Ein Frauenherz aus Gold und des Wahnsinns fette Beute – die Oper Frankfurt zeigt, dass Igor Strawinskys „The Rake’s Progress“ reichlich Arbeit und alles andere als eine moralinsaure Abwärtsspirale ist. Die amerikanische Sopranistin Brenda Rae singt eine der Hauptpartien und ließ sich von Top Magazin Frankfurt bei den Proben begleiten.Text: Dr. Jutta Failing, Fotos: Michael Hohmann

True Love meets Lotterbube

„Nach London!“ Der junge Provinzler Tom Rakewell will mehr vom Leben, will nicht sein ganzes Leben lang schuften. Da verspricht ihm ein zwielichtiger Fremder namens Nick Shadow (Achtung, der Name ist teuflisches Programm!) Glück, Erfolg und Geld. Soweit, so verführerisch. Kaum ist die Seele verkauft, stolpert Rakewell in der Großstadt von einem Desaster ins nächste, betrügt seine nachgereiste Verlobte Ann Trulove und fährt zu schlechter Letzt den Lebenskarren in den Dreck. Anns nimmermüde Liebe gibt ihm die Kraft, in einem finalen Kartenspiel gegen den Teufel zu gewinnen, doch Rakewell zahlt seinen Sieg mit dem Verstand. Endstation Irrenhaus, wo nur Ann ihn in ungebrochener Tru(e)love-Zuneigung noch erreicht. Ein starkes Stück Oper aus der menschlichen Unterwelt, aufgespalten in Gut und Böse und auf den ersten Blick der klassischen Konstellation Faust-Mephisto verpflichtet. Komponist Igor Strawinsky wählte eine nostalgische Vorlage: William Hogarths gleichnamige Kupferstichfolge (1732/33), in der der Maler eine gescheiterte Suchwanderung mit viel Ironie und beißender Gesellschaftssatire schildert. Den „Old Nick“ (Teufel) erfand Strawinsky dazu, wie er auch eine Fabel mit durchaus heiteren Anklängen entwickelte, die als rasanter neoklassischer Ritt durch die Musikgeschichte angelegt ist, bei dem etwa Mozarts Don Giovanni und die Dreigroschenoper grüßen lassen. Ein echter Strawinsky also, und einer der wenigen Nachkriegsklassiker der Moderne. In Frankfurt wird „The Rake’s Progress“ nach nunmehr 30 Jahren neu inszeniert.

Brenda Rae on stage

„Die einzige Figur in dieser Oper, die durchgängig Licht ins Dunkel bringt, ist Ann Trulove“, erläutert Regisseur Axel Weidauer die Frau an der Seite des Wüstlings Tom Rakewell (rake = Lebemann, Lotterbube), der sich in die Niederungen von Lust und Laster begibt. Über die Entscheidung des Hauses, der jungen Sopranistin Brenda Rae diese Rolle zu übertragen, sei er sehr glücklich. Seit der Spielzeit 2008/09 ist die Amerikanerin Ensemblemitglied der Oper Frankfurt, und beeindruckte mit ihrer Gestaltung von Partien wie der Pamina (Die Zauberflöte), der Titelrolle in Lucia di Lammermoor und der Konstanze (Die Entführung aus dem Serail), mit der sie 2011/12 auch an der Bayerischen Staatsoper debütierte. Probebühne Bockenheim. In einer riesigen Industriehalle proben die Sänger und Statisten auf einer schlichten Plattform, die der Hauptbühne maßstabsgetreu nachempfunden ist. Noch sind es vier Wochen bis zur Premiere von „The Rake’s Progress“, sechs Wochen laufen insgesamt die finalen Vorbereitungen. Regisseur Axel Weidauer und Brenda Rae gehen die Szene durch, in der Ann in London ankommt, mit einem Koffer und auf der Suche nach Tom. Stimmlich wird bei dieser szenischen Probe „markiert“, das heißt, nicht voll ausgesungen und die Sängerin allein vom Klavier begleitet. Erst bei einer späteren Sitzprobe im Opernhaus treffen alle Sänger und Orchester erstmals aufeinander.

Schnelle Füße, rascher Mut

„Ann ist ein ‚pure Spirit‘ und Toms ‚Fels‘, wenn er in Schwierigkeiten steckt, sie ist immer da“, empfindet Brenda Rae diese Figur, die im Stück eindeutig das Gute verkörpert. „Aber Ann ist auch stark, denn sie verlässt ihren Vater, geht allein nach ‚scary‘ London“, ergänzt Rae, um dann lachend auf die scheinbare Parallele hinzuweisen, dass sie ja selbst aus dem eher ländlichen Appleton in Wisconsin stamme und nun im Ausland lebe. In Frankfurt, wo die sympathische Sängerin immer häufiger auf der Straße erkannt wird, fühlt sie sich inzwischen sehr wohl. Vor allem ihre natürliche, unprätentiöse Art begeistert im Gespräch spontan. Es sei die Partie der „Königin der Nacht“ gewesen, die sie schon als kleines Mädchen begeistert habe, erzählt sie. Gefördert durch ihre Mutter, die Klavier spielte, sang sie zunächst in Chören, bis sie mit 22 Jahren ihre Ausbildung an der berühmten New Yorker Juilliard School of Music begann und nach dem Abschluss am dortigen Juilliard Opera Center (JOC) aufgenommen wurde. Noch in New York erhielt sie den 1. Preis der Licia Albanese- Puccini-Foundation und hatte dort auch die Gelegenheit, dem Frankfurter Intendanten Bernd Loebe vorzusingen, der ihr ein Engagement anbot. Als Brenda Rae am Frankfurter Opernhaus ihre erste Rolle sang, Mozarts Pamina, in deutscher Sprache wohlgemerkt, blieben ihr nur acht Tage Proben-Vorbereitung. „I just jumped right in“, wie sie sagt, und die Kritiker jubelten über ihren warmen, leuchtenden Sopran. Acht komplett neue Rollen sollten in ihrem ersten Frankfurter Jahr folgen. Sie überzeugte rasch durch ihre anmutigen Koloraturen und ihre darstellerische Präsenz, etwa als Puppe Olympia in Hoffmanns Erzählungen („Gülden glänzen Kleid und Stimme“). Und nun also die Partie der Ann Trulove, die Unschuld vom Lande, die Leidensfähige, die Herzensreine mit dem Willen, den zu lieben, der kaum mehr lieben kann. Mit anderen Worten: Des Wüstlings bessere Hälfte. Der Amerikaner Paul Appleby singt die Partie der verlorenen Seele, und man wird sehen, ob das Publikum dem frischen, blutjungen Tenor das marode Leben in den Londoner Spielhöllen und Bordellen tatsächlich abnimmt. Denn als Tom gilt es, in den Hades des normalen wie pathologischen Wahnsinns hinabzusteigen, Schritt für Schritt. Appleby und Brenda Rae kennen sich übrigens seit 2006, beide kommen aus der Talentschmiede der Juilliard School. Auf den derzeitigen Stipendiaten des renommierten Lindemann Young Artist Development Program der New Yorker Met, der mit der Rolle des Wüstlings sein Europa-Debüt gibt, werden die Kritiker fraglos ein besonders aufmerksames Auge legen.

Pretty in Pink

Noch zwei Wochen. Die Nähmaschinen in den Schneidereien der Oper surren auf Hochtouren, immerhin gilt es, rund 320 Kostüme für „The Rake’s Progress“ bereitzustellen, ältere aus dem Fundus zu sichten und neue anzufertigen. Für die Hauptdarstellerin Brenda Rae sind es gleich drei komplett neue Kleider, jedes mit aufwendigen Details, die sich auf die jeweilige Szene und damit auch auf die emotionale Verortung der Ann Trulove beziehen. Die Anprobe offenbart, was aus Sicht von Kostümbildnerin Berit Mohr noch nötig ist: weitere künstliche Blüten hier, ein anderer Hut dort. Trägt die zarte Landpartie Ann anfangs ein blassrosa Historienkleid mit Gras-Saum, Schmetterlingen und Frühlingsblumen, steht sie dem irren Tom am Ende in einem satten Pink und noch dazu in aktueller City-Edelmode gegenüber. Es scheint so, als sei der Wechsel vom romantischen zum reifen Rot das Signal einer wachsenden Erkenntnis, muss Ann doch im Laufe des Stücks immer wieder prüfen, ob das Konzept, das sie von Liebe und Leben hat, noch stimmig ist. Und nach Rot kommt Tod. Der Wahnsinnige erkennt Ann nicht mehr, hält sie für die Göttin Venus, jenes ferne Geschöpf, zu dem er die Verlobte schon zuvor unterschwellig gemacht hat. Ann verlässt den Geliebten für immer, sie kann ihm nicht mehr helfen.

Progress, Progress!

Noch eine Woche. Der Opernchor probt mit den Sängern auf der Hauptbühne, während Inspizient Felix Rühle wie ein Dirigent hinter der Bühne dafür sorgt, dass alles wie am Schnürchen läuft. Seit vielen Jahren ist er am Haus und gibt den Bühnentechnikern Zeichen für Umbauten, den Beleuchtern die Lichtstände, also den Zeitpunkt für einen Wechsel der Lichtstimmung, und ruft die Sänger zu ihren Auftritten. Insgesamt neun Umbauten seien für „The Rake’s“ vorgesehen, so Rühle, und für einzelne habe man nur wenige Minuten. Das bedeutet Teamwork unter Zeitdruck und genaueste Abstimmung, damit das Publikum die Wechsel möglichst geschmeidig wahrnimmt. In einer Szene wird ein riesiger Goldvorhang zu sehen sein, der, man ahnt es schon, Toms liederliche Verblendung illustriert. Während der Chorprobe wartet der Vorhang hoch oben in der Bühnenmaschinerie. Brenda Rae trägt Kostüm, aber wie bei allen szenischen Proben nicht das finale, sondern eines, das diesem ähnlich ist, auch in der Farbe, und so erlaubt, Bewegungen und Präsenz darauf abzustimmen. Erst bei der Ausstattungsprobe oder Klavierhauptprobe sind alle finalen Kostüme auf der Bühne zu sehen, kurz vor der Premiere. Auf der Hauptbühne gibt Regisseur Axel Weidauer dem Chor, an der Oper Frankfurt übrigens einer der größten Deutschlands, szenische Hinweise, denn es geht hoch her im Irrenhaus, in dem Tom in den Wahnsinn dämmert. Brenda Rae als Ann tröstet den Verlorenen und singt ihn in den Schlaf. So schließt sich im Stück der Teufelskreis. „Tom weiß zu Beginn nicht, dass er seine Seele verkauft, und dass hinter dem Schatten, der ihn lenkt, leitet und ihm Möglichkeiten schafft, auch der Teufel in ihm selbst steckt, bis dann am Ende das Kartenhaus zusammenbricht und er völlig mittellos geworden erkennt, ich kann nicht mehr“, erläutert Weidauer.

Generalprobe

Der Abend der Generalprobe. Die Innenstadt ist fast menschenleer, überall Polizei und Straßensperren. Für den nächsten Tag werden Tausende zur Blockupy-Demonstration erwartet. Es geht um Kapitalismuskritik, um die Verteilung von Macht und Reichtum. Vielleicht auch um das, was grenzenlose Gier anrichten kann. Im Opernsaal hebt sich der Vorhang zur Generalprobe und führt mit „The Rake’s Progress“ eine im Kern zeitlose Fabel vor, die hier mit ironischen Spitzen offenlegt, was ein Mensch bereit ist, für Geld und vermeintlichen Fortschritt aufs Spiel zu setzen. Nota bene: der Bühnen-Beelzebub im feinen Zwirn (Simon Bailey) tut im Grunde nichts anderes, als menschliche Wünsche zu erfüllen. Nur, Wünschen will gelernt sein! Leichtfuß Tom kann es gewiss nicht. Dennoch, ein rundum schlechter Knabe ist er in der Frankfurter Inszenierung nicht: Selbst wenn Tom durch seine Verführbarkeit verdammt nah am Höllenrand brutzelt, bleibt sein Flatterhemd in jeder noch so turbulenten Szene des Dreiakters unschuldig weiß, wie das Hinterstübchen seiner Seele. Immer, wenn das Stück moralinsauer oder gar kitschig zu werden droht, fühlen kleine Gesten und das englische Libretto den Zuschauer kurzerhand auf den komischgrotesken Zahn. Herrlich schräg etwa, wenn Baba the Turk (Paula Murrihy), das liebesbedürftige „Monstrum“ vom Jahrmarkt, den Kopf verliert, oder Puff-Mother Goose (Barbara Zechmeister) mit Tom viel Federlesens macht. Ohne erkennbare Pannen schnürt die Aufführung durch, nur der Goldvorhang segelt unvermittelt zu Boden, absichtlich wie hinterher zu hören ist. Szenenapplaus – ja, es darf applaudiert werden, entgegen dem kolportierten Aberglauben, dass Beifall bei einer Generalprobe Unglück bringe. Neben Mitarbeitern der Produktion füllen Mitglieder des Patronatsvereins, Sektion Oper, etliche Reihen und verfolgen Toms Höllentrip vom Frühlingskuscheln mit Ann über die versengende Stadthitze bis in den eiskalten Irrsinn. In der Pause treffen wir eine sichtlich glückliche, scherzende Brenda Rae, hinter der gerade rund achtzig Minuten höchste Aufmerksamkeit liegen. In der Maske nimmt sie sich kurz Zeit für uns, erzählt von ihrem Mann, der aus den USA zur Premiere anreisen wird, dann durchatmen und Konzentration auf das, was im zweiten Teil folgt. Nach einer weiteren Stunde Schlussapplaus und zufriedene Gesichter, auch von Dirigent Constantinos Carydis.

Wahnsinn, warum führst Du mich in die Hölle?

Premiere! Nach drei Stunden tosender Schlussapplaus! Anmutig, hold und authentisch leidet Brenda Rae als Trulove an der Liebe und gewinnt das Publikum durch ihre klar fokussierte, sehr lyrische Stimme schnell für sich. Wenn sie Tom zu Beginn im Wiesengrün herzt, fragt man sich, was einen Mann veranlasst, so eine Idylle zu verlassen. Das diabolische Glücksversprechen allein kann es nicht sein. Vielleicht ist es die Aussicht auf spießige Enge, wie sie Vater Trulove (Alfred Reiter) mit seinem pedantischen Zurechtstutzen eines Buchsbäumchens demonstriert. Pauschaler wird es später Baba the Turk wissen: „Alle Männer sind verrückt!“ Paul Appleby mausert sich rollenbedingt vom verträumten Faulenzer zum armen Tropf mit dem Stachel des Selbstmitleids im Fleisch, stimmlich ist dieser junge Tenor durchgängig eine echte Entdeckung. Man darf sich freuen, von ihm wird man noch hören, seine Rückkehr nach Frankfurt ist bereits geplant. Und auch Brenda Rae verlängert, bleibt bis 2015 an der Oper Frankfurt, wie Intendant Loebe bei der Premierenfeier bekanntgibt. Zu reizvoll seien die Rollenangebote, die sie am Haus erhalte, so die Sängerin. Wir sind sicher, Traumrollen und Herausforderungen gibt es für sie noch viele. Demnächst folgen ihre Debüts als Maria Stuarda und Cleopatra. Letztere war bekanntlich keine Unschuld vom Lande.

Und die Moral von der Geschicht‘?

Finale Szene, und für die Zuschauer noch eine muntere Gardinenpredigt. Revuehaft geben die Figuren Lebens- und Liebensweisheiten mit, die man sich daheim getrost aufs Kopfkissen sticken kann – so zeitlos und wahr sind sie. Eine davon lautet: „Nicht jeder Wüstling wird am Ende durch die Liebe gerettet.“

www.oper-frankfurt.de

(jf)