109 Konsulate gibt es in Hessen. Das Rhein-Main-Gebiet ist einer der größten Standorte diplomatischer Vertretungen in Deutschland. 52 Berufskonsuln repräsentieren als Beamte des auswärtigen Dienstes ihre jeweiligen Länder. Dazu kommen 57 Honorarkonsuln, die diese ehrenamtlich vertreten. In einer Serie wollen wir sie vorstellen, so wie Bernd O. Ludwig, Vertreter von Saint Lucia und dienstältester Honorarkonsul in Hessen. Von Sabine Börchers

Honorarkonsul Bernd O. Ludwig
Honorarkonsul Bernd O. Ludwig

An seinem Privathaus in Bad Homburg hängt ein schlichtes Messingschild mit der Aufschrift Honorarkonsulat Saint Lucia. Drinnen hat Bernd O. Ludwig ein kleines Büro eingerichtet, in dem die hellblaue Flagge mit dem schwarz-gelben Dreieck des karibischen Landes steht. Was nach einem eher unscheinbaren Standort klingt, ist die einzige diplomatische Vertretung des Inselstaates in Deutschland. „Anders als für die meisten anderen Länder gibt es in der Bundesrepublik keine Botschaft und kein Generalkonsulat von Saint Lucia. Ich bin für das gesamte Bundesgebiet zuständig“, erläutert Bernd O. Ludwig. Da Saint Lucia zum Commonwealth of Nations gehöre, arbeite er eng mit der High Commission in London zusammen, die die Administration und die Aufgaben der Botschaft übernehme. Der gebürtige Dresdner Bernd O. Ludwig war hauptberuflich Hoteldirektor und zuletzt Pächter des Hotels Jagdschloss Kranichstein in Darmstadt, das er 2013 aufgeben musste. Fast ebenso lang wie seine berufliche Karriere ist seine Amtszeit als Honorarkonsul. Seit Juni 1981 vertritt der 74-Jährige das gerade mal 600 Quadratkilometer große Saint Lucia – eine ehrenamtliche Aufgabe, die richtig Arbeit macht.

Ansprechpartner für alle Saint Lucianer

„Ich bin Ansprechpartner für alle Saint Lucianer in Deutschland, das sind zwischen 80 und 100“, sagt Ludwig. Viele seien bei der britischen Armee und lebten im norddeutschen Raum. Der Konsul ist gefragt, wenn diese einen Pass benötigen oder wenn sie heiraten möchten. Er beschafft Unterlagen oder leitet entsprechende Anträge nach London weiter. „Viele Saint Lucianer wollen Deutsche werden. Ich habe acht bis zehn Anträge pro Jahr und kümmere mich darum, dass sie ihre aktuelle Staatsbürgerschaft abgeben können.“ Es könne durchaus mal sechs Monate dauern, die Unterlagen zu besorgen, da die Kariben nicht die schnellsten seien, berichtet er. Zudem habe sich seit den Terroranschlägen in den USA im Jahr 2001 die bürokratische Welt verändert. „Jeder hat Angst, dass jemand einen Pass oder ein Visum unrechtmäßig bekommt, weil das ein großes Geschäft im Terrorismus ist.“ Zu seinen Aufgaben als Honorarkonsul zählen auch repräsentative Verpf lichtungen. So wird Ludwig regelmäßig zu Neujahrsempfängen oder anderen großen Anlässen des jeweiligen Konsularcorps auch mal nach Hamburg, Erfurt oder Stuttgart eingeladen. Ist ein ranghoher Politiker Saint Lucias in Berlin zu Gast, versucht er ebenfalls vor Ort zu sein. In Hessen ist er nach 34 Dienstjahren seit einiger Zeit der Rangälteste unter seinen Kollegen. Der entsprechende Vertreter der Berufskonsuln übernimmt traditionell die Rolle des Doyen, was übersetzt nichts anderes als Ältester heißt. Ludwig ist daher seit einem Jahr Vizedoyen. „Ich habe auch da Repräsentationspflichten und vertrete den Doyen bei offiziellen Anlässen“, erläutert der Diplomat. Den Kontakt zu Unternehmen, die in Saint Lucia investieren möchten, pflegt er ebenfalls. Auch für sie kann er vor Ort die eine oder andere Tür öffnen. Diese Aufgabe hat eine lange Tradition. Schon der Begriff Konsul ist abgeleitet vom lateinischen Titel der höchsten römischen Staatsbeamten und bedeutet übersetzt Berater. Ursprünglich wurde der Honorarkonsul oft als Handelskonsul bezeichnet. Damals wurden vor allem Kaufleute zu ehrenamtlichen Konsuln ernannt, da ihre Tätigkeit vornehmlich der Erleichterung von Handelsbeziehungen diente. Man denke nur an Thomas Manns berühmte Romanfigur Johann Buddenbrook. Als Vertreter des hanseatischen Gro.bürgertums des 19. Jahrhunderts war der Kaufmann auch Königlich-Niederländischer Konsul. Heute sind es häufig Unternehmer oder Manager mit guten Beziehungen zum jeweiligen Land, die diese Aufgabe übernehmen.

Titel oder Berufung

Eine eher zwielichtige Figur im Zusammenhang mit dem konsularischen Corps ist dagegen der Titelhändler Hans-Hermann Weyer, der, angeblich selbst im Besitz mehrerer Diplomatenpässe etwa aus Liberia, in den 1960er und 1970er Jahren allen Titelsüchtigen den Glanz der großen weiten Welt versprach und ihnen gegen hohe Geldsummen einen Diplomaten-, Doktor- oder Adelstitel besorgte. Insgesamt 705 Honorarkonsulate soll Weyer nach eigenen Angaben vermittelt haben, angeblich auch ausgehandelt mit den Diktatoren südamerikanischer Kleinstaaten. „Jeder weiß, dass das verboten ist“, betont Ludwig, kann sich aber dennoch vorstellen, dass so etwas heute noch ab und zu vorkommt. Er treffe immer mal wieder Kollegen, die erzählen würden, sie seien nur einmal im zu vertretenden Land gewesen. Gerade die gute Beziehung zum Entsendestaat sei die Voraussetzung für eine gute Arbeit als Honorarkonsul, betont Ludwig. Bei ihm selbst ist dies keine Frage. Bereits als junger Mann, als der gelernte Kellner, der aus einer Hotelier-Familie stammt, Ende der 50er Jahre als Stewart mit dem ersten Luxus-Kreuzfahrtschiff zwei Jahre zur See fuhr, lernte er die Insel kennen, die südlich von Martinique in der Karibik liegt.

Nichts als Sand

Wappen St. Lucia
Wappen St. Lucia

Später, als zweiter Direktor des Steigenberger Parkhotels Düsseldorf, bekam er aufgrund dieser Erfahrung das Angebot des Unternehmens, ein Hotelprojekt auf Saint Lucia zu betreuen. „Ich wusste ja schon, dass es auf der Insel nichts gab außer Sand, und habe gesagt, ich müsse erst meine Frau fragen“, erinnert er sich. Als die ihm versicherte, sie ginge mit ihm auch bis ans Ende der Welt, sagte er zu und nahm Frau und Tochter mit. Anfang der 70er Jahre baute Ludwig im Norden der Insel das „Cariblue“-Hotel, richtete es ein und leitete es sechs Jahre lang. „Wir waren damals das einzige deutsche Hotel in der Karibik und das zweite oder dritte auf der Insel. Sonst gab es nichts. Wir mussten jeden Stein, jede Büroklammer importieren.“ Bestimmt zweimal sei er um die Welt geflogen, um die Einrichtung für das Haus zu kaufen. Auch der Betrieb nach der Eröffnung war nicht unbedingt leichter. Weil es manchmal kein Mehl gab, habe er welches aus Martinique einfliegen lassen, damit die Gäste ihre Brötchen zum Frühstück bekamen. Um mehr Touristen auf die Insel zu holen, organisierte Ludwig zusammen mit der Condor 1975 den ersten Charterf lug, der von Deutschland in die Karibik flog. „Das war damals noch eine Boeing 707“, erinnert er sich noch gut, denn mit dem ersten Flieger kam auch seine Frau aus Deutschland zurück, die in Bad Homburg kurz zuvor die jüngere seiner beiden Töchter zur Welt gebracht hatte. Mit der Charter-Maschine wurde damals auch einmal in der Woche die Post vom Steigenberger im so genannten „Company-Mail“-Koffer transportiert. „Zur Freude unserer Kinder war da dann mal ein Glas Nutella drin oder etwas anderes, das es bei uns nicht gab.“

Beutende Entwicklungshilfe

Die Zeit auf Saint Lucia habe die Familie sehr geprägt, sagt Ludwig heute. Im Gegenzug leistete er für die Insel, die heute zu 40 Prozent vom Tourismus lebt, bedeutende Entwicklungshilfe. Die Regierung bat ihn unter anderem, Berater für Aviation zu werden. Die Hotel-Association machte ihn zu ihrem Präsidenten. Als er 1981 nach Deutschland zurückkehrte, um Direktor des Frankfurter Hofs zu werden, lag der Wunsch der Regierung nah, ihn zum Honorarkonsul des Landes zu ernennen. Auch das nahm Ludwig gerne an. „Egon Steigenberger, der damals Honorargeneralkonsul von Panama war, schlug mir vor, das Konsulat im Frankfurter Hof einzurichten.“ Heute habe sich Saint Lucia enorm entwickelt, stellt er fest. Noch immer fliegt Ludwig in die Karibik, zuletzt, um seinem Enkel und seiner Enkelin das Land zu zeigen, in dem seine Töchter einst aufwuchsen. Bei seiner konsularischen Arbeit macht er aber auch die Erfahrung, dass die Verwaltungsaufgaben im moderneren Saint Lucia noch immer kompliziert und langwierig sind, wenn er etwa Unterlagen für eine Passverlängerung beantragen muss. „Ich betreue zum Beispiel einen jungen Mann, der in einem deutschen Pflegeheim lebt und der schon seit drei Jahren keinen Pass mehr hat, weil die entsprechenden Unterlagen nicht zu beschaffen sind.“

Rund um die Uhr erreichbar

Für das Konsulat ist Ludwig rund um die Uhr erreichbar. Wenn ein Angehöriger des Inselstaates in Deutschland einen Unfall hat oder stirbt, kommt auch schon mal nachts ein Anruf der Polizei mit der Bitte, dessen Identität zu bestätigen. „Das ist kein Problem, ich bin ja kein Beamter“, sagt Ludwig gelassen. Anders als die Generalkonsuln, die Staatsbeamte ihres Landes sind, verfügt er auch nicht über diplomatische Immunität. „Wir haben eine Teilimmunität, die nur in Deutschland gilt.“ Das betreffe Bagatelldelikte. Wenn er auf einer Dienstreise mal zu schnell fahren sollte, drücke die Polizei ein Auge zu, verrät der Honorarkonsul, und setzt schnell hinzu: „Ich nutze das aber nicht aus.“ Abgesehen von einem kostenlosen Parkplatz am Flughafen erhält Ludwig keinen weiteren Ausgleich für seine Arbeit. „Ich habe aber viele Dinge kennengelernt, die ich als Hotelier nicht erlebt hätte“, benennt er den ideellen Lohn. So ist er für Saint Lucia am Internationalen Seegerichtshof in Hamburg akkreditiert und leitet die Unterlagen von dort weiter. Auch für das 109-köpfige konsularische Corps in Hessen engagiert er sich. 17 Jahre lang war er Generalsekretär der freiwilligen Vereinigung der Postenchefs. Noch heute liegt ihm am Herzen, dass sich neu hinzugekommene Diplomaten gut einfinden. „Ich bin so ein Protokollhengst. Ich schreibe gerade an einem kleinen Leitfaden für die Honorarkonsuln, damit diese wissen, bei wem sie einen Antrittsbesuch machen und worauf sie achten müssen.“ Als Pensionär hat er heute die Zeit dazu. Und er will auch nach seinem 75. Geburtstag am 24. Juni weitermachen, „so lange ich es vertreten kann.“