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Strahlend, ebenmäßig und mit seidigem Porzellan-Glow – koreanische Frauen sind für ihre makellose Haut berühmt. Das Geheimnis sind natürliche Beauty-Produkte und ausgeklügelte Pflegerituale, die in einem 10-Schritte-System angewandt werden. Was Koreanerinnen schön macht, sorgt in den USA und jetzt auch bei uns für Furore. Welche Innovationen man kennen muss, und was diese wirklich können, haben wir herausgefunden.
Von Dr. Jutta Failing

Selbst wenn sie abends noch so müde ist, keine moderne Koreanerin geht ohne ausgiebiges Reinigungs- und Pflegeritual ihres Gesichts schlafen. Zehn Schritte beinhaltet diese tägliche Routine, morgens und abends. Nach dem Prinzip der „Layering“-Methode, also Schicht um Schicht, werden verschiedene Pflegeprodukte aufgetragen.

She's got the Glow! Die koreanische Schauspielerin Jun Ji-hyun in einer Kampagne für Didier Dubot
She’s got the Glow! Die koreanische Schauspielerin Jun Ji-hyun in einer Kampagne für Didier Dubot

Beim Morgenritual ist die Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 ein Muss. Auf die Hautcreme mit leichter Textur folgen gewöhnlich Primer, BB-Cream und schließlich das Make-up. Reichhaltige Schlafmasken sind das I-Tüpfelchen für ein Ziel, das traditionell in ganz Asien sehr hochgehalten wird: eine schöne, porenfreie und helle Haut. Intensive Hautpflege ist in der fernöstlichen Kultur tief verwurzelt; Mütter gehen mit ihren Töchtern in Badehäuser, um den Körper mit Schwämmen zu peelen.

Auch lernen Frauen früh, Feuchtigkeitspflege und UV-Schutz zu verwenden und der Sonne möglichst fern zu bleiben. Schönheit ist in Asien Kult, der Teil des gesellschaftlichen Ansehens darstellt – nicht zufällig sind selbst in Bahn-Toiletten Schminktische installiert und an jeder Ecke finden sich Kosmetik Boutiquen wie hierzulande Kioske.

Manche Zutaten im Tiegel klingen für westliche Ohren noch fremd, jedoch ist etwa Schneckenschleim-Creme ein begehrter Feuchtigkeits-Booster, der die Haut straffer und geschmeidiger machen soll. In Thailand und inzwischen auch in London gibt es eigene „Schnecken-Spas“, die sich ganz auf Anti-Aging-Behandlungen mit Schneckenschleim spezialisiert haben.

Zu Recht, denn das extrahierte Sekret der lebenden Tiere enthält viele nützliche Nährstoffe und Antioxidantien und wurde schon vor Jahrhunderten von der europäischen Volksmedizin bei Verbrennungen und Narben eingesetzt.

Anspruchsvoll und günstig

Auch bei uns werden südkoreanische und japanische Kosmetikmarken immer beliebter, und deutsche Online-Shops wie „Love my cosmetic“, „Shishi Chérie“ oder „Missha Deutschland“ sind längst keine Geheimtipps mehr. BB- und CC-Creams aus Fernost – pflegende Tagescremes, die gleichzeitig wie ein Make-up abdecken – gelten als die besten der Welt.

Im berühmten Seouler Distrikt Myeongdong schlägt das Herz des koreanischen Beauty-Hypes.

Ursprünglich in Deutschland entwickelt, um postoperative Narben zu kaschieren, schöpften erst südkoreanische Experten das Potential weiter aus und vermarkteten die BB-Cream entsprechend. Die nächste Stufe des BB-CC-Hypes kommt bereits direkt aus Asien: Beim „Cushion Make-up“, einem Kompakt-Make-up, ist die Farbe in einem Schwamm komprimiert und wird in sehr dünnen Schichten auf das Gesicht getupft.

Asiatinnen sind eine ausgesprochen anspruchsvolle Klientel, alles, selbst Make-up, muss immer auch eine pflegende Wirkung haben. Trotz ihrer hohen Qualität sind diese Produkte auch dank zurückhaltender Werbekampagnen wesentlich günstiger als das Angebot bekannter Luxuslabels aus Europa und Amerika, was aber nicht ihr einziger Vorteil ist.

Sie setzen nämlich voll und ganz auf die Natur, doch nicht alles ist pflanzlich, siehe Schneckenschleim, Eselsmilch oder sogar Käse in der Hautcreme. Enorm beliebt sind derzeit fermentierte Inhaltsstoffe wie die von Erdbeere, Birne und Tomate. Sogar Rotwein und Kimchi, der scharf eingelegte Kohl, der als extrem vitaminreich gilt, kommen in Tuben, Tiegelchen und Flakons.

„In Asien gilt Korea als Beauty-Hotspot schlechthin.“

Wer großen Wert auf natürliche Inhaltsstoffe legt, findet hier ein Eldorado mit sanfter Wirkung – durch den Fermentierungsprozess bilden sich bestimmte Aminosäuren und Nährstoffe, die der Haut guttun, heißt es in der Werbung.

Und auch daran ist koreanische Kosmetik zu erkennen – sie macht Spaß, denn die Beauty-Helfer toben sich gern in verspielter Verpackung aus: mal Nagellack in Eiscremeform, mal ein als Kätzchen getarnter Lippenstift, mal Rouge im Panda-Kostüm. Wer die Bildsprache von „Hello Kitty“ liebt, begeistert sich auch für die niedlichen Produkte von „Tony Moly“ und „Etude House“, um nur zwei von mehreren hundert Beauty-Marken aus Korea zu nennen.

Hier kommt kein Gluten rein

In Asien gilt Korea als Beauty-Hotspot schlechthin, dort findet man Neuheiten, die rasch New York und dann die ganze Welt erobern. Eigenschaften wie „Organic“ und „vegan“, gemischt mit traditionellem Wissen, sind elementar für diese Beauty-Industrie. Ohne Parabene, Mineralöle, Sulfate, Gluten und bedenkliche Inhaltsstoffe kommen daher nicht nur die ultrafeinen „Super Hero“-Eyeliner mit Hagebutten-Öl daher.

Sie erinnern an kleine Kalligrafie-Pinsel und machen das Schminken fast zur Meditation. Ob Wiesenschaumkraut-Öl im Mascara, Blütenproteine im federleichten Puderrouge oder eine pflegende Grundierung mit Moos – Koreanerinnen sind vor dem Schminkspiegel ausgesprochen experimentierfreudig. Vorzugsweise ist alles im Miniformat verpackt, passend für die kleinste Handtasche oder Party-Clutch.

Einige Raffinessen wünscht man sich auch bei den renommierten Luxus-Labels, oder wer hat dort schon mal eine Lidschattenbox mit integriertem LED-Spiegel entdeckt? Zugegeben, die Looks der Koreanerinnen sind nicht ganz das, was im Westen angesagt ist, beispielsweise setzt man statt „Katzenaugen“ auf große Puppy-Eyes, für die man das Auge mit einem dünnen bis mittelstarken Lidstrich direkt am Wimperkranz entlang einrahmt. Auch werden Schatten unter dem Auge mit Lidschattenfarbe definiert.

Neueste Lippenstifte sind auf den Ombré-Effekt abgestimmt, bei dem die äußeren Kanten der Lippen mit der Haut verschwimmen, nur in der Mitte der Lippen wird ein auffälliger Farbton aufgetragen. Sogenannte „Lip Tints“, milchiger Gloss oder farbwechselnder Balm, werden von den Lippen quasi absorbiert und färben diese ein, anstatt in einer flüssigen Schicht auf der Lippenhaut aufzuliegen. So sind die Farben besonders langanhaltend
und absolut natürlich. Mögen auch
die Schminktechniken nicht unbedingt nach deutschem Geschmack sein, so haben doch die liebevoll präsentierten und mit natürlichen Grundstoffen vollgepumpten Produkte das Potential, unsere Beauty-Herzen zu erobern.

BB-Creams mogeln beim Lichtschutz

Bei all der Euphorie für BB-Creams & Co., müssen einige kritische Nachfragen erlaubt sein, denn wo Licht, da auch (Lid-)schatten: Tut das ausgiebige koreanische Schönheitsritual auch Europäerinnen gut, und was ist dermatologisch von Schneckenschleim
und Erdbeer-Masken zu halten?

Hautarzt Dr. med. Lucas Kneisel sieht den Trend zurückhaltend: „Die Haut der Koreanerinnen ist etwa 1 Millimeter dicker als die von deutschen Frauen. Auch bei Laserbehandlungen reagiert die Haut von Koreanerinnen daher komplett anders“, weiß der Frankfurter Mediziner aus eigener Praxis.

Dr. Lucas Kneisel
Dr. Lucas Kneisel

Was ihn beim Ritual stört, ist das seiner Meinung nach übermäßige Peelen, durch das der natürliche Schutz der Haut angegriffen werde. „Zwei oder dreimal in der Woche ein Peeling vorzunehmen, ist zu viel. Einmal wöchentlich ist völlig ausreichend, und dann möglichst kein chemisches Peeling verwenden, etwa mit Fruchtsäuren, denn diese Behandlung gehört in Expertenhände, ob im Kosmetikstudio oder in der dermatologischen Praxis.

Geeigneter für zuhause ist ein mechanisches Peeling, doch auch hier gilt: Nicht die Haut 4 überfordern.“ Der Dermatologe plädiert dafür, das fernöstliche Ritual der europäischen Hautbeschaffenheit und unserem Klima anzupassen, „etwa das Make-up mit mildem Mizellenwasser entfernen, danach eine Tiefenreinigung. Gibt man der Haut eine zu fettreiche Pflege, kann sie mit Rötungen, Knötchen und Pickeln reagieren. Gesichtscremes mit sehr viel Feuchtigkeit können wiederum bei Minustemperaturen zu Erfrierungen führen.“

Die bei uns inzwischen so enorm gefragten und von jeder namhaften Kosmetikmarke vertriebenen BB- und CC-Komplex-Creams kommen hinsichtlich ihrer Lichtschutzwirkung schlecht weg: „Der darin enthaltene UV-Schutz ist nicht fotostabil, das heißt, er baut sich innerhalb kurzer Zeit ab, mitnichten ist man für den ganzen Tag versorgt, schon zur Mittagszeit fehlt echter Sonnenschutz.

Ohnehin ist der auf den Cremes deklarierte Lichtschutzfaktor 15 in unseren Breiten zu gering.“ Stattdessen empfiehlt der Mediziner eine Lichtschutzcreme mit LSF 30, und „diese immer separat und vor der Pflege auftragen, das ist sinnvoll“.

Erdbeermund ist nicht immer rund

Süße Erdbeeren schmecken lecker, aber nicht jedem. Allergiker meiden die rote Sammelnussfrucht, welche die Erdbeere biologisch darstellt, und sind deshalb bei Erdbeer-Extrakten in Kosmetika entsprechend vorsichtig. „Eine Kontaktallergie kann selbst bei einer fein duftenden Lippenpflege die Folge sein, denn das Risiko, dass die Haut reagiert, ist selbst bei natürlichen Substanzen gegeben“, erläutert Dr. med. Lucas Kneisel.

Was ist mit den in Asien millionenfach verkauften Schneckenschleim-Produkten? Sie sollen wundersam die Spannkraft der Haut wiederherstellen, diese erfrischen, Falten glätten, Narben verwischen und Pigmentflecken abmildern.

Der Dermatologe relativiert: „Harnstoff-Urea-Hautcremes und Hyaluronsäure können die oberste Hautschicht genauso mit Feuchtigkeit versorgen. Falten glätten kann übrigens keine kosmetische Creme, denn dann würde sie in Bereichen wirken, für die sie nach Europäischer Kosmetikverordnung gar nicht zugelassen ist. Kurz, diese Cremes dürfen gar keine systemische Wirkung zeigen.“ Und auch den Schneckenschleim lieber erst einmal in der Armbeuge testen: Kommt es zu einer Rötung oder anderen Hautveränderungen – Finger weg von der Schneck’!

„Never change a winning team.“

Auch von asthmatischen Beschwerden wurde bei der kosmetischen Verwendung des Schleims bereits berichtet. Das Fazit des Mediziners fällt dennoch versöhnlich aus: „Die koreanische Kosmetik bietet eine gute und kostengünstige Alternative mit Inhaltsstoffen, die wir auf dem europäischen und amerikanischen Mark nicht kennen. Wundermittel sind es jedoch keine. Man muss wissen, dass hinter dem koreanischen Pflegeritual ein Gesamtkonzept steht, eine Lebenshaltung. Ob man diesem Konzept folgt oder nur Teile davon adaptiert, bleibt jeder Frau selbst überlassen, die Verträglichkeit stellt das A und O dar. Wer sein persönliches Ritual und seine Pflegeprodukte aber bereits gefunden hat und damit zufrieden ist, ganz gleich in welchem Umfang, sollte dabei bleiben, denn: ‚Never change a winning team!‘“


Get the Glow – Das koreanische 10-Schritte-System

Ein bisschen Disziplin gehört zum täglichen koreanischen Anti-Aging-Pflegeritual, doch belohnt wird man mit einer bestens mit Feuchtigkeit versorgten Gesichtshaut.

1. Pre Cleanse

Abschminken oder die Nachtpflege entfernen! Double Cleansing, Schritt eins. Mit einem ölbasierten Reinigungsprodukt wird die Haut auf die eigentliche Reinigung vorbereitet. Einmassieren und mit viel Wasser aufschäumen und abwaschen.

2. Cleanse

Schritt zwei. Ein milder Reiniger (fester Schaum oder Gel) entfernt die Rückstände von Schritt eins und alle weiteren wie Sonnenpflege etc.

3. Peeling

Mehrmals in der Woche ein mechanisches Peeling (mit Körnern) oder ein Enzympeeling anwenden. Wer vergrößerte Poren hat, peelt täglich die „betroffenen“ Partien.

4. Toner

Koreanische Toner (Gesichtswasser) sind mild, feuchtigkeitsspendend (dank Hyaluronsäure, Urea, Milchsäure oder Aloe Vera) und ohne Alkohol. Sie regulieren den pH-Wert und bereiten die Haut auf die nächsten Pflegeschritte vor.

5. Essence

Jetzt wird’s speziell! Ein pflegendes „Essence“-Konzentrat regt den Zellerneuerungsprozess an.

6. Ampulle

Europäerinnen kennen es als Serum. Die koreanische Variante ist reich an Vitaminen und bekämpft die Anzeichen der Hautalterung.

7. Sheet Maske

Zweimal pro Woche. Die Maske verbessert die Aufnahme von Feuchtigkeit und soll der Überpigmentierung entgegenwirken. Asiatische Masken sind oft Tuchmasken, das heißt, dünne, gesichtsförmige Stoffe, die in einer pflegenden Flüssigkeit, meist einer Essence, getränkt sind.

8. Eye Cream

Individuelle Augenpflege auf Creme- oder Gelbasis, um Augenschatten zu vermindern und der Faltenbildung vorzubeugen. Dazu gibt es nährstoffreiche „Augenmasken“ aus Cellulose, die unter die Augen gelegt werden.

9. Moisturizer

Erst jetzt wird die Feuchtigkeitspflege aufgetragen.

10. Sleeping Pack

Der letzte Pflegeschritt beinhaltet ein „Sleeping Pack“, eine reichhaltige Nachtpflege, die Feuchtigkeit dank Silikone einschließt. Wichtig: Morgens müssen Silikone und Co. wieder entfernt werden!


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