Félicité - Das Six Senses Resort Zil Pasyon wurde 2019 für seine besondere Nachhaltigkeit ausgezeichnet
Félicité: Das Six Senses Resort Zil Pasyon auf der von Korallen gesäumten Privatinsel Felicité auf den Seychellen wurde 2019 für seine besondere Nachhaltigkeit ausgezeichnet. Es gilt als Vorbild für Afrika.

Der Massentourismus hat jahrzehntelang wenig Rücksicht auf die Umwelt und die ortsansässige Bevölkerung genommen. Inzwischen hat sich eine neue Reisekultur des nachhaltigen Tourismus entwickelt, sozialverträglich und naturschonend. Bei einer Anreise per Zug oder Bus stimmt dann auch die CO2-Bilanz. Von Thomas Zorn

70 Millionen Deutsche reisen pro Jahr fünf Tage oder länger in den Urlaub, sagt die neueste Reiseanalyse. Hinzu kommen 88 Millionen Reisen mit zwei bis vier Übernachtungen. Wer sich auf einem Landgang vom Kreuzfahrtschiff durch Venedig drängt, im Skiort Sölden vor einem Lift Schlange steht oder in Bali die Tempel oder den Strand von Mitreisenden versperrt findet, der fragt sich schon manchmal, ob er wirklich in einem Urlaubsparadies gelandet ist.

„Ziel muss es sein, solche Reisen nachhaltig zu gestalten“, meint denn auch Tourismusforscher Edgar Kreilkamp. Der Wissenschaftler mag den Begriff „sanfter Tourismus“ nicht so. „Das suggeriert Kleinteiligkeit“, sagt er gegenüber dem Top Magazin. Urlaub in großen Unterkünften könne genauso nachhaltig gestaltet werden wie in kleinen. „Große Hotelanlagen verbrauchen häufig sogar weniger Wasser und Energie pro Kopf als eine individuelle, private Unterkunft.“

Hotellerie mit allen Sinnen

Kreilkamp widerspricht der Ansicht, dass Luxus das ehrenwerte Anliegen beschädige. Natürlich würden auch in diesem Segment zukunftsweisende Konzepte erarbeitet mit sparsamen Ressourcenverbrauch und unter Einbeziehung der Menschen, die rund um ein Resort lebten. Der emeritierte Professor der Leuphana Universität Lüneburg nennt als Beispiel die Kette „Six Senses“.

Tatsächlich ist gerade dieses Unternehmen zum Inbegriff einer ganzheitlichen Tourismusstrategie geworden. Erst vor wenigen Monaten wurde der wegen seiner innovativen Kraft stark beachtete Pionier von der InterContinental Hotels Group erworben. Das Angebot von „Six Senses“ richtet sich an Leute, die sich etwas leisten können. Der Einstiegspreis für eine Villa in einem der Resorts liegt in der Hauptsaison bei knapp unter 1.000 Dollar pro Nacht. Die Erlebnisse seien unvergesslich, versichert Bernhard Bohnenberger, der Präsident der Marke. Er hat das Modell maßgeblich mitentwickelt, dem heute viele nacheifern.

„Wir wollen die Magie eines Ortes in den Mittelpunkt stellen. Barefoot Luxury ist unsere Devise.“ – Bernhard Bohnenberger, Six Senses

Angefangen hatte es für Bohnenberger Anfang der 90er-Jahre. Der in der Schweiz ausgebildete deutsche Hotelmanager, der zunächst für bekannte Häuser in Zürich, Genf, München und Hongkong gearbeitet hatte, vermisste bei den traditionellen Hotels der Spitzenkategorie die nötige Kreativität. Ihm fehlte „positive Energie“. Abends hätten die Gäste in einer steifen Atmosphäre diniert und nichts mehr von dem Reiz der besonderen Destination gespürt, kritisiert er den Palace-Stil rückblickend.

Seit den 90er-Jahren liefern Bohnenberger und seine Mitstreiter ein Gegenmodell. Sie stellen die Magie des Ortes in den Mittelpunkt. Bis heute tüftelt der Six Senses-Präsident an Ideen, wie sowohl Flora und Fauna als auch einheimische Bevölkerung von der Investition in neue Standorte profitieren können. Wer die Referenz an die Umgebung pflichtschuldig nur auf die Übernahme von ein paar regionalen Menüs in der Speisekarte beschränke, mache es sich allzu bequem, findet er.

Plastikfreier Luxus

Die erste Gelegenheit, das neue, ganzheitliche Denken zu präsentieren, bot sich Bohnenberger auf einer kleinen, abgelegenen Insel der Malediven. Dann wurde das erste Beach-Resort Vietnams kreiert, danach zwei damals heruntergekommene Anlagen in Thailand völlig neu gestaltet. Weitere Destinationen kamen hinzu, in Bhutan, Kambodscha, China, Fidschi, Frankreich, Indonesien, Oman, Portugal, Singapur und in der Türkei.

Und schließlich auch auf den Seychellen. Das Resort Zil Pasyon auf der von Korallen gesäumten Privatinsel Felicité wurde 2019 für seine besondere Nachhaltigkeit ausgezeichnet. Es gilt als Vorbild für Afrika. „Six Senses“ engagiert sich bei der Aufforstung des Waldes und dem Schutz der Meeresschildkröten. Überdies schafft man für bedrohte endemische Pflanzenarten auf der dramatisch schönen Insel einen geeigneten Lebensraum, in dem sie wieder wachsen können.

Jedes Resort kann bei „Six Senses“ auf einen eigenen Nachhaltigkeitsmanager zurückgreifen. Plastik ist verpönt. Verpackungen werden auf ein Minimum reduziert, Abfälle recycelt, Wasser und Energie sparsam verwendet und nur mit ökofreundlichen Chemikalien gearbeitet. „Slow Life“ lautet das Motto. Die Lebensmittel stammen aus lokaler Produktion. Bewusste Ernährung und Wellness begleiten die Tage.

Grünes Handeln im Ozean

Wasser, Luxus und Tropen sind ein Dreiklang, der auch andere zu grünem Handeln verführte. So hat der Milliardär und Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz das zu Fidschi gehörende Eiland Laucala von den Forbes-Erben erworben und zu einem sehr edlen Nachhaltigkeits-Resort ausgebaut. Es gilt als eine der exklusivsten in Ozeanien und wurde anfangs mit sieben Sternen gelistet.

25 Villen im traditionellen Baustil mit Schilfdächern verteilen sich locker in Gruppen an der Nordküste. Die fünf Restaurants mit regionaler Küche versorgen sich selbst mit Produkten aus ökologischem Landbau. Zur Anlage – sie zählt zu den „Leading Hotels of the World“ – gehört zudem ein Golfplatz mit 18 Löchern. Denn wer seine Energien in der teuren Freizeit ausbalancieren möchte, treibt auch gern Sport.

Die Südsee-Privatinsel Laucala Island
Laucala: Eine Flotte aus schnellen Motoryachten, edlen Vintageschönheiten und historischen Segelschiffen gehören auf der Südsee-Privatinsel Laucala Island zum festen Inventar. Neben paradiesischen Sandstränden, blauen Lagunen und tropischen Regenwäldern, warten auch die benachbarten Fidschi-Inseln von Weltentdeckern mit den 14 verschiedenen Schiffen erkundet zu werden. Die Gäste erwartet eine Welt aus Luxus und Nachhaltigkeit, denn der Vegetation wegen blieb über die Hälfte der Insel unberührt.

Zum besten Luxushotel des Jahres haben unterdessen Fachleute der Organisation Luxury Travel Intelligence ein Fünf-Sterne-Deluxe-Resort auf der Malediveninsel Kudadoo gewählt. 15 aus nachhaltigem Holz gefertigte Residenzen, vom renommierten japanischen Architekten Yuji Yamasaki entworfen, verteilen sich im Halbkreis auf blaugrünem Meereswasser.

Die Macher konzentrieren sich auf das, was am Ort geboten wird. Das sind vor allem Meerstiere, sie müssen nur noch aus dem Wasser gefischt werden. 984 Sonnenpaneele speisen diese ziemlich einzigartige Location komplett mit regenerativer Energie. Butler kümmern sich um das Wohlbefinden der ausgesuchten Gäste.

Errichtet aus nachhaltigem Holz und rein mit Sonnenenergie betrieben, verbindet das Resort Kudadoo auf den Malediven Umweltfreundlichkeit mit Luxus
Kudadoo: Errichtet aus nachhaltigem Holz und rein mit Sonnenenergie betrieben, verbindet das Resort auf den Malediven Umweltfreundlichkeit mit Luxus. Die 15 Zimmer sind darauf ausgerichtet, den Energieverbrauch möglichst gering zu halten und das natürliche Tageslicht optimal zu nutzen.

Nicht das Meer, sondern der Dschungel liegt vor der Haustür der abgelegenen 4Rivers Floating Lodge in Kambodscha. Das Boutique-Resort mit Zeltvillen auf Pontons im Fluss Tatai, nicht weit von einem Wasserfall, wirkt auf den ersten Blick wie ein Expeditionslager aus dem 19. Jahrhundert.

Wer zur Hotelanlage gelangen möchte, muss ein Boot benutzen. Jede Villa verfügt über eine Terrasse, von der sich der Besucher in ein Kajak begeben kann, um die Gegend zu erforschen. Bei Touren durch den Kardamon-Regenwald, bei Wildtierwanderungen und Flussfahrten entsteht der Eindruck, hier liege definitiv das Ende der Welt. Um das Abenteuer sanft abzurunden und Leib und Seele zu stabilisieren, serviert die Gourmetküche asiatische und andere Köstlichkeiten.

Die Resorts von Alila erhalten reihenweise Preise, sowohl für Komfort und Stil
Innovatives Design, einzigartige Orte, handgemachter Luxus und ökologische Nachhaltigkeit. Die Resorts von Alila erhalten reihenweise Preise, sowohl für Komfort und Stil, als auch für ihre zukunftsweisende, umweltschonende Betriebsweise. Auf der Insel Koh Russey an der kambodschanischen Riviera liegt ihr neuester Zufluchtsort, der zu den besten Hotels 2019 gezählt wird und auch die Bestimmungen des EarthCheck-Zertifikats für nachhaltigen Tourismus erfüllt. Dieses prüft nicht nur Emissionen, Pestizideinsatz und ähnliche Indikatoren, sondern auch, wie sehr und auf welche Weise die Bevölkerung einbezogen wird. Alila bedeutet „Überraschung“ in Sanskrit und der Name passt: Die Weise, wie hier hochwertiger Tourismus, Kultur und Umwelt ineinandergreifen, ist überraschend und erfrischend.

Öko bei der Kreuzfahrt

Selbst die schwimmenden Hotelburgen öffnen sich inzwischen dem Umweltdenken. Mit der AIDAnova ist seit einigen Monaten der erste mit schadstoffarmem, flüssigen Erdgas betankte Kreuzfahrtdampfer unterwegs. Auch der britische Exzentriker Richard Branson will mit seinen Schiffen der Virgin Voyages Neues wagen. Er verspricht unter anderem, Einweg-Kunststoffe und Plastikflaschen zu verbannen, um die Meere nicht weiter zu verschmutzen. Auch arbeite Virgin an einer Sonnencreme, deren Substanzen nicht mehr die Korallenriffe zerstörten.

Das alles klingt sehr spannend und vieles wirkt durchdacht. Doch die meisten können solche Trips in die aufwendig gepflegten exotischen Naturidyllen gar nicht bezahlen. Sie bevorzugen bescheidene Lösungen. Nachhaltiger Urlaub – mit deutlich besserer CO2-Bilanz – lockt vor allem daheim. Franken statt Fidschi, Markgräfler Land statt Malediven, das lässt sich bewerkstelligen.

„Unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit ist es streng genommen gar nicht schlecht, wenn möglichst viele Urlauber an einem kurzen Küstenabschnitt konzentriert sind.“ – Edgar Kreilkamp Tourismusforscher

Franken statt Fidschi

Bei der Suche im Netz erhält der Nutzer sofort eine Fülle von Angeboten an Biohotels, Biopensionen, Bio-Ferienwohnungen, Bioweingütern und Naturcampingplätzen. Websites wie „eco-ferien.de“ legen Wert darauf, dass sie ausschließlich Unterkünfte aufnehmen, „die mit ökologischem Engagement betrieben werden“.

Experte Edgar Kreilkamp rät, auf die Siegel für nachhaltigen Tourismus zu achten. Angesichts der Vielzahl von Zertifizierungen, die sich an den vom Global Sustainable Tourism Council (GSTC) festgelegten Standards orientieren, fällt die Orientierung schwer. Deshalb lobt der Professor die großen deutschen Reiseveranstalter unter Federführung des Deutschen Reiseverbandes, die sich auf ein grünes Blatt für die Kennzeichnung geprüfter nachhaltiger Angebote geeinigt haben. „Immer mehr Kataloge nehmen das nun auf.“

Die Koryphäe des Tourismusmanagement grämt sich übrigens nicht, dass weiterhin ein Gutteil der Deutschen im Sommerurlaub zu den bekannten und ordentlich zubetonierten Zielen ans Mittelmeer hinstrebt, vor allem nach Spanien. Unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit sei es streng genommen gar nicht schlecht, „wenn möglichst viele Urlauber an einem kurzen Küstenabschnitt konzentriert sind“, sagt Kreilkamp. So würden andere Gebiete geschont.

Interview mit Prof. Stephan Gerhard

Prof. Stephan Gerhard ist Mitbegründer der 25hours Hotels und hatte die maßgebliche Verantwortung für den Bau der Campo Bahia Unterkunft für die Nationalelf in Brasilien inne. Im Büro des The Doorman in Frankfurt, das sich ebenfalls unter Gerhards Schützlingen befindet, berichtete uns der profilierte Experte im Hotelmanagement über die Entwicklung der Reisekultur.

Ist nachhaltiger Urlaub eine neue Entwicklung?

Prof. Stephan Gerhard
Prof. Stephan Gerhard

Tourismusverbände beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Nachhaltigkeit und ökologisches Reisen. In einigen Bereichen, wie der Reduzierung von Plastikverpackungen und dem Verbrauch von Wasser und Strom, ist die Tourismusbranche seit langer Zeit Vorreiter. In anderen Punkten wird mit aktuellen Entwicklungen in der Baubranche und recyclebaren Materialien erst jetzt eine wirtschaftliche Umsetzung für große Neuerungen und ökologisch nachhaltige Standards geboten.

Dadurch ergibt sich unter anderem die Möglichkeit für Hotels in Holzbauweise, Kleidung für Hotelangestellte aus recyceltem Plastik oder Cocomat Matratzen, Matratzen aus schnell nachwachsendem Bambus, die beispielsweise in Till Schweigers Barefoot Hotel am Timmendorfer Strand Verwendung finden.

Warum kümmert sich die Tourismusbranche schon seit so langer Zeit um naturschonendes Reisen?
Im Grunde ist ökologisches Denken für die Tourismusbranche auch ökonomisches Denken. Auf lange Sicht kann mit der Nutzung erneuerbarer Energien, geringerem Verbrauch und regionalem, unverpacktem Essen oft gespart werden. Noch wichtiger ist aber der Aspekt der Erhaltung für die Branche: Nur wenn Natur und Kultur erhalten und geschützt werden, ist Tourismus erfolgreich. Einen chemisch verunreinigten Fluss und vermüllte Strände will niemand besuchen.

Ist Wirtschaftlichkeit wichtiger als Nachhaltigkeit?
Oft fällt beides zusammen. Wenn dem jedoch nicht so ist, muss abgewogen werden. In den Barefoot Hotels wird auf das Bügeln der Bettwäsche verzichtet. Auch wenn dadurch Strom gespart wird, durch das Unterbrechen der Waschstraße in der Wäscherei und dem getrennten Trocknen der Wäsche, kostet dies mehr. Solche Maßnahmen können am Ende nur funktionieren, wenn Gäste die höheren Preise tragen.

Im Schnitt zahlen Touristen jedoch mehr Aufpreis für ein unterhaltsames Zimmer, wie die Analogzimmer der 25hours Hotels, die mit Plattenspieler und Videosammlung aufwarten, als für Nachhaltigkeit. Der einzelne Reisende bestimmt also mit seinen Entscheidungen auch, wie die Zukunft des Reisens aussehen wird. Sollen die Tourismusverbände das ökologische Reisen noch stärker fördern und zum Standard machen, so ist das Interesse des Kunden an entsprechenden Angeboten die wichtigste Voraussetzung.

 


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