Von einer die internationale Kunstwelt prägenden Szene ist Frankfurt weit entfernt. Das kleine „Künstler-Exil“ Offenbach steht kaum besser da. Viele zieht es nach Berlin, wo die Mieten noch günstig sind und man die Avantgarde scheinbar an jeder Ecke trifft. Großzügig sind die musealen Flächen – Häuser, mit denen Frankfurt einmal antrat, eine Kunststadt zu werden. Top Magazin traf den ehemaligen Frankfurter Kulturdezernenten Professor Hilmar Hoffmann und den vierzig Jahre jüngeren Autor und Kulturaktivisten Dirk Hülstrunk zum Gespräch. Zwei unterschiedliche Kulturmacher, die eines verbindet: eine Sache anpacken, und nicht still warten, bis etwas passiert. Eine kritische Bestandsaufnahme. Text: Dr. Jutta Failing, Fotos: Michael Hohmann

Wie könnte es anders sein? Hilmar Hoffmann hat das Haus voller Bücher. Er sei Ehrenpräsident in zwölf Taubenzüchtervereinen, erzählt er nicht ohne Stolz. Sein erstes Buch widmete er der Brieftaube, und gerade legt er ein neues über Frankfurts ehemalige Oberbürgermeisterin Petra Roth vor. Das Museumsufer ist seine Erfindung, „Kultur für alle“ sein berühmter Slogan. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Manuskript, „Petra Roth – Eine kritische Hommage“ wird das fertige Buch heißen. „Ich schreibe jedes Jahr ein Buch, und jedes Manuskript entsteht zunächst handschriftlich“, erklärt der 88-jährige Kulturpolitiker. Rückblickend auf seine Karriere, die 1951 in Oberhausen als jüngster Direktor einer Volkshochschule begann, empfindet er alle seine beruflichen Stationen und Aufgaben als erfüllend, „und ich hatte immer Glück, auch mit den jeweiligen Entscheidern, in Frankfurt waren das die Oberbürgermeister.“ Zu diesem Glück kam früh das Gespür, wie man Menschen auf Kultur neugierig macht. „Oberhausen war eine Bergarbeiterstadt und die Brieftaube dort ein geradezu heiliges Tier. So schrieb ich kurzerhand ein Buch über die Brieftaube und hatte damit sofort die Bergleute auf meiner Seite. Ich war einer von ihnen, unsere Verbindung war das Interesse am Tier.“ Der Gründer der Oberhausener Kurzfilmtage zeigte in Bergarbeiterheimen Filme und holte als Kulturdezernent hochmoderne Stücke, etwa Premieren von Peter Handke, an die städtische Bühne. Nach dem Schlussapplaus ging es mit Beat weiter. „So habe ich die Bergarbeiter ins Theater bekommen, allein 300 junge Arbeiter hatten ein Abonnent.“

Kultur und Amt

Prof. Hilmar Hoffmann: „Das wichtigste Museum für Frankfurt zu bauen, das Museum für Weltkulturen, ist mir leider nicht gelungen.“
Prof. Hilmar Hoffmann: „Das wichtigste Museum für Frankfurt zu bauen, das Museum für Weltkulturen, ist mir leider nicht gelungen.“
Die hessische Gemeindeordnung war auch so ein Glücksfall für ihn. „Ich hatte seinerzeit die Wahl zwischen Köln und Frankfurt. Ich schaute mir die jeweilige Gemeindeordnung an, und meine Wahl fiel leicht. Denn die hessische Fassung ist die beste in Deutschland für die Dezernenten.“ Und fügt schmunzelnd hinzu: „Nur für einen Oberbürgermeister ist sie die schlechteste, denn er kann nicht allein entscheiden und braucht die Mehrheit im Magistrat.“ Im Fall von Rudi Arndt und Walter Wallmann traf der Kulturpolitiker auf dynamische wie machtvolle Persönlichkeiten. „Unter Arndt konnte ich kein einziges Museum bauen, jedoch Bürgerhäuser und Stadtteilbibliotheken. Arndt hat die Alte Oper wieder aufgebaut, was gern unterschlagen wird. Sein Nachfolger weihte den Bau dann ein. Unter Wallmann konnte ich elf Museen bauen, dafür keine Bürgerhäuser. Man kann an einem Oberbürgermeister festmachen, was für die Kultur in Frankfurt getan wird.“ Den derzeitigen Mann im Amt sieht Hoffmann dahingehend noch skeptisch: „Wenn man Peter Feldmann beurteilt, was er zur Kultur gesagt hat, wäre das nicht sehr optimistisch. Ein Hoffnungsschimmer könnte dessen Eintreten für das Romantikmuseum sein. Die Stadtteile allerdings mit Billigkunst abspeisen zu wollen, ist eine Perversion.“

Neue Strategien

Ein gänzlich neues Museum erklärt Hilmar Hoffmann für derzeit schwer durchsetzbar gegenüber den Stadtverordneten. „Im Fall des Romantikmuseums hätte man die Idee besser als tatsächliche Erweiterung des Goethe-Museums installieren sollen, so wäre sie wohl mühelos durchgegangen.“ Bestehendes umstrukturieren, erweitern und so neu erfinden, stellt sich längst als zukunftsweisend dar, siehe Städel, Jüdisches Museum und Historisches Museum. Bei der Eröffnung des neukonzipierten Museums für Angewandte Kunst im April war Hoffmann unter den Ehrengästen und zeigte sich hochzufrieden über das Gebäude des amerikanischen Stararchitekten Richard Meier. „Kaum war vor 27 Jahren das Haus eröffnet, wurden die lichtdurchfluteten Räume durch Vitrinen und Wände verstellt, so dass man die Architektur nicht mehr als genial empfinden konnte. Der Umbau hat das wieder korrigiert.“ Den Erfolg einer solchen Neustrukturierung hat Hoffmann in der Liebieghaus Skulpturensammlung vor Augen, „allein die Lichtregie und die neuen Wandanstriche lassen dort die Kunstwerke mehr aus sich selbst sprechen als im kollektiven Gefüge. Mit dem Ergebnis, dass fünfmal mehr Besucher kommen. Nur der Kunstgriff von Direktor Max Hollein, im Liebieghaus die Skulpturen von Jeff Koons zu zeigen, war für mich ein Sakrileg. Genialer Kitsch, mit dem ich nichts anfangen kann. Doch die Menschen wollten Koons sehen, und viele begeisterten sich für diese Gegenüberstellung von antiker und mittelalterlicher Kunst, mit der sie zuvor vielleicht wenig Berührung hatten. Daher war es letztlich ein richtiger und wichtiger Weg.“

Kultur fängt in der Schule an

„Meine Forderung seit vielen Jahren ist, die Menschen schon in den Schulen – und zwar sämtlicher Schularten – für Kultur zu interessieren. Solange dort ästhetische Erziehung kein Fach ist, wird man die späteren Erwachsenen meist nur schwer motivieren können, Museen zu besuchen. Gleichzeitig hat das Museumsuferfest viel dazu beigetragen, Berührungsängste abzubauen. „Zugegeben, viele Besucher gehen bei diesem Fest ins Museum, um die Toilette zu benutzen. Aber sie müssen erst mal durchs Haus! Diese Aura schafft Neugier, so dass einige sagen: Da kommen wir wieder, Kunst schauen!“

Keine große Kunst in den Galerien

2006 ging in der Stadt das Kapitel Kunstmesse zu Ende. Die Messe Frankfurt, zuletzt mit der Organisation betraut, erkannte die Unwirtschaftlichkeit. Auch Kunstmessen leben nicht von der Kunst allein. „Ich würde eine neue Messe sehr begrüßen, sie müsste nur anders aussehen, mit einem Kopf, der sie wirklich als Kunstvermittlungsplattform ansieht, der auf Kunst aufmerksam macht, indem er Werke holt, die in den Frankfurter Galerien nicht gezeigt werden. Wir haben in der Stadt keine berühmte Galerie, kein wirklich großer Künstler ist in einer hiesigen Galerie vertreten. Die Schirn Kunsthalle, der Portikus und auch der Kunstverein unter Holger Kube Ventura haben diese Aufgabe übernommen.“

Dann reden’s halt über Fußball!

Gefragt, was ihn an Petra Roth gefuchst habe, kommt Hoffmann eine Neujahrsansprache in den Sinn. „Das verüble ich ihr wirklich, das ist auch im neuen Buch zu lesen. 2005 ließ die Oberbürgermeisterin Franz Beckenbauer im Römer ans Mikro. Und er sprach in seiner Art – über Fußball. Das gehörte an so einem Abend nicht dorthin. Ansonsten bin ich Borussia Dortmund-Fan. Auch wenn die Bayern denen jetzt Spieler wegkaufen, bin ich sicher, da kommen wieder junge, begabte Leute nach.“

Ortswechsel

Dirk Hülstrunk: „Frankfurt hat sehr viel Importkunst. Da kommt die Lokalkultur oft zu kurz.“
Dirk Hülstrunk: „Frankfurt hat sehr viel Importkunst. Da kommt die Lokalkultur oft zu kurz.“
Im Osthafen, wo sich derzeit die EZB-Baustelle in den Himmel schraubt, treffen wir einen Kulturaktivisten der jüngeren Generation, der bislang allen Lockrufen aus Berlin widerstanden hat. Im Interview erzählt Dirk Hülstrunk über Klangkunst, Fluktuation und den Blick der Finnen auf Frankfurt. Der 48-jährige Rödelheimer, aufgewachsen in der Nähe des Osthafens, ist Autor und Soundpoet und veranstaltet Poetry Slams ebenso wie experimentelle Literatur und Klangkunst. Zur Ausstellung der Fluxus- Ikone Yoko Ono in der Schirn Kunsthalle präsentierte er unlängst eine Performance mit Stimme und Sprache, bei der er gemeinsam mit dem Publikum eine „Klangskulptur“ herstellte. „Meine Arbeit will den Spagat zwischen Avantgarde und Popkultur, ich finde es reizvoll, das Avantgarde- Publikum für Live-Poesie zu interessieren und umgekehrt.“ Hülstrunk ist international vernetzt und unterwegs von Finnland bis USA. „Es gibt eine sehr aktive Szene, und Klangkunst ist stark im Kommen.“ Gleichzeitig geht er an Frankfurter Schulen und in Jugendhäuser, macht dort „spoken word“-orientierte Performances und will so in den Stadtteilen motivieren, sich Literatur zu nähern. „Diese Jugendlichen sollen sehen, dass Kultur nicht nur aus musealen Dingen besteht, sondern etwas ist, was sie mit ihrer Lebenswirklichkeit verbinden können.“ Zur Buchmesse im Oktober hat der Künstler zwei Autoren aus Turku eingeladen, gleichsam als Auftakt, wenn in 2014 Finnland Gastland sein wird. „Dann präsentieren wir einige Finnen gemeinsam mit jungen deutschen Autoren.“ motivieren, sich Literatur zu nähern. „Diese Jugendlichen sollen sehen, dass Kultur nicht nur aus musealen Dingen besteht, sondern etwas ist, was sie mit ihrer Lebenswirklichkeit verbinden können.“ Zur Buchmesse im Oktober hat der Künstler zwei Autoren aus Turku eingeladen, gleichsam als Auftakt, wenn in 2014 Finnland Gastland sein wird. „Dann präsentieren wir einige Finnen gemeinsam mit jungen deutschen Autoren.“

An der Basis fehlt es

In der Wahrnehmung der Finnen sei Frankfurt eher eine Bankenstadt als eine Kulturstadt, so Hülstrunk. „Generell muss man internationale Künstler locken, es ist nicht selbstverständlich, dass sie einfach in Frankfurt vorbeischauen. Gerade im literarischen Bereich haben wir ganz wenig Szene in der Stadt, nicht vergleichbar mit Berlin. Frankfurt hat zudem eine große Fluktuation, weshalb es schwer ist, eine permanente Szene zu entwickeln. Wir haben sehr viel Einkaufskultur, holen uns Künstler, doch an der Basis fehlt etwas.“ Mit der städtischen Kulturpolitik habe er bei Projekten gute Erfahrungen gemacht, betont Hülstrunk, „dennoch fehlen multifunktionale Räume, die man kontinuierlich bespielen kann, die offen sind für neue Kunstformen, für interdisziplinäre Experimente, jenseits der etablierten Angebote, wie das die Romanfabrik im Ostend einmal bot.“ Auch sieht er den Mangel an Künstlerateliers, und das bei gleichzeitigem Immobilienleerstand. „Dabei hat die Stadt großes Interesse, die Künstler hierzuhalten.“ Rund 1.000 Ateliers gibt es in Frankfurt, die meisten werden privat vermietet, im Ostend baut die Stadt gerade ein neues Atelierhaus.

Kampagne kommt vor Kunst

„In Frankfurt tun wir uns schwer mit Kultur in den Stadtteilen, es ist schwierig, dort interessante Kunst hinzubringen. Kultur ist stark auf das Zentrum hin ausgerichtet. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Leute, die in der Innenstadt wohnen, kaum bereit sind, nach Rödelheim oder Höchst zu einer Veranstaltung zu fahren. Im Vergleich zu Berlin sind das ja keine Entfernungen. Und das Umland strömt wiederum in die Innenstadt.“ Hülstrunk würde sich eine noch bessere Vernetzung von Frankfurt und der Region Rhein-Main wünschen, so dass „wir tatsächlich als gesamtkulturelles Gebiet wahrgenommen werden“. Außerdem sei mehr bürgerschaftliches Engagement erforderlich, vor allem hinsichtlich monetärer Förderung. Diese Unterstützung dürfe aber nicht einschränkend wirken. „Unternehmen, die Kultur fördern und als Sponsor auftreten wollen, haben starke Ansprüche an die Marketingwirkung, die kleine Projekte so nicht leisten können. Ein Konzern sagt: Wir haben hier eine Kampagne. Welche Künstler können wir dafür bekommen? Da bleibt kein echter Freiraum.“

Kultur am Hafen

Ein Stück Sommerglück ist für den Soundpoeten die „Sommerwerft“ am Osthafen, ein vierzehntägiges Theaterfestival mit Musik, Film und Literatur. „Mein Tipp. Die schönste Art, entspannt Kultur wahrzunehmen. Noch dazu an einem Ort, der durch seine Kontraste und Umbrüche besticht. Dort zu sein, ist wie das Glück – ein zufälliger Moment, für den man sich bereit halten muss.“