Paul Maar, Erfinder des Sams (SWR Joerg Schwalfenberg Oetinger Verlag)
Paul Maar, Erfinder des Sams (SWR Joerg Schwalfenberg Oetinger Verlag)

Mit seinen Geschichten bringt er seit Jahrzehnten Kinderaugen zum Leuchten: Paul Maar ist Deutschlands erfolgreichster Kinderbuchautor. Fast fünf Millionen Mal wurden seine Sams-Bücher hierzulande verkauft. Im persönlichen Gespräch mit Top Magazin Frankfurt verrät er, warum er in jungen Jahren nur heimlich lesen durfte – und wieso das Sams ihn manchmal nervt. Von Johanna Müdicken

Über Frankfurt hängen dichte, schwarze Wolken. Dicke Regentropfen platschen auf die Straßen, ein tiefes Donnergrollen übertönt den Feierabendverkehr. Und – es ist Donnerstag. Das wäre nun nicht weiter erzählenswert, wäre heute nicht unser Interview mit Paul Maar.

Sie erinnern sich? Wenn am Sonntag die Sonne scheint, am Montag Herr Mon zu Besuch kommt, am Dienstag Dienst ist, am Mittwoch Wochenmitte, es am Donnerstag donnert und am Freitag auch noch frei ist… dann stehen die Chancen gut, dass am Samstag das Sams kommt. Möglich also, dass in zwei Tagen ein pummeliges Fabelwesen mit Rüsselnase und blauen Wunschpunkten vor der Tür steht. Jetzt steht uns allerdings erst einmal sein schöpferischer Vater Rede und Antwort.

Autor Paul Maar
Autor Paul Maar

Unser Treffen findet im Literaturhaus Frankfurt statt, wo Paul Maar heute eine Lesung halten wird. „Lippels Traum“, die Geschichten vom kleinen Känguru oder „Der Buchstabenfresser“ – die Liste seiner Werke ist lang. Der Titel der heutigen Veranstaltung lautet trotzdem „Das Sams und andere Geschichten“. Denn die Erzählungen über die vorlaute, geschlechtlose Hauptfigur, die Wünsche erfüllen kann, gelten längst als Kinderbuch-Klassiker. Basierend auf ihren Vorlagen wurden Theaterstücke geschrieben und ein Kinofilm produziert.

Dass man seinen Namen sofort mit dem Sams assoziiert, müsste den 80-jährigen Paul Maar also eigentlich freuen. Oder? „Natürlich, das Sams ermöglicht mir seit Jahrzehnten ein angenehmes Leben“, beginnt der Autor bedacht und mit ruhiger Stimme zu erzählen, als wir in einem kleinen Vorraum des Lesesaals Platz nehmen. „Und ich möchte ja nicht auf das Sams schimpfen – aber ich habe noch 60 andere Bücher geschrieben. Ich will nicht immer nur ‚der Sams-Autor‘ genannt werden.“

Eigentlich, berichtet Paul Maar, wollte er ursprünglich auch gar kein Autor werden, sondern Künstler. Nach dem Abitur zog er von seiner Heimat Schweinfurt nach Stuttgart, um dort an der Kunstakademie Malerei und Kunstgeschichte zu studieren. Sechs Jahre lang arbeitete er im Anschluss als Kunsterzieher. Die Liebe zum Schreiben, die er schon früh entwickelt hatte, holte ihn trotzdem ein.

Er verfasste Theaterstücke und auch die Geschichten, die er für seine drei Kinder erfand, wollten irgendwann einfach zu Papier. Als die erste, „Der tätowierte Hund“, beim Verlag Friedrich Oetinger landete, musste der damals 30-Jährige dem Verleger versprechen, bei der Kinderliteratur zu bleiben und sich nicht doch irgendwann der Erwachsenenliteratur zuzuwenden. Paul Maar hielt Wort.

Geschichten, die das Leben schreibt

Wenn er heute an einem neuen Buch arbeitet, verlässt Paul Maar seine Wahlheimat Bamberg, wo er mit seiner Frau Nele lebt. Dann zieht es ihn aufs Land, wohin genau, verrät er nicht. Dort hat er ein kleines Häuschen gemietet, in dem er sich ganz auf seine Geschichten konzentrieren kann. Einen Fernseher oder sonstige Ablenkung gibt es dort nicht. Nur für seine Gedichte braucht er ein anderes Umfeld: „Die schreibe ich am liebsten im ICE. Vielleicht, weil dieses gleichmäßige Schaukeln und die Geräusche im Zug den Sinn für Rhythmus in mir wecken“, erklärt Paul Maar und wiegt seinen Oberkörper lächelnd langsam von einer Seite zur anderen.

Die Ideen zu seinen Büchern erreichen den Autor auf den verschiedensten Wegen. Mal kommt ihm nachts ein Gedanke, den er aufschreiben muss, mal bringt ihn ein Gespräch auf eine neue Idee. Und im Fall vom Sams war die Figur des Herrn Taschenbier sogar eine reale Person aus Paul Maars Kindheit. Sein Vater, so berichtet er, hatte einen schüchternen Angestellten, der sich nie zu Wehr setzte.

Paul Maar mochte den Mann und er tat ihm Leid – aber er wusste nicht, wie er ihm hätte helfen können. „Ich konnte ihm zwar damals keine Lebensfreude schenken, aber ich konnte ihn Jahre später zum Leben erwecken“, erklärt der Autor. Er gab ihm den Namen Herr Taschenbier und beschrieb ihn genauso, wie der Angestellte seines Vaters damals war. Paul Maar wusste: Es musste ein Wesen an seine Seite, das frech und mutig war und ihn aus der Reserve locken würde. Das Sams war geboren.

Das Sams ist die Hauptfigur einer neunbändigen Kinderbuchreihe von Paul Maar
Das Sams ist die Hauptfigur einer neunbändigen Kinderbuchreihe von Paul Maar

Obwohl Paul Maar mit dem Schreiben seine Berufung gefunden hat, blieb er immer auch der bildenden Kunst treu. Die Illustrationen in seinen Werken stammen nahezu alle von ihm selbst. Und als wir darüber reden, dass sein Verlag entschieden hat, die Sams-Bücher ab sofort von der Illustratorin Nina Dulleck neu gestalten zu lassen, wird deutlich: Begeistert ist Paul Maar davon überhaupt nicht. Eine Geschichte rund um das freche Fantasiewesen mit den roten Borstenhaaren will er nicht mehr schreiben. „Das sind jetzt nicht mehr meine Sams-Bücher“, sagt er, zieht die Augenbrauen zusammen und wirkt sichtlich enttäuscht.

Schließlich entsprang auch das Sams einst seinem Pinsel – die blauen Punkte in seinem Gesicht, die Wünsche erfüllen können, waren allerdings eher ein Unfall, erinnert er sich schmunzelnd zurück. Als er dem Sams Sommersprossen malen wollte, hatte er zuvor vergessen, den Pinsel auszuwaschen. Also wurden sie blau und kurzerhand zu Wunschpunkten umfunktioniert. Hätte Paul Maar denn selbst gerne ein Sams? „Das ginge mir wahrscheinlich irgendwann ein bisschen auf die Nerven“, antwortet er lachend. „Außerdem ist es doch viel besser, sich das, was man sich wünscht, selbst zu erarbeiten. Dann hat man viel mehr Freude daran, als wenn es einem einfach in den Schoß fällt.“

Der kleine Paul

Paul Maar selbst fiel in seinem Leben wenig in den Schoß. Seine Kindheit war unbeständig. Seine Mutter starb, als er erst wenige Monate alt war. Von da an wurde er, bis seine Stiefmutter in sein Leben trat, immer wieder von neuen Hausmädchen betreut. Die Beziehung zu seinem Vater war gerade in Paul Maars Kindheit eine schwierige. „Mein Vater hielt nichts vom Lesen“, erzählt er. „Er hat mir immer sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass es Zeitverschwendung ist.“ Kinderbücher besaß Maar daher kaum.

Top Magazin-Redakteurin Johanna Müdicken im Gespräch mit Autor Paul Maar
Top Magazin-Redakteurin Johanna Müdicken im Gespräch mit Autor Paul Maar

Irgendwann verriet ihm ein Freund, dass man sich in der Amerika-Bibliothek in Schweinfurt kostenlos Bücher ausleihen könne. Stets darauf bedacht, dass sein Vater es nicht merkte, las er daraufhin bereits in jungen Jahren Werke von Autoren wie Ernest Hemingway. Kinderliteratur gab es in der Bücherei nicht. Vielleicht auch ein Grund, warum Paul Maar schließlich Kinderbuchautor wurde. „Ich schreibe für das Kind in mir. Für den kleinen Paul“, gibt er nachdenklich zu. Bei seinen Geschichten frage er sich stets, was er als Kind selbst gern gelesen hätte, was er selbst lustig gefunden hätte. „Ich bin inzwischen so selbstbewusst, dass ich sagen kann: Ein guter Kinderbuchautor ist genauso wichtig wie ein Autor für Erwachsene, der im Feuilleton besprochen wird.“

Draußen hat es aufgehört zu regnen. Unser Gespräch neigt sich dem Ende zu. Gleich wird Paul Maar mit seiner Lesung beginnen. Im angrenzenden Saal haben sich schon zahlreiche Kinder versammelt, ungeduldig zupfen sie ihre Eltern am Ärmel und fragen, wann es endlich losgeht. Obwohl das erste Sams-Buch bereits 1973 erschien, haben die Geschichten nichts an ihrer Faszination verloren. Wir verabschieden uns. Auf der Bühne angekommen, winkt Paul Maar seinem Publikum lächelnd zu, bevor er sich setzt und sein Buch aufschlägt. Vielleicht bekommen wir morgen, am Freitag, tatsächlich frei. Und dann ist ja auch schon Samstag…


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