Wir teilen Bilder unseres Frühstücks auf Instagram, geben unsere Meinung zu politischen Ereignissen via Twitter bekannt und posten auf Facebook unsere schönsten Urlaubsfotos. Wie lässt es sich erklären, dass wir im Internet auch privateste Details unseres Lebens vor uns unbekannten Menschen zur Schau stellen? Was macht die Faszination der sozialen Medien eigentlich aus – und: Welche Auswirkungen haben sie auf unser Selbstbild?
Von Johanna Müdicken

„So: Allen einen lieben Dank, die wegen des gerissenen Kondoms mitgezittert hatten. Alle Tests negativ!“ Auf die frohe Botschaft folgt Aufatmen. „Alles noch mal gutgegangen – Glück gehabt, ich freu’ mich für dich!“ So oder so ähnlich wäre wohl die Reaktion ausgefallen, hätte Birgit Rydlewski ihre brisanten Neuigkeiten ihrer besten Freundin im persönlichen Gespräch anvertraut. Hat sie aber nicht. Die ehemalige NRW-Abgeordnete der Piratenpartei hat diese intimen Informationen auf Twitter geteilt. Mit tausenden ihr wildfremden Menschen.

2 Milliarden Freunde

Dass online die trivialsten, aber auch privatesten Details und Momente des eigenen Lebens vor zum Teil völlig unbekannten Personen ausgebreitet werden, ist in Zeiten von Social Media gang und gäbe. Laut des jüngsten Börsenberichts des Unternehmens verfügt Spitzenreiter Facebook mittlerweile über 2 Milliarden aktive Nutzer. Inwiefern diese Zahl in Hinblick auf den jüngsten Datenskandal des sozialen Netzwerks in den nächsten Monaten möglicherweise schrumpfen wird, bleibt abzuwarten.

Über 800 Millionen Menschen tummeln sich außerdem auf Instagram, rund 330 Millionen monatlich aktive Nutzer hat der Mikroblogging-Dienst Twitter. Was all diese Plattformen eint: Hier präsentieren und inszenieren sich die Menschen. Selbst Facebook-Gründer Mark Zuckerberg will anfangs überrascht darüber gewesen sein, wie viel manche Nutzer in dem sozialen Netzwerk freiwillig von sich preisgeben.

Schau mich an!

Das Foto ist perfekt: Hand in Hand schlendern sie über die Straße. Er hat ihre Hand genommen und schaut ihr in die Augen, ein sanftes Lächeln umspielt seine Lippen. Sie strahlt glücklich zurück. Wahrscheinlich hat er ihr gerade ein Kompliment gemacht und als nächstes geht es für die beiden in ein kleines Restaurant, wo sie sich am Ende des Dinners noch ein Dessert teilen werden. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. In diesem Fall lassen sich die Worte aber auch noch finden, denn sie stehen unter dem Foto, das die Königin der Selbstinszenierung Kim Kardashian gerade von sich und ihrem Ehemann Kanye West auf Instagram gepostet hat.

relationshipgoals
#relationshipgoals

„Relationship Goals“ und „Perfect Couple“ lauten einige der Kommentare, die die verzückten Fans dort hinterlassen haben. Wie viele professionelle Fotografen oder Manager an dem vermeintlichen Schnappschuss beteiligt waren, bleibt ein Geheimnis. Wichtig ist nur: Es hat funktioniert. Über 2 Millionen Personen gefällt dieses Bild.

Anscheinend überglückliche Paare, die Selfies aus dem Urlaub posten oder ein Manager, der auf Twitter Auskunft über sein Mittagessen gibt. Diese Art der Selbstdarstellung mag ein Massenphänomen der sozialen Medien sein, im Grunde ist sie aber nicht neu. Schon der kanadische Soziologe Erving Goffman erläuterte 1959 in seinem Werk „Wir alle spielen Theater“, dass die Inszenierung des Selbst seit jeher zentraler Bestandteil des menschlichen Lebens sei. In Zeiten von Social Media verschiebt sich die Präsentation der eigenen Person nun zunehmend auch in die digitale Welt.

Likes machen süchtig

Hier erreichen wir ein weitaus größeres Publikum, als es sonst der Fall wäre. Und je mehr Menschen uns zuhören, desto eher und vor allem positiver sprechen wir von uns selbst, fanden Forscher der Pennsylvania University heraus. „Identität und Selbstbild werden in starkem Maße von den Feedbacks der Online-Kontakte beeinflusst“, erklärt auch Cyberpsychologin Catarina Katzer, in ihrem Buch „Leben im Netz – Wie das Internet uns verändert“, das sich mit den psychologischen Auswirkungen der sozialen Medien beschäftigt.

Cyberpsychologin Catarina Katzer
Cyberpsychologin Catarina Katzer

„So stellen viele Follower oder Likes nicht nur für unsere Online-Identität eine Bestätigung dar, sondern auch für unser Alltags-Ich in der Offline-Welt.“ Die Annahme scheint zu lauten: Wer in sozialen Netzwerken beliebt ist, ist es auch im analogen Leben.
Tatsächlich hat eine Studie der Tufts University in Massachusetts ergeben, dass Online-Profile zutreffende Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des jeweiligen Users zulassen.

Eine extrovertierte Person gebe demnach auch online mehr über sich preis, als es eine introvertierte tun würde. Geändert haben sich mit dem Aufkommen von Social Media also vor allem der Umfang und die Möglichkeiten der Selbstdarstellung. Während es in der Realität oftmals keine zweite Chance für den ersten Eindruck gibt, ist die Online-Welt weitaus gnädiger.

Kein anderer Nutzer weiß schließlich, ob das opulente 3-Gänge-Menü auf dem von mir geteilten Foto überhaupt geschmeckt hat. Und wenn Follower, Freunde und Fremde mit Herzchen und „Gefällt-Mir“-Angaben antworten, wird auch der noch immer knurrende Magen hinnehmbar. Einen Grund dafür fanden Wissenschaftler der University of California heraus. Ein Like in den sozialen Medien aktiviert denselben Bereich im Gehirn, der bei Freude oder dem Gedanken an Sex oder Geld stimuliert wird.

I don’t share

Essena O’Neill sitzt auf ihrem Sofa. Ihre Haare hat sie zu einem unordentlichen Dutt gebunden. Sie ist ungeschminkt und blickt direkt in die Kamera, die vor ihr steht. „Es gibt so vieles, das ich euch zu sagen habe“, beginnt die Australierin ihren Monolog. Sie spricht zu ihrer Online-Community, die durch dieses Video erfahren wird, dass der einstige Instagram-Star genug hat von der Social-Media-Welt. Über eine Millionen Abonnenten hat O’Neill zu diesem Zeitpunkt. Sie postet Fotos, die sie in teuren Kleidern auf aufregenden Events und mit bewundernswerter Bikini-Figur am Strand zeigen.

„Alles, was ich gepostet habe, war unecht und bearbeitet“, erzählt sie. „Ich habe Stunden gebraucht, nur um das ‚perfekte‘ Foto teilen zu können.“ Letztendlich habe sie sich nur noch über Klicks und Abonnenten definiert. Während sie auf ihren Bildern überglücklich aussah, sei sie in Wahrheit deprimiert und einsam gewesen. Mittlerweile sind ihre Fotos nicht mehr online und O’Neill in den sozialen Netzwerken nicht mehr aktiv.

Die Suche nach Aufmerksamkeit

Auch US-Model Chrissy Teigen stellte ihren Twitter-Account zeitweise auf privat, ihr wurden die Kommentare unter ihren Tweets zu persönlich. Teenie-Schwarm Justin Bieber löschte hingegen seinen Instagram-Account, nachdem Nutzer unter Fotos, die seine damalige Freundin zeigten, Hass-Kommentare zurückließen. Beide Profile sind inzwischen wieder online und uneingeschränkt zu sehen.

„Das Prinzip des Online-Teilens wirkt wie eine Art Doping und erzeugt abhängig machende Gefühle.“
– Catarina Katzer

Insbesondere für Frauen und Mädchen sei die Suche nach Aufmerksamkeit, Bewunderung und Bestätigung wichtig, erklärt Katzer in ihrem Buch. Die sozialen Netzwerke bieten somit generell eine simple Möglichkeit, sich mit wenigen Klicks selbst dazustellen. Die Cyberpsychologin hält fest: „Das Prinzip des Online-Teilens wirkt wie eine Art Doping und erzeugt süchtig und abhängig machende Gefühle. Man will immer mehr davon – um eben auch ein Teil der Online-Welt zu sein.“

Birgit Rydlewski hat dieser Online-Welt nach ihrem aufmerksamkeitswirksamen Intim-Tweet noch einen gut gemeinten Ratschlag hinterlassen. „Nicht nachmachen! Nicht mit irgendwelchen Typen ins Bett gehen, die man nicht einschätzen kann. Die Panik braucht niemand“, lautet der. Die Frage, ob die Twitter-Nutzer die Details ihrer privaten Bettgeschichte gebraucht hätten, sei einmal dahingestellt.

Danach hat Rydlewski sich zumindest weitaus unverfänglicheren Themen gewidmet und mit der Online-Community unter anderem ihre Überlegung geteilt, ob sie ihren Handyvertrag aufgrund schlechten Empfangs kündigen sollte. Und das interessierte immerhin einen Nutzer, der prompt antwortete. Es handelte sich um einen flinken Mitarbeiter ihres bisherigen Mobilfunkanbieters.


Film- und Buchtipps rund um die Macht der Sozialen Medien

Ich hasse dieses Internet - Jarett Kobek
Ich hasse dieses Internet – Jarett Kobek

Jarett Kobek – Ich hasse dieses Internet

Warum werfen wir mit unseren Daten nur so um uns? Was macht „dieses Internet“ eigentlich mit uns? Anhand verschiedener fiktiver Geschichten wie der von Adeline, die Nacktbilder von sich im Netz entdeckt, entfaltet sich auf rund 300 Seiten ein wahrer Wutanfall des Autors.

Die New York Times bezeichnet Kobeks bissige Abrechnung mit der digitalen Welt als „raue Tirade zu Politik und Kultur, ein Aufschrei zu Macht und Gewalt in unserer globalisierten Welt.“

Black Mirror

Die britische Science-Fiction-Serie, die hierzulande auf Netflix läuft, setzt sich mit den bizarren Auswirkungen auseinander, die neue Technologien und Medien in der Zukunft auf unser Leben haben könnten. Jede Folge der Dystopie ist in sich abgeschlossen und erzählt eine eigene Geschichte. So handelt etwa die Folge „Abgestürzt“ von einer Welt, in der jeder Mensch via App bewertet wird. Allein das Ranking entscheidet darüber, wer sozial und beruflich auf- oder absteigt.

The Circle - Dave Eggers
The Circle – Dave Eggers

Dave Eggers – The Circle

Ganz in der Tradition von Orwells „1984“ beschäftigt sich der Bestseller-Roman mit der totalen Überwachung. In diesem Fall steht die monopolistische Internet-Firma „The Circle“ im Fokus, die jedem Kunden mit „TruYou“ eine eigene, aus allen Online-Profilen zusammengeführte Identität im Netz kreiert.

Als die 24-jährige Mae einen Job in dem hippen Konzern ergattert, ist sie zunächst hellauf begeistert – lernt schnell aber auch die Schattenseiten kennen, die die vollständige Transparenz der eigenen Person mit sich bringt.

Terms and Conditions may apply

Dass es um unsere Privatsphäre im Internet nicht unbedingt gut steht, verdeutlicht die Dokumentation von Cullen Hoback. In dieser werden unter anderem die Nutzungsbedingungen diverser Firmen, denen wir meistens zustimmen, ohne sie überhaupt durchzulesen, unter die Lupe genommen. Auch Prominente wie der Sänger Moby oder Anonymous-Unterstützer Barrett Brown kommen zu Wort und teilen ihre Standpunkte zum Thema Nutzerdaten.

Catarina Katzer – Cyberpsychologie

Catarina Katzer gilt als Expertin auf dem Gebiet der Cyberpsychologie und setzt sich in ihrem Werk mit dem Agieren im Netz auseinander. Warum ist dieses oftmals ungehemmter als in der analogen Welt und welche Auswirkungen haben soziale Medien und Plattformen auf unsere Psyche? Das Buch bietet einen Überblick über die Gründe für bestimmte Verhaltensweisen im Internet und liest sich als Plädoyer für eine neue Medienethik.

Disconnect

Wie das Internet unser alltägliches Leben beeinflusst, zeigt dieser Film anhand von drei ineinander verwobenen Geschichten. Da wäre zum einen die Reporterin Nina, die im Rahmen ihrer Recherche dem jugendlichen Kyle näherkommt, der sich im Netz vor der Kamera auszieht. Oder die Freunde Jason und Frye, die sich mit einem gefälschten Internetprofil einen bösen Scherz erlauben, der ungeahnte und drastische Folgen hat…


Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Print-Ausgabe. Sie wollen schneller informiert sein? Hier können Sie ein Abonnement abschließen.

Top informiert!

   
Die besten Events
Aktuelle News
Neueröffnungen
Premium-Angebote

Anmeldung erfolgreich. Bitte überprüfen Sie Ihre E-Mails.

Da ist etwas schief gelaufen.