Michael
Michael "Bully" Herbig

Seit vielen Jahren sorgt er für Krämpfe in den Lachmuskeln: Nach der Bullyparade katapultierte ihn seine Karl-May-Parodie „Der Schuh des Manitu“ schließlich in den Comedy-Olymp. Michael „Bully“ Herbig beherrscht sein Genre wie kein anderer, ist eine Koryphäe im Filmbusiness und doch macht er nun ernst: Mit Top Magazin Frankfurt spricht er über den Erfolg seiner Thriller-Verfilmung „Ballon“ und vor welche Herausforderung ihn dieser Spartenwechsel gestellt hat. Von Chantal Buschung

Michael "Bully" Herbig im Filmmuseum Frankfurt
Michael „Bully“ Herbig im Filmmuseum Frankfurt

Was erwartet man eigentlich von einem Treffen mit einem Komödianten? Insbesondere einem Treffen mit der Spaßinstanz des deutschen Kinos? Immer und immer wieder bringt er Millionen von Zuschauern mit seinen Filmen zum Lachen. In erster Linie spekulierten wir daher auf viel Humor, Lockerheit und Sarkasmus. Und genau diese Erwartungshaltung erfüllte Michael „Bully“ Herbig, als wir ihn im Deutschen Filminstitut und Filmmuseum in Frankfurt (DFF) treffen.

Erst einige Minuten zuvor war der 50-Jährige angekommen. Als er die Treppen zum Kinosaal herunterkommt, stürzen sich die anderen anwesenden Pressevertreter schon auf ihn. Er nimmt es mit einer sympathischen und witzbestimmten Portion Gelassenheit. Die Termine sind genau getaktet, Herbig hat nicht viel Zeit, gibt nur wenige, ausgewählte Interviews.

Angst zu Scheitern

Der Kultregisseur gastiert im Rahmen der Schulkinowochen in Hessen. Der Einladung ins Filmmuseum ist er an diesem Abend gefolgt, da er bereits bei der Neueröffnung 2011 die Ehre hatte, hier seinen Alltime-Favorit vorzustellen: Psycho von Hitchcock, einen Thriller.

„Und so schließt sich der Kreis, denn dieser Film war einer der Gründe, weshalb ich Filme machen wollte“, sagt Herbig uns mit einem Schmunzeln und lässt sich in die bequemen, roten Kinosessel fallen. „Nun bin ich in genau diesem Genre angekommen“, fügt er hinzu. Ansonsten sei er noch dabei, eine richtige Verbindung zu Frankfurt aufzubauen. Sein Terminplan ließ richtige Sightseeing-Touren bisher nicht zu. Schauspiel-Kollege Rick Kavanian, der Familie in der Mainmetropole hat und mittlerweile „fließend Hessisch spricht“, habe aber bisher nur Gutes erzählt.

Auch an diesem Tag wird wenig Zeit bleiben, um mehr als nur Flughafen und Filmmuseum zu Gesicht zu bekommen. Später steht für ihn ein Foyergespräch mit Filmwissenschaftler und Kurator Urs Spörri an, bei dem seine außergewöhnliche Karriere vordergründig thematisiert wird.

Zuvor wird Herbigs neuester Film „Ballon“ gezeigt: Ein Drama um die Flucht der Familien Strelzyk und Wetzel nach zweijähriger Vorbereitungszeit und Planung aus der DDR nach Westdeutschland im Sommer 1979 – in einem selbstgebauten Heißluftballon. Die Familie Strelzyk unternimmt den ersten Fluchtversuch allein, muss kurz vor der Grenze jedoch notlanden.

Familie Strelzyk (Tilman Döbler, Karoline Schuch, Friedrich Mücke, Jonas Holdenrieder) sucht die US-Botschaft in Berlin
Familie Strelzyk (Tilman Döbler, Karoline Schuch, Friedrich Mücke, Jonas Holdenrieder) sucht die US-Botschaft in Berlin

Fieberhaft beginnen die Familien mit der Arbeit an einem neuen, stabileren Ballon. Die Zeit drängt, denn die Stasi ist ihnen auf den Fersen. Spannung pur also! Auch bei der Filmpremiere, zu der Herbig die betroffenen Familien eingeladen hatte. Wie würden sie reagieren?

Film-Tipp

Höchste Auszeichnung

Unter dem Namen „Mit dem Wind nach Westen“ wurde die heikle Flucht bereits 1982 urverfilmt und gefiel insbesondere Günther Wetzel – diplomatisch ausgedrückt – ganz und gar nicht. „Mein absoluter Albtraum wäre gewesen, wenn die Leute gesagt hätten: Jetzt kommt der Komiker aus Bayern und will uns erklären, wie die DDR funktionierte“, so der Filmemacher.

Familie Strelzyk immer auf den Fersen - Oberstleutnant Seidel (Thomas Kretschmann), Leutnant Strehle (Kai Ivo Baulitz) und Hauptmann Heym (Christian Näthe).
Familie Strelzyk immer auf den Fersen – Oberstleutnant Seidel (Thomas Kretschmann), Leutnant Strehle (Kai Ivo Baulitz) und Hauptmann Heym (Christian Näthe).

Doch wer hätte es anders erwartet, gab es für ihn und seine Neuverfilmung das größte und schönste Kompliment, das er sich hätte wünschen können, findet er. „Wenn jemand weiß, wie es ausgegangen ist, dann bin das ich. Und ich dachte bis zum Schluss, wir schaffen es nicht“, sagte Petra Wetzel nach Ende der Vorstellung applaudierend und unter Tränen.

Auch beim breiten Publikum traf der Familienvater abermals voll ins Schwarze – die Kritiken phänomenal. Die Belohnung für sechs Jahre intensive Vorbereitungszeit, bestehend aus Recherche, Drehbuchentwicklung und Verfilmung. Er sei in dieser Zeit extrem sensibilisiert gewesen, habe viel zugehört und mit zahlreichen Zeitzeugen gesprochen.

Daraus habe sich dann letztlich nach und nach ein Bild der Geschehnisse und von dem damaligen Leben in der DDR entwickelt. „Dem Film hat es vielleicht sogar gutgetan, dass sich jemand wie ich, einer der diese Welt vorher noch überhaupt nicht kannte, das stückweise erarbeitet hat“, meint Herbig. Er habe so eine andere Sicht auf die Dinge bekommen können, und auf diese Art sei es ihm gelungen, Zuschauer, die sich das ebenfalls nicht vorstellen konnten, abzuholen.

Heimatliebe

Es sind die Details, auf die der mehrfache Bambi-Gewinner Wert legt und die wohl seinen Erfolg ausmachen. Seine Drehbuch-Entwicklung ist nahezu investigativ. Er ist Perfektionist und interessiert sich gleichwohl für die Storys hinter den Storys. So fand er während seiner Recherche heraus, dass Familie Strelzyk vor einigen Jahren zurück in ihr altes, zurückgelassenes Haus zog.

Paradox, setzten sie doch damals ihr Leben aufs Spiel, dieses zu verlassen. „Keiner verlässt eben gerne seine Heimat. Das war sehr interessant zu sehen“, erklärt der Produzent dieses Phänomen. Empathie ist eine seiner bedeutendsten Eigenschaften. Es bedurfte Fingerspitzengefühl bei der Befragung der Familien, die sich nach der Flucht zerworfen hatten. Bei der Premiere trafen sie sich zum ersten Mal wieder. Ein emotionaler Moment, der Vorbereitung und Feingefühl bedurfte.

Spaß darf sicherlich bei keiner seiner Schöpfungen fehlen und ist Teil seines Erfolgsgeheimnisses. Wer glaubt, bei einer Thriller-Produktion würde nicht gelacht, der irrt gewaltig. „Selten hatten wir im Schnitt oder auch am Set so viel Spaß“, berichtet Herbig. Erklären lässt sich das einerseits durch eine „Gag-Übersättigung“. Man schreibt ihn, man spielt ihn und im Schnitt weiß man nicht mehr, ob er überhaupt noch lustig ist.

Andererseits ist es aber natürlich auch schlicht und ergreifend seine Natur, zu allem einen ironischen Spruch auf den Lippen zu haben. Das ist wohl das Rezept für entspannte und geschmeidige Stimmung am Set. „Bei solch einem ernsten Thema brauchst du einfach ein Ventil“, fügt die deutsche Comedy-Legende hinzu, die seit 30 Jahren mit dem gleichen Cutter arbeitet. 30 Jahre, eine lange Zeit. Das zeigt einmal mehr seine Bodenständigkeit, aber auch ein Stück weit Loyalität.

Zwischen Berufung und Leidenschaft

Herbig brennt für das, was er tut. Sein jüngster Erfolg ermutigt ihn nun, weitere Genres auszuprobieren. Wäre er gescheitert, so erklärt er, dann wäre er vermutlich reumütig zur Komödie zurückgekehrt. Doch auch innerhalb dieser Produktionen konnte sich „Bully“ bereits ausprobieren – von Western über Science-Fiction und Animation bis hin zu Abenteuergeschichten.

Facettenreichtum ist durchaus innerhalb seiner Komödien erkennbar. Nun aber würden ihn eben andere Stoffe reizen. Tiefgründige Stoffe. Gänzlich den Rücken zugekehrt hat er seinem Parade-Genre jedoch nicht. Es ist nicht auszuschließen, dass wir mit und durch Herbig auch in Zukunft wieder vor den Fernsehern sitzen und ausgelassen lachen werden.

Eins steht fest: Bei all der Termindichte und dem Druck der Öffentlichkeit, dem er tagtäglich ausgesetzt ist, hätte so mancher schon wegen Burn-out die Kamera an den Nagel gehängt. Doch nicht Michael „Bully“ Herbig: Eine richtige Auszeit, das brauche er nicht. Sein Arbeitsalltag sei so abwechslungsreich, er gleiche einer Wellenbewegung. Selten merke er, dass er überhaupt arbeite. Zudem hält ihn sein Sohn stetig auf Trab.

Langweilig wird es bei Herbig demnach nie. Aktuell hat er einen „stinknormalen“ Bürojob, meint er, und lässt seiner unersättlichen Kreativität freien Lauf. Nie hat das Sprichwort: „Mach deine Leidenschaft zum Beruf und du musst nie mehr arbeiten“ wohl besser gepasst. Und es bleibt spannend, welcher Kinoschlager sein Nächster wird.


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