Im Mittelpunkt der diesjährigen Leseaktion „Frankfurt liest ein Buch“ steht ab 16. April Silvia Tennenbaums Roman „Straßen von gestern“ (1981), in dem die jüdische Autorin die Geschichte der Frankfurter Familie Wertheim erzählt. Tennenbaum, 1928 in Frankfurt geboren, stammt aus einer bekannten Familie der Stadt. 1938 emigrierte sie, gerade noch rechtzeitig, in die USA. Sie studierte Kunstgeschichte an der Columbia University, arbeitete als Kunstkritikerin und begann in den 1960er-Jahren literarisch zu schreiben. Die Autorin ist mit der ermordeten Tagebuchschreiberin Anne Frank verwandt, ihr Stiefvater Hans Wilhelm Steinberg (später William Steinberg) war eine der großen Dirigentenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.

Sie haben Frankfurt sehr jung verlassen müssen. Wie ging es weiter?

Im September 1938 kamen wir in New York an. Ich war viele Jahre damit beschäftigt, eine „echte“ Amerikanerin zu werden, lernte Baseball und ging jede Woche ins Kino, aber daheim haben wir weiter Deutsch gesprochen, und alle unsere Möbel, auch das Bechstein Klavier, waren da, so dass alles noch wie „daheim“ in Frankfurt war. Bei mir war das Visuelle immer wichtiger als alles andere. Ich wollte zuerst Malerin werden, und heute beschäftigt mich mein alter Fotoapparat immer noch. Da meine Eltern mir nie richtig unsere Lage – die Reise ins Exil – erklärten, lernte ich erst sehr viel später, was alles in Deutschland geschah. Sie wollten mich schützen. Ich glaube, für meine Eltern, die beide ja so deutsch waren und Frankfurt so sehr liebten, war es fast unfassbar, dass sie ausgewiesen wurden. Mein Großvater war ein beliebter Arzt und meine beiden Großonkel Hirsch waren Männer, die so viel für Frankfurt getan hatten, ob es die Uni war, das Städel oder die Oper.

Haben Sie literarische Vorbilder?

Eigentlich nicht, obwohl ich viele Bücher liebe. Ich war eine Einzelgängerin, und mein Schreiben war intuitiv. Ich horchte dem Klang der Sprache. Vielleicht ist es Joseph Roth (besonders der „Radetzkymarsch“), den ich sehr liebe, weil der Klang seiner Stimme, die Melodie so schön ist und er die Menschen mit Liebe und Großzügigkeit beschreibt.

Können Sie sich an Ihre ersten Bücher, die Sie gelesen haben, erinnern?

Ich liebte die „Bibi-Bücher“ (Mädchenbücher der dänischen Autorin Karin Michaëlis, 1929–1938, Anm. d. Red.), ich las auch „Winnie, the Pooh“ (in Deutsch, natürlich) und „Dr. Dolittle“, außerdem die drei Bücher über die „Höhlenkinder“, das brachte mir die frühe Geschichte der Menschen in den Blick. Die Bibi war mir ein Vorbild, mir gefielen ihre Freiheit und die Bewachung einer Mutter. Die Freiheit habe ich in Amerika kennen gelernt. Es gab dort wenige Mauern, Zäune und geschlossene Tore. Bald war mir das Neue vertraut und Frankfurt zog in die Vergangenheit. Aber ich habe nie vergessen, wie die Straßen lagen, die Anlagen, der Main, der Eisernen Steg und das Städel. Frankfurt ist mir jetzt wieder bekannt und lieb geworden, ich habe viele Freunde in der Stadt. Als wir damals Frankfurt verließen, dachte ich, die Welt, die vor mir lag, wäre dieselbe, die ich wieder als Heimat begrüßen würde. Wie sagt eine Mutter so etwas einem Kind? „Du bist hier nicht mehr erwünscht.“ Was wusste ich vom großen Ozean, der Reise auf einem Schiff, von einem vollkommen neuen, ungeheuer großen Land, mit fremden Menschen und einer anderen Sprache? Was wusste ich vom Exil?

Tennenbaums Roman „Straßen von gestern“ ist im Verlag Schöffling & Co. in einer Neuausgabe erschienen.

www.frankfurt-liest-ein-buch.de

(jf)