Jung, schön, talentiert – eine vielversprechende Erfolgsformel, auf die man die rasante Karriere der Pianistin Olga Scheps zurückführen könnte. Aber hinter dem Aufstieg der gebürtigen Russin, die derzeit die Klassik-Charts anführt, steckt mehr als eine solche Plattitüde. Wir haben die Koryphäe am Piano getroffen und uns von ihrem brillanten Spiel überzeugt, aus dem die aufrichtige Liebe zu einem Instrument spricht, das für die Virtuosin auch nach fast drei Jahrzehnten noch eine Entdeckung ist. Text: Annika John, Fotos: Michael Hohmann

Feinfühlig und sensibel in einem Moment, entschlossen und kraftvoll im nächsten – die junge Frau am schwarzen Steinway-Flügel lotet die facettenreichen Kompositionen Erik Saties, dem Urvater des minimalistischen Klangs, gekonnt aus. Mal konzentriert verharrend im Katzenbuckel, mal lebendig gelöst in der Aufrechten, präsentiert sie dem Frankfurter Publikum die geradlinigen, puren aber dennoch tiefgehenden Interpretationen ihres jüngsten Albums „Satie“.

Olga Scheps
Olga Scheps

Es ist Olga Scheps, die es vermag, die Zuhörer mit dem schlichten Tastenspiel des Franzosen in ihren Bann zu ziehen. Vielleicht gelingt es ihr, weil sie um den besonderen Wert eines jeden einzelnen Besuchers weiß: „Jeder, der mich zum ersten Mal hört, nimmt in diesem Moment die Rolle eines Entdeckers ein“, sagt die Pianistin, für die eine unmittelbare Nähe zum Publikum unverzichtbar ist. Gerade in der Klassik sei dieser Bezug noch intensiver als in anderen Musikrichtungen. Ohne Klangverstärker, pompöse Bühnenshows und Playback-Einspieler bleiben nur der Pianist, der Raum und das Publikum. Nichts könne vertuscht werden, jede Bewegung des Fingers, jede Regung des Herzens werde registriert.

Verbergen muss die 30-jährige Ausnahmeerscheinung nichts. Als Tochter zweier Pianisten spielt sie seit ihrem vierten Lebensjahr Klavier und hat seither eine Entwicklung vollzogen, die viele Nachwuchssprösslinge als Erfolgsmaxime sehen dürften: Im Jahr 1992 kam die gebürtige Moskauerin mit ihrer Familie nach Deutschland, wo ihre bereits aufgekeimte Liebe zum Piano weiter aufblühte. Noch während ihrer Schulzeit absolvierte sie parallel ein Klavierstudium bei Vassily Lobonov und wurde 2006 in die Meisterklasse von Pavel Gililov an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln aufgenommen.

„Jeder, der mich zum ersten Mal hört, nimmt die Rolle eines Entdeckers ein.“

Leicht war es nicht immer, die Anforderungen an das anspruchsvolle Studium mit ihrer steilen beruflichen Karriere zu vereinbaren. Dennoch gelang es Scheps, Überschneidungen und andere Nebenwirkungen zu überwinden – nicht zuletzt, weil in ihrer Welt die Grenzen zwischen Leidenschaft und Pflicht liquide sind. Wo andere Studenten zwischen Studium und Freizeit unterscheiden, laufen bei ihr Beruf und Berufung in der Musik zusammen. Ein ständiger Antrieb ist die Suche nach der perfekten musikalischen Interpretation: „Mein Beruf ist ein kontinuierlicher Lern- und Entdeckungsprozess, ich verändere mein Spiel ständig“ erklärt sie.

„Ich bin auf der ständigen Suche nach der perfekten Interpretation, die es nicht gibt.“

Heute, fast zehn Jahre nach ihrem Debüt auf dem Klavier-Festival Ruhr, ist Olga Scheps Steinway-Artist, Exklusivkünstlerin von Sony Classical und Gewinnerin des Klassik-Echos. Eine Leistung, die auf ihr naturgegebenes Talent zurückzuführen ist, sich aber erst durch die Förderung ihrer Umgebung entfalten konnte: „Ich bin sehr dankbar, dass mir meine Eltern schon im jungen Alter das Klavierspielen beigebracht haben, sonst hätte ich nicht die Freiheit gehabt, mich dafür oder dagegen zu entscheiden“, erzählt die junge Russin und betont: „Wer auf dem internationalen Level mithalten will und nicht in den ersten sechs Lebensjahren begonnen hat, für den wird es schwierig!“

Auch die Impulse von erfahrenen Lehr- meistern haben Olga Scheps zu der brillanten Künstlerin gemacht, die sie heute ist. Ab ihrem 15. Lebensjahr wurde sie vom österreichischen Pianisten Alfred Brendel gefördert, der als einer der maßgeblichen Interpreten klassisch-romantischer Musik des 20 Jahrhunderts gilt. Später profitierte sie vom reichen Wissensschatz des russischen Pianisten Pavel Gililov, der an der Musikhochschule Köln und der Universität Mozarteum die Meisterklasse für Klavier leitet.

Pianistin Olga Scheps
Pianistin Olga Scheps

Auch heute trifft sie den in Salzburg lehrenden Professor noch, wenn es ihr straffer Zeitplan zulässt: „Ich versuche Pavel Gililov so oft wie möglich zu besuchen, ihn am Mozarteum zu treffen oder ihn zumindest anzurufen. Auch wenn ich mein Studium formal beendet habe, sind Begegnungen mit Interpreten wie ihm sehr wichtig und bereichernd für mich.“ Nicht selten verbringt die Pianistin auch heute noch bis zu sechs Stunden am Tag am Klavier, um den erforderlichen Fingerfertigkeiten der anspruchsvollen Kompositionen gerecht zu werden.

Eine tiefe Verbundenheit empfindet sie zur der Musik der Romantik, insbesondere den Melodien des polnisch- französischen Komponisten Frédéric Chopin, der für sie durch seine musikalische Gabe, menschliche Emotionen ohne Sarkasmus und Zynismus wiederzugeben, in den Fokus ihrer Interpretationen gerückt ist. Auch Erik Satie, dem sie ihr jüngstes Album gewidmet hat, vermag es, Olga Scheps mit seiner außergewöhnlichen Magie in seinen Bann zu ziehen: „Saties Werke sind von einer bezaubernden Einfachheit, sie können nachdenklich stimmen, entspannen oder mit sarkastischen, absurden Bildern überraschen“, schwärmt sie.

Doch nicht nur Chopin und Satie haben ihr musikalisches Herz erobert – es ist die Faszination für die Klassik mit all ihren Facetten, die Euphorie in ihr weckt: „Die Klassik ist wahnsinnig vielseitig, sie kann rocken, glücklich machen und Tränen fließen lassen, altmodisch sein und zugleich modern interpretiert werden“, sagt Scheps über ihre Passion. Auch wenn sie die Musik der Romantik und im Besonderen die Werke von Rachmaninov und Chopin besonders schätzt, erfüllt es sie ebenso mit Zufriedenheit, modernere Werke wie die des estnischen Komponisten Arvo Pärt zu spielen. Abgrenzungen zwischen den Genres lehnt sie ab: „Die japanische Jazz-Pianistin Hiromi hat einmal gesagt: ‚Bis heute höre ich Musik nicht als Genre, für mich gibt es einfach Musik. Es gibt keine Trennlinie.‘ Diese Einstellung gefällt mir und ich teile sie.“

Olga Scheps hat ihre Passion zum Beruf gemacht. Wer eine solche Entscheidung trifft, muss verhindern, dass sich die Leidenschaft in Pflicht verwandelt. Deshalb ist es der Wahlkölnerin wichtig, in ihrer kostbaren freien Zeit jenen Dingen nachzugehen, die der Entspannung dienlich sind. Dabei zeigt sich die international gefeierte Koryphäe erfrischend normal: „Wenn ich Zuhause bin, dann koche ich gerne, entspanne mich und beschließe auch mal, einen ganzen Tag im Bett zu verbringen.“

Ein Regenerationsprogramm, das der Russin angesichts ihres anstehenden Pensums genug Kraft für die kommenden Monate spenden sollte: Noch in diesem Jahr wird Olga Scheps mit dem Tokyo Symphony Orchestra ihr Debut in Japan geben. Zudem möchte sie auf ihren Solokonzerten viel Satie spielen – in der Hoffnung, dass ihn die Menschen ebenso in ihr Herz schließen, wie sie es tat. Grundsätzlich gilt für die Virtuosin: „Der Weg ist das Ziel, ich mache einfach so weiter wie bisher. Alles andere wird sich zeigen, ich takte meine Zukunft nicht durch.“