Die Newcomerin Lianne La Havas gilt unter namhaften Kritikern rund um den Globus als die viel versprechendste Entdeckung seit Adele. In ihren Texten, erklärt sie, „geht es ausschließlich um eigene Erfahrungen und Gefühle“. Und diese bringt ihre Stimme dermaßen authentisch und intensiv zu Gehör, dass man gar nicht umhin kommt, ihr zu lauschen. Davon konnten wir uns bei ihrem Live-Konzert im Frankfurter Zoom Club überzeugen, vor dem wir die Schönheit mit der Gitarre und dem schiefen Dutt trafen. Text: Natalie Rosini, Foto: Michael Hohmann

Lianne La Havas gilt als die viel versprechendste Entdeckung seit Adele
Lianne La Havas gilt als die viel versprechendste Entdeckung seit Adele

Klein und zierlich ist sie. Mit großen schokobraunen Kulleraugen, Schmollmund und diesem ansteckenden, koketten Lächeln, das junge Mädchen mit dem Erwachsenwerden oftmals ablegen. Im krassen Gegensatz zu ihrer zuckersüßen kindlichen Erscheinung steht ihre Stimme: warm, dunkel, zeitweise etwas rau. Die Stimme einer erfahrenen Frau. „Das höre ich oft“, lacht sie, und man merkt ihr an, dass sie das auch ein wenig stolz macht. Denn es sind gerade die Sängerinnen mit ebendiesen stimmlichen Attributen, die sie zu ihren Idolen zählt: Erykah Badu, Ella Fitzgerald, Mary J. Blige. Die Medien vergleichen sie bereits mit Diven dieser Größenordnung, unter anderem Nina Simone und Lauryn Hill. Teils zu Recht, wenn man bedenkt dass sie einen stimmlichen Facettenreichtum und eine Versiertheit im Umgang mit Musik und Sprache an den Tag legt, die man einer Anfang 20-jährigen kaum zutrauen würde, teils aber auch zu Unrecht, denn Lianne wirkt weder divenhaft noch routiniert, sondern frisch, authentisch, einfach echt.

It is what it is

Diese Echtheit sorgte im vergangenen Jahr für Begeisterungsstürme in ihrer englischen Heimat, nachdem sie Ende 2011 in der bekannten BBC-Show „Later with Jools Holland“ live performt hatte. Kritiker loben sie seither in den höchsten Tönen, erwarten Großes von der Kleinen. Nur greifen können sie Lianne La Havas schwer: Macht sie Pop? Soul? Folk? „My music is what it is“, erklärt sie. „Ich mag keine Genres. Schließlich heißt es doch, dass Musik verbindet. Ich höre ja auch nicht nur eine Art von Musik, sondern mag von Klassik bis Jazz alles, was mich berührt.“ Die Menschen berühren, das ist ihr Ziel. Denn die Melodien und Texte, die sie schreibt (und häufig träumt), sind allesamt sehr persönlich, wie sie betont. „Ich lasse mich vom Leben inspirieren – von Freude ebenso wie von Kummer, von Sehnsüchten, Hoffnungen, aber auch Ängsten, von eigenen Erfahrungen sowie von Erlebnissen derer, die mir nahstehen.“ Und von der Liebe? „Natürlich auch“, lacht sie. „Jede wahre Emotion ist wichtig. Liebe ist nur eine davon, und auch wenn sie in der Musik natürlich sehr häufig vorkommt, ist sie dennoch nicht das Wichtigste.“ Ganz schön weise für eine 22-jährige. Der Titel ihres Albums lautet dennoch „Is your love big enough?“. Wem sie diese Frage wohl stellt? „Jedem, der mir zuhört. Und vor allem mir selbst. Man sollte sich diese Frage immer stellen. Denn nur wenn man in der Lage ist, sich selbst zu lieben, kann man auch andere lieben.“

Die eigene Stimme finden

Wenn man sie auf der Bühne erlebt, kann man kaum glauben, dass Lianne La Havas mal Panik vor Live-Auftritten hatte und bis heute vor jedem Gig Lampenfieber hat. Unglaublich scheint zudem auch, dass sie erst seit wenigen Jahren Gitarre spielt. Die perfekten Intonationen, das raffinierte Spiel mit Stimme und Instrument, die klugen Texte – man könnte meinen, dass die Tochter einer Jamaikanerin und eines Griechen von Kindesbeinen an nichts anderes gemacht hat, als sich auf ihren großen Durchbruch vorzubereiten. Doch dem ist nicht so. „Ich bin mir erst seit kurzer Zeit sicher, dass Musik das ist, was ich wirklich machen möchte“, erklärt Lianne, die eigentlich Lehrerin werden wollte und während des Studiums ab und zu mal als Backgroundsängerin arbeitete, bis sie, wie sie sagt, ihr Herz an die Musik verlor. Ist das vielleicht der Grund dafür, dass ihre Lieder und ihre Art der Interpretation so frisch und unverkrampft wirken? „Das kann schon sein“, sagt sie bescheiden. „Ich glaube, dass dieser Ehrgeiz, ein Superstar zu werden, nichts damit zu tun hat, Musik machen zu wollen. Es gibt so viele Musiker, die kaum etwas verdienen, aber ihrer Liebe, der Musik, immer treu bleiben.“ Klingt fast ein wenig wie eine Spitze gegen Casting-Formate. Doch da widerspricht Lianne energisch. „Ich würde nie wagen, das Talent der Teilnehmer an solchen Shows in Frage zu stellen. Einige sind phantastisch. Und auch manche Sendungen sind unterhaltsam. Ich glaube nur, dass es dabei eher um eine Art Pantomime geht und nicht darum, dass Sänger ihre eigenen musikalischen Ziele verwirklichen können. Sie bekommen oftmals keine Gelegenheit dazu, die eigene Stimme zu finden.“ Und dann schenkt uns Lianne noch einmal ihr zuckersüßes Lächeln und sagt, mehr zu sich selbst als zu uns: „Ich bin dankbar, dass ich die Möglichkeit dazu hatte und habe.“

www.liannelahavas.com