Mit seiner Verfilmung des Günter Grass-Romans „Die Blechtrommel“ gewann er einen Oscar – nach dem zweiten Weltkrieg war es der erste für eine deutsche Filmproduktion. Bis heute zählt Volker Schlöndorff zu den international angesehensten und erfolgreichsten Regisseuren, die Deutschland hervorgebracht hat. Mit Top Magazin Frankfurt sprach er über seinen jüngsten Film, seine besondere Verbindung zu Frankfurt und seine Sicht auf die eigene Vergangenheit.
Text: Johanna Müdicken, Foto: Michael Hohmann

Mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht begrüßt uns Volker Schlöndorff, als wir ihn in den Räumen des Hessischen Rundfunks zum Gespräch treffen. Ein zweistündiges Radiointerview liegt da bereits hinter ihm. Ob es für uns in Ordnung wäre, wenn wir zum Gespräch nach draußen gingen, fragt er – um ein bisschen frische Luft zu schnappen. „Aber nur, wenn es Ihnen nicht zu kalt ist?“, fügt er noch höflich hinzu. Sympathisch, zuvorkommend, am Boden geblieben wirkt der Mann, der zu den bedeutendsten Regisseuren des Deutschen Films zählt.

Volker Schlöndorff in der Goldhalle des hr-Sendesaals
Volker Schlöndorff in der Goldhalle des hr-Sendesaals

Draußen angelangt, zündet sich Volker Schlöndorff einen Zigarillo an, und beginnt zu erzählen. Von seiner Verbundenheit zu Frankfurt, in das ihn in dieser Woche die Promotion für sein neuestes Werk geführt hat. „Rückkehr nach Montauk“ heißt der Film, mit dem er nach 17 Jahren erstmals wieder im Wettbewerb der Berlinale vertreten war.

Am Tag zuvor hat er ihn im Deutschen Filmmuseum vorgestellt. In dessen Archiv befindet sich auch die Werkssammlung des Regisseurs, die er laufend ergänzt – enthalten ist hier alles von Notizbüchern, über Skripte bis hin zu Requisiten wie der originalen Blechtrommel aus seinem gleichnamigen Film. „Da stand ich gestern, am Schaumainkai, mit Blick auf die Oper auf der gegenüberliegenden Seite – meine beiden Pole hier in Frankfurt“, berichtet Schlöndorff. In den 1970er Jahren arbeitete er in Frankfurt als Opern-Regisseur, inszenierte unter anderem „Katja Kabánova“ von Leoš Janáček.

Aufgewachsen ist Schlöndorff nicht unweit der Mainmetropole, in Schlangenbad bei Wiesbaden. Er komme nicht mehr oft dorthin zurück, das brauche er auch nicht. Denn seine Heimat trage er immer bei sich: „Das sind meine Wurzeln – das ändert sich nicht. Das ist etwas, das stetig bleibt.“ Ab und an besuche er noch das Grab seiner Eltern in Schlangenbad, auch er selbst wolle hier einmal seine letzte Ruhe finden, erzählt er.

„Am liebsten im Wald, dann unterhalte ich mich mit den Vögeln auf den Bäumen. Und besuchen muss mich so dann auch niemand, das ist weit weg von allem.“ Über den Tod spricht Volker Schlöndorff mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit, er musste sich schon früh mit ihm auseinandersetzen. Fünf Jahre war er alt, als seine Mutter bei einem Küchenbrand in der eigenen Wohnung ums Leben kam. Vielleicht war auch dies ein Grund, warum es ihn nicht lange in dieser kleinen Stadt im Taunus hielt.

Schon früh führte den gebürtigen Hessen ein Schüleraustausch nach Frankreich. Anstatt der vorgesehenen zwei Monate blieb er gleich zehn Jahre lang, hier sollten sich die Weichen für seine Karriere stellen. Im Zuge seines Studiums am Institut des „Hautes Etudes Cinématographiques“ in Paris knüpft er Kontakte mit einigen der zentralen Protagonisten der sich formierenden Nouvelle Vague; jener Filmrichtung, die sich gegen die konventionelle und etablierte Art des Filmemachens stellte.

Günter Grass mit Volker Schlöndorff und David Bennent (li.) auf dem Set für 'Die Blechtrommel'
Günter Grass mit Volker Schlöndorff und David Bennent (li.) auf dem Set für ‚Die Blechtrommel‘

Seine Arbeit als Regieassistent, unter anderem bei Louis Malle, Jean-Pierre Melville und Alain Resnais, ebnet seinen Weg ins Filmbusiness. Im Jahr 1966 und zurück in Deutschland entsteht „Der junge Törless“, eine Roman-Adaption Robert Musils und Schlöndorffs erster Film unter eigener Regie. Es folgen diverse weitere erfolgreiche Filmproduktionen, den Fokus seiner Arbeit bilden die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus sowie zahlreiche Literaturverfilmungen. Literatur und Film – für Völker Schlöndorff sind diese beiden Komponenten unabdingbar miteinander verwoben.

„Lese ich Literatur, sehe ich zugleich immer auch einen Film“, erklärt er. Marcel Proust, Heinrich Böll, Berthold Brecht – Volker Schlöndorff nimmt sich einigen der bedeutendsten deutschen Autoren an und macht den Inhalt ihrer Bücher einem breiten Publikum zugänglich. Die Verfilmung von Günther Grass’ „Die Blechtrommel“ beschert ihm schließlich nicht nur die goldene Palme sowie den Oscar, sondern trägt auch einen beachtlichen Anteil daran, dass der deutsche Film auch international Anerkennung erfährt.

„Man wird immer dünnhäutiger.“

Zudem öffnen sich für Volker Schlöndorff mit diesem Film die Türen zu Hollywood. Etwas, das den meisten seiner deutschen Kollegen verwehrt bleibt. Für einige Jahre liegt sein Wohnsitz in New York, in dieser Zeit dreht er unter anderem mit Schauspiel-Größen wie Holly Hunter und Dustin Hoffman.

Trotz allen Erfolges – nicht immer stoßen seine Filme bei Kritikern und Cineasten nur auf positive Resonanz. So muss Volker Schlöndorff etwa im Anschluss an die Verfilmung des Werks „Homo Faber“ von Max Frisch auch mit einiger negativer Kritik umgehen. Die gehe auch an ihm nicht einfach so vorbei: „Kritik tut immer weh, Erfahrung nützt da gar nichts. Im Gegenteil, man wird immer dünnhäutiger.“ Es sei ein vergänglicher Schmerz, der mit der Kritik an seiner Arbeit einhergehe, erklärt der Regisseur und es wird deutlich: Trotz seiner großen Erfolge ist auch der Großmeister des deutschen Films nicht gefeit vor Selbstzweifeln.

Sehr selbstkritisch sei er in dieser Hinsicht, führt er weiter aus. „Wenn mein Film beim Publikum nicht ankommt fühle ich mich nicht als verkanntes Genie. Ich frage mich stattdessen: Wieso konnte das, was mir selbst so wichtig ist, andere nicht überzeugen? Habe ich nicht verstanden, mich richtig auszudrücken?“

„Ich kann eigentlich gar nicht mehr verstehen, dass ich so viele historische Filme gemacht habe.“

Lange habe er sich in gewisser Weise hinter großen Schriftstellern oder der Historie versteckt, eine Art Schutzmechanismus entwickelt, gibt Schlöndorff zu. „Jetzt bin ich es langsam leid, mich mit historischen Kostümen und Kutschen zu beschäftigen. Da geht so viel Energie verloren, für etwas, das nur Beiwerk ist. Ich kann eigentlich gar nicht mehr verstehen, dass ich so viele historische Filme gemacht habe“, gesteht er lachend. Persönliche Erlebnisse fanden lange keinen Platz in seinen Arbeiten. „Jetzt denke ich: Dein erster Film spielte im Internat, warum hast du denn nicht deine eigenen Internatserlebnisse zum Film gemacht?

Schlöndorff hält kurz Inne, bevor er nach einer kurzen Pause selbst die Antwort auf seine Frage gibt: „Ich habe meinen eigenen Geschichten nicht vertraut.“ Mit seinem jüngsten Werk „Rückkehr nach Montauk“ tut er dies nun, mit 78 Jahren, doch noch.

Volker Schlöndorff, Isioma Laborde Edozien, Nina Hoss und Stellan Skarskard bei den Dreharbeiten zu ‚Rückkehr nach Montauk‘

Die Handlung: Der Schriftsteller Max Zorn, gespielt von Stellan Skarsgård, kehrt nach vielen Jahren für eine Lesung seines neuesten Werks nach New York zurück, sein Buch handelt von einer großen Liebe, die er verlassen hat und die er nie vergessen konnte. Wie sich herausstellt, ist dies zugleich die eigene Geschichte des Autors. Anstatt Zeit mit seiner Freundin zu verbringen, sucht Max erneut die Nähe ebendieser Frau – im Film verkörpert von Nina Hoss – aus seinem Roman. Ein gemeinsamer Ausflug in den windumtosten Küstenort Montauk führt sie zurück an jenen Ort, an dem sie einst zusammen glücklich waren.

Es ist ein Film über verpasste Chancen, über die verklärte Sicht auf Vergangenes und über die große Frage: Wie hätte mein Leben verlaufen können, hätte ich einst eine andere Entscheidung getroffen? „Man kommt nicht umhin, wenn man auf sein Leben zurückblickt, festzustellen: Alles hast du nicht richtig gemacht. Da gibt es viel versäumtes Leben, verkorkstes Leben. Dem muss man sich manchmal stellen“, erzählt Volker Schlöndorff nachdenklich.

Die „Rückkehr nach Montauk“ kann durchaus als eine Rückkehr in seine eigene Vergangenheit aufgefasst werden. Denn nicht nur handelt es sich bei dem Film um eine Hommage an die Erzählung „Montauk“ seines guten Freundes Max Frisch, der in dieser von dessen Beziehung zu Ingeborg Bachmann berichtet. Viel mehr verarbeitet Schlöndorff hier seine eigene Vergangenheit und die Geschichte einer großen Liebe, die kein Happy End kannte. „Viele Situationen und Dialoge des Films sind genau so, wie ich sie erlebt habe. Nur habe ich sie nicht in Montauk erlebt“, erklärt Schlöndorff, der die Geschichte seiner großen Liebe bereits in seinen Memoiren niederschrieb. Dort berichtet er von einer jungen Frau, die er in New York kennen lernt und in die er sich verliebt.

Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits mit der Regisseurin Margarethe von Trotta verheiratet, er kann sich nicht zwischen diesen zwei Frauen entscheiden. Das alles ist bereits dreißig Jahre her, heute lebt der Regisseur mit der Filmcutterin Angelika Gruber in zweiter Ehe. Und dennoch: Es scheint, als habe ihn dieses Kapitel seines Lebens lange nicht losgelassen.

„Von jetzt ab nur noch Gegenwart. Ich finde, die ist aufregend genug.“

„Es ist ja im Grunde ganz simpel. Was wir damals getan haben, ist auch das, was wir wollten. Doch genau das macht es so schwer. Wenn wir zurückblicken, dann denken wir: Verflucht, warum konnte ich nicht anders?“, sinniert er. Sich nun filmisch damit auseinanderzusetzen, habe ihm geholfen, damit umzugehen. „Ich habe das Gefühl, ich habe es erst jetzt richtig hinter mir.“

Am Ende unseres Gesprächs steht schließlich die Frage nach dem nächsten Filmprojekt. Volker Schlöndorff lächelt, bevor er bekennt, dass er eigentlich auch nichts dagegen habe, mal ein Jahr lang gar nichts zu machen. Er wolle warten, bis etwas auf ihn zukomme. Womit sich sein nächster Film beschäftigen soll, dessen ist er sich aber schon jetzt sicher: „Von jetzt ab nur noch Gegenwart. Ich finde, die ist aufregend genug.“


Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Print-Ausgabe. Sie wollen schneller informiert sein? Hier können Sie ein Abonnement abschließen.