Die Regisseurin Margarethe von Trotta wurde bekannt mit Filmen wie „Die bleierne Zeit“ oder „Rosa Luxemburg“, insbesondere mit ihren politischen Frauenportraits machte sie sich einen Namen.

Morgen wird sie in der Paulskirche mit dem Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt am Main geehrt, der herausragende Leistungen auf den Gebieten der Philosophie, der Musik sowie des Theaters und Films würdigt. Wir trafen die international renommierte Filmemacherin vorab im Kino Cinéma am Rossmarkt, wo sie ihre neue Dokumentation „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“ vorstellte.

Interview mit Margarethe von Trotta

Frau von Trotta, was hat Sie so an dem verstorbenen Regisseur Ingmar Bergman fasziniert, dass Sie eine Dokumentation über ihn drehen wollten?
Ich war Anfang der 1960er Jahre in Paris, um dort zu studieren. Vom Film hatte ich da eigentlich noch keine Ahnung. Ich habe französische Studenten kennengelernt, die begeisterte Anhänger der Nouvelle Vague waren und mich ins Kino geschleppt haben. Den ersten, wirklich großartigen Film den ich gesehen habe war „Das siebente Siegel“ von Ingmar Bergman.

In Deutschland bin ich nie ins Kino gegangen, weil mich die Heimatfilme und Schnulzen nicht interessiert haben. Aber dieses Stück von Bergman hat mich derartig verblüfft und begeistert, dass ich mir gewünscht habe, irgendwann selbst einen Film machen zu können. Das war meine Initialzündung, um Regisseurin zu werden. 17 Jahre hat es dann noch gedauert, bis ich es auch tatsächlich geworden bin.

Margarethe von Trotta im Cinéma am Roßmarkt
Margarethe von Trotta im Cinéma am Roßmarkt

Kannten Sie Ingmar Bergman persönlich?
Ja, er hat ja sieben Jahre in München gelebt. Er ist aus Schweden geflohen, weil man ihm zu Unrecht Steuerhinterziehung vorgeworfen hatte. Er hat sich so gedemütigt gefühlt, dass er dort wegwollte. In München hat man ihm dann ein Angebot gemacht, am Residenztheater zu arbeiten. Da habe ich ihn das erste Mal getroffen, zu der Zeit habe ich noch mit meinem Exmann Volker Schlöndorff in München gelebt und Bergman hat uns besucht. Später, da war er Jurypräsident von der European Film Academy, hat er mich als Mitglied für die Efa ausgesucht.

Während dieser Zeit hat er mir dann gesagt, dass er meinen Film „Die bleierne Zeit“ so schön findet und der Film ihm geholfen habe, aus einer Depression herauszukommen. Er habe keine Filme mehr machen wollen und nachdem er meinen gesehen hatte, habe er wieder Mut geschöpft.

Die bleierne Zeit / Edition Deutscher Film
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Die bleierne Zeit / Edition Deutscher Film
  • STUDIOCANAL (16.10.2009)
  • DVD, Freigegeben ab 16 Jahren
  • Laufzeit: 102 Minuten

Er hat „Die bleierne Zeit“ dann auch auf einer Liste seiner Lieblingsfilme veröffentlicht, das waren elf Filme, darunter von Regisseuren wie Chaplin und Fellini, und ich war die einzige Frau, dazu die einzige Deutsche und die jüngste. Alle von der Liste sind inzwischen verstorben, Bergman auch. Ich bin die einzige, die noch lebt. Das war auch Anlass für mich, den Film über ihn zu machen. Aber als man mich gefragt hat, ob ich die Dokumentation über ihn drehen würde, hatte ich erst einmal auch große Angst. Das kann man sich ja vorstellen – einem Künstler gerecht zu werden, ist eine schwere Aufgabe.

„Auf der Suche nach Ingmar Bergman“ ist Ihr erster Dokumentarfilm. Wie war die Arbeit für Sie?
Es ist eine völlig andere Arbeitsweise. Mein Sohn Felix Moeller hat an dem Film mitgearbeitet, er hat mir auch Mut zugesprochen, den Film zu machen. Aber er hat mich auch gewarnt und gesagt: „Du wirst sehen, das ist eine ganz andere Arbeitsweise als beim Spiel lm, wo du ein festes Drehbuch hast.“

Denn bei so einem Film kann man ja keine Vorgaben machen. Man kann den Leuten, die man befragt, keinen Text vorgeben. Und die sagen eben nicht immer das, was man sich vorstellt. Da muss man schon sehr flexibel sein. Ich habe vor Drehbeginn viel über die Personen gelesen, die interviewt wurden. So wusste ich ungefähr, wo ich ansetzen kann. Die Dokumentation war eine spannende Erfahrung, aber ich glaube nicht, dass ich es nochmal machen werde.

Auf der Suche nach Ingmar Bergman
  • Universum Film GmbH (14.12.2018)
  • DVD, Freigegeben ab 12 Jahren
  • Laufzeit: 95 Minuten

In diesem Jahr wird Ihnen von der Stadt Frankfurt der Theodor-W.-Adorno-Preis verliehen. Wie haben Sie reagiert, als Sie davon erfahren haben? Ich habe weiß Gott nicht damit gerechnet.
Als man mich angerufen hat, habe ich gefragt: „Wieso? Ich habe doch gar nichts mit Adorno zu tun.“ Ich kenne ihn nicht, habe ihn nicht gelesen und nicht studiert. Sie haben wohl so entschieden, weil ich erstens eine Frau bin und Frauen den Preis noch nicht bekommen haben. Und weil sie meine Filme mögen.

„Die Deutschen ertragen es nicht, wenn man als Frau zu viel Erfolg hat.“

Nehmen Sie es sich zu Herzen, wie Ihre Filme in der Öffentlichkeit kritisiert werden?
So ganz an einem vorüber geht negative Kritik nie, aber meine Filme werden im Ausland teils ganz anders aufgenommen. Das hat mir gerade am Anfang sehr geholfen. Als ich „Heller Wahn“ gemacht habe bin ich sehr hart angegangen worden in Deutschland, auch sexistisch. Unglaublich wie ich zum Teil behandelt wurde, nur, weil ich als Frau Filme gemacht habe. Das war schon sehr schwer.

Neben Deutschland hat damals nur noch Spanien so machomäßig auf den Film reagiert, in anderen Ländern wurde er sehr gut bewertet. Aber im eigenen Land wird man immer am stärksten kritisiert. Ich habe damals in Venedig für „Die bleierne Zeit“ den Goldenen Löwen verliehen bekommen und mein Freund, der Regisseur Werner Herzog, hat zu mir gesagt: „Du wirst sehen, mit dem nächsten Film wirst du in Deutschland getunkt.“ Ich habe es nicht glauben wollen. Und dann kam „Heller Wahn“. Und ich bin getunkt worden. Die Deutschen ertragen es nicht, wenn man als Frau zu viel Erfolg hat. Das hat sich inzwischen vielleicht ein bisschen geändert, heute machen ja auch viele junge Frauen Filme.

„Die Schauspielerei war nur ein Umweg für mich.“

Bevor Sie Regisseurin wurden, waren Sie Schauspielerin. Warum haben Sie die Schauspielerei irgendwann aufgegeben?
Der Wunsch, Regisseurin zu werden, war schon sehr früh da. Nachdem ich den Film von Ingmar Bergman gesehen hatte. Die Schauspielerei war nur ein Umweg für mich. Und als ich angekommen war, brauchte ich sie nicht mehr. Es gibt andere Schauspieler oder Schauspielerinnen, die auch irgendwann Filme machen, aber trotzdem immer weiter schauspielern.

Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen
63 Bewertungen
Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen
  • Concorde Video (06.05.2010)
  • DVD, Freigegeben ab 12 Jahren
  • Laufzeit: 106 Minuten

Ich wusste aber von Anfang an: Jetzt habe ich mein Ziel erreicht und von jetzt an mache ich nur noch Filme. Viele haben mich gefragt: „Wieso? Diese Rolle hättest du doch auch selbst spielen können.“ Aber ich wollte nicht. Und ich hatte immer sehr gute Schauspielerinnen. Barbara Sukowa, Jutta Lampe, Hanna Schygulla. Das waren großartige Frauen, mit denen ich wahnsinnig gerne gearbeitet habe.

Hilft es Ihnen bei der Regiearbeit, selbst Schauspielerin gewesen zu sein?
Ja. Denn ich weiß, wie ausgesetzt man sich vor der Kamera fühlt. Als ich Schauspielerin war, da gab es Regisseure, die hatten dafür überhaupt kein Empfinden. Dafür, dass man vor diesem ganzen Apparat auch Angst hat und gepflegt werden muss. Ingmar Bergman sagte einmal: „Man muss die Schauspieler schützen“.

Man muss sie lieben und man muss sie schützen. Und wenn sie das spüren, wenn sie merken, dass sie von einer Schutzglocke umgeben sind, dann können sie sich frei fühlen und vielleicht weiter gehen, als sie es sonst tun. Barbara Sukowa sagte mal zu mir: „Mit dir würde ich auch das Telefonbuch verfilmen. Das würden wir auch noch schaffen.“

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Auf der Suche nach Ingmar Bergman Auf der Suche nach Ingmar Bergman Aktuell keine Bewertungen 12,99 EUR
Die bleierne Zeit / Edition Deutscher Film Die bleierne Zeit / Edition Deutscher Film 18 Bewertungen 7,99 EUR
Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen 63 Bewertungen 9,69 EUR

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