Stefanie Zweig schreibt Bücher für ein Millionenpublikum. Im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung wanderte sie mit ihren Eltern nach Afrika aus und verlebte ihre Kindheit auf einer Farm. 1947 kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Top Magazin Frankfurt besuchte die Bestseller-Autorin in ihrem Haus in der Rothschildallee.

Stefanie Zweig
Stefanie Zweig
© Top Magazin Frankfurt

Sie mag Bären. Besonders einen sehr alten hat Stefanie Zweig ins Herz geschlossen, einen kleinen Kerl, der mit in Afrika war, mit warmen Knopfaugen und aus Mohair. Doch dazu später mehr. Wir treffen die Autorin in ihrem gemütlichen Zuhause im Frankfurter Nordend und plaudern beim Tee über ihren neuen Roman, in dem sie die Geschichte der jüdischen Familie Sternberg fortsetzt. „Die Figuren haben reale Vorbilder, natürlich verfremdet. Der Schwiegersohn, der Anwalt Dr. Fritz Feuereisen, ist meinem eigenen Vater nachgebildet, und seine Tochter Fanny ist genau mein Jahrgang. Da gibt es schon Parallelen. Nur Betsy Sternberg hat sich sozusagen selbstständig gemacht, denn meine Mutter war nicht so energisch, hatte nicht dieses Durchsetzungsvermögen.“ Im vierten Teil der Familienchronik versuchen die Überlebenden der Sternbergs trotz der Vergangenheit Ja zum Leben zu sagen und in einem Deutschland Fuß zu fassen, das nicht mehr die vertraute Heimat sein kann. Ihre eigene Familie bedeutete der Autorin sehr viel, „Schon allein weil diese unglaublich klein war. Meine Großeltern sind im KZ umgekommen, und als wir nach Afrika in die Emigration gingen, blieb uns nur sehr wenig, aber wir hatten die Liebe füreinander, und die blieb.“ In die Verfilmung ihres autobiographischen Romans „Nirgendwo in Afrika“ sei übrigens „viel Unsinn reingepackt“ worden, viele Details des Familienlebens seien tatsächlich anders gewesen.

Die Ehrgeizige

„Quidquid agis, prudenter agas et respice finem!“ (Was immer du tust, tue es klug und bedenke das Ende!), zitiert Stefanie Zweig das Motto ihres Vaters, dem sie selbst bis heute folgt. Ihren großen Erfolg haben die Eltern nicht mehr erlebt, was sie traurig macht, „Beide sind sehr jung verstorben, keine 54 Jahre, und ich hatte gerade erst mit dem Journalismus angefangen, selbst mein Bruder hat nur drei meiner Bücher erlebt.“ Der Vater wäre gewiss stolz, da ist sie sich sicher, war er doch überzeugt, dass mit Schreiben kein Geld zu verdienen sei. „Stolz waren meine Eltern immer auf mich, ich war ein Kind, das trotz aller Schwierigkeiten stets Klassenerste war.“

Nur die Tölpel und Naiven wissen nicht, was ein gutes Gedächtnis dem Menschen antut.

 Die Unermüdliche

Kaum war der letzte Teil der Sternberg-Chronik fertig, saß Stefanie Zweig wieder am Schreibtisch. Zum Schreiben hat sie einen eigenen, kleinen Raum, und wenn kein Abgabetermin drängt, schreibt sie nur vormittags. Für ihr neues Buch hatte sie eine „Idee“, sagt sie, will aber noch nicht darüber sprechen, da das Projekt noch am Anfang sei. „Das Buch wird wieder biographisch“, verrät sie uns dennoch. Seit vielen Jahren schreibt sie regelmäßig Kolumnen für die Frankfurter Neue Presse. Unter dem Titel „Meine Welt“ wirft sie einen menschlichen Blick auf die moderne Welt und macht sich Gedanken über Familienrituale, Glamour-Frauen wie Heidi Klum und Paris Hilton und über die gute alte Bescheidenheit.

Zeitzeuge mit Knopfauge

Neben ihr auf dem Sofa sitzt, besser thront, ein alter Kamerad, besagter Bär mit einem Herzen aus Holzwolle. „Meine Mutter hat ihn zum 15. Geburtstag von einem Kavalier bekommen, und der Bär war ein ständiges Objekt des Ärgers in der Ehe meiner Eltern, die sich nie etwas verziehen haben; sie konnten sich stundenlang über diesen Teddy, der längst mir gehörte, streiten.“ Das Spielzeug reiste mit nach Afrika, wäre dort fast aufgefressen worden. „Er wurde von Ratten angenagt, und meine Mutter hat ihm dann, was ich ihr hoch anrechne, da sie nicht stricken, häkeln oder nähen konnte, neue Pfoten gemacht.“ Wir erkundigen uns, ob der geflickte Bär einen Namen hat. „Wir waren eine so nüchterne Familie, ich glaube, wenn ich meinem Vater, der Jurist und ein Faktenmensch war, gesagt hätte, der Teddy hat einen Namen, der wäre geplatzt. Er mochte keine Fantasien. Ein Teddy war ein Teddy und kein lebendiges Stück und da braucht man auch keinen Namen.“ Und bitte, kein Foto! Das hat die „Bärenflüsterin“ in schlechter Erinnerung. „Eines Tages kam eine amerikanische Journalistin und bat mich, den Teddy auf den Schoß zu nehmen, um mich zu fotografieren. Ich sah aus wie die etwas sonderbare alte Dame aus dem gleichnamigen Theaterstück, die lief auch immer mit einem Teddy umher und jeder hielt sie für plemplem.“ In unserem Gespräch blitzt immer wieder diese erfrischende Direktheit auf, oft gepaart mit einem ehrlichen Blick auf die eigene Familiengeschichte. Sie selbst hat keine Kinder, nur einen vierjährigen Großneffen, der Enkelsohn ihres Bruders. Der Junge liebt ebenfalls Bären, und wollte bei Besuchen zunächst, obwohl die Bärenauswahl groß ist, nur mit dem in die Jahre gekommenen und weit gereisten Teddy spielen. „Da hat ihm meine Nichte sehr geschickt gesagt, der Bär sei ein Opa und brauche viel Pflege. Seitdem heißt er nur Opa-Teddy und wird von dem Jungen sehr pfleglich behandelt.“ Niemals würde sich Stefanie Zweig von diesem Bären trennen, mehr noch: „Für kein Geld der Welt würde ich ihn verkaufen, er ist ohnehin nichts wert, aber er ist der Einzige, der hier in Frankfurt noch meine Kindheit mit mir teilt.“ (jf)