Wenn Klaus Maria Brandauer vorliest, ist im Saal kein noch so leises Hüsteln oder Räuspern zu hören. Obwohl, vorlesen kann man es kaum nennen, was der Schauspieler da macht. Er spielt die Sätze und macht sie lebendig, er spricht mal mit hoher Stimme, mal ganz tief, je nach Stimmung. Diesmal sind es die Sätze Goethes, die der österreichische Mime, der in Deutschland ebenso geschätzt wird wie in Hollywood, interpretiert. Schließlich liest er zur Feier des 100-jährigen Bestehens der Goethe-Universität in Frankfurt. Den „Faust“ liebe er, seit er denken könne, erzählt er dabei und kann nicht begreifen, dass Menschen dazu keinen Zugang fänden. „Der Text ist unglaublich modern und geht uns nach wie vor alle an. Es ist ein universeller Mythos. In ihm spiegelt sich eine besondere Facette unseres Daseins, das Nachfragen, das Sich nicht zufrieden geben – manchmal auf eine sehr deutsche Weise.“

Arroganz & Charme

Klaus Maria Brandauer
Klaus Maria Brandauer

Dass Goethes Geburtshaus nicht sehr weit von seinem aktuellen Auftrittsort entfernt ist, nimmt Brandauer dabei interessiert zur Kenntnis. Dass er bei der Lesung auf dem Universitäts-Campus am Schreibtisch des berühmten Sozialphilosophen der Frankfurter Schule, Max Horkheimer, sitzen darf, scheint ihn durchaus zu beeindrucken. „Das ist ja unglaublich, wie kann ich dieses Glück rechtfertigen“, springt er plötzlich auf. Nun ist die Ironie im Tonfall deutlich zu spüren. Und der Zuhörer begreift, dass zwischen dem Menschen und dem Schauspieler Brandauer, der lächelnd sagt, was die anderen hören wollen, manchmal nur ein Atemzug liegen kann. Daher kommt es wohl auch, dass ihn die einen wegen seiner angeblichen Arroganz verteufeln und die anderen ihn für seinen Charme lieben. Er polarisiert, als Mensch wie in seinen Filmen, in denen er den exzentrischen Schauspieler Hendrik Höfgen in „Mephisto“ oder den zwielichtigen Wahrsager Adolf Hitlers in „Hanussen“ ebenso gekonnt darstellt, wie kürzlich einen an Alzheimer erkrankten Kunsthistoriker in „Die Auslöschung“.

In seiner Heimat kennt er jeden

Im heimischen Bad Aussee in der Steiermark, wo er seit vielen Jahren lebt, muss sich Klaus Maria Brandauer, der eigentlich mit Nachnamen Steng heißt, nicht verstellen. „Dort gehöre ich dazu, jeder kennt mich und ich kenne jeden. Ich bin dankbar, dass ich weiß, wo ich hingehöre“, stellt er fest. Umso mehr könne er dann auch den Sonnenaufgang vor der Skyline in Manhattan genießen, wo er mit seiner zweiten Frau Natalie immer mal wieder lebt. Ebenso wie in Wien. Dort stand der Burgschauspieler als Ensemblemitglied wiederholt auf der Bühne und lehrt zugleich als Professor am Max-Reinhardt-Seminar. Seine Mutter, die mit Mädchennamen Brandauer hieß, habe das leider nicht mehr erlebt. „Sie hätte sich darüber gefreut“, sagt er.

„Die Hessen haben Witz“

Frankfurt ist ihm als Stadt sympathisch, stellt er fest. Die Hessen hätten durchaus Witz. Und statt der Bankentürme sind ihm hauptsächlich die Parks und Grünflächen im Gedächtnis geblieben. Denn in Frankfurt hat er langjährige Freunde. Wie zum Beispiel Mati Kranz, den Repräsentanten der Universität Tel Aviv in Deutschland, mit dem er regelmäßig telefoniert und den er seit 20 Jahren immer wieder mal besucht. Kranz habe ihm in einer schweren Phase seines Lebens beigestanden, erzählte er vor einiger Zeit bei einer Feier für den Freund. An der Universität Tel Aviv richtete Brandauer daraufhin einen Lehrstuhl auf den Namen seiner an Krebs verstorbenen ersten Frau Karin ein. Mit der eigenen Vergänglichkeit beschäftigt sich der Schauspieler dagegen offenbar nur ungern. Er spricht von sich als 70-Jährigem, bald 71-Jährigem, als könne er mit der Zahl nichts anfangen. Wer den energiegeladenen Mann mit grauem Haar und grauem Bart auf der Bühne agieren sieht, kann das verstehen. Über neue Projekte will er auch nicht sprechen. Er erinnert lieber an die Auszeichnung für den Fernsehfilm „Die Auslöschung“, die er gerade beim 54. Fernsehfestival in Monte Carlo entgegennehmen konnte. Er habe immer Sachen gemacht, die ihn interessiert hätten, fügt er hinzu, „es sei denn, es war gar nichts zu essen auf dem Tisch.“