Jonathan Jeremiah
Jonathan Jeremiah

Dem Mainstream der heutigen Musikindustrie entzieht sich Jonathan Jeremiah völlig. Er verzichtet nicht nur gerne auf die technologischen Möglichkeiten moderner Tonstudios, sondern auch seine Soul-Musik klingt so, als sei sie den 60er-und 70er-Jahren entsprungen. Ein Gespräch mit dem britischen Songschreiber über die besondere Bedeutung der Musik und die versteckte Botschaft in seinem neuen Album. Von Niklas Mag

Ganz vorsichtig ist Jonathan Jeremiah mit seiner Gitarre. Diese hat offensichtlich schon einige Konzerte hinter sich und der britische Sänger hütet sie wie einen Schatz. Bevor er sich mit dem Instrument vor die Tür des Konzertraumes wagt, schaut er misstrauisch gen Himmel. Doch es fallen längst keine Regentropfen mehr. „Ich bin da sehr vorsichtig, die Gitarre darf nicht nass werden“, sagt er lächelnd zu uns und stellt sich für das Foto auf.

Das Hofgut Georgenthal nahe Hohenstein im Taunus hat sich der Radiosender für die Live-Lounge ausgesucht. Dort tritt Jeremiah am Abend vor rund 100 ausgewählten Zuschauern auf.

Im Spätsommer 2018 ist sein viertes Studioalbum „Good Day“ erschienen, mit dem er derzeit auf Tour ist. Der Brite ist nach dem gelungenen Soundcheck sehr entspannt und nimmt sich mit viel Ruhe Zeit für unser Interview, obwohl seine Mitmusiker und sein Tourmanager bereits im Restaurant des Hofguts Platz nehmen und Abendessen bestellen.

In Schwarz gekleidet, mit dunklem Bart und ebensolchen wilden Locken setzt sich Jonathan Jeremiah mit uns an einen runden Nebentisch, der in einem Erkerfenster am Rande des Restaurants steht, nicht weit weg von seinen Kollegen. Hier erklärt er uns lachend die extreme Vorsicht, die er immer an den Tag legt, wenn es um seine Gitarre geht: „Ich denke, mich begeistert solches Handwerk. Menschen, die sich viel Zeit nehmen und sich so viele Gedanken um ihr Werk machen“, meint er.

Ungewohntes Grün

Jonathan Jeremiah
Jonathan Jeremiah

„Meine Gitarre ist sehr alt, sie wurde vor 50 Jahren gefertigt. Mir gefällt das.“ Auch der Ort seines abendlichen Konzertes sagt dem Briten zu. Mitten im grünen Taunus und im bunt beleuchteten Veranstaltungssaal des Hofguts darf er am Abend sein neues Album präsentieren. Jeremiah spricht bedacht, aber sehr schnell und mit starkem britischen Akzent. Er beschreibt sich als jemanden, der viel nachdenkt, dessen Kopf nie ruht.

Für Jeremiah ist Musik nicht nur eine Kunstform. In seinen Songs spiegeln sich seine Gedanken wieder, die Beobachtungen und Erfahrungen, die er in seinem Leben gemacht hat. „Ich bin ein echtes Londoner Stadtkind. Ich wuchs in Nord-London auf“, berichtet er und wirft dabei einen kurzen Blick aus dem großen Fenster neben uns.

Von den Wäldern des Taunus ist nicht mehr viel zu sehen, zu dunkel ist es bereits. „Ich bin Menschenmengen gewohnt, überall und jeden Tag. Damals in der Schule, in Bussen und Zügen“, erinnert sich Jeremiah. Für ihn ist das Hofgut im Wald eine ungewohnte Umgebung, doch ist seine Mutter in Irland aufgewachsen. Auch dort ist es sehr ländlich gewesen, erzählt er uns. Im Taunus gefällt es ihm gut: „Ich genieße die Abwechslung, denn für einen Londoner Jungen ist das ein enormer Unterschied“, sagt er und lacht.

Im Jahr 2011 sorgte der Musiker mit seinem ersten Album für Begeisterung bei Musikkritikern. Der Sound seiner Musik ist nicht leicht einzuordnen, grenzt Jeremiah stark vom Mainstream ab. Klar, präzise und rhythmisch sind gern genutzte Adjektive, um seine Songs zu beschreiben. Einflüsse von Serge Gainsbourg, Carole King und James Taylor finden sich in seinen Stücken, europäischer Soul der 60er- und 70er-Jahre. „Ich glaube, mir gefiel immer Musik, die mich von dem stressigen Leben in London ablenken konnte“, erklärt Jonathan Jeremiah seine musikalischen Einflüsse.

Quer durch die USA

„Das war immer therapeutisch für mich, denn gerade für Kinder ist es ein hartes Leben in der Großstadt.“ Vielleicht sucht der Musiker deshalb für das Schreiben neuer Musik immer nach frischen Inspirationen.

Jonathan Jeremiah im Gespräch mit Niklas Mag
Jonathan Jeremiah im Gespräch mit Niklas Mag

Quer durch die USA führte ihn sein Weg damals, vor dem Erscheinen seines ersten Albums, 2011. Unter Druck setzt er sich beim Komponieren aber nicht: „Einen Song zu schreiben ist für mich ein sehr konstanter Prozess. Als wäre ich ein Maler, der auf eine tolle Landschaft schaut und sich entscheidet, diese Schönheit in seiner Kunst auszudrücken“, schildert Jeremiah und formt mit seinen Händen den Umriss eines Gemäldes. „Genauso ist es auch mit der Musik. Du empfindest etwas und das willst du dann mit deiner Musik einfangen.“ Und auch mit seinem neuen Album will Jonathan Jeremiah eine Botschaft vermitteln: „Ich denke, wir leben in schwierigen Zeiten“, sagt er.

Auf die Balance achten

„Der Song ‚Mountain‘ auf dem neuen Album dreht sich darum die Hindernisse, die vor jedem von uns liegen, zu überwinden und schwierige Zeiten zu überstehen. Das bedeutet auch, Gelegenheiten wahrzunehmen.“ In England gebe es das Sprichwort „Once in a blue moon“: „Genieße die seltenen Momente im Leben, denn sie bestehen nicht für immer. Und ich denke, wir müssen diese besonderen Augenblicke genießen“, interpretiert Jeremiah die Redensart.

„Genieße die seltenen Momente im Leben, denn sie bestehen nicht für immer.“ – Jonathan Jeremiah

Nachdenklich wirkt er in diesem Moment, blickt in die Flamme der Kerze, die den Tisch erleuchtet. „Es sind die kleinen Dinge“, meint er. „Einer der Musiker, die heute Abend mit mir auftreten, lebt in Amsterdam und manchmal sind wir dort, sitzen morgens am Kanal und trinken Kaffee“, beschreibt der Sänger, während er in Gedanken zu dieser Erinnerung zurückkehrt. „Und dabei dachte ich mir, wie wunderbar das doch ist.“ Aber natürlich gehört auch für einen Berufsmusiker harte Arbeit zum Alltag.

Der Brite produziert seine Musik selbst: „Mir ging es schon immer darum, auszudrücken, was in meinem Kopf geschieht. Es ist wie Therapie. Deshalb habe ich nie einen Produzenten benötigt. Alles, was ich zu tun hatte, war zu lernen, wie ich Musik ausdrücken kann. Ohne jemanden, der an einem Computer alles steuert. Ich meine, das ist sicher gut für viele Leute, aber ich vermeide das lieber.“

Ein Prinzip, nach dem der Musiker handelt, damals wie heute: „Wenn es um Musik geht, möchte ich weg von dieser Schnelligkeit. Manchmal müssen wir uns ausruhen und Musik gibt uns dazu die Möglichkeit.“ Ein letzter Satz von ihm, der noch nachhallt, während wir uns von dem sympathischen Briten verabschieden, denn der Duft von frisch gekochten Speisen zieht vom Nebentisch zu uns herüber. Die Zeit drängt und wir wollen ihm genug Zeit zum Abendessen lassen, bevor das Konzert beginnt. Jonathan Jeremiah verabschiedet sich mit britischer Höflichkeit, winkt uns noch einmal zu und setzt sich dann an die lange Tafel zwischen seine Kollegen.

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