Auf ihrem Schreibtisch sitzt Donald Duck aus Porzellan vor einem kleinen Fernseher und versucht, diesen in die Luft zu sprengen. Ganz so radikal geht Liane Jessen nicht vor. Doch sie mag es, die allzu festgefahrenen Erwartungen der ARD-Zuschauer zerplatzen zu lassen. „Ich möchte die Leute daran erinnern, dass sie lebendig sind, dass in ihnen noch eine Flamme lodert, und sei es die der Empörung“, sagt die langjährige Leiterin der Abteilung Fernsehfilm und Spielfilm beim Hessischen Rundfunk. Statt Durchschnittskost zu produzieren, lotet sie lieber aus, was Fernsehen alles kann. Etwa beim kürzlich ausgestrahlten Tatort „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur als Ermittler, einem Racheepos mit Shakespeare-Anspielungen und Filmzitaten von Tarantino bis Truffaut. Oder im ersten Auftritt der neuen Frankfurter Tatort-Kommissare, bei dem die Darsteller Margarita Broich und Wolfram Koch im szenisch dargestellten Geständnis der Täterin auftreten, als wären sie beim Mord dabei gewesen. Die konventionelle Form ist es, an die Jessen derzeit gerne wie Donald Duck die Lunte anlegt. „Wenn man etwas verändern will, schafft man es nicht durch den Inhalt“, stellt sie fest. Denn inhaltlich sei im Film bereits alles erzählt worden, auch das noch so Extreme, „was die Leute herausfordert, ist die Form“. Umso mehr polarisieren die Filme, die der Hessische Rundfunk als einziger öffentlich-rechtlicher Sender noch im Hause selbst produziert. Das ist in den Kritiken ebenso festzustellen wie an den manchmal harschen Zuschauerreaktionen im Internet.

Demokratisch ausgewählt

Die Juroren der deutschen Fernseh- und Filmpreise sind dagegen begeistert. Bis auf den Bambi habe die Redaktion des Fernsehspiels alle Auszeichnungen der Branche gewonnen, sagt Jessen, wenn sie danach gefragt wird. Die Preise stehen in den Büros der Redaktion verteilt. Denn die Chefin versteht sich als Teamplayerin. Selbst die Auswahl der Tatort-Ermittler, von Joachim Król und Nina Kunzendorf bis hin zu Broich und Koch, wurde in einem demokratischen Prozess getroffen. Alle Mitarbeiter des Teams, inklusive der Redaktionsassistentin, brachten Vorschläge ein und entschieden mit, wer am Ende das Rennen machte. „Alle haben gedacht, dass wir jetzt mindestens Julianne Moore engagieren, aber wir sind nach zwei Ehen klug geworden. Jetzt haben wir zwei nicht so berühmte, aber sehr gute Schauspieler, die nebenbei noch richtig tolle Menschen sind“, erläutert Jessen die Entscheidung. Der Teamgedanke in Jessens Redaktion geht sogar so weit, dass sie den ihr kürzlich für „Im Schmerz geboren“ verliehenen Grimme-Preis nicht entgegennahm. „Ich habe diesen Film mit meinem Redakteur Jörg Himstedt gemeinsam produziert, das wäre bei diesem Großprojekt auch nicht anders möglich gewesen“, betont sie. Einen Preis für sich alleine wollte sie daher nicht. Das Grimme-Institut habe aber eine Erweiterung des Preises auf Himstedt nicht ermöglicht. Also ließ Jessen die Auszeichnung auf der Bühne stehen – offenbar ein Novum bei der Verleihung des hochangesehenen Preises.

Wie Hollywoodproduzenten

Liane Jessen scheut sich nicht, unbequem zu sein. Sie kann es sich leisten in ihrer Position. In der Filmbranche gibt ihr die Festanstellung als Fernsehspielchefin eine große Freiheit. „Es ist noch nie jemand entlassen worden, weil er zu kreativ ist“, lautet einer ihrer markigen Sätze. Deshalb sieht sie es als ihre Verpflichtung an, über Grenzen zu gehen, „wer sollte es schließlich sonst machen.“ Was an Fiktion im Hessischen Rundfunk produziert wird, bestimmt ihre Abteilung. Dabei geht es um weit mehr als das Sichten von Drehbüchern. Ihre Abteilung arbeite ähnlich wie die guten alten Hollywoodproduzenten, erzählt sie. Die Inhalte, das Saatkorn, aus dem jeder Film sich entwickelt, würden von ihr und ihrem Team vorgegeben. „Wir überlegen, welche Geschichte wir schon immer erzählen wollten. Dann suchen wir einen Autor, der dazu passt. Oder wir haben einen Autor, mit dem es gut läuft und wir überlegen gemeinsam beim Kaffee, welche Ideen man umsetzen könnte.“

Tom Tykwer entdeckt

Gemeinhin ist der Fernsehspielchef der deutschen Sender bei den Kreativen deshalb gefürchtet. Viele würden ein strenges Regiment führen, deutet sie an. Für sie dagegen sei die wichtigste Eigenschaft in diesem Beruf, dass ein Redakteur seine Kreativität in den Dienst anderer Kreativer stellt. Einem bekannten Regisseur, mit dem sie ein Projekt umsetzen will, sagte sie daher unlängst, dass er machen könne, was er wolle, solange die Kosten im Rahmen blieben. „Schließlich habe ich ihn ausgewählt, weil ich seine Handschrift möchte. Er hielt das für einen Witz und sagte, so etwas habe er in der Branche noch nie erlebt.“

Liane Jessen hat das Fernsehgeschäft selbst von allen Seiten kennengelernt. Schon im Studium belegte sie Kurse zur Medienund Filmtheorie und schrieb ihr Staatsexamen über den Regisseur Sergei Eisenstein. Nach einem Volontariat bei der Stuttgarter Zeitung ging sie zum SWR, drehte Beiträge über unterschiedlichste Themen wie Hexenverbrennung, Graffiti oder Hundertjährige. Sie absolvierte ein Praktikum bei verschiedenen Filmfirmen, kochte dort auch Kaffee fürs Team oder sperrte Straßen ab. Schließlich kam das Angebot, für die Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ im ZDF zu arbeiten, in der sie schließlich Tom Tykwer entdeckte. Sechs oder sieben Drehbücher habe er nacheinander eingeschickt, „eines schlimmer als das andere, weil er eine Vorliebe für Splatter hatte“. Doch dann legte er „Die tödliche Maria“ vor und Jessen versprach ihm spontan, es zu machen. „Allerdings war mein Chef nicht einverstanden. Daraufhin habe ich gesagt, wenn ich das nicht machen kann, gehe ich.“ Schon damals lernte sie, sich durchzusetzten und bewies ihr Gespür für Neues.

Sieben Filme pro Woche

Ihre Inspiration holt sie sich heute nicht nur im Kino, Fernsehen oder Internet, wo sie das Dschungelcamp ebenso schaut wie DSDS oder Serien. Sie liest leidenschaftlich gerne. Mindestens einen Roman pro Woche, täglich viele Zeitungen, dazu Zeitschriften wie Elle, Brigitte, InStyle, Spiegel und natürlich Die Zeit von vorne bis hinten. „Es verhilft mir zu neuen Ideen und erfrischt mich spirituell. Literatur ist ein Freund, den man immer bei sich hat.“ Während des Studiums zählten auch Comics zur Lektüre. So begann sie, Donald Duck-Figuren zu sammeln. Heute stehen dutzende der kleinen Enten auf ihrer Büro-Fensterbank. Er ist ihre Heldenfigur, sagt sie. Weil er alles kann, aber nur das macht, was er möchte. Eine Freiheit, die auch sie sich gerne bewahren würde, zumindest im Kleinen. Etwa, wenn mal wieder alles auf sie einstürzt bei einem Filmprojekt. Schließlich entscheidet sie nicht nur, welcher Regisseur am Set steht, welche Lampe angeschafft wird, sondern auch, ob für die Hauptdarstellerin ein Badeanzug von La Perla oder lieber einer von C&A gekauft wird.
Was sie von einem guten Film erwartet, kann sie natürlich ebenfalls auf den Punkt bringen: „Dass er mich vom Sitz hochbringt, weil ich denke, ich muss jetzt etwas tun, ein Auto kaufen, meinen Mann verlassen oder die Welt retten. Dass ich Zusammenhänge begriffen oder neue Erkenntnisse gewonnen habe, ästhetische, menschliche oder philosophische. Oder eine Kombination aus allem, extreme Unterhaltung, bei der ich alle Pflichten und Unbill vergesse und erheitert und geläutert zurückbleibe.“ Dass dies hehre Ansprüche sind, die sich nicht ständig erfüllen lassen, räumt sie sofort ein. Immer wieder passiere es, dass man sich an einer Geschichte verhebt, dass das Wetter beim Dreh schlecht ist oder dass der Regisseur und der Hauptdarsteller überhaupt nicht miteinander harmonieren. Trotzdem plädiert Liane Jessen dafür, die Ansprüche möglichst hoch zu schrauben. „Nur dann erreicht man etwas, das Mittelmaß ist schließlich schon besetzt.“