Auf der Frankfurter Buchmesse treffen sich Menschen, deren Leben um das geschriebene Wort kreist: Schriftsteller wie Verleger, Kritiker wie Journalisten. Es ist eine Welt, die anders ist als die der roten Teppiche – leise, zurückhaltend, unprätentiös. Worin ihre Anziehungskraft besteht, das haben wir auf Buchmesse-Partys und der Messe selbst ergründet. Von Kathrin Link

Drei Tage nicht gelesen und das Gespräch wird schal, weiß ein deutsches Sprichwort. Wer einmal die Buchmesse und vor allem die Abendveranstaltungen besucht hat, weiß: An guten Gesprächen herrscht hier kein Mangel. Wo die Produzenten und Rezipienten von Literatur zusammentreffen, entsteht eine einzigartige Atmosphäre. Um sie einzufangen, haben wir vier Tage lang Lesungen, Buchmesse-Partys und inoffizielle Hot Spots aufgesucht.

Tag 1:
 Warum wir lesen, was wir lesen

Buchpreisgewinner Frank Witzel beim Verlassen des Kaisersaals
Buchpreisgewinner Frank Witzel beim Verlassen des Kaisersaals

Lesen – eine Beschäftigung, der nach eigenen Angaben die meisten Menschen in ihrer Freizeit nachgehen. Wer eines der vielen XXL-Bücher, die in diesem Jahr auf der Buchmesse Trend waren, auf seinem Nachttisch liegen hat, muss tatsächlich ein leidenschaftlicher Literatur-Liebhaber sein. Auch der Deutsche Buchpreis geht an ein solches Mammutwerk mit 800 Seiten. Bereits sein Titel ist umfangreich: „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Dem Autor, Frank Witzel, und seinem vergleichsweise kleinen Verlag Matthes & Seitz Berlin ist damit ein Überraschungscoup geglückt. Unter den sechs Finalisten galt vielen Jenny Erpenbeck als Favoritin, wohl auch wegen des aktuellen Sujets: Ihr Roman „Gehen, ging, gegangen“ behandelt die Flüchtlingsfrage. Auch Alice Schwarzer, die zur Verleihungs-Zeremonie im Römer erschienen ist und die wir beim Verlassen des Kaisersaals antreffen, hat Erpenbeck die Daumen gehalten.

Des einen Leid, des anderen Freud: Vor der Tür strahlt Witzels Lebensgefährtin Maja Bechert: „Es war eine komplette Überraschung, auch für uns. Damit hätte, glaube ich, keiner gerechnet.“ Seit sieben Jahren ist die Grafikerin aus Hamburg mit dem Autor zusammen, sie
führen eine
Fernbeziehung. Auf die
Frage, wie das
Leben an der Seite eines Schriftstellers sei, lächelt Bechert: „Es ist auf jeden Fall interessant.“ Sie tippt sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn: „Denn da ist viel los, da oben.“

Literaturkritiker Denis Scheck auf der After-Show-Party des Deutschen Buchpreises
Literaturkritiker Denis Scheck auf der After-Show-Party des Deutschen Buchpreises

Auf der anschließenden Party treffen wir Literaturkritiker Denis Scheck. Auch er hat nicht mit Witzels Sieg gerechnet. Sein Favorit, „Macht und Widerstand“ von Ilija Trojanow, hat es nur bis in die Longlist geschafft. Eine schlechte Wahl sei Witzels Roman dennoch nicht, erklärt er. „Ich bin nicht unfroh darüber. Er ist zwar zu lang, aber davon einmal abgesehen ist es ein wichtiges und sympathisches Projekt. Witzel zeigt darin einen geradezu frivolen Übermut im Umgang mit Literatur, das gefällt mir. Ein richtiges Gute-Laune-Buch.“ Obwohl die Medien im Vorfeld titelten, es sei ob des Themas Meinungsfreiheit und des Bezugs zur Flüchtlingsproblematik die „politischste Messe seit langem“, sieht Scheck keine inhaltliche Tendenz zur Politisierung.

Vielmehr sei der Trend „back to nature“ zu beobachten: „Der erfolgreichste Roman in diesem Herbst ist Dörte Hansens ‚Altes Land‘, das beliebteste Sachbuch kommt von Ex-Förster Peter Wohlleben: ‚Das geheime Leben der Bäume‘. Diese Bücher
handeln von Aussteigern. Im
Sinne Rousseaus findet hier
eine Verklärung des ursprünglichen Lebens statt. Und diese
Sehnsucht ist ganz einfach zu
erklären: Je mehr Zeit wir vor
dem Bildschirm verbringen,
desto eher wollen wir zurück
in die Natur, zu den Anfängen.“
Doch warum lesen Menschen überhaupt?

Franziska Junge im Gespräch mit Buchpreis Moderator Gerd Scobel und dem Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, Alexander Skipis
Franziska Junge im Gespräch mit Buchpreis Moderator Gerd Scobel und dem Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, Alexander Skipis

Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, hat dazu seine eigene Theorie: „Es ist die Faszination, die große Neugier, etwas von einem anderen zu erfahren. Früher ging das nur mündlich – Geschichtenerzähler reisten von Ort zu Ort.“ Gleichzeitig seien Bücher auch Zeugnisse der Meinungsfreiheit und als solche ein hohes Gut: „Die Kontroversen einer Gesellschaft spiegeln sich in Büchern wider!

Eine offene, tolerante Gesellschaft zeigt ihre Pluralität auch durch ihre Literatur.“ Witzel, belagert von Presse und Gratulanten, findet erst nach einer Weile Zeit für ein Gespräch. Fünfzehn Jahre Arbeit haben in diesen einen Abend gemündet, in einen großen triumphalen Augenblick. Auf dem Weg dahin seien ihm aber immer wieder Zweifel gekommen, gesteht Witzel. „Natürlich habe ich einige Male ans Aufgeben gedacht. Klar, wenn man über so einen langen Zeitraum an etwas sitzt.“ Zum Weitermachen ermutigt habe ihn dann 2012 die Auszeichnung seines Buchprojekts mit dem Robert-Gernhardt-Preis. „Diese Anerkennung hat schon noch einmal einen starken Impuls gegeben.“

„Natürlich habe ich einige Male ans Aufgeben gedacht.“ — Buchpreisgewinner Frank Witzel

Beim Gehen kommen wir wieder an Denis Scheck vorbei, der lachend und mit einem Glas Sekt in einer Gruppe steht. Auf unsere Frage, was für ihn den Reiz der Buchmesse ausmache, hat er eine originelle – wenn auch nicht ganz ernstgemeinte – Antwort parat: „Ach wissen Sie, ich habe einfach gerne Sex mit Menschen, die Bücher lesen. Deshalb ist die Buchmesse schon ein angenehmer Ort.“ Literatur als Zeugnis der Freiheit, Ausdruck von Sehnsüchten und Stimulus zugleich: An diesem Abend haben wir bereits einige wichtige Erkenntnisse gewonnen. Wir verlassen den Römer, zufrieden mit dem ersten und neugierig auf die nächsten Tage der Buchmesse.

Tag 2: 
Vom Verstehen und Fühlen der Literatur

Unser zweiter Buchmesse-Tag führt uns zur offiziellen Eröffnung der Buchmesse. Mit Salman Rushdie, für sein Werk „Die satanischen Verse“ 1989 mit der Fatwa belegt, hat man den bislang international bedeutendsten Gastredner gewinnen können. Der indisch-britische Autor gibt sich erwartet kämpferisch, verurteilt Beschränkungen der Meinungsfreiheit als „Angriff auf die menschliche Natur“ und appelliert dafür, religiöser Intoleranz entgegen zu treten. Auch zur anschließenden Feier erscheinen einige VIPs, allen voran Veronica Ferres und Eurovision Song Contest-Gewinnerin Conchita Wurst. Und auch hier überwiegen die politischen Implikationen. „Was uns fehlt, das ist die Utopie“, konstatiert Buchmessen-Direktor Jürgen Boos in seiner Ansprache: „Diese zu entwickeln, ist die Kompetenz von uns ‚Büchermenschen‘.“

Ein musikalisches Statement zur Meinungsfreiheit kommt aus dem Gastland Indonesien. In dem von der indonesischen Sängerin Endah Laras vorgetragenen Lied wird die dem Schreiben innewohnende Kraft beschworen: Es handelt von dem wegen Gotteslästerung zum Tod verurteilten Malang Sumirang, der auf dem Scheiterhaufen ein Gedicht aufsetzt und wie durch ein Wunder von den Flammen verschont bleibt.
Bei der Open Books Lesung im Schauspiel stehen dann wieder die Neuerscheinungen im Fokus. Auf dem Blauen Sofa neben Moderatorin Luzia Braun nimmt als erstes ein Autor Platz, den wir vom gestrigen Abend bereits kennen: Buchpreisträger Frank Witzel. Auch hier ist der Umfang seines Werkes sogleich Thema. „Es hätte sonst etwas gefehlt“, findet der Schriftsteller eine stichhaltige Begründung.

„Das Nichtverstehen ist das Schöne am Lesen.“

Überhaupt sind Witzels Ausführungen so überraschend wie einleuchtend. Etwa darüber, wie er die Anfänge seiner Beschäftigung mit Literatur beschreibt. Als Jugendlicher habe er Peter Handkes „Hausierer“ gelesen und nichts verstanden. „Aber ich habe gespürt, dass da etwas liegt und dass es sich lohnt, es zu erforschen.“ Jahre später habe er den Roman erneut gelesen und viel mehr, aber „immer noch nicht alles verstanden.“ Doch sei es eben gerade diese Herausforderung, die das Reizvolle der Literatur ausmache. „Das Nichtverstehen ist das Schöne am Lesen.“

Eine ausgewiesene Versteherin Russlands kommt im Gespräch mit Literaturredakteur Volker Weidermann zu Wort. Das Buch der ehemaligen Moskau-Korrespondentin Katja Gloger erfuhr etliche gute Kritiken, wurde unter anderem von Peer Steinbrück gelobt. Gloger ist wichtig, nicht als Putins Anwältin zu gelten, selbst wenn sie Versäumnisse der westlichen Politik konkret zu benennen vermag. Dass man hinter dem Staatschef auch den Mensch Putin begreifen muss, um seine Handlungsweise zu durchschauen, wird an einer kleinen Episode deutlich, die Gloger aus dessen Leben berichtet: „Als 16-Jähriger klopfte Putin beim KGB an, um sich dort als Spion zu bewerben. Das ist schon bemerkenswert, führt man sich vor Augen, dass jedem damals klar war, was der KGB für eine gefährliche Organisation war.“

Zeit Magazin Chefredakteur Christoph Amend
Zeit Magazin Chefredakteur Christoph Amend

Die von Jürgen Boos erwähnten Utopien spielen in Ulrich Peltzers Wirtschaftsroman „Das bessere Leben“ eine wichtige Rolle, denn nach eben diesem streben die Protagonisten. Und so dreht sich das Gespräch des Autors mit Alf Mentzer um einige komplexe philosophische Fragen wie „Wer ist der Direktor der so genannten Wirklichkeit?“ und „Ist Zukunft ohne das Moment des Utopischen überhaupt denkbar?“ Einfache Antworten, so wird schnell deutlich, sind darauf – weder mündlich noch schriftlich – zu erwarten. Handfester wird es danach auf der „Zeit Magazin“-Party im Plank und das buchstäblich. Auf einem Tisch am Eingang liegt die neue Ausgabe, die in Zusammenarbeit mit dem aus Singapur angereisten Künstler und Designer Theseus Chan und dem Göttinger Verleger Gerhard Steidl entstanden ist. Sie ist eine Hommage an das Papier. Hochwertig, ein gestochen scharfes Schriftbild, die Königsklasse des industriellen Drucks. Ist das angesichts der fortschreitenden Digitalisierung überhaupt noch zeitgemäß? Absolut, erklärt uns „Zeit Magazin“-Chefredakteur Christoph Amend. „E-Books steigen nicht mehr an. Und für viele Menschen ist die Haptik beim Lesen immens wichtig. Ich zum Beispiel lese Bücher am liebsten auf Papier.“

Tatort-Komissarinnen Margarete Broich und Sabine Postel vor der Bar Plank
Tatort-Komissarinnen Margarete Broich und Sabine Postel vor der Bar Plank

Dass er damit nicht allein ist, beweisen die Gäste: Immer wieder kommen einzelne an den Tisch, um das Magazin anzufassen und andächtig über die Seiten zu streichen. Darunter die Tatort-Kommissarinnen aus Frankfurt und Bremen, Margarita Broich und Sabine Postel. „Schau mal, das riecht ja richtig nach Druckertinte“, sagt Postel zu ihrer Kollegin. Wir treffen einen Mann, durch dessen Hände zahllose Werke gegangen sind: Auch Joachim Unseld, Chef der Frankfurter Verlagsanstalt, findet sich im dichten Gedränge wieder. Wir konfrontieren ihn mit einem Aphorismus Kafkas, dem Autor, über den Unseld promoviert hat: „Das Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“ und fragen den Verleger, ob er zustimmt. „Das besser zu sagen ist unmöglich“, antwortet der. „Denn genau das ist es: Ein Buch muss man fühlen.“ Er drückt uns einen Zettel in die Hand, darauf die Beschreibung eines Romandebuts einer seiner Autorinnen, Sandra Weihs, „Das grenzenlose Und“. Ein Roman über eine Jugendliche mit Borderline-Störung, deren Einstellung zum Leben durch das Zusammentreffen mit einem krebskranken Mann verändert wird. „In diesem Buch finden Sie das erfüllt, was Kafka meinte“, sagt Unseld, „Jeder, der es bisher gelesen hat, musste weinen.“

Zum Abschluss des Abends ein kurzer Abstecher in die Lobby des Frankfurter Hofs, wo jeden Abend ab elf, zwölf Uhr eine Art inoffizielles Get-Together stattfindet. Hier kommt die Prominenz verlagsübergreifend zusammen, es wird getrunken, geraucht, philosophiert. Die Bohème feiert sich – abseits der Presse. Als wir eintreffen, stehen die Menschen bereits dicht an dicht, in angeregte Gespräche vertieft. Ein Mann mit rotem Irokesenschnitt sticht sofort aus der Masse hervor: Journalist und Blogger Sascha Lobo rauscht mit einem Bier an uns vorbei. Wir verzichten darauf, ihn und die anderen Anwesenden in ihrem Austausch zu stören und ziehen unseres Weges.

Moderator Guido Cantz mit Autorin Christine Drews auf der Bastei Lübbe-Party im Roofgarden
Moderator Guido Cantz mit Autorin Christine Drews auf der Bastei Lübbe-Party im Roofgarden

Tag 3: Ursachenforschung: Warum Autoren schreiben und was sie damit bezwecken

Unser erster Termin am Mittwoch: die Bastei Lübbe Party im Mantis Roofgarden. Wir stehen auf der Dachterrasse. Unter Heizpilzen werden hier Datteln im Speckmantel und Mozzarella mit Tomaten gereicht. Auch hier reger Andrang im Innenraum. Wie tags zuvor im Hessischen Hof, erkennen wir in der Menge einen Prominenten direkt an seinen Haaren: „Verstehen Sie Spaß“-Moderator Guido Cantz plaudert mit zwei jungen Frauen. In seinem neuen Buch hat sich der Berufskomiker auf die Suche nach dem deutschen Humor gemacht. Wo hat er ihn gefunden? „Ach, eigentlich überall. Alle Deutschen sind auf ihre Art lustig. Es gibt da einfach Temperamentsunterschiede. Jeder lacht gerne über einen guten Joke. Nur lacht man in Köln vielleicht einen Tick früher als in Dresden.“

Ken und Barbara Follet
Ken und Barbara Follet

Minuten später betritt ein Herr mit silberweißen Haaren und offenem Lächeln die Dachterrasse: Es ist Bestsellerautor Ken Follett mit seiner Frau Barbara. Mit 130 Millionen verkauften Büchern weltweit zählt er zweifellos zu den erfolgreichsten Literaten, die in diesem Jahr die Buchmesse besuchen. Hinter dem großen Erfolg steht eiserne Disziplin. Sechs Seiten jeden Tag – dieses Pensum hat der Brite sich Medienberichten zufolge selbst auferlegt. Ob das stimmt, fragen wir Follett. „Sechs Seiten sind super“, antwortet der, „fünf Seiten sind gut, vier akzeptabel und bei drei Seiten ist es ein schlechter Tag.“

Ans Aufhören hat der mittlerweile 66-Jährige nie gedacht: „Das ist doch das Einzige, was ich gut kann!“ Wir verweisen auf seine durchaus respektablen Fähigkeiten als Musiker, die er im vergangenen Jahr abseits des Medienrummels im „Orange Peel“ unter Beweis gestellt hat. „Nein, nein, das stimmt nicht. Die sind allenfalls in Ordnung“, erwidert er augenzwinkernd.

'Mutter Beimer' Marie-Luise Marjan mit Serienmann Bill Mockridge
‚Mutter Beimer‘ Marie-Luise Marjan mit Serienmann Bill Mockridge

Wir wollen gerade aufbrechen, da treffen wir eines von Deutschland berühmtesten TV-Gesichtern: Marie-Luise Marjan, den meisten als Lindenstraßen-Darstellerin der „Mutter Beimer“ bekannt. Die Schauspielerin erzählt in ihrem jüngsten Roman „Ganz unerwartet anders“ von ihrer eigenen, ungewöhnlichen Familiengeschichte. Als Heimkind aufgewachsen und später von Pflegeeltern adoptiert, fand Marjan erst 2007 in einer ARD-Dokumentation die Spur zu ihrem leiblichen Vater. Und lernte zugleich ihren Halbbruder und mehrere Cousinen kennen.

Diese Wendung in ihrem Leben habe sie sehr glücklich gemacht, erzählt uns Marjan. „Wer kann schon von sich sagen, dass er mit 67 Jahren eine neue Familie gefunden hat?“ Viele der „neuen“ Angehörigen seien in Frankfurt beheimatet. „Daher fühle auch ich mich hier mittlerweile sehr wohl.“ Schicksale spielen nicht nur für Marjans schriftstellerische Tätigkeit eine Rolle, auch als Rezipientin bevorzugt sie Biographien: „Wie es anderen Menschen in ihrem Leben ergeht, das interessiert mich.“ Im Moment allerdings habe sie fast nur Drehbücher auf ihrem Nachttisch liegen. „Aufgrund des Jubiläums – die Lindenstraße feiert ihr 30-jähriges Bestehen – komme ich gerade fast gar nicht zum Lesen.“

Gutes Essen, angeregte Gespräche und viel Andrang auf der Rowohlt-Party in der Schirn
Gutes Essen, angeregte Gespräche und viel Andrang auf der Rowohlt-Party in der Schirn

Weiter geht es ins Schirncafé auf die Rowohlt-Party. Im Dämmerlicht fällt uns sogleich ein Mann mit markanter Brille und farbenfrohem 70er-Jahre-Hemd ins Auge: Oliver Maria Schmitt, Mitherausgeber der „Titanic“ und als solcher
zweifellos prädestiniert für
Fragen zum
Thema Meinungsfreiheit.
Was darf Satire denn nicht, wollen wir von ihm wissen. „Sie darf auf keinen Fall langweilen“, sagt Schmitt, „und sie darf auch nicht nur zum Schmunzeln bringen. Sie muss entweder das Blut in den Adern gefrieren lassen oder für schallendes Gelächter sorgen, sonst hat sie ihren Auftrag verfehlt.“ Wir nehmen uns vor, die Einhaltung dieser Maxime bei unserer nächsten „Titanic“-Lektüre zu überprüfen und beschließen den Abend bei gebeiztem Lachs und Gurkensalat.

Tag 4: Quereinsteiger, Tiefenforscher

Selfie mit Komiker Helge Schneider
Selfie mit Komiker Helge Schneider

Um einen Tag auch die Atmosphäre auf der Messe selbst einfangen zu können, haben wir uns am Vormittag in Halle 3.1 eingefunden, wo die meisten großen Verlage einen Stand haben. Dort sehen wir direkt einen der Stars der diesjährigen Buchmesse, Comedian Helge Schneider. Um zu wissen, wo er gerade auftritt, muss man einfach nur nach dem größten Zuschauerpulk Ausschau halten. Kein Wunder, ist doch der Entertainmentfaktor seiner Lesungen enorm hoch. Schneider, adäquat extravagant im grauen Anzug zu bunten Turnschuhen, beweist sich hier einmal mehr als Meister der Improvisation. „Guten Tach“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln, als er die ARD-Bühne betritt. Auf die einleitende Anmerkung von Moderator Peter Kemper, er habe doch Ende 2013 eine mindestens zweijährige Auszeit von öffentlichen Auftritten angekündigt, antwortet er etwa trocken: „Ich hab’ mich umentschieden.

Moderatorin Luzia Braun mit Charlotte Roche auf dem Blauen Sofa
Moderatorin Luzia Braun mit Charlotte Roche auf dem Blauen Sofa

Mit seinen schlagfertigen Antworten erntet Schneider einen Lacher nach dem anderen. In der Rolle des Clowns fühle er sich mit 60 Jahren noch wohler als früher, erzählt er. „Je älter man wird, desto lustiger ist es. Ein 19-Jähriger, der Clown ist, das kommt doch nicht richtig an.“ Schneiders Roman „Orang Utan Klaus“, aus dem er einige Minuten vorträgt, ist eine Zusammenstellung seiner besten Bühnen-Anekdoten. Doch mehr noch als das Werk ist es die Person Helge Schneider, die als Publikumsmagnet fungiert. Bei Skandalautorin Charlotte Roche bietet sich ein ähnliches Bild. Mit „Mädchen für alles“ hat die ehemalige Viva-Moderatorin bereits ihren dritten Roman auf den Markt gebracht.

Der ist weniger autobiographisch, weniger pornographisch, aber es wäre natürlich kein Roche-Roman, wenn er nicht trotzdem provozieren würde. Einmal mehr geht es in ihm um eine Frau, die sich anders verhält, als ihre gesellschaftliche Rolle es nahelegen würde: Eine überforderte, vom Leben und ihrer Ehe gelangweilte Mutter, die aus manipulativen Erwägungen heraus das eigene Kindermädchen verführt. Zumindest an dieser Stelle kann sich der Leser auf die gewohnt schlüpfrigen Passagen freuen. Der Autorin sind diese leicht von der Hand gegangen. „Sexszenen sind meine Kernkompetenz“, sagt Roche in der ihr eigenen Unbefangenheit. „Wenn irgendein Schriftsteller damit ein Problem hat, kann er gerne mich fragen, ich schreibe sie ihm!“Auch zu ihrer thematischen Inspiration hat Roche eine pikante Geschichte parat. Auf einem Aushang in ihrem Bioladen habe sich eine Babysitterin als „Mädchen für alles“ beworben. Roches erster Gedanke – „Boah, ist die Alte pervers!“ – mündete in dem vorgestellten Roman.

Der Großmeister der Science Fiction- und Fantasy-Literatur, Wolfgang Hohlbein
Der Großmeister der Science Fiction- und Fantasy-Literatur, Wolfgang Hohlbein

Obwohl noch viel erfolgreicher, drängen sich weit weniger Journalisten und Zuschauer um den Schriftsteller, der jetzt am Bastei Lübbe-Stand auftaucht. Wolfgang Hohlbein, mit 45 Millionen verkauften Büchern der meistgelesene deutsche Autor, stellt hier sein neustes Werk vor.Der Krimi „Mörderhotel“ hat einen realen Hintergrund. Er handelt vom Treiben des berüchtigten amerikanischen Serienkillers Herman Webster Mudgett. „Die Wirklichkeit ist manchmal härter als jede Phantasie“, sagt uns Hohlbein. Er sieht genau aus, wie man sich den Verfasser düsterer Fantasy- und Krimigeschichten vorstellt: lange schwarzgraue Haare, zum Zopf gebunden, schwarzer Anzug, dünn, Brille.

Ein Detail seiner Arbeitsweise lässt ihn noch mysteriöser erscheinen: Hohlbein schreibt immer nachts, seit über 30 Jahren. Daran sei jedoch nichts Geheimnisumwittertes, stellt er fest. „Nee, das würden die Leute natürlich gerne glauben, dass das etwas mit dem Inhalt meiner Geschichten zu tun hat. Ist aber nicht so. Anfangs war das aus Bequemlichkeit, dann entdeckte ich, dass es auch praktisch ist, weil ich dann tagsüber mehr Zeit für meine Familie habe.“

Seiner schriftstellerischen Tätigkeit ein Ende zu setzen – auch jetzt im Alter von 62 – hat Hohlbein niemals in Erwägung gezogen: „Plan A ist es, dass ich im Alter von 128 tot an meinem Schreibtisch gefunden werde, Plan B ein tödlicher Motorradunfall mit 145.“ Trotz seines immensen Erfolgs überfielen ihn Berührungsängste, als er vor einigen Jahren in Maine vor der Villa des von ihm verehrten Urvaters der düsteren Thriller-Literatur, Stephen King, stand: „Ich habe mich nicht getraut anzuklopfen.

'Wir sind Helden' Fronfrau und Autorin Judith Holofernes im Interview
‚Wir sind Helden‘ Frontfrau und Autorin Judith Holofernes im Interview

Mehr heiter als düster mutet das Buchprojekt der von uns anschließend aufgesuchten Künstlerin an. Mit poetisch anmutenden Texten wurde die Band „Wir sind Helden“ rund um Frontfrau Judith Holofernes bekannt. Jetzt hat die Sängerin einen Ausflug in das schriftstellerische Metier unternommen. „Du bellst vor dem falschen Baum“ ist eine Sammlung leicht-lockerer Tiergedichte. Warum wird man eigentlich Autorin, wenn man bereits Popstar ist? „Das war schon immer meine Fluchtphantasie“, erklärt uns Holofernes, „ich dachte immer, das Schriftstellerleben ist besser als ein Dasein im Popbusiness.“ Inspiriert hätten sie Autoren wie Christian Morgenstern oder Robert Gernhardt.

„Ich bin ein großer Fan ihrer komischen Lyrik. Und da spielen ja auch häufig Tiere eine Rolle.“ Beim Verlassen der Messe stoßen wir erneut auf Sascha Lobo, wieder in Begleitung. Da er uns einige Meter voraus ist, verzichten wir auch dieses Mal auf ein Ansprechen. Doch das nunmehr dritte Wiedersehen lässt nicht lange auf sich warten. Am vierten Abend der Buchmesse dauert es länger als sonst, bis sich die Lobby langsam zu füllen beginnt.

Als einer der ersten Prominenten setzt sich Sascha Lobo an die Bar. Mittlerweile kennt der auch uns und grüßt zu unserem Tisch hinüber. Wir kommen ins Gespräch.Vor ihm ein Glas Rotwein und nicht Whiskey mit Milch, wie es am selben Tag in den Medien zu lesen war. Doch Lobo bestätigt die ungewöhnliche Getränkevorliebe. „Das habe ich von einem englischen Freund.“ Als einer der größten Digitalfans, hat Lobo da auch eine Bibliothek an echten Büchern zuhause? „Klar“, sagt er, „eine stattliche.“ Das Buch von Frank Witzel allerdings lese er jetzt tatsächlich als E-Book, in gedruckter Form sei ihm das zu unhandlich: „Immerhin ist das Buch ein Kilogramm schwer!“

Sascha Lobo an der Bar im Steigenberger Frankfurter Hof
Sascha Lobo an der Bar im Steigenberger Frankfurter Hof

Auch Lobo hat auf der Buchmesse etwas präsentiert, und zwar den neuesten digitalen Clou seiner Firma Sobooks: eine E-Book-Plattform mit Bord-Vernetzung. Passagiere können mit ihr Bücher kostenlos im Browser probelesen und diese bei Gefallen sofort kaufen, ohne eine App installieren zu müssen. Technisch wird das über das Lufthansa-Portal FlyNet abgewickelt, bezahlt werden kann auch mit Bonusmeilen. „Wer braucht schon den fünften Rollkoffer oder den zehnten Fön?“, sagt Lobo.

Die Atmosphäre auf der Buchmesse findet er äußerst faszinierend. „Fünf Tage verwandelt sich die Stadt in eine reine Buchstadt. Man sieht überall Gesichter aus der Buchwelt. Und hier geht es nicht nur ums Geschäft, obwohl das natürlich auch eine Rolle spielt. Aber die Leute, die hier sind, denen sind die Inhalte wichtig. Vom Schreiben wird kaum einer Millionär. Die sind da, weil sie Bücher toll finden.“

„Hier geht es nicht nur ums Geschäft“ — Sascha Lobo

Lobos Resümee gleicht dem Eindruck, den wir nach vier Abenden und einem Tag vom Geist der Buchmesse gewonnen haben. Auf keiner anderen Großveranstaltung sonst ist die Dichte an Denkern, die Fülle von Ideen, die Bandbreite an Themen so groß wie hier. Die Menschen, die hier vortragen, sind frei, offen für jedes Sujet und bereit, Stellung zu beziehen. Sie sind reflektiert, sie wissen, was sie schreiben, für wen und warum. Sie haben Visionen, eine Vorstellung von der idealen Welt, sie bannen ihre Träume auf Papier. Sie folgen ihrer Phantasie, auch in die dunkelsten Winkel der menschlichen Seele. Sie suchen die Tiefe der Gedanken, selbst wenn sie in Abgründe führen. Sie haben Zweifel, aber auch Mut, den einmal beschrittenen Weg bis zum Ende zu gehen. Es ist eine Welt, in der der Glamour unsichtbar bleibt und trotzdem omnipräsent ist. Er findet sich in den Köpfen.