Mit Paavo Järvi hat das hr-Sinfonieorchester seit 2006 einen der international erfolgreichsten Dirigenten als musikalischen Leiter und Chefdirigenten. Alle großen Orchester reißen sich um den Grammy-Gewinner, der 1962 im estnischen Tallinn geboren wurde und 1980 in die USA übersiedelte. Nach seiner Ausbildung am berühmten Curtis Institute of Music in Philadelphia und am Los Angeles Philharmonic Institute bei Leonard Bernstein, kamen Positionen in Stockholm, Birmingham, Cincinnati und Bremen, wo er seit 2004 als künstlerischer Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie Erfolge feiert. Seit zwei Jahren ist der US-Amerikaner darüber hinaus Chefdirigent des Orchestre de Paris und für die Spielzeit 2015/16 bereits als neuer Chefdirigent des NHK Symphony Orchestra Tokyo verpflichtet. Der Anspruch höchster Klarheit und Perfektion in seiner künstlerischen Arbeit zeichnen ihn ebenso aus wie sein untrügliches Gespür für Klangsinnlichkeit. Man sagt ihm die vortreffliche Verquickung von „russischer Seele, skandinavischer Herbheit und europäischem Stilpluralismus“ nach. Top Magazin Redakteurin Dr. Jutta Failing traf den Star-Dirigenten zu einem seiner letzten Interviews in seiner Amtszeit beim HR.

Star-Dirigent Paavo Järvi
Star-Dirigent Paavo Järvi

Sie wuchsen in einer sehr musikalischen Familie auf. Ihr Vater Neeme ist ein berühmter Dirigent und Ihre beiden Geschwister sind ebenfalls Musiker. Was ist Ihre erste Erinnerung an Musik?
Mein Vater war tatsächlich meine erste Verbindung zur Musik. Solange ich denken kann, war er immer von Musik umgeben, schon mit vier oder fünf Jahren begleitete ich ihn zu Proben und in die Oper. Auch zuhause hörten wir sinfonische Musik. So wurde dies früh meine Welt. Als ich älter wurde, war ich überrascht, dass die Welt meiner Freunde, die aus Familien kamen, in denen Musik nicht diese Rolle spielte, eine andere war. Da realisierte ich, dass es etwas Ungewöhnliches war.

Zu Beginn der 1980er Jahre spielten Sie Schlagzeug in einem kammermusikalischen Rockensemble („In Spe“), das zu einer der beliebtesten Formationen in Estland avancierte. Wie kam es dazu?
Ich begann mit Klavier und Percussion. Als Teenager gründete ich mit Freunden „just for fun“ diese Band, die eine Art Heavy Metal spielte, und wir traten zunächst bei Partys auf. Ich wollte aber kein Rockmusiker werden. Damals wurde mir klar: Musik ist Musik. Es gibt keine Notwendigkeit der Trennung, klassische Musik von Popmusik etwa. Denn es gibt nur zwei Arten von Musik: gute und schlechte. Wenn eine Musik sehr gut gemacht ist, dann ist sie gut, ganz gleich ob es klassische Musik, Folk oder eine Broadway-Show ist.

Sie sind in der ganzen Welt tätig, dirigieren Orchester in Paris und Frankfurt. Welches besondere Talent braucht man, um so unterschiedliche Klangkörper zu führen?
Könnte man genau benennen, was einen guten Dirigenten ausmacht, dann würde es mehr gute Dirigenten geben. Letztlich ist es eine Art Mysterium. Es gibt Musiker, die erfüllen alle theoretischen Erfordernisse, sind aber nicht erfolgreich. Andere besitzen diese Erfordernisse scheinbar nicht, sind aber sehr erfolgreich. Es ist so, als würde man Talent oder Charisma beschreiben, man kann es nicht künstlich erzeugen. Doch Technik ist wichtig: Die Magie kommt nicht zu dem, der nicht spielen kann.

Sie haben mit Leonard Bernstein gearbeitet. Heute sind Dirigenten weniger glamourös, eine neue Generation ist angetreten. Wie hat sich der Beruf verändert?
Die Zeit ist der Schlüssel. Die Musiker der Ära Bernstein und der Zeit davor fürchteten immer den Dirigenten. Außerdem waren die 1950er und 1960er Jahre an sich glamouröser, denken Sie nur an den Starkult, der heute so nicht mehr existiert. Dirigenten hatten damals ein eher diktatorisches Auftreten und agierten in einer Weise, die Entscheidungen sehr schmal machte. Ich bin froh, dass diese Zeit vorbei ist. Heute steht ein kollegiales Verhältnis im Vordergrund. Die Orchestermusiker haben keine Angst vor mir.

Bernstein sagte: „In unserem Herzen sind wir alle Romantiker.“ Stimmen Sie dem zu?
Eine wunderbare Aussage. Romantik hat zu tun mit Liebe, Einsamkeit, Schmerz. All diese menschlichen Gefühle sind im richtigen Kontext sehr romantisch – und so gesehen ist auch jede Musik romantisch, denn Musik handelt von Emotionen. Schauen Sie auf Bruckners 1. Sinfonie, die er als junger Mensch komponierte, tief in der religiösen Tradition verwurzelt. Dort sind die schönsten Momente die langsamen, die auf mich sehr zeitgenössisch wirken. Ja, und auch romantisch.

Seit sieben Jahren leiten Sie erfolgreich das hr-Sinfonieorchester. Was hat seinerzeit den Ausschlag gegeben, in die Mainmetropole zu kommen?
Da war sofort ein musikalisches Verstehen. Etwas Besonderes. Und ich wusste, hier ist der richtige Ort für mich. Das hr-Sinfonieorchester ist für mich bestes Beispiel für die deutsche Orchestertradition, mit einem sehr guten, dunkel-expressiven „German sound“, der mit dem deutschen Repertoire zusammenhängt. Dazu besitzt das Orchester außerordentlich starke Solisten und eine farbenreiche Blechbläser-Abteilung. Es gab seitdem in der Zusammenarbeit viele unvergessliche Momente, etwa eine Konzertreise nach Korea, wo uns in Seoul das Publikum dreißig Minuten lang nicht gehen ließ, so wurden wir beim Schlussapplaus gefeiert. Ein jährliches Highlight ist die Eröffnung des Rheingau Musik Festivals, vor dieser herrlichen Kulisse. Außerdem die CD-Aufnahmen aller Bruckner-Sinfonien, gerade haben wir die letzte eingespielt. Bruckner zieht sich wie ein roter Faden durch meine Arbeit in Frankfurt.

Wo sehen Sie die Zukunft des hr-Sinfonieorchesters?
Ein Orchester befindet sich immer in der Entwicklung. Manches entwickelt sich langsam, vergleichbar mit einem riesigen Schiff, das über den Ozean fährt. Bei einem Orchester dauert eine Entwicklung manchmal Jahrzehnte, und es braucht viele gute Dirigenten, besonders in unserer Zeit. Früher blieben Dirigenten manchmal 20 Jahre an einem Ort. Heute ist das Leben schneller geworden. Wichtig ist, einen Dirigenten zu haben, der die Passion verfolgt, das Orchester immer noch besser zu machen, und der nicht nur einen Status quo halten will.
Das liebe Publikum. Man hat Husten einmal in Dezibel gemessen. Ein durchschnittliches Husten ist vergleichbar mit einem Mezzoforte-Klang des Horns. Stört es Sie nicht beim Dirigieren?
Zunächst: Das Frankfurter Publikum ist wunderbar! Bruckners Sinfonien garantieren fast weltweit leere Säle. Anders in Frankfurt. Das Publikum liebt diese Musik und ist sehr informiert. Wenn im Konzert gehustet wird – das ist menschlich. Aber dann möglichst ein Taschentuch verwenden, um die Lautstärke zu dämpfen.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
Ich habe keine Freizeit.

Welche Eigenschaften schätzen Sie besonders an einem Menschen?
Kompromissfähigkeit, die auf einen guten, gemeinsamen Weg abzielt. Das heißt auch zu wissen, wann etwas zu geben und wann etwas zu nehmen ist. Ich schätze außerdem Generosität. Im Sinne von: Wenn du gibst, gib ein bisschen mehr. Wenn du etwas Nettes sagst, sag es so, dass die Leute dich auch verstehen. Ich mag keine Menschen, die zeigen wollen, wie clever sie sind, indem sie andere klein machen.

www.paavojarvi.com