Der kanadische Pianist Jan Lisiecki ist ein umjubelter Jungstar
Der kanadische Pianist Jan Lisiecki ist ein umjubelter Jungstar

„Wunderkind“ hört Jan Lisiecki eigentlich nicht gern. Zumindest kann er es nicht leiden, wenn er nur über sein Alter definiert wird. Doch ist es nicht ungerechtfertigt, den kanadischen Star-Pianisten mit diesem Ausdruck zu belegen. Er ist erst 24 Jahre alt, spielt aber schon seit zehn Jahren international Konzerte und interpretiert die größten Werke der wichtigsten klassischen Komponisten. Seine Virtuosität verzaubert. Von Niklas Mag

Im Olymp klassischer Musiker hat sich Jan Lisiecki seinen Platz längst verdient. Trotz seinen erst 23 Jahren ist er weltweit auf Tour, gefeiert von der Fachpresse wegen seiner technischen Fähigkeiten und seiner besonderen und emotionalen Spielweise. Am Abend werden die Menschen durch die großen Eingangstüren der Alten Oper in Frankfurt strömen, um sich von einem der großen Musiktalente unserer Zeit in den Bann ziehen zu lassen. Um die Mittagszeit herum herrscht auf dem Opernplatz jedoch eine fast andächtige Ruhe.

Wir kommen fast zeitgleich mit Jan Lisiecki in der Alten Oper an, gerade legt er in seiner Künstlergarderobe seinen Mantel ab, ist gut gelaunt. Er ist mit der S-Bahn von seinem Hotel zur Alten Oper gefahren, erzählt der junge Pianist. Die Bahn war verspätet. Dass er nun kaum Zeit hat vor Ort durchzuatmen, weil sofort sein Termin mit uns ansteht, stört ihn aber nicht. Ganz im Gegenteil. Mit einem sympathischen Lächeln kommt er uns aus seiner Garderobe entgegen und stellt sich vor. Die hellen Augen strahlen eine grundlegende Gelassenheit aus.

Fotografie als Mittel zur Ruhe

Pianist Jan Lisiecki
Pianist Jan Lisiecki

Einmal außen um die Alte Oper herum geht es für uns, denn für das Interview wollen wir uns einen ruhigen Raum suchen. Die frostigen Temperaturen, die außerhalb des Gebäudes herrschen, können den Kanadier nicht erschrecken: „In Kanada sind es momentan Minus 20 oder 30 Grad. Die Kälte dort ist aber anders, man kann sie gut aushalten“, meint er. Gelassen und bodenständig wie er ist, gibt es kaum einen Musiker, der noch weiter von Starallüren entfernt ist als er.

In Frankfurt war Jan Lisiecki schon oft, schildert er, während wir die Oper wieder betreten: „Ich sehe hier sehr häufig den Flughafen. Aber auch in der Stadt war ich schon unterwegs. Ich kenne Frankfurt ganz gut.“ Gleich fällt dem jungen Pianisten auch die Kamera unseres Fotografen auf. Neben der Musik eine weitere seiner Leidenschaften: „Ich habe schon immer gerne Fotos gemacht. Ich finde, dass Fotografie ein gutes Mittel ist, um eine Stadt zu entdecken“, sagt er. Mit einer Kamera unterwegs zu sein hilft dabei, sich zu erlauben, einen Moment innezuhalten, beschreibt Lisiecki: „Du musst nachdenken und überlegen, wie du das Foto machen willst. Ich habe mittlerweile so viele Bilder, dass ich sie mir gar nicht mehr alle anschauen kann. Aber es ist der Moment des Fotografierens, den ich genieße.“

Zehn Jahre im internationalen Rampenlicht

Wir betreten mit ihm einen leeren Raum mit großen Fenstern und einigen Stühlen. Hier kann Jan Lisiecki nach seiner Bahnfahrt durch die Mainmetropole auch endlich durchatmen. Der junge Pianist ist seit seinen ersten Konzerten so gefragt, dass ihm in den Städten, die er besucht, oft nicht viel Zeit bleibt. Fünf Konzerte in Deutschland stehen innerhalb von fünf Tagen für ihn an, Frankfurt ist die zweite Station. Doch ein so voller Terminplan setzt ihn nicht unter Druck. „Ich genieße die Zeiten, in denen ich reise“, meint er. „Es ist allerdings immer wichtig, Ausdauer und Energie gut zu managen. Bei so vielen Konzerten am Stück komme ich spät ins Bett und muss früh aufstehen. Aber ich bin jemand, der sehr positiv denkt und so kann ich das Reisen genießen.“

Zudem hat sich der 23-Jährige mittlerweile an gewisse Strapazen gewöhnt, die das Leben als Pianist mit sich bringt. Auch in der Interviewsituation fühlt er sich wohl. Auf jede Frage hat der Pianist sofort eine passende Antwort parat, wirkt klar, spricht eloquent und charmant. Aufrecht sitzt Lisiecki auf seinem Stuhl. Den Augenkontakt sucht er immer akzentuell und blickt danach wieder mit nachdenklicher Miene aus dem Fenster.

„Ich fühle mich, als wäre ich bereits mein ganzes Leben lang Musiker.“ – Jan Lisiecki

Als Fünfjähriger begann Jan Lisiecki damit, das Klavierspielen am Konservatorium seiner Heimatstadt Calgary zu erlernen. Einen musikalischen Hintergrund hat seine Familie nicht. Nur einen kleinen Teil seines Lebens nahm das Piano damals ein. Auch hatte er nie Ambitionen, Berufsmusiker zu werden. Mit 13 Jahren gab er sein erstes großes europäisches Konzert in Warschau, dessen Aufnahmen 2010 vom Fryderyk-Chopin-Institut veröffentlicht wurden. Seit dieser Zeit steht er im internationalen Rampenlicht. „Ich fühle mich, als wäre ich bereits mein ganzes Leben lang Musiker“, erklärt er. „Das ist mit mir gewachsen in den vergangenen zehn Jahren.“

Die Leistungen des jungen Pianisten können sich sehen lassen. Im Jahr 2017 gewann er den Echo Klassik und den Juno Award, die wichtigste Ehrung der kanadischen Musikindustrie. Wegen seiner verblüffenden musikalischen Fähigkeiten wird sein Name allerdings immer im Kanon mit seinem Alter genannt. „Ich mag nicht, wenn man mich nur über mein Alter definiert, denn Musik sollte über die Charakteristiken einer Person hinausgehen. Die Geschichte desjenigen, der auf der Bühne steht, sollte nicht beeinflussen, wie das Publikum die Musik wahrnimmt“, unterstreicht Lisiecki.

Führungsloses Orchester

Im Februar erschien sein neues Album, das sich der Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy widmet. Sich mit einem Komponisten zu beschäftigen, sei als lerne man eine neue Sprache, sagte Jan Lisiecki einmal. Ein einleuchtendes Bild, das er gerne noch einmal anwendet: „Mendelssohn ist ein wenig wie Italienisch, denke ich“, überlegt er und lacht. „Seine Kompositionen sind knackig, aber im selben Moment auch sehr fließend. Sie haben einen wunderbaren Rhythmus und auch viel Passion und Emotion. Es ist nicht die Romantik des Französischen oder das Feste, Rhythmische des Deutschen. Mendelssohns Musik spricht eine eloquente und auch sehr emotionale Sprache. Die Klangästhetik ähnelt sehr der von Mozart.“

Musik-Tipp

Mendelssohn
4 Bewertungen
Mendelssohn
  • Concerto per piano n.1 op 25 (1831) in sol
  • Concerto per piano n.2 op 40 (1837) in re
  • Variations serieuses op 54 in re (1841) per piano

Das neue Album hat er gemeinsam mit dem „Orpheus Chamber Orchestra“ aus New York aufgenommen, die auf eine sehr besondere Weise arbeiten: „Es gibt tatsächlich einige Orchester und Kammerorchester, die sich darauf spezialisiert haben, ohne Dirigent zu spielen. Was an Orpheus aber so besonders ist, ist, dass sie nicht nur keinen Dirigenten haben, sondern auch keinen musikalischen Leiter, niemanden, der sie führt“, erklärt der junge Star-Pianist begeistert. „Bei Orpheus hat jeder Musiker denselben Status. Jeder hat Ideen für das fertige Produkt und wie es klingen soll.“ Ein organisatorisches Desaster könnte man vermuten, doch das war es nicht: „Es ist eine Gruppe aus Musikern, die sich kennen und sich gegenseitig schätzen. Aufnahmen erfordern ein hohes Maß an Zusammenarbeit und das Engagement der Musiker war dem gesamten Projekt sehr zuträglich.“

„Für mich steht die Musik am Ende immer über der Perfektion.“ – Jan Lisiecki

Doch die Arbeit im Tonstudio ist nur eine Seite des Musikerlebens. Die vielen Konzerte sind die andere. Vor rund 2400 Gästen tritt Lisiecki am Abend im Großen Saal der Alten Oper auf. Eine gewisse Nervosität verspürt der Musiker immer vor so einem Auftritt: „Das ist ganz natürlich, denke ich. Man müsste schon sehr selbstsicher sein, um auf die Bühne vor so viele Personen zu treten, die hohe Preise für die Tickets bezahlt haben, und dabei nicht nervös zu sein“, findet er. Doch spiegelt diese Nervosität für ihn auch eine gewisse Verpflichtung wieder, schließlich haben sich die vielen Zuschauer dazu entschlossen, den Abend mit ihm und seiner Musik zu verbringen. Davor hat der Musiker eine gewisse Ehrfurcht.

Eine andere Welt

Jan Lisiecki beim Üben in der Alten Oper Frankfurt
Jan Lisiecki beim Üben in der Alten Oper Frankfurt

Auch er selbst möchte, wie wohl jeder Künstler, am Ende des Abends mit der eigenen Leistung zufrieden sein. Reiner Perfektionismus ist aber nicht der Schlüssel zum Erfolg, meint er: „Ich versuche immer technisch perfekt zu spielen. Aber das muss manchmal einem höheren Zweck geopfert werden. Hier gilt es, einen Kompromiss zu finden. Wie auch im Leben.“ Denn wer nach Perfektionismus strebt, verliere immer etwas von der Kunst, ist sich der Pianist sicher. „Für mich steht die Musik am Ende immer über der Perfektion.“

Vor allem eines steht für ihn an diesem Nachmittag vor dem großen Konzert noch auf dem Programm: Üben. Im Großen Saal ist der Flügel aufgebaut und gestimmt. Wir folgen Jan Lisiecki auf die große Bühne im prachtvollen Saal der Alten Oper, um den jungen Pianisten in seinem Element zu erleben und ihn in Aktion abzulichten. Und kaum sitzt Lisiecki vor den schwarzen und weißen Tasten, bringt er sofort die Saiten zum Klingen. Die Augen geschlossen, bewegt er sich mit der Musik, blendet den großen Saal und die Menschen, die gebannt an seinem Piano stehen, völlig aus. Er gleitet mit seiner Musik hinüber in eine andere Welt und zieht dabei alles und jeden um ihn herum mit sich.


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