. Von Sabine Börchers

Er ist der Mann mit der Mütze und der samtigen Stimme. Die ballonartige Kopfbedeckung mit dem Schlauchschal um die Ohren, die Gregory Porter, wie er sagt, ursprünglich mal wegen einer Operation am Kinn trug, ist längst sein Markenzeichen. Sein wohlig-weicher, besonders emotionaler Bariton, mit dem er Jazz, Soul und manchmal auch Pop singt, hat ihn populär gemacht.

Aber auch seine Neugier und der Wunsch nach neuen künstlerischen Anreizen. Sie lassen ihn immer wieder musikalische Grenzen überschreiten und mit Künstlern wie Jamie Cullum, Helene Fischer oder Max Herre auftreten. Mit dem deutschen Rapper sang er auf dessen MTV-Unplugged-Album 2013 gleich zwei Titel.

„Orchestermusik strahlt für mich eine große Schönheit aus.“

Auch sein aktuelles Projekt ist ein besonderes. Derzeit ist Gregory Porter mit seinem neuen Album „Nat King Cole & Me“ auf Tournee und machte unlängst in der Alten Oper Station. Nicht alleine, sondern mit dem Orchester Neue Philharmonie Frankfurt, das seinen schlicht-schönen Interpretationen von Songs des Jazz-Musikers Nat King Cole den entsprechenden Klangkörper verlieh. „Orchestermusik strahlt für mich eine große Schönheit aus. Ein Orchester steigert und intensiviert die emotionale Idee eines Songs“, begründet Porter, warum er diese Zusammensetzung wählte.

Gregory Porter
Gregory Porter

„Lehnen Sie sich zurück, entspannen und genießen sie“, rät er dem Publikum am Anfang des Konzerts. Er selbst scheint jeden Ton, den er singt, auszukosten. Unter dem Schirm seiner Mütze schließt er immer wieder die Augen und schnippt bei den rhythmischeren Songs mit der rechten Hand mit oder gibt das Tempo vor.

Mit seinem Jazz-Trio, das bei manchen Stücken für das Orchester übernimmt, sei er flexibler und könne auch mal das Tempo anziehen, erklärt er. „Für mich ist der Auftritt mit beiden ein großes Vergnügen.“

Gerade mal einen Tag hatte das Sinfonieorchester mit Sitz am Offenbacher Capitol, das schon mit Stars wie David Garrett, José Carreras, Chris de Burgh oder Nena auftrat, Gelegenheit, die von Vincent Mendoza entwickelten Arrangements mit Gregory Porter zu proben. Eine Generalprobe vor Publikum in Paris gab ihnen die Gelegenheit, für die Premiere in Frankfurt perfekt zusammenzufinden.

Die Zuhörer in der fast ausverkauften Alten Oper dankten es ihnen am Ende mit stehenden Ovationen. Ein weiterer Auftritt in der Elbphilharmonie in Hamburg folgte. Im nächsten Jahr stehen noch Konzerte des „Nat King Cole Porter Projects“ in Berlin, Düsseldorf und München an.

Held und Vorbild

Dass Gregory Porter ausgerechnet die Songs des 1965 verstorbene Jazz-Musikers Nat King Cole, darunter Klassiker wie „Smile“ oder „Mona Lisa“ neu interpretiert, ist kein Zufall. Dieser ist sein Held und sein Vorbild. „Die ersten Jazz-Songs, die ich gesungen habe, waren Nats Lieder.“ Er war einst ein wichtiger musikalischer Trostspender für ihn, nachdem sein Vater die Familie – Porter hat sieben ältere Geschwister – sehr früh verlassen hatte.

Bereits als Fünfjähriger habe er selbst einen kleinen Song geschrieben, den er damals seiner Mutter vorspielte, erzählt Porter. Die soll daraufhin gesagt haben, er klinge wie Nat King Cole. Also hörte er heimlich dessen Platten. Und er erträumte ihn sich in seinen kindlichen Phantasien als Vaterfigur.

Sein musikalisches Vorbild ist dieser heute geblieben. Bereits 2004 widmete Porter ihm ein halbautobiografisches Musical, das, wie sein aktuelles Album, den Titel „Nat King Cole & Me“ trug. „Es handelte von einer älteren Person, die als Kind von ihm beeinflusst wurde. Es ist meine Geschichte und ich habe mich selbst gespielt damals“, erzählt Porter. Der zweite Akt habe aus einer Traumsequenz bestanden, in der er die Musik von Nat King Cole mit einem Orchester gesungen habe. „Ich habe das vor 15 Jahren geschrieben und heute geht dieser Traum für mich in Erfüllung.“

Etwas mitgeben

Für sein aktuelles Album habe er Songs von Nat zusammengetragen, die ihm im Laufe der Jahre etwas bedeuteten, erzählt er. Darunter ist auch ein Lied, das er von Coles Bruder Freddy habe und das damals schon Teil seines Musicals war, weil es seine eigene Geschichte widerspiegelt. Es trägt den Titel „I Wonder Who My Daddy Is“. „Der Song zeigt, wie ich mich gefühlt habe, bevor ich die Musik von Nat kannte“, sagt Porter heute.

„Wir leben in politisch schwierigen Zeiten.“

Ein einziges eigenes Stück aus seinem eigenen Repertoire, von einer seiner früheren Platten, fügte er dem Album ebenfalls hinzu. „When Love Was King“. Er habe damals überlegt, wie ein Song klingen würde, den er für Nat King Cole schreiben würde, erzählt er über die Entstehungsgeschichte dieses Titels. Trotz der schmeichelnden, eher gefälligen Musik, die Gregory Porter auf dem neuen Album versammelt hat, liegt ihm immer auch daran, eine

Message zu vermitteln. Weil Coles Songs etwas Optimistisches oder Positives hätten, das die Leute am Ende mitnehmen könnten, wollte er mit dem Lied seinem Publikum etwas Ähnliches mit auf den Weg geben: „Ich finde, dieser Song ist jetzt aktueller als vor vielen Jahren, als ich ihn geschrieben habe. Er ist für die Regierenden und für alle Menschen weltweit. Wir leben in politisch schwierigen Zeiten, da wollte ich die Leute daran erinnern, dass es Zeiten gab, in denen die Liebe herrschte.“

Gregory Porter der Footballstar?

Einige der Songs auf seinen älteren Alben thematisierten bereits soziale Ungerechtigkeiten und Alltagsrassismus, wie er ihn selbst erlebte. 1980 sei sein Bruder angeschossen worden, weil er als Schwarzer in einer weißen Gegend herumgelaufen sei. Mitten in Kalifornien, berichtet er. Dennoch empfindet Gregory Porter seine Kindheit heute als eher positiv. Es sei seine Mutter gewesen, die ihm das Selbstbewusstsein gab, dass er frei sei, alles zu erreichen, was er sich wünsche.

Der größte Wunsch war zunächst allerdings nicht die Musikkarriere. Auch wenn der im kalifornischen Bakersfield aufgewachsene Porter schon als Kind im Gospelchor sang, war die Musik nicht seine einzige Leidenschaft. Er spielte als Jugendlicher ebenso begeistert Football und bekam ein Stipendium für die San Diego State University. Der Weg in den Profisport war vorgezeichnet. Seine Position war die des „Outside Linebackers“. Dafür musste er groß und schnell sein. Doch eine schwere Schulterverletzung zwang ihn schon bald, die Sportlerkarriere zu beenden, bevor sie richtig begonnen hatte.

So kehrte er schließlich zur Musik zurück. Er kochte im Restaurant seines Bruders in Brooklyn, in dem er auch auftreten konnte und wurde 1999 für das Broadway-Musical „It Ain‘t Nothin‘ But the Blues“ engagiert. Bei einem seiner Auftritte ein Jahr zuvor hörte ihn der Saxophonist, Pianist und Komponist Kamau Kenyatta und nahm den jungen Mann kurzerhand unter seine Fittiche.

„Er hat mir alles beigebracht, was ich wissen muss“, sagt Porter heute. Kenyatta arbeitete zu dieser Zeit gerade mit dem bekannten US-amerikanischen Jazz-Flötisten Hubert Laws an einem Tribute-Album. Ausgerechnet für Nat King Cole. Und so begann auch Gregory Porters Musikkarriere mit den Liedern seines Idols. Denn Kenyatta und Laws waren so überzeugt von seinem Talent, dass sie das Album um einen gemeinsamen Bonus-Track erweiterten.

250 Konzerte im Jahr

2010 erschien Porters erstes eigenes Album „Water“, das, von Kenyatta produziert, bereits für einen Grammy nominiert wurde. Der Plattenvertrag mit dem renommierten Label Blue Note Records, bei dem das dritte Album „Liquid Spirit“ erschien, brachte ihm den internationalen Durchbruch und den ersten Grammy als bestes Jazz-Gesangsalbum des Jahres 2013 ein. Ein weiterer folgte, wie auch gleich drei Mal der deutsche Echo Jazz.

Nat King Cole & Me von Gregory Porter
Nat King Cole & Me – das neue Album von Gregory Porter

Heute gibt Gregory Porter rund 250 Konzerte im Jahr. Er würde wohl noch häufiger auf der Bühne stehen, wenn nicht zwischendurch lange Anreisen von Europa in die USA und zurück notwendig wären.

Nach dem Konzert in Frankfurt etwa ging es noch schnell nach Madrid, bevor er seine Tournee mit der Neuen Philharmonie in Hamburg fortsetzte. Er lebe von Tag zu Tag, sonst verliere er den Überblick, sagt er.

In Frankfurt machte er bereits mehrfach Station. Er erinnerte sich vor allem an einen Abend vor zwei Jahren, als er den Frankfurter Weihnachtsmarkt besuchte und Glühwein trank. „Das war ein wundervolles Erlebnis.“ Den Frankfurtern hat er es jetzt in der Alten Oper auf besondere Weise gedankt. Als er mit seiner seidenweichen Stimme Nat King Coles berühmten „Christmas Song“ intonierte, war das für die meisten schon Weihnachten.


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