Die Koffer sind ausgepackt. Die Wohnung, gerade mal zehn Minuten vom Schauspiel entfernt, ist bezogen. Anselm Weber ist in Frankfurt angekommen. Zum dritten Mal. „Wie oft kommen Sie denn noch“, sei er beim Einwohnermeldeamt mit der typischen Frankfurter Freundlichkeit begrüßt worden, erzählt er lachend.

Der gebürtige Münchner kennt die Stadt seit dem Jahr 1991. Damals hatte ihn der Intendant Peter Eschberg als Hausregisseur ans Schauspiel geholt. Mit Inszenierungen wie der „Jungfrau von Orléans“ und der Uraufführung von „Die Präsidentinnen“ machte er sich in Frankfurt einen Namen, wechselte aber zwei Jahre später ans Deutsche Schauspielhaus Hamburg.

Während der Intendanz von Elisabeth Schweeger kehrte er 2001 als Oberspielleiter zurück und blieb erneut zwei Jahre, ging dann nach Essen und schließlich nach Bochum. Dort bezog er das legendäre Büro, in dem schon Peter Zadek und Claus Peymann arbeiteten. Der Blick aus dem Fenster ging hinaus auf zwei Kastanien, erzählt Weber.

Das ist nicht zu vergleichen mit seinem jetzigen Büro im fünften Stock der Städtischen Bühnen. Von der dortigen Terrasse aus sieht Weber auf den Willy-Brandt-Platz und die schillernden Glasfassaden der Bankentürme. Er arbeitet im Herzen der Stadt. Genau dieses will er in seiner ersten Spielzeit unter dem Motto „Wie wollen wir leben?“ auch auf der Bühne näher erkunden.

Heimatbühne Frankfurt

„Frankfurt war in meinem Theaterleben immer maßgeblich, es ist meine Heimatbühne. Hier habe ich ganz entscheidende Inszenierungen wie ‚Die Präsidentinnen‘ mit Eleonore Zetzsche, aber auch musikalische Arbeiten wie 2004 ‚Die Passagierin‘ oder ‚Die Tote Stadt‘ an der Oper gemacht“, stellt er fest. Dennoch habe er über das Naheliegende, Nachfolger von Oliver Reese zu werden, zunächst nicht nachgedacht.

Nach 12 Jahren im Ruhrgebiet, davon die letzten sieben in Bochum, sei er sich viel eher darüber bewusst geworden, dass er manche Kämpfe bereits mehrmals ausgefochten habe und dass dadurch eine gewisse Ermüdung eingetreten sei. Zu den schwierigsten Kämpfen zählten schmerzhafte Einschnitte wie die Budgetkürzungen in Bochum.

Frankfurt bot ihm dagegen ein Theater mit nationaler Bekanntheit und „eine Kulturszene, in der Oper und Schauspiel als Gesamtheit eine Akzeptanz erfahren, wie es sie wohl noch nie gegeben hat“, stellt er fest. Er selbst habe in den 1990er Jahren noch erlebt, dass große Unterschiede zwischen der Oper und dem Schauspiel gemacht wurden und dass das progressive Publikum eher ins damalige Theater am Turm (TAT) ging.

„Wenn man heute die Qualität der Produktionen der Städtischen Bühnen als Ganzes sieht und sie mit Berlin, Hamburg oder München vergleicht, dann wird nirgendwo so kostengünstig und erfolgreich produziert wie in Frankfurt.“

Profil Ensembletheater

Für seine erste Spielzeit hat er Klassiker wie „Romeo und Julia“, „Richard III“, „Woyzek“ oder „Emilia Galotti“ auf dem Plan gesetzt. Er selbst inszeniert Arthur Millers „Alle meine Söhne“ und Anna Seghers „Das siebte Kreuz“. Er gehe mit diesem Programm auf Nummer sicher, hieß es daraufhin in den Frankfurter Feuilletons. Weber war erstaunt über diese Interpretation.

„Ich lese den Spielplan anders. Auf der großen Bühne spielen wir Klassiker. Ich wusste allerdings nicht, dass Anna Seghers auch dazu zählt.“ In den Kammerspielen zeige „Das hässliche Universum“ in welcher Welt wir heute leben. Das Bockenheimer Depot präsentiere Peter Kárpátis Reisebericht über die Transsibirische Eisenbahn.

Mit dem Jugendprojekt „All Our Futures“ will das Schauspiel zudem 240 Schüler ab der 5. Klasse aus allen Teilen Frankfurts dazu animieren, sich durch Schauspiel, Tanz oder Videos damit auseinandersetzen, wer sie sind und woher sie kommen. „So ein Jugendprojekt in dieser Form hat es bundesweit noch nicht gegeben.“

Der klassische Theaterkanon und der Fokus auf das Ensembletheater seien das Profil gewesen, das der frühere Kulturdezernent Felix Semmelroth ihm bei der Einstellung vorgegeben habe, erläutert er weiter. Damit setzt er die Linie von Oliver Reese fort.

„Schauspieler sind das Zentrum der Bühne und der Grund, warum die Zuschauer kommen“, findet er. Dass er auf prominente Namen wie etwa Max Simonischek, Jana Schulz oder auch den Frankfurter Tatort-Kommissar Wolfram Koch als Gast setzt, sei keine bewusste Entscheidung.

„Wolfram Koch kenne ich seit 1990. Peter Eschberg hat uns damals von München weg engagiert und in Bonn geparkt, um uns nach Frankfurt mitzunehmen. In Bonn haben wir das erste Mal zusammen gearbeitet.“ Jana Schulz gehöre zum innersten Kreis seiner Schauspieler. Mit ihr entwickelte er in den vergangenen sieben Jahren immer wieder Produktionen in Bochum. Mit Max Simonischek und dessen Vater Peter habe er bereits am Wiener Burgtheater gearbeitet.

Gemeinsame Lösung

Auf die Reaktionen der Zuschauer auf sein Programm ist Anselm Weber gespannt. Denn er schätzt die Leidenschaft, mit der das Frankfurter Publikum schon früher die Premieren begleitete. „Ich glaube daran, dass es ein ästhetisches Gedächtnis einer Stadt gibt.“ Frankfurt sei zudem eine Kulturmetropole mit Menschen, die viel herumkommen und auch in Salzburg oder Bayreuth ins Theater gehen.

„Der Standort muss für die Kultur erhalten bleiben.“

Einige der treuen Theatergänger hat er bereits kennengelernt. „Ich war sehr viel unterwegs, um Gelder zu akquirieren und habe viele gute Gespräche geführt.“ Auch künftig will Anselm Weber, wie sein Vorgänger Reese, in der Stadt präsent sein.

„Ich muss nicht auf jedem Empfang gesehen werden, aber ich empfinde es als meine Aufgabe, die Institution zu repräsentieren“, sagt er, macht allerdings sofort die Einschränkung: „auch wenn das im Moment nicht leistbar ist.“ Denn mit der Intendanz hat Weber zusätzlich die Geschäftsführung der Städtischen Bühnen gemeinsam mit Opernchef Bernd Loebe übernommen. Damit muss er sich mit ihm auch um die dringende und öffentlich heiß diskutierte Sanierung des Hauses kümmern.

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„Der Standort muss für die Kultur erhalten bleiben“, findet Weber. Das sagt er aus der Erfahrung in Bochum heraus, wo er vor der drohenden Schließung des Opel-Werks die Demonstrationen mit bis zu 40.000 Teilnehmern mit organisierte. „Wir haben für die Identität der Stadt gekämpft. Dort ist ein riesiger Brocken weggebrochen worden, der ein wesentlicher Teil des städtischen Bewusstseins war.“

Für Frankfurt schlägt er aber versöhnlichere Töne an. Die Diskussion frei von jeder Polemik sei in Frankfurt nun das Wichtigste. Die Politik müsse eine gemeinsame Lösung finden, egal wie diese ausschaue.

Gesellschaftliche Relevanz

Wenn Anselm Weber nicht gerade inszeniert, als Intendant, Geschäftsführer oder „Restamtsleiter“ – dieser Titel ist ein Relikt aus der Umstrukturierung der Städtischen Bühnen, steht aber zu seinem großen Vergnügen immer noch an seiner Tür – tätig ist, dann schaltet er beim Spaziergang am Main oder im Palmengarten ab. Er ist ein großer Pflanzenfreund. Der Besuch anderer Theater ist dagegen für ihn Arbeit. „Wenn ich mal vergesse, dass es Arbeit ist, dann ist es eine große Aufführung.“

„Eine große  Aufführung“, das ist es für ihn aber vor allem, wenn Theater eine gesellschaftliche Relevanz hat. In diesen Zeiten des wachsenden Narzissmus und Nationalismus sei es wichtiger denn je, der Gesellschaft zu zeigen, was es zu verteidigen und zu schützen gibt. „Das Theater ist schließlich eines der Institute der Selbtvergewisserung.“

Seine Liebe zum Theater entdeckte Anselm Weber bereits in seiner Jugend. „Eigentlich wollte ich zum Film, weil ich ein hohes Interesse an Geschichten habe und ein sehr optischer Mensch bin.“ Als Sohn eines Architekten und einer Fotografin studierte er zunächst Fotografie, dann Mediävistik in Berlin.

Weichen gestellt

Ein Job am Theater und die Liebe zu einer Frau im Ostteil der Stadt stellten schließlich die Weichen. „Das war 1984/85. Wir sind in Ostberlin sehr viel ins Deutsche Theater gegangen, ich habe die großen Schauspieler der DDR gesehen wie etwa Ulrich Mühe. Dort hatte das Theater eine Relevanz, die ich im Westen nicht erlebt habe.“

Diese Erfahrung hat ihn geprägt. Als er später zwischen einem Stipendium fürs Studium in den USA und einer Hospitanz an den Münchner Kammerspielen wählen musste, gab sie den Ausschlag fürs Theater.

„Jetzt gilt es, das Alte und das Neue zusammenzubringen.“

„Eine Lebensentscheidung“ nennt es Weber heute. Sie hat ihn schließlich auch zum dritten Mal nach Frankfurt geführt. Die Begrüßung an seiner alten und neuen Wirkungsstätte waren sehr warmherzig, wie er berichtet. Man habe ihn wie einen alten Bekannten aufgenommen. Einer der Pförtner habe ihn spontan in den Arm genommen.

„Viele Mitarbeiter kenne ich noch von früher. Es ist ein Gefühl des Nachhausekommens, wenn man mit Menschen arbeiten kann, die man schon so lange kennt.“ Gleichzeitig hat Weber mehr als 50 neue Mitarbeiter im Gepäck, die mit ihren Familien neu an den Main gekommen sind. „Jetzt gilt es zunächst, das Alte und das Neue zusammenzubringen“, sagt er. So wird es auch den Zuschauern der nächsten Premieren im Schauspiel gehen.


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