Art-Titan Jeff Koons machte den Frankfurter Kunstsommer poppig bunt. Top Magazin Frankfurt traf ihn bei seiner Ausstellungseröffnung im Liebieghaus. Text: Dr. Jutta Failing, Foto: Michael Hohmann

Wir im Paradies

Koons wird der Spürsinn für den Skandal im richtigen Moment nachgesagt, unvergessen sein künstlerisches wie privates Duett mit der italienischen Pornodarstellerin Ilona Staller, auch bekannt als Cicciolina („Schnuckelchen“). Mit ihr ließ er sich Anfang der neunziger Jahre in freizügigen Aktszenen fotografieren, was für großes Aufsehen sorgte, gab bis dahin kein anderer Künstler derart unverblümt-intime Einblicke. Vorsorglich isolierte die Schirn Kunsthalle diese pornografischen Arbeiten („Made in Heaven“) im jugendgeschützten Séparée. Für Grenzgänger Koons, der sich hier unter anderem von Masaccios berühmtem Fresko „Vertreibung aus dem Paradies“ (1425/28) inspirieren ließ, ging es darum, einen modernen Garten Eden zu zeigen, nach dem Fall von Adam und Eva. Und das Koons’sche Schrebergärtlein schildert dann, was passiert, wenn man sich der menschlichen „Natur“ überlässt: pure Fleischeslust.

Menschen, Tiere und Sensationen

Jeff Koons
Jeff Koons
© Top Magazin Frankfurt

Von etlichen der Künstler, die ihn begeistern, hat Koons Werke in seinem Privathaus. Darunter so namhafte wie Picasso, Courbet, Lichtenstein und Tilman Riemenschneider. Kaufanreiz scheint dabei ungeachtet der Epoche und des Stils die Nacktheit und das visuelle Moment spiritueller Ergriffenheit zu sein. Salopp gesprochen: Menschen, Tiere und Sensationen. Alles, was man auch in seinen eigenen Arbeiten findet. So ist es ein schriller Jahrmarkt der Eitelkeiten, den Koons in seinen aktuellen fotorealistischen Gemälden präsentiert. Die Schirn-Ausstellung zeigte diese in wohltuender, da lichter Hängung, so dass sich das Auge rasch auf das Versteckspiel einließ. Ähnlich einem psychologischen „Tintenklekstest“ meinte der Betrachter in den großformatigen Collage-Bildern zarte Venushügel, Phalli und Brustwarzen zu entdecken – oder waren es doch nur Wolken, Badespielzeug und ein gebackener Osterkranz?

Kraftprotz und magische Zutat

Wenn Popeye eine Büchse Spinat schluckt, schießen ihm wundersame Kräfte in die Oberarme. Und ärgert sich Koloss Hulk grün, heißt es Fersengeld geben. Jeff Koons hat ein Faible für diese im Kern archaischen Comic-Helden, denen das Kraftmirakel anhaftet. Große Skulpturen sind so entstanden. Diese nun mit christlichen Wundergestalten sowie Superhelden der Antike aus der Sammlung des Liebieghauses zu konfrontieren, war ein mutiges Husarenstück, das einmal mehr offenbarte, wie der Künstler die ewige Sehnsucht des Menschen nach Erlösung und Rettung entlarvt. Kurz: Harmlose Süßlichkeit ist bei Koons stets Kalkül mit doppeltem Boden. Michael Jackson zeigt er mit dem Affen, der längst zum Attribut des Pop-Idols geworden ist, genau wie in der Ikonografie viele Heilige Tiere auftreten. Im Liebieghaus umringten ägyptische Totenmasken den bleichen Sänger, was an schauerlicher Parallelität kaum zu überbieten war. Apropos Kult: Wie ein Hollywood-Star musste Koons nach seinem Besuch im Römer Autogramme verteilen, was er auch geduldig tat.

Made in Hessen-Thüringen

Nach einer Talfahrt in den neunziger Jahren erlebt diese eigenwillige Ready-Made- und Konzeptkunst ein lukratives Comeback. Das heißt, reichlich zu tun für die rund 100 Mitarbeiter des New Yorker Koons-Studios, einer Art Kunstfabrik im Szeneviertel Chelsea. Gleiches gilt für die Friedrichsdorfer Arnold AG, ein deutsches Familienunternehmen, das bislang mehr als 60 Werke aus Edelstahl nach Entwürfen des Künstlers anfertigte. Für jede Skulptur, die in einer thüringischen Niederlassung des Metallbauers und Oberflächenveredlers entsteht, fallen tausende Arbeitsstunden an, bis die polierte Lackoberfläche die gewünschte Präzision besitzt. Koons macht eben viel Arbeit. (jf)

www.jeffkoons.com