Schauspielerin Marie Bäumer
Schauspielerin Marie Bäumer

Sie ist eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen Deutschlands. Doch Marie Bäumer kann mehr. Sie hat Regie geführt und ist als Schauspiel-Lehrerin sowie als Therapeutin tätig. Gerade hat die gebürtige Düsseldorferin ein Buch über Selbstfindung mit dem Titel Escapade verfasst. Ihre These: Wer wie ein Pferd aus eingeübten Zwängen ausbrechen könne, wird eine neue Kraft in sich entdecken. Die 50-Jährige, die in der Provence lebt, wirkt bei unserem Treffen jünger denn je. Im Jumeirah Hotel Frankfurt sprachen wir mit ihr über Glück, Hoffnungen, Herausforderungen und das gerade abgeschlossene Projekt. Von Thomas Zorn

Der Filmstar, der zuletzt für die Rolle der Romy Schneider in „Drei Tage in Quiberon“ den Bayerischen Filmpreis erhielt, trägt eine elegante Bluse, offene Haare und hohe Schuhe. Anfangs wirkt sie noch etwas abwartend. Schließlich wollen wir eine neue Seite von ihr kennenlernen – Marie Bäumer als Autorin. „Ich habe eine Methode entwickelt, zurückgehaltene Energie freizulegen“, stellt sie zunächst nüchtern-sachlich fest. Sie erkläre in dem Buch, wie man mentale und körperliche Blockaden lösen könne.

Schon bald erzählt sie mädchenhaft begeistert von ihren Coaching-Seminaren und dem „Aufbruch in die Freiheit“. Die Erkenntnisse aus ihren Kursen, die sie in Deutschland und Frankreich unter dem Namen „Atelier Escapade“ abhält, hat sie auf 200 Seiten zusammengefasst. Die Arbeit mit dem Körper ist für sie der „Schlüssel“, um positive Energien zu aktivieren. Sie setze Spannung und Entspannung ein, wie sie es selbst während ihrer Schauspielausbildung gelernt habe.

Marie Bäumer und die Pferde

Wer es genau wissen will, kann es jetzt bei ihr nachlesen. Dass bei Bäumers Überlegungen zur Entdeckung des eigenen Potenzials auch Pferde eine wichtige Rolle spielen, verwundert bei ihrer Liebe zu den Vierbeinern nicht. Erst vor einigen Wochen ist sie mit einer Freundin tagelang durch Südfrankreich geritten, „bis wir irgendwann am Meer waren und draußen geschlafen haben“. Bäumer hat die Abgeschiedenheit in der Natur als Glück wahrgenommen. „Es war fantastisch.“ Sie strahlt.

Eine Abenteurerin wollte sie schon immer sein. Als Kind liebte sie Astrid Lindgrens Geschichten von Pippi Langstrumpf. Der frechen Göre mit den roten Zöpfen ist es mitzuverdanken, dass die in Hamburg aufgewachsene Tochter eines Architekten sehr früh die Leidenschaft für den Film entdeckte. „Mit acht Jahren bin ich in unser kleines Programmkino gelaufen, um meine Heldin zu sehen.“

„Die Schauspielerei ist für mich immer der Anreiz gewesen und bis heute geblieben, etwas Neues zu entdecken.“ – Marie Bäumer

Mit Anfang zwanzig ging sie an eine Schauspielschule ins Tessin und wechselte später an die Hochschule für Musik und Theater nach Hamburg. Ihren Durchbruch erzielte sie 1995 mit Detlef Bucks Streifen „Männerpension“. Als junge Altenpflegerin Emilia überzeugte sie Til Schweiger alias Rüdiger Steinbock, der sich gleich in sie verknallte.

„Die Schauspielerei ist für mich eigentlich immer der Anreiz gewesen und bis heute geblieben, etwas Neues zu entdecken“, sagt Marie Bäumer. Viele Charaktere hat sie verkörpert und „die schwierigsten waren die schönsten“. Dazu gehören die Marie in Oskar Roehlers „Alter Affe Angst“ und die ehrgeizige und plötzlich ausgebrannte Meeresbiologin Toni Lehmstedt in „Briefe an mein Leben“.

Buch-Tipp

Escapade: Der Aufbruch in die Freiheit (Gräfe und Unzer Einzeltitel)
35 Bewertungen
Escapade: Der Aufbruch in die Freiheit (Gräfe und Unzer Einzeltitel)
  • Bäumer, Marie (Author)
  • 200 Pages - 02.09.2019 (Publication Date) - GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH (Publisher)

Und natürlich die Romy Schneider. Dabei war sie eher skeptisch, als das Angebot kam. „Es hatte mich eigentlich nie interessiert, eine Schauspielikone nachzuspielen.“ Schon gar nicht die bewunderte Kollegin, „die einfach so unübertroffen ist“. Bäumer hatte Angst, Romy Schneiders Persönlichkeitskern hinter dem von Medien und Marketing gepflegten Image zu verfehlen. Ihr Wesen kurz vor dem Ende in einer Achterbahn der Gefühle bei der dreitägigen Begegnung mit zwei Journalisten rüberzubringen, sei schon „eine ziemliche Herausforderung“ gewesen. „Allein die Weinkrämpfe strengten mich so an, dass ich zur moralischen Unterstützung zwei Freundinnen an den Set bestellte.“

Das Ganze war für Marie Bäumer eine Grenzerfahrung. Erst nach dem Dreh hatte sie den Eindruck, dass die Darstellung gelungen war. „Anspruchsvolle Rollen für Frauen in meinem Alter sind leider sehr selten“, bedauert die Actrice. Dabei sei sie ihrer Jugend noch sehr verbunden.

Schauspielerin Marie Bäumer hat ein Buch über Selbstfindung mit dem Titel Escapade verfasst
Schauspielerin Marie Bäumer hat ein Buch über Selbstfindung mit dem Titel Escapade verfasst

Vor allem an Pippis Langstrumpfs Motto „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“, sei sie nach wie vor „ziemlich nah dran“, lacht sie. Zwar besitze sie „keinen Affen“ wie die kleine Schwedin, „aber ein Pferd und einen Hund“. Überhaupt mag sie noch immer die eigenwilligen Persönlichkeiten aus den großen Kinderbüchern. Wie die kleine Momo von Michael Ende, die zuhören kann, anderen die Zunge löst und sich gegen die „Agenten der Zeitsparkasse“ wehrt. Leider hätten sich „die grauen Herren“ erschreckend vermehrt.

Auch in der von Männern dominierten Filmindustrie gibt es wohl viele kalkulierende Langweiler. Wie hat sie es trotzdem geschafft, in keiner Schublade zu landen? „Man muss immer so wach wie möglich und bei sich selbst sein“, entgegnet sie. Es sei wichtig, Furcht zu überwinden und stringent zu bleiben.

Sie lebt in einem Dorf bei Avignon und genießt das Elementare. Viel braucht Marie Bäumer nicht, um zufrieden zu sein. Morgens isst sie Toast mit dick Butter. Abends trinkt sie Wasser mit Zitrone. In ihrem Kühlschrank stehen Senf und Leinöl.

Sie macht viel und konsumiert wenig – auch keine Filme. „Gleich mehrere hintereinander zu schauen, das geht bei mir nicht.“ Wenn sie schaut, dann gern Dokumentarfilme, „die für mich genauso spannend sein können wie Spielfilme“. Von solchen Eindrücken zehre sie lange, bekennt sie. Manchmal nimmt sie sich doch mal einen bekannten Filmemacher vor und beschäftigt sich intensiv mit seinem Werk. „Ich hatte beispielsweise mal einen Ingmar-Bergmann-Winter.“

Und was bedeuten ihr Filme, in denen sie selbst mitgespielt hat? „Die schaue ich mir einmal bei der Premiere an und vielleicht noch, wenn es dann eine Tour gibt. Dann zehn Jahre nicht mehr.“ Sie finde es fürchterlich, sich die ganze Zeit selbst zu beobachten. Neulich habe sie allerdings mit ihrem Sohn einen Film angesehen, in dem sie noch ganz jung war. „Das wiederum war lustig.“ Aber sie verfolge aktuell doch lieber die Kollegen, wenn überhaupt.

„Ich denke, dass ich innerlich und äußerlich ständig in Bewegung bin, sehr offen und etwas eigensinnig.“ – Marie Bäumer

Und wie ist Marie Bäumer so als Mensch? „Ach Du Schande … Ich denke, dass ich innerlich und äußerlich ständig in Bewegung bin, sehr offen und etwas eigensinnig. Ich habe durchaus Humor mitbekommen. Kann aber auch sehr emotionale Amplituden durchleben. Das ist dann für mein Umfeld oftmals eine Herausforderung.“

Natürlich setzt die populäre Künstlerin weiter auf große Projekte. Sie träumt von einem Typ, den sie gern einmal zeigen würde. „Die Frau wäre extrem naiv, tritt überall daneben, hat aber viel Charme“, skizziert sie. „So etwas in Richtung schwarzer Komödie. Das fände ich schön.“ Dann unterbricht sie sich und überlegt. „Aber das ist noch kein Plot.“ Bei einer Rolle interessiere sie jedenfalls immer, woher die Person komme, was sie antreibe. „Und was ihre Sehnsucht ist.“


Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Print-Ausgabe. Sie wollen schneller informiert sein? Hier können Sie ein Abonnement abschließen.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here