Die Städelschule ist eine der kleinsten, aber auch angesehensten Kunsthochschulen der Welt. In Frankfurt wird die Staatliche Hochschule für Bildende Künste dagegen wenig wahrgenommen. Das soll sich ändern. Denn in diesem Jahr feiert die internationale Kunstinstitution, die in direkter Nachbarschaft zum Städel-Museum liegt, von ihm aber völlig unabhängig ist, ihren 200. Geburtstag. Von Sabine Börchers

Das Museum, das Johann Friedrich Städel einst mit seinem Erbe begründete, ist den meisten Frankfurtern ein Begriff. Weniger bekannt ist die gleichnamige Schule, die ebenfalls auf dem Gelände an der Dürerstraße liegt und auf das Testament des Frankfurter Bankiers aus dem Jahr 1815 zurückgeht.

Philip Graf zu Solms, Vorstandsmitglied des Freundeskreises
Philip Graf zu Solms, Vorstandsmitglied des Freundeskreises

„Frankfurt weiß gar nicht genug zu schätzen, was für ein Juwel es in der Stadt hat“, sagt Philip Graf zu Solms, Vorstandsmitglied des Freundeskreises der Schule. Dabei gibt es zahlreiche berühmte Künstler, die an der Städelschule lehrten und es noch tun, angefangen mit den Malern Gustave Courbet und Max Beckmann, bis hin zu Gerhard Richter, Jörg Immendorff und Tobias Rehberger.

Auch viele namhafte Absolventen sind zu nennen, allen voran Anne Imhof, die 2012 ihr Studium an der Schule abschloss und die gerade für den deutschen Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. „Ihr Erfolg macht uns sehr sehr froh“, betont der Rektor der Schule, Philippe Pirotte, den die Wahl besonders freut, weil Imhof nach der Schule Frankfurt nicht verlassen hat, um „in die Szene der Kunsthipster nach Berlin oder Brüssel“ zu gehen. „Sie hat ihr Atelier in Frankfurt behalten, und das war offenbar gut.“ Übrigens hat auch Hassan Khan, der Träger des Silbernen Löwens von Venedig, einen Bezug zur Städelschule. Er war dort 2015 Gastprofessor.

In Frankfurt selbst sind an vielen Orten ebenfalls Kunstwerke zu sehen, die von Städelschülern geschaffen wurden. Man muss nur genauer hinschauen. So schuf Johann Schierholz 1887 die bronzene Justizia des Gerechtigkeitsbrunnens auf dem Römerberg neu, nachdem die alte Sandsteinfigur verwittert war.

Gustav Herold, Schöpfer der Atlas-Statue auf dem Hauptbahnhof, war ebenso Absolvent der Städelschule wie der Maler und Cartoonist Hans Traxler, dem wir unter anderem das Ich-Denkmal an der Gerbermühle verdanken oder ganz aktuell Filippa Petterson, die das Denkmal für das jüdische Kinder- und Waisenhaus in Sachsenhausen gestaltete. Die Liste lässt sich beliebig fortführen.

Fortschrittlicher Lehrbetrieb

Philipp Pirotte, Rektor der Städelschule
Philipp Pirotte, Rektor der Städelschule

Nun feiert die Städelschule ihren 200. Geburtstag –, „indem sie das macht, was sie sonst auch macht, nur etwas mehr im Rampenlicht“, wie Philippe Pirotte betont. Während das Städel-Museum vor zwei Jahren die Begründung des Kunst-Instituts durch das Testament Johann Friedrich Städels aus dem Jahr 1815 feierte, begeht die Schule nun den Beginn der Lehre. „Wir können das nicht an einem bestimmten Tag festmachen“, sagt Pirotte.

Auch will er nicht allzu viel in die Vergangenheit blicken, schließlich sei die Schule ein Ort, an dem jetzt Kunst entsteht und vor allem in die Zukunft geblickt werde. Wenn überhaupt zurückgeschaut wird, dann soll an die fortschrittliche Ausgestaltung der Lehre an Städels Institut erinnert werden, die sich bis heute gar nicht so sehr verändert hat. „Das Testament ist für uns geistig ein wichtiger Impulsgeber.“

So verfügte der Stifter einst, dass das Kunststudium an seinem Institut allen Begabten, „ohne Unterschied des Geschlechts und der Religion“, möglich sein muss, wie es in §2 seines Stiftungs-Briefes heißt. Er wollte auch „unbemittelten Kindern“, die Künstler oder Architekten werden wollten, ermöglichen, Elementarunterricht bei externen Lehrern zu erhalten.

„Den Guten unter ihnen sollte der darauf aufbauende spezialisierende Unterricht in Malerei, Architektur, Kupferstich und auch Mathematik bei anderen Meistern ermöglicht werden, und zwar entweder in Frankfurt oder in Form von Stipendien im weiteren In- und Ausland“, beschreibt die Wissenschaftlerin Corina Meyer im Jubiläumsbuch der Schule die Vorstellungen des Stifters.

Geschichte der Städelschule

„Im Namen Gottes“, so hatte Städel seinen letzten Willen überschrieben. Der am 1. November 1728 geborene Frankfurter zählte damals zu den drei reichsten Bürgern der Stadt. Sein Geld und die Firma hatte er von seinem wohlhabenden Vater geerbt. Als ebenso erfolgreicher Gewürz- und Spezialitätenhändler sowie als Bankier vermehrte er das Vermögen weiter. Städel ging schon als junger Kaufmann für Wareneinkäufe auf ausgedehnte Reisen. Unter anderem nach Amsterdam, wo das Frankfurter Handelshaus eine Niederlassung hatte.

Städelschüler im Jahre 1907. Wilhelm Runzes (2. v.l.). Porträts von Ludwig Landmann und Walter Kolb hängen heute im Römer.
Städelschüler im Jahre 1907. Wilhelm Runzes (2. v.l.). Porträts von Ludwig Landmann und Walter Kolb hängen heute im Römer.

Bei diesen Gelegenheiten lernte er die holländischen Meister des 17. Jahrhunderts kennen. Er kaufte für seine Sammlung in seinem Haus am Roßmarkt vor allem Landschaften und Historienbilder flämischer, deutscher, französischer und italienischer Künstler.

Als er am 2. Dezember 1816 starb, hinterließ er der Stiftung „Städelsches Kunstinstitut“ nicht nur das stattliche Haus samt der 476 Gemälde, vieler Zeichnungen und Grafiken, sondern auch 1,3 Millionen Gulden. Doch sein letzter Wille konnte nicht so schnell realisiert werden. Entfernte Verwandte des kinderlosen und unverheirateten Mannes hatten das Testament angefochten. Der elf Jahre währende Streit endete schließlich in einem Vergleich, sodass der Wunsch des Stifters doch noch umgesetzt werden konnte.

Zeichnen im Wohnzimmer

Während die juristischen Auseinandersetzung noch liefen, wurden aber schon erste Ideen zur künstlerischen Ausbildung Städels in die Tat umgesetzt. Bereits ein halbes Jahr nach seinem Tod bewarben sich die ersten Frankfurter Bürger um die Übernahme der Kosten für Zeichenunterricht. Die Lehre begann.

1817 wurden 19 Schüler gefördert, den Unterricht übernahm der ehemalige Leiter des Frankfurter Zeichnungs-Insituts bei sich zu Hause und dann in einem angemieteten Raum im  Frankfurter Waisenhaus.

Auch Stipendien für Unterricht bei Privatlehrern in der Schweiz, in Heidelberg und Wien sowie Studien in Paris wurden im ersten Jahr vergeben. Schwerer taten sich die Administratoren mit der Verwirklichung des Wunsches Städels, auch Frauen zum Kunststudium zuzulassen.

Immerhin, seit 1869 wurden vier „Frauenzimmer“ in der Malerei unterrichtet, allerdings „versuchsweise“ und in einem besonderen Atelier. Seitdem wurde eine Damenklasse eingerichtet, die bis 1894 regelmäßig von drei bis acht Schülerinnen besucht wurde.

Erst nach Abschluss der juristischen Querelen konnte sich ein Kunstbildungsinstitut entwickeln, an das namhafte Künstler berufen wurden, die Schüler in Malerei und Bildhauerei ausbildeten. Zudem überließ die Schule Gast-Künstlern mietfrei ein Atelier und unterstützte damit zugleich die zeitgenössische Malerei.

Sie nahmen Schüler auf und unterrichten sie. Bereits 1854 macht der Rechenschaftsbericht deutlich, dass sich die Schule damit vom strengen akademischen Lernstil distanzierte und vielmehr eine Assoziation von Schülern und Lehrern zum Konzept machte. Eine Idee, die bis heute ihre Gültigkeit hat.

Fortlaufendes Experiment

Ziel des Studiums an der Städelschule war und ist die Entwicklung einer freien, selbstbewussten künstlerischen Persönlichkeit. Dafür findet ein Austausch auf Augenhöhe zwischen Professoren und Studierenden statt.

Bis heute gibt es kaum Beschränkungen für die jungen Leute. Sie müssen mindestens 18 Jahre alt sein und zahlen keine Studiengebühren. Rund 600 bis 700 Studierende bewerben sich jährlich um einen Platz. Ob von ihnen vier oder 14 aufgenommen werden, entscheiden die Professoren der Hochschule aufgrund der künstlerischen Qualität.

„Letzten Endes entscheiden die Studenten selbst, wie man ein guter Künstler wird.“ – Prorektor Tobias Rehberger

Pirottes Vorgänger Daniel Birnbaum sieht als wesentliche Eigenschaft der Schule bis heute, dass der einzelne Künstler wichtiger sei als Erziehungsprogramme oder Doktrinen. Der Künstler und Professor Tobias Rehberger drückt es so aus: „Letzten Endes entscheiden es die Studenten selbst, wie man ein guter Künstler wird. Denn an der Hochschule geht es um die Herausbildung von etwas, das noch gar nicht existiert, das die Studenten selbst entdecken müssen.“ Und seine Kollegin Judith Hopf versteht die Städelschule als „fortlaufendes Experiment“.

Um aber solche offenen Räume zu schaffen, in denen freie Kunst passiert oder eben unterrichtet wird, brauche es eine administrative Autonomie. Also eine Möglichkeit zur Selbstverwaltung, betont Rektor Pirotte. Jahrelang wurde die staatliche Hochschule von der Stadt Frankfurt finanziert, die diese Autonomie gewährte, vor einigen Jahren allerdings bei steigenden Personalkosten den Zuschuss nicht mehr erhöhte.

„Wir mussten sparen, zum Beispiel bei der Ausstattung und bei Angeboten wie Klassenausflügen.“ Die Idee Städels, dass die Ausbildung auch auf Reisen stattfinden sollte, konnte seitdem nicht mehr umgesetzt werden.

Das Land übernimmt

Das Siegel von Johann Friedrich Städel

„Nach dem Willen Johann Friedrich Städels gab es früher eine Regelung, nach der Werke aus der Sammlung verkauft werden durften, wenn es der Schule schlecht ging. Das ist heute natürlich nicht mehr so“, betont Philip Graf zu Solms vom Freundeskreis der Städelschule, der diese mit seinen rund 250 Mitgliedern bei den Lehrmitteln, Ausstellungen und Publikationen unterstützt, aber auch den jährlichen Rundgang mitorganisiert und Preise für die Studenten auslobt.

„Für uns als Verein ist es aber schwer, finanzielle Mittel einzuwerben. Die meisten unterstützen das Städel-Museum. Wir sind heute eher die kleine Institution im Schatten der großen. Dabei hat mit der Lehre alles angefangen“, stellt er fest. Ab dem 1. Januar 2019 soll sich die finanzielle Situation der Hochschule grundlegend ändern. Zu diesem Zeitpunkt soll das Land Hessen die Trägerschaft der Städelschule übernehmen.

„Wer Rendite erwartet, der ist auf dem falschen Weg.“ – Philippe Pirotte

„Wir sind noch in Verhandlungen, wir brauchen eine Struktur, die die Freiheit gewährleistet, die wir bisher haben. Wir versuchen sie in Zusammenarbeit mit den Vertretern des Landes gesetzlich zu verankern, da ohnehin das Hochschulgesetz geändert werden muss, um uns aufzunehmen“, sagt Pirotte zuversichtlich.

Eine sich zivilisiert nennende Gesellschaft müsse den Mut haben, ein solches Experiment wie die Städelschule zu ermöglichen, in der sie die eigenen Werte hinterfragen kann. „Wer da eine Rendite erwartet, der ist auf dem falschen Weg. Der Erfolg zeigt sich nur in der Kunst, die gemacht wird.“

Diese steht natürlich auch im Jubiläumsjahr im Mittelpunkt mit dem jährlichen Rundgang, der diesmal etwas vergrößerten Absolventenausstellung im Oktober im Museum für Moderne Kunst sowie einer Benefiz-Auktion am 16. Juni. Schüler, Lehrende und Aussteller des Portikus, darunter Thomas Bayrle, Judith Hopf, Anne Imhof, Tobias Rehberger, Jana Euler oder Fischli/Weiss, haben dafür Werke gestiftet.

Der Erlös ist für die inhaltliche Arbeit an der Schule und im Portikus gedacht. Diese Ausstellungsstätte auf der Maininsel, die einst von Kaspar König gegründet wurde und bis heute fester Bestandteil der Städelschule ist, feiert von Juli bis September ihren 30. Geburtstag. Auch der Portikus, der weiterhin von der Stadt Frankfurt getragen werden soll, steht für ein autonomes Programm, das öffentlich ist, aber außerhalb jedes städtischen Einflusses steht.

„Das ist einmalig in Deutschland“, betont Pirotte. Insofern lautet eine seiner Hoffnungen für das Jubiläumsjahr, „dass Frankfurt immer mehr realisiert, dass die Städelschule eine internationale Kunstinstitution ist, die nicht zufällig in dieser Stadt steht.“

www.staedelschule.de


Anne Imhof (Foto Nadine Fraczkowski)

Anne Imhof

Bislang hat Anne Imhof eine Kunstkarriere hingelegt, wie sie im Buche steht.

Nach ihrem Studium an der HfG in Offenbach und an der Städelschule, das sie mit dem vom MMK verliehenen Absolventenpreis 2012 abschloss, gewann sie das Atelierstipendium an der Hessischen Kulturstiftung sowie den Preis der Nationalgalerie.

Auf Einladung der Kuratorin Susanne Pfeffer entwickelte Anne Imhof nun den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Für ihre verstörende Performance „Faust“ erhielt sie den Goldenen Löwen.


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