Er schenkte der Frau den Damen- Smoking und den zeitlosen Belle de Jour-Look von Catherine Deneuve. Er war ein Künstler und liebte die Kunst: Yves Saint Laurent. Ein verspäteter Nachruf auf den Mann, der Mondrian, Matisse und Picasso in seine Entwürfe einfließen ließ und damit Couture-und Kunstgeschichte schrieb. Von Natalie Rosini

Er lebte in der Pariser Rue Babylone, Hausnummer 55, umgeben von Gemälden und Objekten von Matisse, Mondrian, Cézanne, Picasso. Die Kunst war sein Leben, seine Inspiration. War es der unbezähmbare Drang, etwas Neues zu schaffen? Die Suche nach der Wahrheit? Nach sich selbst? Der Drang, etwas von Wert zu erschaffen? Das Streben nach Anmut? Waren es diese Dinge, die Yves Saint Laurent mit den Künstlern seiner Zeit und den alten Meistern verbanden? Mit Sicherheit. Doch vor allem eins machte ihn zum wohl bedeutendsten Modeschöpfer aller Zeiten und damit zum Künstler der Couture: die kompromisslose Hingabe, die seine Entwürfe prägte…

Kunst. Aber sie braucht für ihren Fortbestand einen Künstler“, sagte Yves Saint Laurent einmal und brachte damit auf den Punkt, was viele Kritiker an der heutigen Mode bemängeln: Selbstverständlich gibt es Ausnahmen, doch im Grunde ist das, was wir heute bei den Schauen in Paris, Mailand, New York sehen, einzig und allein auf den kommerziellen Erfolg zugeschnitten. Experimentell, mutig, wegweisend, bahnbrechend – diese Attribute scheinen der Couture, deren Farben und Schnitte sogleich den Weg in die Kollektionen großer Bekleidungshäuser von H&M bis Zara finden, abhandengekommen zu sein. Nicht umsonst sagte Yves Saint Laurent einmal im Interview: „Ford? Ach, er bemüht sich. Der Arme.“ Auch in der Kunst finden sich längst Parallelen: Werke von Damien Hirst oder Jeff Koons erzielen bei Auktionen utopische Summen, die Künstler selbst, ohne ihnen ihre Genialität absprechen zu wollen, werden durch geschickte Marketingstrategen und findige Sammler zu Superstars stilisiert.

Das wäre so gar nicht im Sinne eines Yves Saint Laurent. Er verehrte die Kunst als etwas Erhabenes. Sicher war er kein Kostverächter, was den kommerziellen Erfolg betraf, der ihm im Endeffekt eine der legendärsten privaten Kunstsammlungen aller Zeiten ermöglichte, doch die Ernsthaftigkeit und Liebe zu seinem Metier ließen keine Kompromisse zu, wenn es darum ging, die Welt ein wenig schöner zu machen. Umso passender der Ausspruch: „Frauen, die jede Modeschöpfung zuerst tragen wollen, sind meistens jene, die es bleiben lassen sollten.“ Denn: „Moden kommen und gehen. Stil ist unvergänglich.“

Die Mode hat nicht ganz den Rang von Kunst. Aber sie braucht für ihren Fortbestand einen Künstler.

Yves Saint Laurent wollte bewegen. So wie es die Künstler taten, die er verehrte. 1961 eröffnet er mit seinem Lebensgefährten Pierre Bergé ein eigenes Couture-Haus und feiert 1963 seinen Durchbruch mit der so genannten Op-Art-Mode à la Piet Mondrian, in der die geometrische Flächenaufteilung des Malers für seine Designs verwendete. Und auch Pop-Art-Muster, Picassos Kubismus und die farbgewaltigen Kompositionen von Matisse fanden Einzug in Schnitte, Farbgebung und Verarbeitung der zeitlosen Mode von Yves Saint Laurent. (nr)
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Die Fondation Pierre Bergé

Die kunstvollen Haute-Couture-Modelle von Yves Saint Laurent stammen aus der Sammlung der Fondation Pierre Bergé – Yves Saint Laurent. Der Modedesigner hatte diese Stiftung 2004 zusammen mit seinem Lebensgefährten gegründet. Ihr Fundus umfasst rund 5.000 Kleider, 15.000 Accessoires und unzählige Zeichnungen des Modekünstlers. Vom 11. Oktober 2012 bis 27. Januar 2013 zeigt die Fondation „Du côté de chez Jacques-Émile Blanche – Un salon à la Belle Époque“. Die Ausstellung zeigt die legendären Portraits des Malers (1861-1942), unter anderem von Proust, Gide, Rodin, Cocteau und Debussy.
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