Typisch Hessisch
Typisch Hessisch

Hessen hat vor einer Weile seinen 70. Geburtstag gefeiert. Seinen Namen verdankt das Bundesland den germanischen Chatten, die einst im heutigen Nord- und Mittelhessen siedelten. Heute leben die meisten Hessen in der Rhein-Main-Region. Gibt es aber etwas, das alle Bewohner des Bundeslandes gemeinsam haben? Von Sabine Börchers

Hessen ist der Mittelpunkt Deutschlands. Klar, werden viele jetzt denken, Bescheidenheit ist nicht gerade eine typische Eigenart seiner Bewohner. Aber in diesem Punkt können sie Fakten vorweisen. Zieht man eine Linie vom nördlichsten zum südlichsten Punkt der Republik und vom westlichsten zum östlichsten, ergibt sich ein Schnittpunkt etwa bei Kassel. Und wäre nicht der Rheinländer Konrad Adenauer nach dem Zweiten Weltkrieg Bundeskanzler gewesen, dann wäre das hessische Frankfurt Regierungssitz der neu gegründeten Bundesrepublik geworden, ganz in der Tradition der ersten deutschen Nationalversammlung 1848 in der Paulskirche.

Der Plenarsaal für das Parlament war schon gebaut und ist heute als Goldhalle Teil des Funkhauses des Hessischen Rundfunks. So begnügt sich Frankfurt heute damit, wahlweise Titel wie Weltstadt, europäisches Finanzzentrum, Kulturmetropole, Tor zur Welt oder Hauptstadt des Verbrechens zu tragen.

Aber Frankfurt ist natürlich nicht Hessen. Das Land zwischen Bergstraße und den Kasseler Bergen, zwischen Sauerland und der ehemaligen Zonengrenze ist so viel mehr. Die Bandbreite reicht von den Wolkenkratzern am Main bis zu den vielen bis zu 800 Jahre alten Fachwerk-Ensembles, die die Städte und Dörfer prägen und ihnen historischen Charme verleihen. Der Hessische Rundfunk spricht sogar vom „Fachwerkland Hessen“.

Vielfalt als Stärke

Dabei haben die großen Städte ebenfalls einiges zu bieten. Die Landeshauptstadt Wiesbaden, immerhin zweitgrößte Stadt, ist eine der wohlhabendsten in Deutschland. Aus der Zeit, als sie im 19. Jahrhundert internationale Kurstadt wurde, stammen die vielen repräsentativen Bauten rund um das Kurhaus und das Hessische Staatstheater, die heute noch für mondänes Flair sorgen. Selbst der Landtag residiert im ehemaligen Stadtschloss. Europas Tor zum Weltraum steht dafür mit dem Europäischen Raumflugkontrollzentrum in Darmstadt – übrigens auch die einzige deutsche Stadt, nach der ein Element benannt wurde: Darmstadtium, abgekürzt Ds, das 1994 dort erstmals künstlich hergestellt wurde und zur Nickelgruppe gehört.

„Das Typische an Hessen ist eben, dass es nichts Typisches gibt außer der Vielfalt.“ - Jörg Bombach
„Das Typische an Hessen ist eben, dass es nichts Typisches gibt außer der Vielfalt.“ – Jörg Bombach

Kassel dagegen wird mit der documenta alle fünf Jahre zur Hauptstadt der Kunstwelt. Und Hanau ist die Geburtsstadt der Gebrüder Grimm, deren Märchensammlung zu den bekanntesten Büchern weltweit gehört und in rund 170 Sprachen übersetzt wurde.

„Das Typische an Hessen ist eben, dass es nichts Typisches gibt außer der Vielfalt“, sagt Jörg Bombach, der es wissen muss, nicht nur, weil er gebürtiger Hesse ist, sondern auch jeden Sonntagabend im „Hessenquiz“ des hr-Fernsehens die Kandidaten zu den Besonderheiten des Bundeslandes befragt. Er betrachte die Vielfalt des Landes als große Stärke, fügt er gleich noch hinzu und denkt damit nicht nur an die abwechslungsreiche Landschaft.

Superlative en gros

Von den Kasseler Bergen bis zum Odenwald und zur Bergstraße, vom Westerwald bis zum Biosphärenreservat Rhön hat Hessen viel Grün und etliche Naturschutzgebiete zu bieten. Im nördlichen Teil sind noch immer weite Landstriche mit Wald bedeckt. Insgesamt ist Hessen, auch wenn es sehr dicht besiedelt ist, das waldreichste Bundesland.

Der Edersee gehört zu den größten Stauseen Europas
Der Edersee gehört zu den größten Stauseen Europas

Die Landwirtschaft ist ebenfalls stark. Rund 17.000 solcher Betriebe gibt es in Hessen. Mit 12 Prozent ökologisch bewirtschafteter Nutzfläche und elf Prozent Ökobetrieben liegt es sogar an der Spitze der Bundesländer. Und noch ein paar Superlative: Der Edersee gehört mit seinen 27 Kilometern Länge und fast 12 Quadratkilometern Wasseroberfläche zu den größten Stauseen Europas.

„Ich liebe Handkäs’ und Äppelwoi, ich wüsste nicht, wie ich überleben sollte ohne diese Dinge“ - Henni Nachtsheim
„Ich liebe Handkäs’ und Äppelwoi, ich wüsste nicht, wie ich überleben sollte ohne diese Dinge“ – Henni Nachtsheim

Und der Vogelsberg ist immerhin der größte erloschene Vulkan Europas. Doch solche nackten Zahlen bedeuten den Menschen vermutlich wenig, die Hessen sind vielmehr emotional mit ihrem Land verbunden: „Ich bin vor allem leidenschaftliche Frankfurterin, ich liebe diese Stadt“, stellt die Moderatorin und Wahlhessin Jule Gölsdorf fest und hebt das Großstadtfeeling hervor, die Internationalität, die Gegensätze, die Kultur und – besonders wichtig für sie als Krimiautorin – die Buchmesse vor der Haustür.

„Auch wenn ich jetzt alle Klischees bediene, Hessen hat wahnsinnig schöne Ecken und beschauliche Orte etwa im Odenwald, Taunus, in der Wetterau“, schwärmt dagegen einer der Vorzeige-Hessen, der Musiker und Komiker Henni Nachtsheim. Mit mehreren 1.000 Auftritten, die er in seiner Karriere im Bundesland bereits absolvierte, kennt er wohl die meisten davon.

Humor & Hymnen

Heinz Schenk wurde einem Millionenpublikum durch seine Fernsehshow "Zum Blauen Bock" bekannt, die er bis 1987 moderierte.
Heinz Schenk wurde einem Millionenpublikum durch seine Fernsehshow „Zum Blauen Bock“ bekannt, die er bis 1987 moderierte.

Dass Hessen und sein eher trocken-selbstironischer Humor bundesweit bekannt sind, hat das Land nach Wolf Schmidt mit seiner Hesselbach-Serie aus den 1960er Jahren und Heinz Schenks „Blauem Bock“ vor allem Protagonisten wie Nachtsheim und seinem Badesalz-Partner Gert Knebel, aber auch der Band „Rodgau Monotones“ zu verdanken, die schon 1984 warnten: „Erbarme, die Hesse komme“.

Das Lied wurde zur Hessen-Hymne, auch wenn eigentlich das „Hessenlied“ von Albrecht Brede seit 1919 offizielles Staatssymbol ist. Statt der Zeilen „Ich grüß’ dich, du Heimat, du herrliches Land. Herz Deutschlands, mein blühendes Hessenland“ singen die Hessen aber offensichtlich lieber: „Unser David Bowie heißt Heinz Schenk“ und „Un de Hipp un de Hopp un de Schoppe in de Kopp“.

„Ich bin vor allem leidenschaftliche Frankfurterin, ich liebe diese Stadt.“ - Jule Gölsdorf
„Ich bin vor allem leidenschaftliche Frankfurterin, ich liebe diese Stadt.“ – Jule Gölsdorf

Für „Eigeplackte“, hochdeutsch Zugezogene, ist denn auch das hessische Gebabbel das, was sie vor allem mit dem Bundesland verbinden. „Nach 15 Jahren in Frankfurt erwische ich mich selbst dabei – Kollegen und Freunde lachen sich dann immer kaputt“, erzählt Jule Gölsdorf, die gebürtig aus Hannover stammt. Dabei gibt es ja nicht einmal bei der Sprache ein typisches Hessisch.

„Ein Odenwälder wird in Frankfurt oder Kassel kaum verstanden. Solch krasse Unterschiede gibt es in keinem anderen Bundesland“, stellt Frank Lehmann dazu fest. Der Börsenjournalist ist zwar gebürtiger Berliner, liebt und bewahrt aber die hessische Mundart und fühlt sich sauwohl in „seinem Hessen“, auch wenn es eine Liebe auf den zweiten Blick gewesen sei. Neben dem städtischen Schnellsprecher und -denker schätzt er auch den wortkargen Mittel- und Nordhessen. „Dinge auf den Punkt bringen, ohne diese auszusprechen. Das is’ ’ne Kunst.“

Handkäs’-Land

Für Henni Nachtsheim ist es die schnodderige Herzlichkeit, die die Hessen auszeichnet und die er in seinen Bühnenprogrammen immer wieder gerne auf die Spitze treibt. „Schneller reden, als zu denken, das ist typisch und unterscheidet uns von vielen anderen Bundesländern.“ Was er an seiner Heimat besonders liebt? Da muss er nicht lange nachdenken: „Die hessische Küche. Ich liebe Handkäs’ und Äppelwoi, ich wüsste nicht, wie ich überleben sollte, ohne diese Dinge.“

Buch-Tipp

Original Hessisch - The Best of Hessian Food
  • Angela Francisca Endress, Barbara Nickerson
  • Publisher: Hädecke Verlag
  • Edition no. 4 (27.05.2019)

Dabei sind diese Spezialitäten auch nicht typisch hessisch, selbst wenn Frank Lehmann in einem alten Lexikon folgende Definition gefunden hat: „Hessen, ein kleines hässliches Volk am Rande der Rhön, das sich in Kartoffelsäcke kleidet und Wein aus sauren Äpfeln säuft.“ Der Apfelwein wird zwar im Rhein-Main-Gebiet getrunken. Rund um Kassel ist das Gerippte, in dem er traditionell serviert wird, dagegen weitgehend unbekannt. Die Apfelweingrenze, quasi das flüssige Pendant zum Weißwurstäquator, soll irgendwo zwischen Marburg und Kassel verlaufen.

Etwas typischer für das Bundesland ist da schon der Handkäs’, auch wenn er früher in vielen weiteren Regionen gegessen wurde. Heute ist der „Hessische Handkäs’“, der „mit Musik“, also einer Marinade aus Essig, Öl, Zwiebeln, Pfeffer und Salz serviert wird, von der EU geschützt und muss in Hessen hergestellt sein. Die Hochburg der heutigen Handkäs’-Herstellung liegt in Hüttenberg bei Gießen, von dort aus werden die Apfelwein-Wirtschaften in Sachsenhausen beliefert, aber auch im gesamten Rhein-Main-Gebiet.

Elvis & Co.

Die Vielfalt des Bundeslandes, die sich selbst in den Spezialitäten zeigt, ist auch ein Erbe der Geschichte. Die Landgrafschaft Hessen, die einst bis an Rhein und Neckar reichte, wurde im 16. Jahrhundert auf vier Söhne aufgeteilt. Es entstand die Trennung in Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt, die beinahe vierhundert Jahre anhalten sollte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete schließlich die amerikanische Militärregierung das Land Groß-Hessen mit der Hauptstadt Wiesbaden. Das linksrheinische Rheinhessen und Gebiete des Westerwalds wurden Teil der französischen Besatzungszone und später Rheinland-Pfalz zugeschlagen. Am 1. Dezember 1946 trat die Hessische Verfassung durch Volksabstimmung in Kraft und war damit die erste Nachkriegsverfassung Deutschlands. Seitdem trägt das Land den rot-weißen Löwen auf blauem Grund.

Elvis Presley als GI in Bad Nauheim
Elvis Presley als GI in Bad Nauheim

Den US-Besatzern hat Hessen auch zu verdanken, dass es immer schon etwas amerikanischer war als andere Bundesländer. Schließlich war sogar Elvis Presley als GI in Bad Nauheim stationiert und lernte dort seine spätere Frau Priscilla kennen.

Berühmte Hessen gab und gibt es aber viele, allen voran Frankfurts größter Sohn Johann Wolfgang Goethe, der seine Heimatstadt allerdings mit 26 Jahren verließ und nie zurückkehrte.

Als Tor zur Welt nutzten auch die Formel 1-Größen Sebastian Vettel aus Heppenheim und Nico Rosberg aus Wiesbaden, der Gießener Schauspieler Til Schweiger oder die Modefotografin Ellen von Unwerth, die in Frankfurt geboren wurde, das Hessenland.

Musikalisch hat die Mainmetropole den Techno mitbegründet und DJ-Größen wie Sven Väth hervorgebracht. Aber auch Frank Farian, der Erfinder von Boney M. und Milli Vanilli, begründete den Erfolg dieser Bands im heimischen Studio in Rosbach vor der Höhe. Bei so vielen hessischen Botschaftern in der Welt ist es erstaunlich, dass sich das Vorurteil immer noch hält, die Hessen hätten eine große Klappe und seien nicht eben freundlich. Die Hiergebliebenen nehmen das allerdings gelassen und sich selbst nicht so ernst. Das wenigstens ist typisch hessisch.


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