Die Schonzeit ist vorbei. Seit gut einem Jahr ist Dr. Ina Hartwig Frankfurts Kulturdezernentin und damit oberste Kulturfrau. Im Gespräch mit der Sozialdemokratin erfuhren wir, was sie noch anpacken will und warum ihr Giraffen nicht ganz geheuer sind.

Den hohen Raum hinter der barocken Fassade, ihr Dienstzimmer, flutet viel Licht. Auch Lärm, wenn ein Fenster gekippt ist, denn unten kreuzen große Straßen, über den Fluss, nach allen Richtungen. Vom Fenster aus geht der Blick weit: die Skyline, der Portikus, Menschen, die es eilig haben. Sie bittet zum Konferenztisch, den hatte einst der „Vater des Museumsufers“ Hilmar Hoffmann angeschafft, erzählt die 53-Jährige.

Neu im Amt behielt Ina Hartwig das trutzige Büroholz samt Lederstühlen, war „froh, das Vintage-Mobiliar übernehmen zu können.“ Eine angenehme Haptik, geschwärzte Esche. Understatement, aber Geschmackssache. Wir recherchieren später: die „Hombre“-Serie, 1975 von Burkhard Vogtherr für Rosenthal entworfen. Das hat noch in hundert Jahren seinen Wert.

„In Sachsenhausen sprang mir ein Mann in den Weg und sagte nur: ‚Bleiben Sie standhaft!‘“

Giraffen sind nicht niedlich

Da wir bei Zeit und Wert sind. Ob sie auf Frankfurts Straßen angesprochen werde, nun fast ein Jahr in einem Amt, das sie schon in den ersten Tagen mit einer heiligen Kuh der Künste konfrontierte: die Städtischen Bühnen abreißen und woanders neu bauen oder doch sanieren? „In Sachsenhausen sprang mir ein Mann in den Weg und sagte nur: ‚Bleiben Sie standhaft!‘, womit er die Städtischen Bühnen meinte.“

„Die Frankfurter Wuseligkeit habe ich wahnsinnig gern.“

Sie selbst sieht das große Haus als „erhaltenswert“ an, das stellte sie früh in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau, deren Literaturkritikerin sie war, klar. Auf den, der Ina Hartwig nicht kennt, wirkt sie eine Prise verschlossen, glamouröse Auftritte sind bislang nicht ihr Ding. Doch die Stille täuscht in mehrfacher Hinsicht.

Für jemanden aus Norddeutschland, sie wuchs in Lüneburg auf, kommt der Wind immer von vorn, und ein Orkan ist eben ein bisschen mehr Wind. Gern sei sie dort unterwegs, wo viele Menschen sind. Der Hauptbahnhof, das Mainufer um die Mittagszeit, auch der Wochenmarkt in der Schillerstraße und der an der Konstablerwache. „Ich bin ja aufgewachsen, wo die Menschen eher scheu und distanziert sind. Anders diese Frankfurter Wuseligkeit, die ich wahnsinnig gern habe. Wenn alle entspannt zusammenstehen, trinken und reden, ist das herrlich.“

Ina Hartwig
Minuten später sind wir bei den Wimpern von Giraffen. Und das, weil wir sie auf den Zoo Frankfurt ansprechen, dessen alten Osteingang sie wieder öffnen möchte, „damit Familien mit Kindern und ältere Besucher aus der Nachbarschaft nicht so weit zum Haupteingang gehen müssen. Viele Anwohner nutzen den Zoo für den täglichen Spaziergang.“ Im Zoogesellschaftshaus soll endlich ein Kinder- und Jugendtheater entstehen, sie will die Planung „zügig voranbringen“.

Also die Giraffen: „Aus der Nähe betrachtet sind die Tiere gar nicht so niedlich. Diese riesen großen Augen. Die Niedlichkeit ist eine Projektion. Das wurde mir klar, als ich die Giraffen einmal füttern durfte und die Augen aus der Nähe sah. Da habe ich die ungeheure Kraft dieser Tiere gespürt.“

Es gibt viel zu tun

„Ich erwarte von Museen, dass sie aufeinander zugehen und gemeinsam Ideen entwickeln“, fordert sie, und ergänzt eilig: „Häufig tun das die Häuser bereits in großartiger Weise.“ Es gibt viel zu tun in der Metropole der Museen, auch Personalien stehen an. „Die Leitung des Weltkulturen Museums muss neu besetzt werden, um die Ausschreibung werden wir uns noch in diesem Jahr kümmern.“ Auch im Archäologischen Museum kommt eine neue Leitung, der jetzige Direktor geht in den Ruhestand.

„Ich bin voller Hoffnung, dass wir eine sehr gute Lösung für den Generationenwechsel in diesem Haus finden“, deutet sie die anstehenden Bewerbungsgespräche an. Ein Quereinsteiger, ob Frau oder Mann, wird es weder in der Archäologie noch in der Ethnologie werden. Anders als im politischen Betrieb duldet gerade dieses Spezialwissen nur brutale Tiefe. Nicht, dass dieses in der Politik nicht auch zu erreichen wäre. Ina Hartwig hat eine schnelle Karriere hingelegt, erst 2012 trat sie in die SPD ein.

Keine leichte Kost

Viel gelesen habe sie schon als Jugendliche, am liebsten Gedichte und lange Romane. Der Titel ihrer Promotion macht neugierig: „Sexuelle Poetik. Proust, Musil, Genet, Jelinek.“ Keine leichte Kost, diese Dichter. „Dass große Literatur einiges mit den libidinösen Verstrickungen ihrer Autoren zu tun hat, steht außer Zweifel“, heißt es da akademisch im Klappentext. Was liest sie gerade, was gefällt, was hat Potential?

„Meine Tätigkeit als Literaturkritikerin ruht derzeit. Privat zu lesen, bedeutet etwas anderes als professionell zu lesen. Im Moment genieße ich es, die Lyrik wiederzuentdecken. Gerade interessiert mich zum Beispiel eines der seltsamsten Literaturpaare des 20. Jahrhunderts, Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler.“

Im Herbst erscheint Ina Hartwigs Buch über die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, eine „Biografie in Bruchstücken“ dieser Ikone des frühen Feminismus, sitzengelassen von dem 15 Jahre älteren Schriftsteller Max Frisch. Wieder keine leichte Kost. Herz, Schmerz, früher Tod und eine umwerfende Lyrik. Das Buch war schon vor ihrer Amtszeit fertig. Sich an eine so geheimniskrämerische Dichterin heranzuwagen, kann nur mit deren Aussage quittiert werden: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“


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