Maritimes Flair in Frankfurt am Main
Maritimes Flair in Frankfurt am Main

Zugegeben, auch wir waren skeptisch. Fahren oder fliegen wir doch jedes Jahr Tausende von Kilometern, um unsere Sehnsucht nach Meer zu stillen. Doch es gibt sie, die Bootsbesitzer, die ihren maritimen Traum in Frankfurt leben. Wir haben sie besucht und nehmen Sie mit an Bord. Vielleicht können Sie ja ein wenig nachfühlen, was Goethe meinte, als er schrieb: „Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.“ Von Kitti Pohl und Michael Hohmann (Fotos)

Ein Hauch Amalfi

Vor fünf Jahren kam Rosario Federico aus Bergen-Enkheim auf eine verwegene Idee: Was zwischen Positano, Amalfi und Capri floriert, könnte doch auch zwischen den Schleusen Griesheim und Offenbach klappen. Die Familie des Industriemeisters betreibt seit Generationen den Luxus-Yacht-Charter Lucibello an der Amalfiküste, bietet Urlaubern traumhafte Ausflüge auf dem Meer.

Rosario brachte ein kleines Klassikboot von Positano nach Frankfurt. Heute schippert er mit seiner Luxus-Yacht „Dolce Vita“, an der er alles persönlich repariert, Passagiere über den Main: „Das Konzept ist Amalfi Coast. Wir wollen das Flair rüberbringen.“

Die Dolce Vita wiegt 13 Tonnen und hat 900 PS
Die Dolce Vita wiegt 13 Tonnen und hat 900 PS

Das Boot zum Flair hat er. Die Dolce Vita ist eine Yacht der Marke Itama, wie sie sonst nur auf dem Mittelmeer cruist: 13,5 Meter lang, vier Meter breit, edle weiße Polster und ein teures Teakstab-Deck – auf dem die Passagiere statt vor steil aufragenden Felsen vor Capri ihre Handys begeistert vor der Skyline zücken.

680.000 Euro netto kostete das Luxus-Boot, mit dem Rosario Federico unter anderem auch die „Romantische Tour de Luxe“ offeriert. Zum Sonnenbaden an Deck oder in den Sonnenuntergang, auf Wunsch mit Champagner und Catering. 76 Heiratsanträge vor Frankfurts Skyline hat der Skipper bis heute bereits an Deck miterlebt: „Nur ein einziges Mal bekam ein bedauernswerter Tropf ein ‚Ich weiß net‘ zu hören.

Meistens sind wir vorher eingeweiht und organisieren einen Blumenstrauß, den wir auf der Yacht verstecken. Der Hotspot für den Antrag ist direkt vor der EZB. Die Kulisse hier ist einfach überwältigend.“ Aber Obacht: Kürzlich fiel einem Herrn vor Aufregung der Ring aus der Hand und hüpfte, Pling, Pling, Pling, Richtung Bordkante. Schockstarre. Federicos Ehefrau Iryna, die an der Bugspitze filmte, reagierte geistesgegenwärtig und fing das kostbare Stück in allerletzter Millisekunde auf.

„Das Konzept ist Amalfi Coast. Wir wollen das Flair rüberbringen.“ – Rosario Federico, Italian Flair Boating

Neben Romantik pur bietet Federico auch zwei Minuten Top-Speed: Zwischen Flößerbrücke und Osthafen gibt es auf dem Main keine Geschwindigkeitsbegrenzung. „Wenn diese 13 Tonnen mit 900 PS ins Gleiten kommen, fühlt man die ganze Power dahinter“, sagt er voller Bootsbesitzer-Stolz. Mit 34 Knoten (60 Stundenkilometern) pflügen wir über den Main, angetrieben von zwei 450 PS-Motoren, die ein sattes, tiefes Röhren von sich geben. Gischt spritzt. Jetzt heißt es Kissen und Kappe festhalten! An bestimmten Punkten, wenn die Yacht ankert, dürfen die Passagiere auch ins
Wasser springen, ein Ründchen schwimmen: Ein Hauch Amalfi auf dem Main.

Wir genießen die bequeme, äußerst mondäne Fahrt an Deck: Rechts zieht das Museumsufer vorbei, links wächst die Domspitze hinterm Eisernen Steg immer höher. Dahingestreckt auf dem Bug der Dolce Vita, den Fahrtwind im Haar, werden wir von den Brücken und Uferpromenaden unentwegt fotografiert und gefilmt. Uns fallen die Paparazzi-Fotos der Promis auf ihren Mittelmeer-Yachten ein: Immer dezent Bella Figura machen. Natürlich auch, ach was, erst recht auf dem Main!

Venezia im Westhafen

Im Schatten des Westhafen Towers schaukelt eine rote Gondel auf dem Main. Mit Bommeln, Schnörkeln und allem Schnickschnack. Ein Paar hält auf der Polsterbank Händchen, lächelt verzückt und fotografiert. Hinter ihnen steht aufrecht Mainhattans einziger Gondoliere, taucht gefühlvoll das vier Meter lange, rot-weiß-gestreifte Ruder in den Main. Mit Spiegelbrille, Ringelhemd und weißer Hose.

Gondoliere Salvatore auf seiner „Gondola Rossa“
Gondoliere Salvatore auf seiner „Gondola Rossa“

Salvatores Leidenschaft fürs venezianische Rudern wurde vor mehr als zehn Jahren beim Ruderverein Germania in Sachsenhausen geweckt: „Die Kombination von Sport und Eleganz ist absolut faszinierend. Das Gefühl von Erhabenheit, stehend über dem Wasser, dieses wundervolle Boot im Blick“, schwärmt er. Vor drei Jahren erfüllt Salvatore sich den sehnlichen Wunsch, für den ihn seine Familie erstmal für verrückt hält: Eine original venezianische Gondel. Fürs Training vor der Haustür.

In der Werft Franco Crea im Stadtteil Giudecca findet er nach langer Suche seine Gondola Rossa, zahlt 27.000 Euro und bringt sie per Anhänger vom Canal Grande ans Mainufer. Sie ist aus Mahagoni, Nussbaum, Esche, Ulme und Tanne von Hand gefertigt, 10,82 Meter lang, 600 Kilo schwer und verziert mit kunstvollem Kitsch: Nixen, Seepferde, Fische, geschnitzt und gemalt. Beim Einsteigen schwankt es ordentlich, zwei Messingpferde dienen als Haltegriff.

Eine original venezianische Gondel mit kunstvollem Kitsch verziert
Eine original venezianische Gondel mit kunstvollem Kitsch verziert

Die Idee, Fahrten anzubieten, kam erst durch die überwältigenden Reaktionen am Ufer: „Die Leute sind begeistert, winken, fotografieren, wollen sofort ins Boot springen“, lacht Salvatore. Seit Mitte Mai darf „Il Gondoliere“ Touren anbieten, bis zu fünf Personen können mitfahren. Fahren und Steuern hat er in Venedig mit den Profis trainiert.

Das maritime Flair des Westhafens
Das maritime Flair des Westhafens

Das Manövrieren vom Westhafen bis auf den Fluss ist Millimeterarbeit. Bis zur EZB rudert Salvatore etwa eine Stunde. Pamela und Oliver aus Höchst sind nach ihrer Gondel-Sightseeing-Tour hin und weg: „Was für ein tolles Erlebnis. Und so romantisch!“ Es ist diese Langsamkeit, das Rumgondeln, das so glücklich macht. Das sanfte Schaukeln. Das regelmäßige Plätschern des Ruders. Unglaublich, aber wahr: Salvatore bringt venezianisches Flair in die Bankenstadt. Nur Singen tut er auf seiner Gondola Rossa nicht: „Das wäre geschäftsschädigend.“

 

Das Bistro Èmile am Westhafen
Das Bistro Èmile am Westhafen

Die Schöne aus den 70ern

„Ich freue mich jeden Tag, hier sein zu dürfen“, sagt Bernd Altpeter, während er aus seinem Bürofenster auf den Westhafen blickt. „Da unten liegt sie, meine Schöne“, sagt der Gründer und General Manager von DGG (Digitale Gesundheitsgruppe) und strahlt übers ganze Gesicht. Seine Schöne, das ist die schneidige Sportyacht „Ma Belle“, die er vor vier Jahren persönlich vom Luganer See per Anhänger nach Frankfurt holte. „Sie gehörte einem deutschen Modemillionär, der in Italien lebte. Ein Boot, das eigentlich dorthin passt, oder nach St. Tropez.“

Bernd Altpeter genießt den After-Work-Cruise auf dem Main.
Bernd Altpeter genießt den After-Work-Cruise auf dem Main.

1979 wurde die anmutige Sieben-Meter-Yacht der Marke Ilver am Gardasee gebaut, mit für die 70er-Jahre typischen Teakholz- und Mahagoni-Komponenten und einem Glasfaserrumpf. Altpeter hat sie über drei Jahre aufarbeiten lassen, einige Elemente sind noch original. Auf Yachten wie diesen cruisten Ikonen wie Jacky Kennedy oder Liz Taylor und Richard Burton an der französischen und italienischen Riviera, belagert von Dutzenden Paparazzi.

Mit ihrer harmonischen Linie und den abgerundeten Ecken und Kanten versprüht „Ma Belle“ unverwechselbaren 70er-Jahre-Retrocharme. Sie ist ein Juwel, das jeden Nostalgiker ins Träumen bringt: „Wenn die Riva der Rolls Royce unter den Booten ist, dann ist die Ilver mit dem schnellen GFK-Rumpf der Ferrari“, erklärt der Bootsherr vergnügt.

Italienische Anmut – Die Ilver-Yacht von 1979
Italienische Anmut – Die Ilver-Yacht von 1979

Manchmal schippert Altpeter mit seiner Frau einfach so zur Gerbermühle und zurück: „Ein bisschen raus aus dem Tagesrhythmus, das entspannt total. Um dich herum dieser Duft des Wassers – du nimmst das Leben ganz anders wahr. Das ist für uns Lebensqualität.“ Die Power des Bootes ausreizen ist ihm dabei gar nicht wichtig: „Ich fahre selten schnell.
Wie bei einem noblen Auto. Es geht um Stil, Design und Ästhetik.“ Es kommt auch vor, dass er die Leinen erst gar nicht losmacht: Dann sitzt er am Pier an Bord, mit dem Laptop oder seiner Frau, grüßt mit lässigem Handzeichen von Skipper zu Skipper, genießt ein Glas Wein und das maritime Flair des Westhafens: „Das ist wie Urlaub.“

 

Picknick am Strand

Luxus sucht man auf Robin Kassels Picknickboot vergeblich: „Meine Mühle ist ein bisschen lauter, und es scheppert ein bisschen mehr, wenn ich sie anwerfe“, warnt der Inhaber von Main-SUP grinsend, während wir auf den urigen Fischerkahn steigen. 8,20 Meter lang, robuste Eiche, Platz für 12 Passagiere, Picknickkorb und Kühlbox. Wir hocken auf Holzbänken, der Reling oder dem Sitzsack, staunen über das reizvolle Mainufer im üppig grünen Bürgeler Mainbogen, eine grüne Plane dient als Sonnenschutz.

Robin Kassel auf seinem Picknickboot
Robin Kassel auf seinem Picknickboot

Jahrelang fristete der fast 50 Jahre alte Nachen im Sportboothafen Mainkur zwischen Fechenheim und Maintal ein unbeachtetes Dasein und setzte ordentlich Patina an. Bis Robin, der mehrere Stand-up-Paddling-Stationen im Umkreis besitzt, auf die Idee kam, den verwahrlosten Kahn flott zu machen und Picknick-Touren anzubieten.

Seit zwei Sommern gondelt er Feier-Grüppchen zwischen Frankfurt und Hanau hin und her. Junggesellen- und Jungesellinnen etwa, die mit ihren Buddys und Freundinnen Party auf dem Boot machen, bevor sie in den Hafen der Ehe schippern. Gerade hat Robin eine Mädels-Truppe, die mit dem Taxi zum Hafen kam, nach zwei Stunden fröhlichem Sektfrühstück an Bord in Sachsenhausen wieder an Land gesetzt, zum Weiterfeiern.

Idylle am Main – Der Sportboothafen Mainkur
Idylle am Main – Der Sportboothafen Mainkur

Richtig maritim wird’s, wenn man mit dem Main-SUP-Boot eine Strandtour bucht. „Es gibt schöne Sandstrände am Main“, weiß Robin. An der Mündung der Rodau etwa, oder in den Mühlheimer Mainauen. Planschen und Pick-nicken am Strand gehört bei Kindergeburtstagen und Familienausflügen zu den Highlights der Bootstour. Abends schmücken bunte Lichter das Boot, sorgen für heimeliges Flair.

Segel-Hotspot Uniklinik

Die andere Perspektive. Vom Fluss zu den Ufern, nicht umgekehrt. Die Ruhe, die Entspannung, das ist es, was Eckhard Mikulski vom Segelcenter Frankfurt immer wieder fasziniert. Den besten Segelspot der Stadt hat er direkt vor seiner Schule im Westhafen: „Vor der Uniklinik ist der Main besonders breit, der Wind am konstantesten“, erklärt der anerkannte Segellehrer, der in den letzten 20 Jahren tausende Segler in Frankfurt ausgebildet hat. Die Lehrer fahren dabei auf einem Schlauchboot neben den Schülern her. Mikulski: „Die Frankfurter Segelschulen haben schon viele international sehr erfolgreiche Segler hervorgebracht.“

Eckhard Mikulski segelt gerne vor der Uniklinik.
Eckhard Mikulski segelt gerne vor der Uniklinik.

„Der Main gibt als Segelgebiet viel mehr her, als manche glauben“, hören wir und staunen. Dachten wir doch bisher, Küsten und Seen seien Top-Segelreviere. Da der Main jedoch in Ost-West-Achse fließt, in der Stadt der Wind meist von Ost nach West oder umgekehrt weht, herrschen ziemlich gute Voraussetzungen, erklärt Mikulski.

Die Verwirbelungen und Windschneisen zwischen den Hochhäusern machen „de Bach“, wie der Main unter den Seglern genannt wird, zu einem anspruchsvollen Segelgebiet. Die Windgeschwindigkeit reicht sogar manchmal für Gleitfahrten, bei denen das Boot auf der eigenen Welle surft, wie man es an Segel-Hot-Spots wie Sylt oder Gardasee erleben kann. Bei wenig bis gar kein Wind genießen die Segler trotzdem ihren Main, mit leicht geblähten Segeln. Ganz gemächlich und entspannt.

Hausbootfreuden

Wie auf einem schwimmenden Thron fühlen wir uns auf dem Skydeck des Design-Eventbootes von Susanne und Michael Botzum: Lümmelnd in weichen Polstern, erhabene drei Meter über dem Wasserspiegel. Bei feinen italienischen Häppchen und eisgekühlten Drinks. Den Main samt seinen dschungelgrünen Uferlinien flussauf- und abwärts im Blick bis zum Horizont.

Wakeboarding bei Maintal
Wakeboarding bei Maintal

Derart exquisit gleiten wir auf dem Oberdeck des weißen Katamarans aus dem Bootshafen Mainkur, als wir, zack, plötzlich mitten in einem quirligen Wassersport-Eldorado schippern. Gewusel und Geräuschkulisse wie an einem Adriastrand: Wasserskifahrer zeichnen Zickzack-Spuren aus weißem Schaum, eine Wakeboarderin surft auf der Bugwelle hinter einem Schnellboot, Bikini-Mädchen sonnen sich auf dümpelnden Yachten.

 

Kinder springen johlend vom Steg ins Wasser. „Das ist die zwei Kilometer lange Wasserskistrecke zwischen Maintal und Fechenheim“, erklärt Michael, während ein Jetski mit heulendem Motor an uns vorbeisaust. Es schaukelt heftig, wir halten uns und die Gläser fest. Starker Wellengang auf dem Main – auch das hat in diesem Moment etwas ziemlich Maritimes.

Das Event- und Partyboot auf dem Main bei Fechenheim
Das Event- und Partyboot auf dem Main bei Fechenheim

Das Event- und Partyboot ist ausgestattet mit Lounge-Sofas auf dem Skydeck, Tischen und Stühlen, einem Kühlschrank und einem Gäste-WC. Von Geburtstag über Hochzeit bis Firmenfeiern ist alles möglich. Derzeit dürfen sich bis zu zehn Gäste auf beiden Decks aufhalten, DJ, Stehgeiger oder Cocktailbar können mitgebucht werden.

Besonders beliebt sind romantische Candle-Light-Dinner, sagt Susanne Botzum: „Ob ländlich-idyllisch im Bootshafen Mainkur oder urban und schick vor der Skyline.“ Ab August wird’s richtig mondän: Auf dem neuen River-Dream Deluxe Hausboot mit großer
Sonnenterrasse kann auch sehr stilvoll übernachtet werden.

Susanne und Michel Botzum mit Mara Foraci, die sich um das Catering des Hausboots kümmert.
Susanne und Michel Botzum mit Mara Foraci, die sich um das Catering des Hausboots kümmert.

Weisse Flotte

Eine Sonderstellung unter den Frankfurter Bootsbesitzern nimmt das Familienunternehmen Nauheimer mit seiner Primus-Linie ein: die fünf Ausflugsschiffe ihrer „Weißen Flotte“ befördern jährlich 286.000 Passagiere auf Main, Rhein und Neckar, dabei beschäftigt das Unternehmen knapp 100 Mitarbeiter.

Dr. Marie Nauheimer mit dem neuen Maskottchen der Primus Linie
Dr. Marie Nauheimer mit dem neuen Maskottchen der Primus Linie

Vor 140 Jahren von Peter Nauheimer begründet, wird die Reederei heute von seiner Ururenkelin Dr. Marie Nauheimer in fünfter Generation geführt. Die Unternehmens-Chefin hat ihr halbes Leben auf dem Main verbracht: „Das Wunderbare ist, dass der Main Frankfurt nicht teilt, so wie zum Beispiel der Rhein die Stadt Köln. Der Main verbindet beide Ufer harmonisch miteinander. Wenn man ihn befährt, hat man immer eine gemeinschaftliche, reizvolle Perspektive. Für mich ist der Main im Großraum Frankfurt ein regional-urban-maritimer Lebensraum.“


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