Wer streicht nicht gerne über die Seiten eines edlen Katalogs, die sich besonders glatt und fein anfühlen. Wer erhält nicht gerne eine Einladung mit feiner Prägung. Und wer hört nicht gerne das zarte Kratzen, wenn die Feder des Füllers beim Schreiben eines Briefes über das Papier läuft. Auch wenn Papier nicht viel kostet, wird es doch immer mehr zum Luxusgut.

In einer Zeit, in der unser Alltag von Digitalisierung und stetiger Effizienzsteigerung geprägt ist, setzen Unternehmen immer stärker auf das papierlose Büro. Wir schreiben am Computer, wischen über das Tablet und führen unseren Terminkalender im Smartphone. Da erscheint es wie ein purer Anachronismus, dass das Papier, das wir noch nutzen, sei es zum Schreiben oder auch als Verpackung, für viele eine immer stärkere Bedeutung erhält.

Florian Kohler, Inhaber der Papierfabrik Gmund
Florian Kohler, Inhaber der Papierfabrik Gmund

Florian Kohler, Inhaber der Papierfabrik Gmund am Tegernsee, sieht darin keinen Gegensatz. Die Digitalisierung werde nicht das Papier ersetzen, stellt er fest. Nur für das Verbreiten von Information sei Papier heute nicht mehr geeignet. „Wenn ich Informationen möchte, warte ich nicht auf einen Brief.“ Dafür könne Papier etwas anderes, nämlich Inspiration.

Es spreche die Menschen emotional an. Wer einen hochwertigen Katalog seiner Automarke in den Händen halte, kaufe sich eher seinen kostspieligen Traumwagen, als wenn er ihn nur auf dem Computer sehe, nennt Kohler ein Beispiel.

Analoge Oase

Wer den ganzen Tag im digitalen Universum verbringt, braucht offenbar analoge Oasen. Wir schreiben also wieder Briefe mit der Hand, aber wenn, dann mit Füller und auf feinstem, gerne handgeschöpftem Papier. Wir genießen damit einen Moment der Muße in unserer schnelllebigen Zeit und vielleicht eine kleine Reminiszenz an die verlorene Jugend, etwa, wenn wir das grobe braune Papier fühlen, in das ein besonderer Tee verpackt ist.

Die Emotionalität des Naturstoffs Papier hat der Handel längst erkannt, nicht nur, weil er exklusive Waren darin verpackt. In den Städten boomen die Papeterien, in denen es die edle Handwerkskunst rund um Briefbogen und Notizblätter zu kaufen gibt. Noch nie waren so viele Bücher, Boxen und bedruckte Papiere im Dekobereich zu finden.

Begonnen hat alles mit Moleskine Ende der 1990er Jahre. Die Mailänder Firma brachte die speziellen Notizbücher auf den Markt, für die die Marke bekannt wurde. Sie erklärte kurzerhand, auch Hemingway und Picasso hätten solche Exemplare verwendet, und gaben ihnen damit die Aura des Kunstvollen.

Mittlerweile gibt es die Büchlein an jeder Ecke und diejenigen, die es sich leisten können, halten längst Ausschau nach Exklusiverem. Etwa nach besonderem Papier, von hoher Qualität und ästhetischer Gestaltung. Produkte kleiner Hersteller aus aller Welt sind daher begehrt wie nie zuvor. Selbst Manufactum und Muji haben japanisches Schreibpapier oder „Crown Mill“-Schreibkarten aus Belgien im Programm.

Papier aus Gmund am Tegernsee

Aber auch der deutsche Hersteller Gmund Papier ist weltweit gefragt. 75 Prozent der Produktion werden ins Ausland exportiert, wie Florian Kohler betont. Dabei geht es weniger um Briefpapier für den Hausgebrauch, das natürlich auch produziert wird. Kosmetika und Parfums großer Marken, Spirituosen, Pralinen, aber auch ökologisches Müsli und feiner Tee werden in Gmund Papier verpackt.

„Es gibt kein anderes Papier, das sich so anfasst.“ – Florian Kohler

Das mittelständische Unternehmen vom Tegernsee stellt zudem ganz klassisch das Papier für die Einladungen zum Bundespresseball oder zur Goldenen Kamera in Berlin her. Sogar die goldenen Umschläge, in denen 2016 die Namen der Oscar-Preisträger in Los Angeles überreicht wurden, stammten aus dem oberbayerischen Gmund.

In Gmund werden auch die goldenen Umschläge für die Oscar-Verleihung gefertigt.
In Gmund werden auch die goldenen Umschläge für die Oscar-Verleihung gefertigt.

Das Besondere daran sind die in allen Farben schimmernden Goldpartikel, die dem Papier nicht nur für das Oscar-Kuvert eine besondere Brillanz verleihen. „Es gibt kein anderes Papier, das sich so anfasst. Das zeigt, wie wichtig das Material heute ist“, stellt Kohler fest.

Das Firmengeschäft hat einen entscheidenden Anteil am Umsatz in Gmund. Viele Unternehmen in Deutschland und weltweit verschicken ihre Firmenpost nur auf Gmund Papier. Zahlreiche Geschäftsausstattungen, Imagebroschüren, Nachschlagewerke oder Produktliteratur werden damit verarbeitet.

Hotels wie das Park Hyatt Hotel in Wien nutzen es für exklusive Einladungen. Und selbst Karl Lagerfeld betont immer wieder, wie gerne er auf Papier von Gmund schreibe. Im Gegenzug entwarf das Unternehmen für seine Ausstellung in Bonn 2015 einen Papierpalast aus tausenden kleiner Blüten, unter denen seine Roben standen.

Emotionaler Mehrwert

Doch der Papierhersteller mit der langen Tradition – schon 1829 entstand in Gmund die erste Papiermühle, in der recycelte Baumwolllumpen als Ausgangsmaterial verwendet wurden – bietet den Unternehmen mehr als weiße und farbige Seiten. „Unsere Vision ist es, für jedes Unternehmen das ästhetisch passendste Papier herzustellen.“

Wenn eine Firma im besten Fall einen Tag nach Gmund kommt, um ein solches Projekt anzustoßen, dann geht es um Werte, um Philosophien, die sich in dem Material ausdrücken sollen. „Wir können Papier perfekt auf den Charakter eines Unternehmen abstimmen“, erläutert Kohler.

Auch die Farbmischung der Papiere ist in Gmund Handarbeit
Auch die Farbmischung der Papiere ist in Gmund Handarbeit.

Erst wenn die richtige Stärke, die entsprechende Qualität, der beste Farbton gefunden sind, sprechen die Gmundener mit dem Unternehmen darüber, wie das Papier konkret für einen Katalog, eine Verpackung oder Ähnliches verwendet werden kann.

„Wir sind das umweltfreundlichste Papier weltweit.“ – Florian Kohler

Für diesen emotionalen Mehrwert entwickelten Kohler und seine Kollegen unter anderem ein eigenes Farbsystem mit 48 unterschiedlichen Tönen, aber auch ein Papier ohne jegliche Beschichtung, das trotzdem blickdicht ist und für das das Unternehmen ein eigenes Patent hat. Darüber hinaus kann der Käufer auch ein reines Gewissen haben, was die Umweltverträglichkeit des Papiers aus Gmund angeht.

„Wir sind mit Abstand das umweltfreundlichste Papier weltweit“, sagt Kohler. So stamme bis zu 75 Prozent der Energie, die man verbraucht, aus eigener Produktion und der Wasserverbrauch sei in den letzten Jahrzehnten um 70 Prozent gesenkt worden. Denn Wasser ist seit jeher das wichtigste Element zur Papierherstellung.

Von den Chinesen erfunden

Das Bedürfnis der Menschen, Erinnerungen dauerhaft festzuhalten, ist fast so alt wie die Menschheit. Die ältesten Bildschriftzeichen aus der Zeit um 13.000 v. Chr. finden sich auf Felsen. Später schrieb man auf dem aus Schilfgras hergestellten Papyrus und auf Pergament, einer präparierten Tierhaut, die beide als Vorläufer des Papiers gelten.

Das handgeschöpfte Papier erfanden die Chinesen. Die erste Anleitung dafür stammt aus dem Jahr 105 n. Chr. vom dortigen Kaiserhof. Schon damals wurden die gesäuberten Fasern des Maulbeerbaums, aus Hanf und alten Fischernetzen zerstampft und gewässert, bis sie einen Brei ergaben, dann eine Lage abgeschöpft, getrocknet, gepresst und geglättet. Die Produktion breitete sich im sechsten Jahrhundert rasch auch in Japan aus.

Da in China und Japan Bildung und Literatur einen hohen Stellenwert hatten, war die Nachfrage nach Schreibmaterial enorm.
 Bis ins achte Jahrhundert konnten sie das Geheimnis des Papiermachens hüten, dann mussten sie es nach einer Niederlage gegen die Araber preisgeben.

Über den Orient und das islamische Spanien gelang das Schreibmaterial im elften Jahrhundert nach Europa. Zunächst stellte man das Papier aus Baumwoll-, Hanf-, Flachslumpen oder Leinen her. Wenig später begann die maschinelle Produktion, die das Papier erschwinglich machte und damit ab 1450 den Buchdruck ermöglichte.

Brüssel, Venedig, Florenz

Die Geschichte des heute beliebten Crown Mill Papiers aus Belgien reicht bis in diese Zeit zurück. Damals entstand am Wasserlauf der Argentine eine Mühle, die später zur königlichen Papiermanufaktur wurde. Noch heute beliefern die Nachfolger der damaligen Papierhersteller, die nach Brüssel umsiedelten, die belgische Königsfamilie mit den Feinpapieren, die an die handgeschöpften Blätter aus der Mühle erinnern.

Auch Italien ist eine bekannte Adresse für langjährige Papiertradition. Etwa in Venedig, wo Fernando Masone in seinem Lädchen Cartavenezia bis heute handgeschöpftes Papier verkauft, das er in der eigenen Werkstatt in einem ehemaligen Kloster auf der Insel Giudecca herstellt. Oder in Florenz, wo Firmen wie Pineider bis heute Handgemachtes anbieten.

Das Atelier von Alberto Valese, der in Venedig als Meister der Papiermacher gilt.
Das Atelier von Alberto Valese, der in Venedig als Meister der Papiermacher gilt.

Francesco Pineider eröffnete sein erstes Geschäft im Jahre 1774 in der Piazza della Signora. Schon damals bot er sein geprägtes Papier in verschiedenen Farben und Ausführungen, dazu Schreibgeräte und sogar Schmuck an. Bald erwarb er sich einen guten Ruf
unter berühmten Dichtern und Schriftstellern – von Stendhal bis Lord Byron, Shelley und Dickens.

Im 20. Jahrhundert wurde Pineider Lieferant für Schreibwaren und Einladungskarten für
die Botschaften, für kulturelle Veranstaltungen und die italienischen Behörden. Zu seinen Kunden zählten auch berühmte Schauspielerinnen wie Marlene Dietrich und Elizabeth Taylor. Die Amerikanerin war berühmt für ihren ausgefallenen Geschmack. Von Pineider wünschte sie sich etwa Schreibpapier passend zu ihrer Augenfarbe.

Heiliges Material

Besonders japanisches Papier, das sogenannte Washi (wa = Japan und shi = Papier) ist heute bei uns begehrt, weil es als besonders fein und schön gilt. Es zählt zu den besten Premium-Papiersorten, die auf der Welt zu haben sind. Kein anderes Papier hat diese bemerkenswerte Haptik und Optik.

Es diente den Japanern auch für Bücher, farbige Holzschnitte, Fächer, Schirme, Masken, Trennwände und sogar Kleidung. Als heiliges Material fand es Eingang in viele religiöse Zeremonien. Papier war Symbol der Reinheit und hat bis heute im japanischen Alltag eine spirituelle Bedeutung. Kleine Papierstreifen und Ornamente dienen noch immer als Glücksbringer.

„In jeder Kultur wird mit Gedrucktem Wahrhaftigkeit verbunden“, betont Florian Kohler. Deshalb sei ihm auch nicht bang, dass es aufgrund der Digitalisierung irgendwann kein Papier mehr geben könnte. Als Luxusgut versteht Kohler sein Produkt allerdings nicht. Gmund Papier könne sich schließlich jeder leisten.

Und manchmal sehe teures Papier sogar ganz bewusst einfach aus, wenn das zum entsprechenden Produkt passt. Einfach und doch immer schön. Denn eine große Besonderheit haben die feinen Blätter: „Papier ist ein Naturprodukt. Deshalb haben wir es so gerne in der Hand. Und es ist nachhaltig, es ist eines der wenigen Produkte, deren Rohstoff nachwächst.“


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