Bunte Zwiebeltürme, verspielte Zuckerbäckerbauten und prächtige Stadtpaläste im Kontrast zu opulenten Hochhaustürmen aus Glas und Stahl, hippen Bars und Restaurants sowie Hotels und Shopping-Tempeln der Superlative. Moskau ist von einer nahezu unwirklichen Schönheit. Wir besuchten die Hotspots und lernten eine Metropole kennen, in der sich Tradition und Moderne sowie Luxus und Avantgarde zu einer faszinierenden, farbenprächtigen Collage zusammenfügen. Text: Natalie Rosini, Fotos: Michael Hohmann

Schneidend kalte Luft. Der Himmel, der tagsüber noch strahlend blau war, hängt nun sternenklar wie ein schwerer, schwarzer Samtvorhang über der Stadt. Unter uns liegt der Rote Platz in all seiner schillernden und bunten Pracht. Wir sind in der O2 Lounge, dem zurzeit angesagtesten Lokal des Moskauer Jetsets auf dem Dach des Ritz-Carlton Hotels. Bevor wir unser exquisites Dinner, kredenzt von Chef Nicolas Courtois einnehmen, genießen wir auf der Terrasse den überwältigenden Blick über Moskaus Wahrzeichen bei Nacht. Und natürlich einen Champagner, stilecht „geköpft“ mit scharfer Klinge. „Das ist ein exklusiver Service des Hauses”, erklärt Sommelier Anton Galkin, der statt eines Champagner-Schwerts lieber einen echten Säbel benutzt. Ein dramatischer Akt über den Dächern der Stadt und die perfekte Einstimmung auf unseren Aufenthalt in einem der besten Hotels Russlands.

Residieren wie die Zaren

Die großzügigen Deluxe-Zimmer mit Blick auf den Kreml
Die großzügigen Deluxe-Zimmer mit Blick auf den Kreml
Glänzender Marmor, kostbare Teppiche, funkelnde Kronleuchter und mit Blattgold verzierte Säulen. Ein feudal wirkendes Entrée, das dennoch nicht überladen ist. Ein Stück zaristische Opulenz, erfüllt vom Duft nach teuren Parfums und edlen Zigarren sowie vom Stimmgewirr verschiedenster Sprachen. Auf den Kofferwagen wird Gepäck von Goyard bis Louis Vuitton durch die Lobby gerollt. Dort und in der angrenzenden Piano Bar tummeln sich die Schönen und Reichen der russischen Hauptstadt, internationale Geschäftsleute, von Bodyguards abgeschirmte VIPs aus Showbusiness, Politik und Wirtschaft – vorgefahren in Limousinen mit Stern oder geflügeltem „B“. Ein Paar mittleren Alters aus Fernost – er in schlichtem, grauen Tweed, sie von Kopf bis Fuß in cremefarbenem Dior, die Augen verborgen hinter dunklen Brillengläsern – betritt, umkreist von Gefolge und finster dreinblickenden Personenschützern, den Privataufzug zur Präsidentensuite, der größten Suite Moskaus. Diese liegt in der obersten Etage und bietet auf 237 Quadratmetern neben zwei offenen Kaminen im Wohnzimmer, Piano, Büro und Tagungsraum einen atemberaubenden Blick auf die Zwiebeltürme und den Kreml durch die komplett verglasten Fronten. Mit Preisen von über 12.000 Euro die Nacht zählt diese Suite zu den teuersten weltweit. Und zu den sichersten: Einer eigenen Energieversorgung und der modernsten Security-Technik unserer Zeit sei Dank. Auch US-Präsident Barack Obama fühlte sich hier mit seiner Familie „very safe“. Das Ritz-Carlton Moskau bietet auf 11 Stockwerken eleganten Luxus und den majestätischen Charme, den die Lage mitten im Epizentrum des kulturellen Moskau gebietet. Erstklassig ist hier auch und vor allem der Service! Bei unserer Ankunft checken wir bequem vom Sofa aus und bei einem Glas Champagner ein. Denn wir residieren in den Club Rooms, die sich im 10. und 11. Stockwerk befinden und Zugang zur Club Lounge bieten, wo man mit Blick auf den Kreml den ganzen Tag mit Gaumenfreuden und Getränken verwöhnt wird. Gäbe es in unmittelbarer Nähe nicht so viel zu entdecken, könnten wir unsere Zeit in Moskau getrost hier verbringen…

La place rouge était vide…

Der Rote Platz mit den berühmten Zwiebeltürmen der Basilius-Kathedrale
Der Rote Platz mit den berühmten Zwiebeltürmen der Basilius-Kathedrale
Er ist das Herzstück Moskaus und imposanter Schauplatz russischer Geschichte: der Rote Platz. Die pompösen Paraden der Sowjet-Zeit sind den Massen an Touristen gewichen, die nicht selten wie in Trance über den einstigen „torg“ (Handelsplatz) schreiten. „Vide“, wie Gilbert Bécaud in seinem Chanson über „Nathalie“ sang, ist dieser Ort nie. Auch uns raubt die schöne, surreale Kulisse den Atem. Unser Guide Svetlana lacht und stößt dabei Atemwolken in die klirrend kalte Luft. „Schön ist eigentlich auch die korrekte Bezeichnung für den Roten Platz, der auf Russisch ‚Krasnaja Ploschadch‘ heißt. Denn ‚krasnaja‘ bedeutete einst sowohl ‚rot‘ als auch ‚schön‘.“ Wir schreiten also über den „schönen Platz“ und sind uns schnell einig: Dieses Adjektiv ist bei Weitem zu schwach, um diesen faszinierenden Ort im Herzen der Moskauer Altstadt zu beschreiben. Allein das Auferstehungstor, durch das wir ihn betreten, wirkt mit seiner roten Fassade und den zwei Türmen wie der Eingang zu einer anderen Welt. Eine Welt, in der wir uns der Magie der Basilius-Kathedrale mit den neun weltberühmten bunten Zwiebeltürmen hingeben, der rote-weiß leuchtenden Kasaner Kathedrale und dem palastartigen Empire-Gebäude, in dem das Nobelkaufhaus GUM beheimatet ist.

Sternenhimmel

Einkaufszentrum der Superlative - GUM
Einkaufszentrum der Superlative – GUM
Direkt am Roten Platz liegt der Kreml in all seiner rubinroten Pracht und mit den markant in den Moskauer Himmel ragenden Türmen, deren Spitzen von gläsernen Sternen geziert werden. Hier residierten einst Iwan der Schreckliche und Katharina die Große, heute lenkt Präsident Putin vom großen Hauptpalast der „Stadt in der Stadt“ aus die Geschicke des Landes. Kein Wunder, dass ein russisches Sprichwort besagt: „Über der Stadt ist der Kreml, über dem Kreml ist nur Gott.“ Die gleißende Wintersonne lässt die goldenen Kuppeln der Mariä-Entschlafens-Kathedrale, in der einst die Zaren gekrönt wurden, wie Himmelskörper erstrahlen. Ehrfürchtig betrachten wir Mauern, Kirchen und Paläste, während Svetlana uns von der wechselvollen Geschichte und der Bedeutung des Kremls erzählt. Eine unvergleichliche Ambivalenz charakterisiert diese Sightseeing-Tour durch das Zentrum der Macht: Auf der einen Seite die strengen Kontrollen, Sicherheitsvorkehrungen und Tabuzonen, die uns zugegebenermaßen ein wenig erschrecken und erschaudern lassen, auf der anderen die anmutige Schönheit dieses Orts, die unsere Herzen wärmt. Unser Weg zurück zum Hotel führt uns erneut über den Roten Platz. Es ist früher Abend und bereits dunkel. Und wieder erschaudern wir. Denn der Platz, der uns Stunden zuvor schon den Atem raubte, trägt nun sein nächtliches Festgewand aus unzähligen Lichtern. Die Silhouette des GUM wirkt wie aus tausenden funkelnden Sternen gezeichnet. Die Bonbonfarben der Basilius Kathedrale leuchten vor dem nachtschwarzen Himmel noch intensiver. Und obwohl der Rote Platz voller Menschen ist – Touristen, Leute auf dem Feierabend-Heimweg, reiche Moskauerinnen in Pelzmänteln, die ins Luxuskaufhaus strömen –, bemerken wir den Trubel nicht, hören nicht die vielen Stimmen. Bis auf eine, die in unseren Gedanken erklingt: „La place rouge était vide…“

Groß, größer, Bolschoi

Das Auditorium des Bolschoi Theaters
Das Auditorium des Bolschoi Theaters
Begnadete Körper, die sich winden, drehen, verbiegen. Sprünge voller Kraft, dann wieder sanftes Gleiten, ja fast Schweben. Die Anmut der Bewegungen, diese unbändige Energie, die Anspannung der stählernen, im Scheinwerferlicht glänzenden Muskeln, der Tanz der Schatten auf dem Bühnenboden zur ausdrucksstarken Musik von Aram Chatschaturjan… Spartakus, das ergreifende Epos um den aufständischen Gladiator, der eine Sklavenrevolte gegen Rom anführte, zählt zu den bedeutendsten Balletts unserer Zeit und gehört seit den 1960er Jahren zum Repertoire des Bolschoi. Liebe, Leidenschaft, Kampfeswille, Gewalt, Verzweiflung, Sex – die Choreografie von Juri Grigorowitsch strotzt vor Testosteron. Beim legendären Pas de deux von Spartacus und Phrygia im dritten Akt herrscht andächtiges Schweigen in unserer Loge und dem gesamten Saal. Was für ein Wechselbad der Gefühle an diesem magischen Ort im Herzen Moskaus. Das Bolschoi ist wie der Louvre oder die Uffizien für Ballet-Liebhaber. Es ist eine Referenz für jeden Künstler auf diesem Gebiet. Umso beeindruckender erscheint uns die Tatsache, dass wir tatsächlich Plätze in einer der begehrten Logen ergattern konnten. Am Nachmittag noch hatte uns PR-Chefin Katerina Novikova bei einer privaten Führung erklärt, dass gute Tickets schwer zu bekommen seien – kein Wunder! Es ist das Bolschoi! Das „große Theater“, wie die Übersetzung so treffend definiert. Die russische Ikone der Bühnenkunst, ins Leben gerufen 1776 von Katharina der Großen, wurde erst 2011 nach umfangreichen Um- und Ausbauten mit einer spektakulären, weltweit live ausgestrahlten Gala wiedereröffnet. Die Sanierung, so Katerina, kam übrigens keine Sekunde zu früh: Fast wäre der Kulturtempel eingestürzt, erinnert sie sich. Bei der Frage nach den Kosten für die sechs Jahre andauernden Maßnahmen, lächelt sie nur elegant, reagiert nicht auf die Summe, die im Raum steht: eine halbe Milliarde Euro.

Do swidanja, Schönheit!

Das Ritz-Carlton Moskau
Das Ritz-Carlton Moskau
Als wir am Abend inmitten all der reichen und schönen Kulturbegeisterten in ihren großen Roben und Smokings durch die klirrende Kälte zurück ins Hotel laufen, die Musik noch in unseren Ohren, die Bewegungen der Tänzer noch vor Augen, präsentiert sich die Moskauer Nacht noch einmal in all ihrer Opulenz. Und so zieht es uns noch einmal hinauf in die 11. Etage. Vor uns ergießt sich ein Meer aus Lichtern, der Rote Platz, der Kreml, die Scheinwerfer der nie enden wollenden Autokorsos, die sich zäh durch die prächtigen Boulevards ziehen. Der friedliche runde Mond leuchtet hell am schwarzen Firmament. „Champagne?“ fragt einer der Kellner, während wir, die Kälte ignorierend, auf der Dachterrasse stehen und Abschied von Moskau nehmen. „Da, Spasiba“, sagen wir. Was wäre schließlich ein Abschied von dieser Stadt der  Superlative ohne den adäquaten Drink?

 

Travel Infos Moskau

Anreise
Lufthansa fliegt 5x täglich nonstop von Frankfurt nach Moskau. 3x zum Flughafen Domodedowo, 2x zum Airport Vnukowo.
www.lufthansa.de

Die Flugzeit beträgt etwa 3 Stunden. Die Zeitverschiebung beträgt + 2 Stunden. Wichtig: Wer nach Moskau reisen möchte, sollte sich rechtzeitig um ein Visum kümmern.
www.servisum.de

Zudem muss man für eine Einreisegenehmigung folgende Unterlagen einreichen: Pass, Einkommensnachweis, Nachweis einer Auslandskrankenversicherung.

Must-sees
Neben Rotem Platz und Kreml (Achtung: Passkontrollen!), sollte man es auf keinen Fall versäumen, den Gorky Park zu besuchen. Ganz Moskau trifft sich in den weitläufigen Anlagen, in denen man jetzt im Winter auch eine große Eislaufbahn findet. Zudem gibt es wechselnde Kunstausstellungen und Veranstaltungen sowie zahlreiche hübsche Cafés. Tipp: Im Park befindet sich das Garage Center for Contemporary Culture mit spannenden Ausstellungen zeitgenössischer Künstler.
www.park-gorkogo.com

Eins der schönsten Klöster Russlands ist Nowodewitschi. Es ist anders als andere sakrale Bauten Moskaus seit dem 17. Jahrhundert intakt und zählt seit 2004 zum UNESCO Weltkulturerbe. Atemberaubend schön ist der zum Kloster gehörende Friedhof mit den weitläufigen Gartenanlagen, Skulpturen, kleinen Kappellen und den Gräbern berühmter Russen wie Nikita Chruschtschow, Nikolai Gogol, Boris Jelzin und Sergei Prokofjew.

Als „Paläste für die Arbeiterklasse“ ließ Stalin einst die wohl spektakulärsten U-Bahnstationen der Welt in Moskau bauen. Marmor, Mosaike, Skulpturen und prachtvolle Lüster machen den Moskauer Untergrund zum musealen Erlebnis. Besonders schön: die Stationen Majakowskaja und Komsomolskaja mit den herrlichen Wandmosaiken.

Ballett, Oper, Theater? Das Bolschoi bietet auf der Historischen und der neuen Bühne ein aufregendes Programm für Kulturliebhaber, Tickets sind über die sehr übersichtliche Webseite buchbar.
www.bolshoi.ru

Wer nicht vor Ort dabei sein kann und trotzdem einmal in den Genuss einer Bolschoi Ballettaufführung kommen möchte, dem empfehlen wir die Live-Übertragungen auf der großen Leinwand in verschiedenen deutschen Kinos, darunter auch im Cinestar Metropolis in Frankfurt und im Thalia in Wiesbaden.
www.tanzimkino.com

Bars und Restaurants
Wer einmal die typisch russische „Tapas“-Variante Zakuski probieren möchte, kann dies im Café Russe im Ritz Carlton tun. Küchenchef Igor Belyaevsky kredenzt modern interpretierte Klassiker wie Heringssalat, Lachskaviar mit Blinis, diverse Pickles und natürlich auch Beef Stroganoff. Alles auf einer Tafel und mit der Bitte, nach Herzenslust nachzunehmen.

Ebenfalls im Ritz Carlton beheimatet ist das Novikov, das auch in London als eine der ersten Adressen für panasiatischen Genuss in edlem Ambiente gilt. Hinter den auf beleuchtetem Eis gelagerten Früchten, Gemüsen und Fischen werden die exquisiten Kreationen frisch zubereitet. Wir empfehlen, auch hier auf die russische Art – von allem etwas – zu bestellen.
www.ritzcarlton.com

Ganz neu und sehr angesagt ist das Kak Est (As Eat Is), das jüngst zum besten Restaurant Moskaus nominiert wurde. Das verspielte Interieur, die Gastfreundschaft des jungen, ambitionierten Teams und nicht zuletzt die raffinierten Speisen sind eine echte Sinnesfreude.

Wo sonst bekommt schon ein Päckchen mit dem eigenen Vornamen darauf serviert, in dem sich leckere Miesmuscheln in pikantem Chilisud befinden? Unbedingt das Degustationsmenü bestellen!
www.aseatis.ru

Wie eine Reise zurück in die Zarenzeit ist ein Besuch im Café Pushkin am Prachtboulevard Tverskoy. Das Interieur, das an Tolstoi und Dostojewski erinnert, die russischfranzösische Cuisine, die manierierten Kellner – ein Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte!
www.cafe-pushkin.ru

Einen spannenden Mix aus Mode, Musik, Barkultur und Subkultur bietet das Oldich. Hier lautet das Motto Dress & Drink, und so bekommt man im oberen Stockwerk einzigartige Vintage-Kleidung und Accessoires und unten phantastische Drinks (Tipp: Oldich Organic) in verwinkeltem Interieur mit viel Nippes wie einer automatischen Wahrsagerin und antik anmutenden Tapeten auf der Toilette (die bei genauerem Hinsehen Sexszenen zeigen).
www.oldich.ru

Zu den World’s 50 Best Bars 2013 zählt das Delicatessen. Das Lokal im Vintage-Wohnzimmer-Look des russlandweit bekannten Barchefs Vyacheslav Lankin bietet phantastische Cocktails – auch gerne individuell nach Gusto des Gasts gemixt – sowie echte Spirituosen-Raritäten.
www.newdeli.ru

Ebenfalls zu den 50 besten Bars der Welt zählt das Chainaya Tea & Cocktails. Versteckt in einem Hinterhof geht es hinunter in einen verwinkelten Keller, in dem einst ein chinesisches Teehaus beheimatet war. Den Look einer geheimen Opium-Höhle mit Separees hat Macher Roman Milostivy beibehalten. Und auch chinesische Suppen und Dim Sums werden neben den sensationellen Cocktails bis zu später Stunde gereicht.
www.facebook.com/chainayabar