Theatermacher, Komponist, Hochschullehrer, Autor und jetzt auch Intendant der Ruhrtriennale. Heiner Goebbels hat viel zu tun. Was Auszeichnungen angeht, ist er ganz oben angekommen. Im September wird ihm der Ibsen Award, der wohl höchstdotierte Theaterpreis der Welt, verliehen. Vorher zeigt er in Darmstadt, wie es unter der Mathildenhöhe klingt. Wir trafen den großen Kreativen in seiner Wohnung im Frankfurter Westend.

Treppe nach oben. Durch die leicht geöffnete Wohnungstür ist ein Musikinstrument zu sehen, hier muss es sein. Tatsächlich, Heiner Goebbels kommt und lacht über das verräterische Cello. Dass klassische wie avantgardistische Klänge praktisch jeden Raum einnehmen, diese sogar noch im Stillen die geschmackvolle Altbau-Wohnung zu beherrschen scheinen, liegt angesichts diverser Instrumente auf der Hand. Überhaupt, die Stille. Gefragt nach seinem Lieblingsgeräusch im Alltag und damit nach dem Klang fern jeder kompositorischen Absicht antwortet er ohne zu zögern, „die Stille“, und ergänzt, „dass ich mit vielen auch sehr energetischen industriellen Geräuschen arbeite, könnte – so sagen manche Freunde – meine Rache an der Realität sein.“

Unspielbare Stücke

Heiner Goebbels
Heiner Goebbels
© Top Magazin Frankfurt

Die Realität sieht es gelassen, mehr noch, sie zeichnet nun Heiner Goebbels für sein Lebenswerk aus, und so wird in Kürze dem 59-Jährigen in Oslo der diesjährige International Ibsen Award der norwegischen Regierung überreicht, der seit seiner Einführung 2008 als Nobelpreis des Theaters gilt. Dieser Ritterschlag durch eine internationale Jury freut ihn natürlich, aber er vermeidet allzu große Überschwänglichkeit, der junge Preis war unter Theaterleuten noch wenig bekannt. Etliche internationale Auszeichnungen hat Heiner Goebbels in den vergangenen Jahrzehnten erhalten und immer wieder neue Herausforderungen gesucht. „Ich verändere mich gern, man kann fast sagen, alle sieben Jahre verlagere ich meinen Schwerpunkt, aktuell ist es eine kuratorische Arbeit bei der Ruhrtriennale.“ Als man die Intendanz dieses spartenübergreifenden Festivals, das ehemalige Maschinenhallen und Kokereien als zentrale Spielorte nutzt, an ihn herantrug, habe ihn das sofort interessiert, „weil die Ruhrtriennale seit ihrer Gründung (2002) einen Schwerpunkt auf das Zeitgenössische setzt, und industriekulturelle Orte bespielt werden, deren Kraft ich ebenfalls in meinen eigenen Arbeiten immer gern nutze.“ Und auch das ist ihm für die neue Aufgabe wichtig: „Es ist kein Repräsentationsfestival mit riesigen Eintrittspreisen und roten Teppichen!“ Dort werde man Dinge sehen, die sonst in Deutschland sehr wenig Platz haben, etwa Musiktheaterstücke bekannter Komponisten, die in keinem Opernhaus der Welt im Repertoire stehen. „Unspielbar“ heißt der Stempel, der auf solchen Stücken lastet, von dem sich Heiner Goebbels aber nicht einschüchtern lässt. Im Gegenteil, seine Intendanz an der Ruhr soll mit einem Paukenschlag beginnen, indem er eine der spektakulärsten Opernkonzeptionen des 20. Jahrhunderts neu inszeniert. Und damit zu einem rasanten Ritt durch den Fundus der Operngeschichte ansetzt, einer 128-teiligen Oper in 32 Bildern, die zu den radikalsten Arbeiten des Komponisten John Cage gehört, der lange vor Fluxus und Happening aus jedem Gegenstand Musik rausholte, selbst aus Maschinengewehren. Für „Europeras 1&2“ verhackstückte Cage Ohrwürmer aus 64 Opern und unzähligen synchron abgespielten Opernaufnahmen zu einem kakophonischen Kompott. Außerdem basieren die meisten seiner kompositorischen und inszenatorischen Entscheidungen auf dem I Ging-Orakel. Also Prinzip Zufall. Das muss man wissen, um diesen sehr gescheiten Ulk zu verstehen, der 1987 in Frankfurt uraufgeführt und seitdem – mit einer Ausnahme – nie wieder gespielt wurde. „Cage wusste sehr gut, welche Fragen er dem Orakel stellt und welche er lieber selber entscheidet“, so Goebbels. „Ein grandioses und – für unser Team – ein wahnsinnig komplexes Werk.“

Ich muss diese Freiheit haben, die habe ich bei keinem Ensembletheater.

Der Ideen-Skeptiker

Wenn Heiner Goebbels über seine Arbeit spricht, etwa darüber, dass er derzeit in Darmstadt eine von John Cage und Gertrude Stein („To see something, to hear something“) inspirierte Soundund Videoinstallation zeigt, tut er das präzise und uneitel. Er hat oft genug bewiesen, was er kann. „Auf der Mathildenhöhe gibt es eine Entdeckung zu machen, nämlich ein zweites Wasserreservoir, das bisher noch nie für Kunstprojekte genutzt wurde.“ Die beiden unterirdischen Speicher trennt er dabei in einen Raum zum Sehen und einen zum Hören, angefüllt und ausgelotet mit unzähligen menschlichen Stimmen, darunter die von Cage. „Verblüffend, fast scheint es so, als habe Cage diesen riesigen Keller und seinen Klang schon geahnt.“ Der Frankfurter Kulturbetrieb sei sehr gut aufgestellt, aber den idealen Theaterbetrieb sieht er für sich in ganz Deutschland nicht. „Daher arbeite ich seit 15 Jahren am Théâtre Vidy-Lausanne, weil mir kompromissloses Arbeiten extrem wichtig ist, was auch heißt, dass ich die richtige Besetzung selbst entscheiden kann. Ich muss diese Freiheit haben, die habe ich bei keinem Ensembletheater. Ich bekomme viele Anfragen von Intendanten, ob ich nicht mal ein Stück bei ihnen mache, aber das geht schon wegen meiner produktionstechnischen Vorstellungen nicht, denn ich fange ein oder zwei Jahre vorher an zu proben, und meine Stücke sind nicht an einem Nachmittag aufzubauen – was für ein Repertoiretheater die Bedingung ist.“ Für alles, was er tue, müsse es mehrere Gründe geben, erklärt er abschließend. „Ich bin sehr skeptisch, besonders gegenüber ‚Ideen’, und dann muss es schon mindestens drei oder vier Gründe geben, warum eine Sache tatsächlich auch zum Ziel führt.“ Gleich wird Heiner Goebbels ins Auto steigen, nach Gießen, wo seine Studenten warten. Vielleicht hört er unterwegs die Band Erdmöbel, deren Songs hat er auf CD. „Anfangs Schwester heißt Ende“, singen sie. (jf)