Schweden – dass das skandinavische Königreich weitaus mehr zu bieten hat als Kötbullar und Zimtschnecken, beweist uns der Süden des Landes. Die Schweden gehören zu den glücklichsten Menschen der Welt und warum das so ist, wird auf unserer Reise deutlich. In Småland, der Heimat Astrid Lindgrens, machen wir nicht nur die Bekanntschaft mit fleißigen Zuckerbäckern und einem Elchbaby namens Karl, sondern bekommen außerdem die Möglichkeit, einer traditionellen Midsommarfeier beizuwohnen.
Text: Johanna Müdicken, Fotos: Michael Hohmann

Bereits bei unserer kurzen Autofahrt vom Flughafen nach Jönköping zieht uns „Småland“, also das „kleine Land“, das zwischen den Provinzen Östergötland und Västergötland im Norden sowie Skåne im Süden Schwedens liegt, in seinen Bann. Es präsentiert sich uns mit dichten Nadelwäldern und zahlreichen glasklaren Seen. Immer wieder tauchen entlang der Straße graue Schotterwege auf, die zu falunrot gefärbten und von Steinmauern eingefassten Holzhäuschen führen.

Genau so haben wir uns Schweden vorgestellt und Småland erfüllt schon jetzt jedes Klischee auf überaus sympathische Art und Weise. Die 135.000-Einwohnerstadt Jönköping, die sich an das südliche Ende des Vätternsees, dem zweitgrößten See Schwedens, schmiegt, bietet für uns den idealen Ausgangspunkt, um die Region zu erkunden.

Unser erster Ausflug führt uns in die Stadt Gränna, die etwa eine halbstündige Autofahrt von Jönköping entfernt liegt. Andere Fahrzeuge kommen uns auf unserem Weg kaum entgegen. Wer Ruhe und Natur pur sucht, scheint in Småland genau richtig aufgehoben zu sein.

So ist es kein Wunder, dass insbesondere Aktivitäten im Freien in dieser Gegend äußerst beliebt sind. Viele Touristen mieten sich eines der Sommerhäuser an einem der rund 5.000 Seen, die Småland und die Region beherbergt, und nutzen die Gelegenheit zum Bootfahren oder Angeln. Hier kann jeder einen Erlaubnisschein erwerben und ohne Angelschein losfischen, auch zum Wandern oder Radfahren kommen viele hierher.

I want Candy

Für eine Radtour reicht unsere Zeit heute nicht, dafür haben wir aber die Gelegenheit, den Ortskern Grännas zu erkunden. Während sich auf der einen Seite der mit Kopfstein gepflasterten Hauptstraße der imposante Grännaberg erhebt, blickt man auf der anderen hinab auf den schimmernden Vätternsee und die darin liegende Insel Visongsö.

Die Straße „Brahegatan“ wird gesäumt von Holzhäuschen und kleinen Läden mit bunten Markisen, es reihen sich Strickwarengeschäfte an winzige Boutiquen und Bäckereien, aus denen der Duft von frisch gebackenem Knäckebrot strömt. Auch Süßwarenläden, in deren Schaufenstern sich handgemachte Zuckerwaren, bunte Bonbons und Karamellriegel türmen, gibt es hier reichlich.

Die 'Zuckerstadt' Gränna ist berühmt für ihre rot-weiß gekringelten Pfefferminzstangen.
Die ‚Zuckerstadt‘ Gränna ist berühmt für ihre rot-weiß gekringelten Pfefferminzstangen.

Was zwischen all den süßen Versuchungen in den Auslagen natürlich nicht fehlen darf: Polkagris. Denn die kleinen, rot-weiß geringelten Zuckerstangen, die nach Pfefferminze schmecken und zu den beliebtesten schwedischen „Godis“ (Süßigkeiten) gehören, haben Gränna – zumindest in Schweden – zu Berühmtheit verholfen.

Stefan Fransson aus dem 'Polkaprinsen' wurde 2013 zum Polkagris-Weltmeister gekürt.
Stefan Fransson aus dem ‚Polkaprinsen‘ wurde 2013 zum Polkagris-Weltmeister gekürt.

„Im Jahr 1859 hat ‚Tante Amalia‘, eine alleinerziehende Mutter, hier die ersten Pfefferminzstangen gebacken, um durch den Verkauf ihre Familie zu ernähren“, erklärt uns Catrin, die wir in ihrem Süßwarenladen „Polkaprinsen“ treffen.

In ihrem Geschäft stapeln sich Leckereien aus Zucker, die Besucher drängen sich um die schier endlose Auswahl und füllen sich die Naschereien aus den Regalen kellenweise in kleine Plastiktütchen. Wie die Pfefferminzstangen hergestellt werden, kann man sich im hinteren Teil des Geschäfts ansehen.

Hier kneten, ziehen und rollen zwei junge Männer den zähen Teig, bis er die richtige Konsistenz erreicht hat. „Es gibt keine Anleitung, um zu wissen, wann der Teig fertig ist. Das fühlen die Jungs“, erklärt uns die Chefin und beobachtet sichtlich stolz die Arbeit ihrer Polkagris-Bäcker.

Herrscher der Wälder

Ist Gränna innerhalb der Nation für seine Zuckerwaren bekannt, so steht der Elch auch außerhalb wie kein zweites Wahrzeichen für Schweden. Wem kommt nicht das Bild der prächtigen Geschöpfe in den Sinn, wenn er an das skandinavische Königreich denkt?

Ihre Population in diesem wird auf 3.000 bis 4.000 geschätzt. Dennoch: In der freien Natur gehört gerade für Touristen etwas Glück dazu, einen von ihnen zu erhaschen. Allein in Småland gibt es unter anderem aus diesem Grund gleich elf Elchparks.

Bei einem Besuch auf der Elchfarm „Skullaryd“, die auf einem Bauernhof aus dem 18. Jahrhundert angesiedelt ist, kommen wir den scheuen Tieren ganz nahe. Zwölf Elche leben hier; zwar in Gefangenschaft, aber dennoch in ihrer natürlichen Umgebung und auf einer großzügigen Fläche von circa 90 Fußballfeldern. „Unsere Elche fühlen sich hier sehr wohl. Sie sind es gewohnt, dass sie Zuschauer haben“, erklärt uns Elchbauer Erik, der die Farm gemeinsam mit seinem Vater Richard betreibt.

„Alg kom hit!“

Vor fünf Jahren wurde aus ihrem Bauernhof ein Elchpark, bereits seit den 1970er Jahren findet sich auf dem Gelände eine Hirschzucht. So teilen sich die Elche ihr Zuhause auch mit etwa 120 Stück Dam- und Rotwild. Für uns geht es nun auf Elch-Safari, auf einem Traktor-Anhänger fahren wir über das weitläufige, von grünen Wiesen und dichtem Wald bedeckte und naturbelassene Land des Parks.

Der Elch - das schwedische Nationaltier
Der Elch – das schwedische Nationaltier

Bald werden wir langsamer, der 20-jährige Elchbauer springt flink vom Trecker, um die Tiere zu sich zu locken. „Helga“ und „Johan“ sind einige der Namen, die wir zwischen seinen gellenden „Ålg kom hit“ („Elch, komm her“)-Rufen verstehen. „Es ist manchmal ziemlich schwierig, sich die alle zu merken“, bekennt er, während zwischen den großen Bäumen hinter ihm die ersten Elche erscheinen und gemächlich, aber durchaus bestimmt, in seine Richtung trotten.

Schon kurze Zeit später drängen sie sich begierig um das Futter in dem Eimer in seinen Händen. Sie kennen das Prozedere, zwei Mal am Tag werden sie gefüttert. Satt und offensichtlich zufrieden ziehen sich die Elche bereits wenige Minuten später wieder zurück und lassen sich im Schatten der hohen Bäume nieder.

Ein Elch in der Clique

Erik selbst hat momentan weniger Zeit zum entspannten Ruhen. Seit einigen Monaten kümmert er sich um Elchkalb Karl, das von Elchmutter Ruth verstoßen wurde und ohne Eriks Zutun nicht überlebt hätte.

Der junge Elchbauer hat Karl daher kurzerhand bei sich aufgenommen – in der eigenen Wohnung. Wieder am Eingang des Parks angekommen, möchte Erik uns das Jungtier vorstellen und so stakst kurz darauf ein etwas unbeholfenes Elchkalb um die Ecke und schnurstracks auf Erik zu.

„Karl ist immer und überall dabei.“ – Erik

„Ich muss ihn alle vier Stunden füttern, deswegen ist Karl immer und überall dabei. Auch, wenn ich Besuch habe – er ist schon ein richtiger Teil unserer Clique“, erzählt Erik lachend, während sich Karl an seine Beine schmiegt. Momentan wiegt der so zierlich wirkende Elch 40 Kilo, es werden jedoch noch deutlich mehr. Jeden Tag nimmt er etwa ein Kilo zu, ausgewachsene Elchbullen werden bis zu 700 Kilo schwer.

Einer der Gründe dafür, dass ein Zusammentreffen mit dem schwedischen Nationaltier nicht nur beeindruckend, sondern – gerade, wenn man im Auto sitzt und mit einem der Tiere kollidiert – auch sehr gefährlich sein kann. Uns haben sich die mächtigen Tiere heute jedoch von ihrer besten Seite präsentiert und dass Erik nicht anders konnte, als den kleinen Karl zu „adoptieren“, ist nach dem Treffen mit dem drolligen Jungtier mehr als verständlich.

Flowers in your hair

Schweren Herzens müssen wir uns nun aber von dem Kleinen verabschieden, denn wir haben an diesem Tag noch einiges vor: Es ist Midsommar und damit beginnen heute nach Weihnachten die zweitgrößten Festlichkeiten des Landes.

Traditionell feiert man die Sommersonnenwende an jenem Samstag, der dem 24. Juni am nächsten liegt. Heute ist zwar erst Freitag, doch erstrecken sich die Feierlichkeiten bereits über den „Midsommarafton“, also den Tag davor. Nicht selten auch über die ganze Nacht, in der es im Norden Schwedens überhaupt nicht dunkel wird.

Zahlreiche Mythen ranken sich um die Midsommarnacht. So soll diese der Sage nach nicht nur Trolle und Elfen aus den umliegenden Wäldern locken, sondern jungen Frauen soll auch ihr zukünftiger Ehemann im Traum erscheinen, wenn sie sieben bestimmte Arten von Wildblumen pflücken und unter ihr Kopfkissen legen.

Mit Christina und Magnus besuchen wir eine im Kulturreservat Asens eine traditionelle Midsommarfeier.
Mit Christina und Magnus besuchen wir eine im Kulturreservat Asens eine traditionelle Midsommarfeier.

Zur Midsommarfeier fahren wir zusammen mit unseren Gastgebern Christina und Magnus nach Åsens by, einem Kulturreservat in der Gemeinde Aneby. Eingebettet in grüne Wiesen und üppige Felder liegt das Bauerndorf etwa 20 Kilometer nordöstlich von Jönköping. Hier ist alles noch genau so, wie es vor 100 Jahren war: Das Gras wird mit der Sense gemäht, Heugarben werden gebunden und in den Obst- und Gemüsegärten werden traditionelle Nutzpflanzen gezogen.

Michel und Pippi in Bullerbü

Wir begeben uns auf eine Erkundungstour über das weitläufige Anwesen und flanieren zwischen den alten Ställen, Scheunen und rot-weiß getünchten Häuschen umher, am Rande der Schotterwege strecken knorrige Obstbäume ihr widerspenstiges Geäst aus.

„Würden uns hier Pippi oder Michel entgegen kommen – wir wären nicht überrascht.“

Bei unserem Spaziergang treffen wir auf einige Familien, die von dem Angebot des Freilichtmuseums, eines der Häuser zu mieten, Gebrauch gemacht haben, und jetzt in der Mittagssonne vor den Hauseingängen sitzen. So stellt man sich ein schwedisches Bullerbü-Idyll vor. Würden uns hier Michel oder Pippi entgegenkommen – wir wären nicht überrascht.

Erinnerungen an die Bullerbü-Bücher von Astrid Lindgren kommen hoch.
Erinnerungen an die Bullerbü-Bücher von Astrid Lindgren kommen hoch.

Langsam füllt sich das Grundstück des Freilichtmuseums, immer mehr Menschen strömen auf den großen Festplatz nahe des Eingangs. Viele Frauen und Mädchen tragen weiße Kleider und aus Blumen und Birkenzweigen geflochtene Kränze im Haar, Familien mit kleinen Kindern breiten ihr mitgebrachtes Picknick auf der grünen Wiese aus.

Eine Liveband beginnt, traditionelle schwedische Volksmusik zu spielen und schon kurz darauf wird die „Midsommarstång“, der Maibaum, hereingetragen. Unter den ermutigenden Zurufen und dem Klatschen der Besucher wird sie in die Senkrechte gehievt. Bis das prächtige Midsommar-Wahrzeichen endlich steht.

Jung und Alt versammeln sich, sie fassen sich an den Händen und beginnen mit den typischen Tänzen rund um den Maibaum. Während wir uns das wilde Treiben anfangs mit etwas Zurückhaltung und aus einiger Entfernung anschauen, zieht uns Cristina nur wenig später mit sich. Schon sind wir mittendrin im wilden Reigen, aus dem wir so schnell auch nicht mehr entlassen werden. Und – das müssen wir zugeben – Spaß macht es ja, all das ausgelassene Tanzen und Springen rund um die Midsommarstång.

Traditioneller Tanz um den Maibaum
Traditioneller Tanz um den Maibaum

Und am Ende der Straße

Nach unserer Tanzeinlage haben wir uns eine Stärkung verdient. Gut, dass die Midsommarfeier für uns noch längst nicht beendet ist. Christina und Magnus haben uns nämlich zum Dinner in ihr Sommerhaus gebeten. Etwa 25 Kilometer nordöstlich von Jönköping liegt es direkt am Ufer des Ylen-Sees und inmitten der südschwedischen Natur.

Blumen im Haar - Tradition bei der Midsommarfeier
Blumen im Haar – Tradition bei der Midsommarfeier

Die perfekte Kulisse also, um den Midsommarabend gemütlich ausklingen zu lassen. Außer uns hat das Ehepaar auch noch einige Freunde zu sich eingeladen, die uns auf der knarzenden Holzveranda des gelb und weiß bepinselten Häuschens freudig begrüßen.

Sie führen uns gleich ins Innere des Gebäudes, wo bereits ein wahres Festmahl auf uns wartet. Hier finden sich, angerichtet auf einem weißen Holztisch, allerlei Sorten Käse, Brot, junge Kartoffeln samt „Sill“ (eingelegtem Hering) und Sauerrahm sowie zahlreiche weitere schwedische Spezialitäten.

Zudem lockt bereits das Dessert: Es gibt frisch gebackene „Jordgubbstarta“, schwedische Erdbeertorte mit cremiger Vanillefüllung, typisch für Midsommar. Wir füllen unsere Teller mit den Köstlichkeiten und nehmen sie mit hinaus, wo sich der Abendhimmel mit dunklen Wolken verhangen präsentiert und es gerade anfängt zu regnen.

Kerzenschein und Abba

„Ein Midsommar ohne Regen ist kein richtiges Midsommar“, zeigt sich Christina unbeeindruckt. Sie führt uns kurzerhand in den kleinen Bootsschuppen, der am Ufer des Sees liegt und zum gemütlichen Essensplatz umfunktioniert wurde. Hier sitzen wir an einer langen Tafel und genießen bei Kerzenschein unser erstes richtiges Midsommaressen. Aus dem CD-Spieler dudelt im Hintergrund, wie könnte es anders sein, leise die Musik von Abba.

Smaland ist bekannt für seine zahlreichen Seen.
Småland ist bekannt für seine zahlreichen Seen.

Es ist spät geworden, der Regen ist versiegt und wir unternehmen einen kleinen Spaziergang bis zum Bootssteg des Hauses. Von hier genießen wir den Blick auf den ruhigen See und die kleinen Inseln in der Ferne.

Nur das beruhigende, leise Plätschern des Wassers, das an die Längsseiten des angetauten Ruderboots schlägt, ist zu hören. „Mein Småland – ist es nicht ein Land, das man lieben muss?“, fragte einst Astrid Lindgren in einem ihrer Bücher. Wir können gar nicht anders, als ihr recht zu geben.

Travel Infos – Jönköping, Småland und Umgebung

Anreise

Von Frankfurt aus fliegt bmi regional 11 Mal Wöchentlich nach Jönköping. Montag bis Freitag zwei Mal täglich plus 1 Flug Sonntags. Der Flug dauert etwa 1,5 Stunden.

Unterkunft

Das im Bericht erwähnte Haus am Ylen-See lässt sich mieten unter: www.memu.se/dmc. Weitere Ferienhäuser unter www.fewo-direkt.de

Ausflüge

Zahlreiche beliebte Orte sind von hier aus in kurzer Zeit zu erreichen. Ob es nun ein Besuch in Astrid Lindgrens Geburtsstadt Vimmerby oder ein Ausflug in die nahe gelegene Schärenstadt Västervik ist. Bei Bootsausflügen zu den schroffen, felsigen Inseln können Robben und Adler beobachtet werden können.

Tipps

Viele weitere Tipps zu Sehenswürdigkeiten und Ausflugszielen in Jönköping und der Umgebung findes sich auf der Webseite www.jkpg.com.

Bei dem Veranstalter Memu lässt sich zudem ein viertägiges Midsommarpaket buchen, das neben der Feier eines traditionellen Midsommarfestes unter anderem Besuche in Museen und in einem Elchpark beinhaltet. www.memu.se/dmc

Auch die Entfernung
zu den Metropolen des Königtums ist von hier gering: Malmö, Göteborg oder Stockholm sind in etwa drei Stunden mit dem Auto zu erreichen.


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