Walter Sittler und seine Frau Sigrid Klausmann-Sittler
Walter Sittler und seine Frau Sigrid Klausmann-Sittler

„199 kleine Helden“, so der Titel des weltumspannenden Filmserienprojekts, das Schauspieler Walter Sittler und seine Frau Sigrid Klausmann-Sittler zum Autorengespräch in den Steigenberger Frankfurter Hof führt. Im Interview hat uns das prominente Ehepaar verraten, warum ihre gemeinsame Dokumentationsreihe, die Kinder auf deren Weg zur Schule porträtiert, ein tief demokratisches Projekt ist, Glück und Armut oft Hand in Hand gehen und wie ihre eigene Zweisamkeit ganz unverhofft durch Nachwuchs gekrönt wurde.

Wie ist die Idee entstanden, die Kinder dieser Welt im Rahmen einer Dokumentation zu porträtieren?

Sigrid Klausmann-Sittler: Eines Tages stand mein Mann, mit dem ich auch vorher schon beruflich zusammengearbeitet habe, plötzlich vor mir und sagte: „Lass uns doch Kinder aus verschiedenen Kontinenten auf ihrem Weg zur Schule filmen.“ Die Idee fiel bei mir auf fruchtbaren Boden, weil mir sofort Bilder von meinem eigenen, langen Schulweg im Hochschwarzwald durch den Kopf schossen, den ich bei Wind und Wetter zu Fuß gehen musste.

Das Interessante daran ist: Jeder Mensch kann sich irgendwie mit dem Thema „Schulweg“ identifizieren. Außerdem lässt er sich wunderbar als Sinnbild für den Weg in die Zukunft und den Zugang zu mehr Bildung begreifen.

Welche Botschaft steht hinter „199 kleine Helden“?

Walter Sittler: Mit dem Projekt wollen wir die Aufmerksamkeit auf Kinder lenken – also auf die Menschen, die unsere Zukunft gestalten. Bislang haben wir 37 Kinder aus 34 Ländern auf fünf Kontinenten besucht und durften ihren Schulweg, aber auch ihr Zuhause, ihre Familie und ihre Lebensumstände kennenlernen.

Es ist ein tief demokratisches Projekt, denn unser langfristiges Ziel ist es, je einem Kind aus den 199 Ländern der Erde eine Stimme zu verleihen. Wir hören ihnen zu, wenn sie über die Zukunft, über ihre Wünsche, Ängste und Hoffnungen sprechen und bewirken so, dass sich auch Erwachsene fragen: „Was für eine Welt übergeben wir an die nachfolgenden Generationen?“ oder „Was könnten wir besser machen?“

„Ich teile die Überzeugung Erich Kästners: Kinder muss man hegen und pflegen, wachsen müssen sie von alleine.“ Walter Sittler

Warum gelingt das Kindern besser als Erwachsenen?

Sigrid Klausmann-Sittler: Kinder haben die Macht, die Erde und ihre Bewohner zu verändern – mit ihren feinen Antennen spüren sie oft ganz genau, was vor sich geht. Sie sind das beste Mittel gegen Fake-News, denn sie erzählen ganz unverfälscht, was sie sehen, empfinden und erleben.

Ganz gleich, ob sie aus armen oder reichen Verhältnissen kommen, aus der Schweiz oder aus Guatemala: Sie alle wünschen sich, dass es ihnen und ihren Familien gut geht. Viele von ihnen sind stark, weil sie keine andere Wahl haben. Und so haben wir auch gelernt: Glück und Armut können Hand in Hand gehen, denn kindliche Zufriedenheit ist nicht an Reichtum gekoppelt.

Walter Sittler: Ich teile die Überzeugung von Erich Kästner, der den jüngsten unter uns eine Menge zugetraut hat: Kinder muss man hegen und pflegen, wachsen müssen sie von alleine. Dabei brauchen sie positive Unterstützung, denn wir haben eine starke Hierarchie in unserer Gesellschaft und die Kinder befinden sich in der Rangfolge tragischerweise ganz unten. Ich weiß selber, was das bedeutet, denn in meiner Familie war ich das jüngste von acht Kindern.

Sigrid Klausmann-Sittler und Walter Sittler im Gespräch mit Annika John
Sigrid Klausmann-Sittler und Walter Sittler im Gespräch mit Annika John

Welche Erinnerungen kommen Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Ihre eigene Kindheit denken?

Sigrid Klausmann-Sittler: Spielen, draußen spielen ohne Ende. „Backen“ mit Erde und Wasser, Sandkuchen mit Vogelbeeren verzieren; Mutter-Vater-Kind spielen, das kommt mir in den Sinn, wenn ich zurückdenke in Schwarz- Weiß außerhalb der Stadt, mit meinen Geschwistern, Eltern und Nachbarskindern. Oder anders gesagt: Großwerden in absoluter Sicherheit.

Walter Sittler: Ich denke hauptsächlich an Fußball und Umzüge. Ich bin Amerikaner und habe in Chicago gelebt, bis ich sieben Jahre alt war. Dann bin ich mit meiner Familie nach Deutschland gekommen und auch hier sind wir immer wieder umgezogen. Beständigkeit kam eigentlich erst dann in mein Leben, als ich meine Frau kennengelernt habe. Mit ihr habe ich dann 16 Jahre lang in einer Wohnung gelebt, das ist für mich ein absoluter Rekord.

Wann haben Sie einander kennengelernt?

Sigrid Klausmann-Sittler: Das war 1984. Nur ein Jahr später haben wir dann geheiratet und sind Eltern geworden, 1987 und 1989 dann zum zweiten und zum dritten Mal. Irgendwie hat das mit uns sofort gepasst und deshalb haben wir ziemlich schnell und ungeplant eine Familie gegründet.

Walter Sittler: Und dann hat es sich auch noch ergeben, dass wir wunderbar zusammenarbeiten konnten. Meine Frau hat zehn Jahre lang an einer Kunsthochschule gearbeitet und dort Projekte geleitet und da bin ich irgendwann einfach dazugestoßen und habe Proben übernommen.

Auch danach haben wir immer wieder gemeinsam berufliche Sachen gemacht, aber „199 kleine Helden“ ist eine neue Dimension. Wir sind die beiden Produzenten und arbeiten sehr eng zusammen. Da kommt es natürlich auch mal vor, dass wir uns über Dinge streiten, gerade wenn es um sehr verantwortungsvolle Fragen geht.

„Meine Kindheitserinnerungen in Schwarz-Weiß: Spielen ohne Ende, Sandkuchen mit Vogelbeeren garnieren, Großwerden in absoluter Sicherheit.“ Sigrid Klausmann-Sittler

Herr Sittler, ist das soziale Engagement für Sie auch eine Art Ausgleich zum manchmal oberflächlichen Fernsehgeschäft?

Walter Sittler: Ich weiß, dass das Fernsehgeschäft oft als oberflächlich betrachtet wird und das ist es auch immer mal wieder. Aber die Arbeit selbst ist es nicht – ganz gleich, ob wir von komödiantischen oder dramatischen Rollen sprechen. Dass dann nicht alle Drehbücher funktionieren wie gedacht, das steht nochmal auf einem anderen Blatt. Aber für mich hat nie nur das TV-Geschäft eine Rolle gespielt.

Ursprünglich komme ich ja vom Theater, später habe ich dann mit Lesungsreihen über Erich Kästner oder den Kabarettisten Dieter Hildebrand begonnen, die ich bis heute mache. Und dann ist da eben mein soziales Engagement, unter anderem für die SOS-Kinderdörfer oder das Bethel-Kinderhospitz. Ich würde es aber nicht als Ausgleich bezeichnen, sondern als viele Interessen, die mich auszeichnen.

Ganz gleich, welchen Teil Ihrer Vita man betrachtet – Kinder scheinen im Fokus Ihres Lebens zu stehen.

Sigrid Klausmann-Sittler: Wenn man so privilegiert ist wie wir, ist es nur fair, sich zu engagieren. Und Kinder sind für uns eben eine wirkliche Herzensangelegenheit – ich habe schon mein ganzes Leben lang mit ihnen zusammengearbeitet. Mir geht es dabei überhaupt nicht um Prestige oder darum, überall meinen Namen als Schirmherrin zu lesen, sondern um das hundertprozentige Bekenntnis zur Sache.

Walter Sittler: Ich möchte, dass die Menschen, die mich später ertragen müssen, stark, gut ausgebildet und selbstbewusst sind. Unser Engagement und nicht zuletzt unser Filmprojekt sind wunderbare Möglichkeiten, um sich einzumischen und eine Haltung zum Ausdruck zu bringen. Wir propagieren nicht: das ist richtig, das ist falsch; sondern wir erzählen einfach von den Dingen, wie sie sind. Und das werden wir machen, solange wir bei Verstand sind.

Das Interview führte Annika John


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